Brandenburgisches OLG, Beschluss vom 04.12.2015 - 13 UF 95/15
Fundstelle
openJur 2016, 8031
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Unter dem Wohl des Kindes sind die grundlegenden, unverzichtbaren Lebensbedürfnisse des beteiligten Kindes zu verstehen, auf deren vollständige und sichere, unbedingte, voraussetzungslose Erfüllung es in seinem gerade erreichten Stand der Entwicklung angewiesen ist.

Zu den grundlegenden, unverzichtbaren Lebensbedürfnissen gehört das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und, sobald das Säuglingsalter überschritten ist, der Bedarf nach erzieherischer und geistiger Anregung. Das weitgehende und dauerhafte Vorenthalten dieser Zuwendung beeinträchtigt das Kindeswohl.

Die Gefahr ist gegenwärtig, wenn für einen in absehbarer, nicht erst fernerer Zukunft liegenden Zeitpunkt zu erwarten ist, dass die zur Beeinträchtigung des Kindeswohls führende Entwicklung ohne den hoheitlichen Eingriff nicht mehr aufgehalten oder umgekehrt werden kann. Die Beeinträchtigung des Kindeswohls kann zu dieser Zeit erst in weiterer Zukunft zu erwarten sein. Wenn wahrscheinlich ist, dass die Entwicklung zum Schaden in einem späteren Stadium des Verlaufs nicht mehr aufgehalten werden kann, dann besteht eine gegenwärtige, konkrete Gefahr, nicht nur ein Risiko.

Die Gefahr der Kindeswohlschädigung durch Vernachlässigung besteht schon dann, wenn die lang-fristige Entwicklung, die wegen der anhaltenden Vernachlässigung auf den Schaden zuläuft, begon-nen hat und sobald nicht mehr zu erwarten ist, dass die Eltern oder die behördliche Unterstützung und Hilfe jetzt oder künftig die Entwicklung zum Besseren wenden

Tenor

Die Beschwerde der Antragsgegnerin gegen den Beschluss des Amtsgerichts Zossen vom 9. April 2015 wird zurückgewiesen.

Die Antragsgegnerin trägt die Kosten ihres Rechtsmittels.

Der Wert des Beschwerdeverfahrens wird auf 3.000 Euro festgesetzt.

Gründe

Die Antragsgegnerin wendet sich gegen die Entziehung von Teilen der elterlichen Sorge.

I.

1. Das 2009 geborene Kind wohnte im Haushalt seiner Mutter, der Antragsgegnerin, die die elterliche Sorge allein ausübte. Vom Vater des Kindes trennte sich die Antragsgegnerin Anfang 2010. Sie leidet unter Angststörungen und psychosomatischen Beschwerden.

Seit Juni 2015 wohnt das Kind auf Grund des angefochtenen Beschlusses im Märkischen Kinderdorf. Die Antragsgegnerin hat alle zwei Wochen an einem Tag Umgang mit dem Kind, und sie begleitet es zu Arzt- und anderen Therapieterminen.

2. Das Verfahren hat mit einer Anregung des Jugendamtes begonnen (Bl. 1 f.): Die Antragsgegnerin habe seit der Geburt des Kindes Hilfen zur Erziehung erhalten. Nach dem Aufenthalt in einer Mutter-Kind-Einrichtung von März 2011 bis März 2012 sei trotz Einsatzes einer Familienhelferin eine stetige Überforderung der Antragsgegnerin deutlich geworden. Sie habe das Kind geschlagen und eingesperrt. Das Kind habe begonnen, sich auffällig zu verhalten, nämlich eine Kita-Erzieherin zu beschimpfen und auf die Antragsgegnerin aggressiv zu reagieren, sie auszulachen und nicht ernst zu nehmen.

Die Antragsgegnerin hat das Wohl des Kindes für nicht gefährdet gehalten. Sie nehme die Hilfen des Jugendamtes stets an, das dadurch die Überwachung des Kindes sicherstellen könne. Weitere Eingriffe seien nicht gerechtfertigt.

Der Verfahrensbeistand hat das Kindeswohl zunächst nicht für akut gefährdet gehalten (Bl. 24), später indes gemeint, Anzeichen für eine emotionale Vernachlässigung zu erkennen, und eine Unterbringung in einer Wohngruppe empfohlen (Bl. 264).

3. Das Amtsgericht hat ein psychologisches Sachverständigengutachten eingeholt (Bl. 36 ff.). Der Sachverständige hat die Antragsgegnerin als sehr erschöpft und belastet beschrieben, das Kind als in hohem Maße emotional bedürftig. Es mangele der Antragsgegnerin an auf das Kind bezogener Empathie und Feinfühligkeit. Eine emotionale Beziehung bestehe kaum, weder eine herzliche oder innige noch eine gereizte oder angespannte. Die körperlich-sozio-emotionale Versorgung des Kindes durch die Antragsgegnerin sei unzureichend. Sie werde den emotionalen Bedürfnissen des Kindes nicht gerecht, das sich deshalb gegenüber Fremden distanzlos verhalte und nach sozialer Bestätigung strebe. Es entwickle sich eine Bindungsstörung infolge sozialer und emotionaler Deprivation. Das Kind habe begonnen, Verantwortung für die Antragsgegnerin zu übernehmen, um das Mutter-Kind-Beziehungsgefüge zu schützen und zu erhalten. Langfristig drohten schwere Entwicklungs- und Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, wenn das Kind nicht verlässliche emotionale Zuwendung und Entwicklungsförderung durch Spiel- und Beschäftigungsangebote bekomme. Der Sachverständige hat empfohlen, das Kind solle vorübergehend, für mindestens zwei Jahre, getrennt von der Antragsgegnerin in einer Wohngruppe aufwachsen, um die Antragsgegnerin zu entlasten. Umfassende Umgänge könnten die Bindungskontinuität erhalten. Die Antragsgegnerin sei wegen kognitiver und psychisch-emotionaler Einschränkungen mit der Betreuung des Kindes überlastet und überfordert. Es sei nicht zu erwarten, dass sich daran in nächster Zukunft etwas ändere, weil begonnene ambulante Hilfen nicht mehr ausreichten, um die Einschränkungen der Antragsgegnerin auszugleichen. Sie sei nicht in der Lage, dem Kind einen stabilen Alltagsrahmen zu geben. Es gelinge ihr unzureichend, die Grundbedürfnisse eines kleinen Kindes nach Liebe, Geborgenheit, Zuwendung, Unterstützung, Lob, adäquater Anerkennung, Übersicht und Zusammenhang in den elterlichen Handlungen und Reaktionen sowie nach der Vermittlung von Orientierung, Regeln und Grenzen zu erfüllen. Die Antragsgegnerin sei nicht unwillig, sondern auf Grund eines Mangels an eigenen Modellen und günstigen Erfahrungen unfähig, an ihrer Erziehungsfähigkeit zu arbeiten. Sie lehne die erforderliche eigene psychotherapeutische Behandlung ab und vermittle keine Einsicht in deren Notwendigkeit. Das Kind sei aus diesen Gründen in der Entwicklung seiner kindlichen Persönlichkeit, seines Selbstkonzeptes und seiner Identität jetzt und zukünftig beeinträchtigt. Es übernehme unangemessene Verantwortung für das Wohlergehen der Antragsgegnerin und für den Erhalt ihrer Stimmungslage. Ohne eine maßgebliche Verbesserung des Verhältnisses zwischen der Antragsgegnerin und dem Kind würden dessen emotional-deprivierenden Lebensumstände und die emotionalen Belastungen fortbestehen.

4. Das Amtsgericht hat die Antragsgegnerin, das Kind, den Vater und die väterlichen Großeltern persönlich angehört (Bl. 26, 265 f.). Mit dem angefochtenen Beschluss (Bl. 270 ff.) hat es der Antragsgegnerin das Aufenthaltsbestimmungsrecht, das Recht zur Vertretung vor Ämtern und Behörden sowie die Gesundheitssorge entzogen. Mit umfangreichen Verweisen auf das erstellte Sachverständigengutachten hat das Amtsgericht das Kindeswohl für gefährdet gehalten, weil die Antragsgegnerin überfordert sei und deshalb nicht ausreichend für das Kind sorgen könne. Die Folgen weiterer Vernachlässigung könnten nur abgewendet werden, wenn das Kind von der Antragsgegnerin getrennt werde. Ambulante Hilfen hätten nicht zu einer Besserung geführt.

5. Mit ihrer Beschwerde verweist die Antragsgegnerin darauf, dass die Möglichkeiten ambulanter Hilfeleistungen nicht ausgeschöpft seien. Das Jugendamt verfolge das Ziel, die bisher geleistete Hilfe zu kürzen und einzustellen und betreibe deshalb die Fremdunterbringung des Kindes. Ihr eigener gesundheitlicher Zustand habe sich durch eine ambulante Therapie seit der Erstellung des Sachverständigengutachtens gebessert. Das Sachverständigengutachten belege eine latente, abstrakte Gefahr. Dass sie nicht in der Lage sei, den emotionalen Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden, rechtfertige die Entziehung des Aufenthaltsbestimmungsrechts nicht. Negative Auswirkungen einer Trennung von Mutter und Kind habe das Amtsgericht vernachlässigt.

Die Antragsgegnerin beantragt,

den Beschluss des Amtsgerichts Zossen, Familiengericht, vom 09.04.2015, Aktenzeichen: 6 F 150/14, aufzuheben.

Der Verfahrensbeistand beantragt,

die Beschwerde zurückzuweisen.

Die Lebensumstände des Kindes hätten dringend geändert werden müssen. Der angefochtene Beschluss sorge für eine dauerhafte Lösung im Interesse des Kindes. Übe die psychisch instabile Antragsgegnerin das Aufenthaltsbestimmungsrecht aus, sei damit zu rechnen, dass sie ihre Meinung ändere (Bl. 345 f.).

Das Jugendamt hält die stationäre Unterbringung des Kindes für eine notwendige Maßnahme zur Absicherung des Kindeswohls (Bl. 315 a ff.).

Wegen des weiteren Vortrages der Beteiligten wird auf deren Schriftsätze und auf die Anlagen verwiesen.

6. Der Sachverständige hat ein weiteres schriftliches Gutachten erstattet (Bl. 382 ff.). Der Sachverständige meint auf Grund einer testpsychologischen Untersuchung (Eltern-Belastungs-Inventar) der Antragsgegnerin, es falle ihr schwer, eine positive Einstellung gegenüber dem Kind zu entwickeln. Sie erlebe das Kind als aufsässig und provozierend und könne schwer auf es eingehen. Sie fühle sich durch die Abhängigkeit und Hilflosigkeit des Kindes stark gefordert. Die Bindungsbeeinträchtigung und die Überforderung der Antragsgegnerin durch Stress oder erzieherische Verantwortung hätten sich im Vergleich zur ersten Begutachtung nicht verändert. Die Bedingungen, die zu einer latenten Gefährdung führten, hätten sich nicht verbessert. Mit negativen Folgen für das eigene Bindungs-, Beziehungs- und Sozialverhalten des Kindes sei zu rechnen. Die Lebens- und Entwicklungsbedingungen im Haushalt der Antragsgegnerin hätten sich nicht verbessert; sie würden sich mit zunehmendem Alter des Kindes eher verschlechtern. Die Perspektive eines Aufwachsens im Heim sei förderlicher. Die Antragsgegnerin könne eine begonnene wünschenswerte Entwicklung mit Unterstützung und auf Druck weiter fortsetzen, aber es bestehe weiter eine niedrige Schwelle zur psychisch-emotionalen Überlastung und Überforderung. Nur mit enger Unterstützung könne die Antragsgegnerin dem Kind einen stabilen Alltagsrahmen und förderliche Entwicklungsbedingungen gewährleisten. Eine weitere Beeinträchtigung des Kindes in der Entwicklung seiner kindlichen Persönlichkeit, seines Selbstkonzeptes und seiner Identität werde dadurch nicht vermieden. Das Kind sei emotional robust, anpassungsfähig und in kritischem Sinne vorgereift. Es reagiere sensibel, erfasse die Kontrolle und Beobachtung durch Dritte und übernehme die Verantwortung. Zu erwartende Folgen der emotional-deprivierenden Lebensumstände seien deshalb kaum zu beobachten. Eine Bindungsstörung sei aber bereits eingetreten, und aus ihr folgten langfristige Entwicklungsrisiken. Zu empfehlen sei die Fortsetzung des Aufenthalts in der Wohngruppe. Wenn das Kind, da eine akute Gefährdung nicht gegeben sei, in den Haushalt der Mutter zurückkehre, werde die latente Gefährdung auch bei engmaschiger Familienhilfe bestehen bleiben.

7. Der Sachverständige hat sein Gutachten mündlich erläutert. Der Senat hat zudem die Antragsgegnerin, den Vater des Kindes, den Verfahrensbeistand und die Vertreterin des Jugendamtes mündlich angehört. Auf das Protokoll vom 20. November 2015 wird verwiesen.

Von einer erneuten Anhörung des Kindes hat der Senat abgesehen (§ 159 II, III 1 FamFG). Zu den entscheidungserheblichen Umständen könnte der Senat durch eine Anhörung des Kindes keine Erkenntnisse gewinnen. Die Eigenarten der Beziehung der Antragsgegnerin zu dem Kind, die etwaige Veränderung dieser Beziehung, eventuelle Verhaltensänderungen des Kindes und ihre Ursachen sind auch nach einem ausführlichen Gespräch nur dann zu beurteilen, wenn es mit psychologischem Sachverstand geführt und ausgewertet werden kann. Die erstellten Sachverständigengutachten und die Berichte des Verfahrensbeistandes und des Jugendamtes bieten deshalb eine sichere Entscheidungsgrundlage, die durch eine persönliche Anhörung des Kindes nicht verbessert werden könnte. In dieser Lage ist jede weitere Inanspruchnahme des Kindes zu vermeiden, von dem bereits berichtet wird, es versuche, sich gegenüber Dritten so zu verhalten, dass es den von ihm eingeschätzten Bedürfnissen der Mutter günstig sei.

II.

Die Beschwerde ist unbegründet.

Zur Abwendung einer Gefährdung des Kindeswohls sind der Antragsgegnerin das Aufenthaltsbestimmungsrecht, die Befugnis zur Vertretung des Kindes gegenüber Behörden und die Gesundheitssorge zu entziehen. Es besteht die Wahrscheinlichkeit einer schweren Beeinträchtigung des Wohlbefindens des Kindes als Folge emotionaler Vernachlässigung, die ihre Ursache im mangelnden Vermögen der Antragsgegnerin findet, sich dem Kind zuzuwenden und seine Grundbedürfnisse zu erfüllen. Die Entziehung weiter Teile der Personensorge mit dem Ziel der Familientrennung ist als geeignete, erforderliche und - auch unter Berücksichtigung der Trennungsfolgen - zumutbare Gefahrenabwehrmaßnahme angezeigt (§§ 1666 I, III Nr. 6, 1666 a I 1 BGB).

1. Es droht eine schwerwiegende Beeinträchtigung des Kindeswohls.

a) Unter dem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl des Kindes (§ 1666 I BGB) ist nicht das subjektive Wohlbefinden in jeglicher Hinsicht zu verstehen, die auch Kleinigkeiten umfassen würde, und ebensowenig ein irgendwie objektivierter bestmöglicher Zustand (MüKo-BGB-Olzen, 6. Aufl. 2012, § 1666 Rdnr. 44). Jede Einschränkung dieses Optimalzustandes müsste zu der Prüfung veranlassen, ob die Eltern abhelfen, um andernfalls hoheitlich einzugreifen. Damit würde das Recht des Kindes und der Eltern verletzt, die Pflege und Erziehung ohne staatliche Zielvorgabe und ohne staatlichen Eingriff in der Familie zu erledigen. Das Wohl der vielen Kinder, die nicht unter bestmöglichen Lebensumständen aufwachsen und deren Talente nicht bestmöglich angeregt und gefördert werden, ist nicht gefährdet, auch wenn ihm besser gedient werden könnte (BVerfG, FamRZ 2014, 907, Rn. 18; 2008, 492; BVerfGE 72, 122 = NJW 1986, 3129, 3131; BVerfGE 60, 79 = NJW 1982, 1379, 1381; BbgOLG, FamRZ 2009, 994; 2009, 63; OLG Hamm, NJOZ 2012, 1337, 1339; FuR 2013, 725; FamRZ 2013, 1989; 2010, 1742; 2010, 1091; 2009, 1753; OLG Köln, NJW-RR 2011, 729, 730; OLG Saarbrücken, NJOZ 2014, 334, 335; NJW-RR 2010, 146, 147; BeckRS 2011, 24807; FamRZ 2010, 1746; 2010, 1092; 2010, 823; Staudinger-Coester, BGB, Neubearb. 2009, § 1666 Rdnr. 84; Palandt-Götz, BGB, 74. Aufl. 2015, § 1666 Rdnr. 7; Erman-Döll, BGB, 14. Aufl. 2014, § 1666 Rdnr. 6 d; BeckOK-BGB-Veit, Stand: Nov. 2011, § 1666 Rdnr. 9).

Unter dem Wohl des Kindes sind deshalb die grundlegenden, unverzichtbaren Lebensbedürfnisse gerade des beteiligten Kindes zu verstehen, auf deren vollständige und sichere, unbedingte, voraussetzungslose Erfüllung es in seinem gerade erreichten Stand der Entwicklung angewiesen ist. Auf diese Weise ist der Begriff des Kindeswohls gegen ein Abgleiten in Kleinigkeiten zu bewahrten, um den staatlichen Eingriff zu beschränken und dem Freiheitsrecht von Kindern und Eltern (Art. 6 II, III GG, 27 II, V VerfBbg) zu entsprechen.

b) Die Beeinträchtigungen, die im Verhältnis des Kindes zu seiner Mutter, der Antragsgegnerin, festzustellen und zu prognostizieren sind, gehen weit über einen bloßen Mangel an optimaler Förderung hinaus.

Zu den grundlegenden, unverzichtbaren Lebensbedürfnissen gehört das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und, sobald das Säuglingsalter überschritten ist, der Bedarf nach erzieherischer und geistiger Anregung. Das weitgehende und dauerhafte Vorenthalten dieser Zuwendung beeinträchtigt das Kindeswohl. Die emotionale Vernachlässigung gehört zu den häufigsten Formen der Kindeswohlgefährdung, und sie führt nach allgemeiner psychologischer Erfahrung auch bei schwächer ausgeprägter Form zu schweren Beeinträchtigungen des Kindes, nämlich zu beeinträchtigtem Bindungsaufbau, zu desorganisierten Bindungen, zu Bindungsstörungen, zu mangelnder Lenkbarkeit, zu erhöhtem Aufmerksamkeitsbedürfnis, zu Hemmung oder Aggression in den sozialen Bezügen des Kindes und im Jugendalter zu Beziehungsstörungen, dissozialem Verhalten, vermindertem Selbstwertgefühl, Depressionen, Suizidalität, Suchtmittelmissbrauch und psycho-sexueller Auffälligkeit (Dettenborn/Walter, Familienrechtspsychologie, 2. Aufl. 2015, S. 330 f. m.w.N.).

Von diesem nach allgemeiner Erfahrung bestehenden Wirkungszusammenhang ist das Kind der Antragsgegnerin betroffen. Bei der Feststellung der Ursache und der Prognose der Wirkung stützt sich der Senat ohne Einschränkungen auf die schriftlich erstatteten Gutachten und die mündlichen Erläuterungen des Sachverständigen. Der Sachverständige hat seine Feststellungen, Bewertungen und Prognosen geordnet und gut verständlich dargelegt. Er hat die Methoden und die Art und Weise seiner Befunderhebung in Einzelheiten offengelegt. Er hat mit der Antragsgegnerin und dem Kind mehrmals persönlich gesprochen und ihr gegenseitiges Verhalten beobachtet und geschildert. Er hat diejenigen tatsächlichen Feststellungen benannt, die er nicht selbst hat treffen können, und er hat jeweils ausgeführt, weshalb er den Feststellungen anderer - des Verfahrensbeistandes, des Arztes der Antragsgegnerin - hat vertrauen können. Die tatsächlichen Schilderungen des Sachverständigen fügen sich ohne erkennbare Widersprüche in die Berichte des Verfahrensbeistandes und des Jugendamtes ein, so dass ein vollständiges, verlässliches Bild der Verhältnisse der Antragsgegnerin und des Kindes entstanden ist. Die Wertungen des Sachverständigen hat er auf seine tatsächlichen Feststellungen bezogen und nachvollziehbar begründet. Seine mündlichen Erläuterungen haben die schriftlichen Gutachten sowohl ergänzt als auch vertieft. Auch auf äußerst kritische Nachfragen hat der Sachverständige nicht den Eindruck vermittelt, die eingenommenen Standpunkte um des Rechtbehaltens willen verteidigen zu wollen, sondern er hat seine Ansichten mit weiteren Argumenten und unter Verweis auf bereits schriftlich beschriebene Tatsachen und dargelegte Wirkungszusammenhänge überzeugend erläutert.

Der Sachverständige hat dargelegt, dem Kind drohten langfristig schwere Entwicklungs- und Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, wenn es ihm an verlässlicher emotionaler Zuwendung und Entwicklungsförderung im Zusammenleben mit der Antragsgegnerin fehle. Es sei zudem absehbar, dass sich die in der Vergangenheit beobachteten grob unangemessenen, nämlich mit Ausübung körperlicher Gewalt gegen das Kind verbundenen Erziehungsversuche der Antragsgegnerin wiederholen würden. Die Antragsgegnerin werde im Alltag mit dem Kind ihre Belastungsgrenze wiederum schnell erreichen. Das Ausweichen aus einer erkannten Lage der Überforderung in Gewaltausübung gegen das Kind sei zum einen eine typische Erscheinung und entspreche zum anderen hier dem Verhalten der Antragsgegnerin bis zur Trennung von dem Kind.

Als Anzeichen für die in Zukunft zu erwartende schwere Persönlichkeitsstörung des Kindes hat der Sachverständige eine schon jetzt feststellbare Bindungsstörung des Kindes und seine schwerwiegende Überforderung schildern können. Das Kind sei klug und verfüge über ein geradezu seismographisches Gespür für die Befindlichkeit der Antragsgegnerin. Es bestimme damit nicht nur das Geschehen zwischen Mutter und Kind, sondern es übernehme die Verantwortung für seine Mutter und versuche sie zu schützen. Damit sei ein Kind im Alter von sechs Jahren deutlich überfordert.

Der Sachverständige hat zudem als schon jetzt absehbare, bei weiterem Zusammenleben des Kindes mit der Antragsgegnerin eintretende Entwicklung beschrieben, dass es dem Kind an der erforderlichen Orientierung an einem Erwachsenen fehlen werde. Die Antragsgegnerin sei selbst orientierungslos, und sie biete deshalb kein ausreichend positives Modell, an dem das Kind Orientierung finden könnte. Es bestehe schon jetzt ein emotionaler und kognitiver Gleichrang zwischen dem sechsjährigen Kind und seiner Mutter, die dem nur mit Hilflosigkeit begegnen könne.

2. Als Ursache für die emotionale Vernachlässigung des Kindes hat der Sachverständige das mangelnde Vermögen der Antragsgegnerin beschrieben, sich dem Kind emotional zuzuwenden. Er führt dies auf die psychische Erkrankung und die kognitive Einschränkung der Antragsgegnerin zurück. Die Antragsgegnerin begegne allen Beteiligten als eine sympathische Mutter, die sich bemühe, den Anforderungen gerecht zu werden, aber deutlich an ihre Grenzen stoße und an den Alltagsschwierigkeiten scheitere, die das Leben mit einem Kind bereithalte.

Die Ursache des Verhaltens der Antragsgegnerin und eine etwaige Vorwerfbarkeit braucht im Zusammenhang mit der Feststellung der Beeinträchtigung des Kindeswohls nicht näher erörtert zu werden. Sie ist aber von Bedeutung für die Frage nach geeigneten Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, weil dazu nur solche Eingriffe in Betracht kommen, die den erkannten Ursachen entgegenwirken und den Wirkungszusammenhang so unterbrechen oder umlenken. Es ist nicht maßgeblich, wie und warum die Gefahr entstanden ist. Die Antragsgegnerin kann den Eingriff in das Sorgerecht nicht abwenden, indem sie darauf verweist, unverschuldet, nämlich krankheitsbedingt, an den Anforderungen zur Wahrung des Kindeswohls zu scheitern. Die Eingriffspflicht und Eingriffsbefugnis (§ 1666 I BGB) sind gegenüber dem Grund der Gefahrentstehung neutral. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, muss diese Gefahr abgewendet werden (OLG Köln, NJW-RR 2011, 729, 730; 2008, 1319, 1321 f.; Staudinger-Coester, § 1666 Rdnr. 169). Ziel des Handelns ist allein, das Wohlergehen des Kindes zu erhalten oder wiederherzustellen. Die kindesschutzrechtliche Maßnahme dient nicht dazu, auch nicht im Nebenzweck, Erwachsene zu erziehen oder zu bestrafen (Staudinger-Coester, § 1666 Rdnr. 62).

3. Das Kindeswohl ist gegenwärtig gefährdet.

In Bezug auf die Gegenwärtigkeit der Gefahr bestanden Zweifel, die durch das zweite schriftliche Gutachten nicht ausgeräumt, sondern eher ausdrücklich angesprochen worden sind. Die mündlichen Erläuterungen des Sachverständigen haben diese Zweifel mit einer für die Überzeugungsbildung des Senats ausreichenden Sicherheit beseitigt.

a) Ob eine Gefahr oder ein bloßes Risiko des Schadenseintritts besteht, stellt den Scheidepunkt zwischen der Rechtmäßigkeit oder Rechtswidrigkeit der hoheitlichen Entziehung des Sorgerechts dar. Es muss für einen in absehbarer, nicht erst fernerer Zukunft liegenden Zeitpunkt zu erwarten sein, dass die zur Beeinträchtigung des Kindeswohls führende Entwicklung ohne den hoheitlichen Eingriff nicht mehr aufgehalten oder umgekehrt werden kann. Die Gefahr ist gegenwärtig, wenn dieser Wendepunkt von der möglichen Umkehrbarkeit ohne Zwangsmaßnahme zu deren Erforderlichkeit bevorsteht. Die Beeinträchtigung des Kindeswohls kann zu dieser Zeit erst in weiterer Zukunft zu erwarten sein. Wäre allein der demnächst bevorstehende Schadenseintritt maßgeblich, so könnte in schleichende, gestreckte Verläufe nicht eingegriffen werden, auch wenn die gesicherte Erwartung entsteht, dass bereits eingetretene Ursachen zu einem Schaden führen werden und dass dieser Wirkungszusammenhang nicht aufgehalten werden wird, solange dies noch möglich erscheint. Das so umschriebene Problem, die erlaubte und zum Pflichtenkreis der Gerichte (§ 1666 I BGB) gehörende Gefahrenabwehr von der Gefahrenvorsorge, Risikominimierung und gar der Wohlfahrtspflege abzugrenzen, für die § 1666 BGB keine Rechtsgrundlage bietet (OLG Nürnberg BeckRS 2011, 04870), stellt sich hier in der aus polizeirechtlichen Erörterungen bekannten Schärfe (Lisken/Denninger, Handbuch des Polizeirechts, 5. Aufl. 2012, Rdnr. D 41, 54 f.). Der hoheitliche Zwang bezieht seine Rechtfertigung aus dem Zweck, den Schaden abzuwenden. Diese Rechtfertigung schwindet desto mehr, je ungefährer, unsicherer der Zusammenhang zwischen der erwarteten Entwicklung und der rechtsbeeinträchtigenden Maßnahme erscheint. So wird deutlich, dass die Zeit wesentlicher Faktor der Prognose und damit der Rechtfertigung sein muss. Ein großer zeitlicher Abstand zwischen den jetzt feststellbaren Anhaltspunkten und dem anhand der Erfahrungssätze über ihren Fortbestand oder ihre Veränderung zu erwartenden Schaden lässt mehr Möglichkeiten eines doch günstigen Verlaufs offen, der durch das Einwirken noch nicht vorhandener oder noch nicht sichtbarer günstiger Ursachenbeiträge hervorgerufen werden könnte. Dies ist eine Lage, in der ein Risiko beschrieben werden kann, das durch ein oder mehrere Anzeichen gekennzeichnet ist, die typischerweise für einen ungünstigen Verlauf sprechen. Sie können unterschiedliches Gewicht haben, das nach der für sich genommenen Ausprägung des einzelnen Indikators oder im Zusammenwirken mit anderen Faktoren zur Beurteilung einer Wahrscheinlichkeit führt, mit der die risikoreiche Lage zu einer Gefahr wird. Dem Risiko ist mit den Mitteln der Wohlfahrtspflege - Hilfe, Beratung, Unterstützung - zu begegnen, um es so weit wie möglich zu beherrschen und der Entwicklung zur Gefahr vorzubeugen. Die Tatbestandsmerkmale einer „möglichen Gefährdung“ (§ 157 Abs. 1 FamFG) und „gewichtige[r] Anhaltspunkte einer Gefährdung“ (§ 8a Abs. 1 S. 1 SGB VIII) eröffnen diesen Bereich der Risikovorsorge. Die Anwendung hoheitlichen Zwangs wird hingegen durch eine bevorstehende, künftige oder latente Gefahr noch nicht rechtfertigt (BVerfG, BeckRS 2014, 49403, Rdnr. 30, 34; FamRZ 2009, 1472; NJW 1982, 1379, 1381; OLG Bremen, FamRZ 2010, 821; OLG Hamm, FamRZ 2010, 1742; 2010, 1745; BeckRS 2006, 06867; OLG Saarbrücken, NJW-RR 2010, 146, 147; Staudinger-Coester, § 1666 Rdnr. 82, 87 f.). Für den bloß hypothetisch vorgestellten Verlauf, der zwar typischerweise auf einen Schaden hinausläuft, für den es aber im konkreten Einzelfall keine Anhaltspunkte gibt, liegt dies eher auf der Hand (Lisken/Denninger, Rdnr. D 42). Die sogenannte latente Gefahr, die aus einem zunächst ungefährlichen Verlauf entsteht, zu dem ein weiterer Umstand hinzutritt, der die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts auslöst, ist nicht mit gleicher Sicherheit dem bloßen Risiko zuzuordnen. Vielmehr kommt es darauf an, ob der hinzutretende Umstand wahrscheinlich eintreten wird und ob eine Abwehrmaßnahme in nächster Zeit notwendig sein wird. Dann besteht ein als Gefahr zu beurteilender Kausalverlauf, in den eingegriffen werden muss (Gusy, PolR, 6. Aufl. 2006, Rdnr. 128, 130; Lisken/Denninger, Rdnr. D 66; Pieroth/Schlinck/Kniesel, PolR, 7. Aufl. 2012, § 4 Rdnr. 26, 28).

Die im Verhältnis zur Schwere des erwarteten Schadens ausreichende Sicherheit eines langen, gestreckten Verlaufs, in dem sich mehrere Ursachenbeiträge aneinanderreihen, bis ein Schaden eintritt, ist also nicht jedenfalls dem Risiko zuzuordnen, so dass nicht eingegriffen werden dürfte. Wenn wahrscheinlich ist, dass die Entwicklung zum Schaden in einem späteren Stadium des Verlaufs nicht mehr aufgehalten werden kann, dann besteht eine gegenwärtige, konkrete Gefahr, nicht nur ein Risiko. Die Gefahrenabwehr darf nicht darauf beschränkt sein abzuwarten, bis der Schaden in nächster Zukunft eintreten wird, wenn zu jenem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt eine Maßnahme zur Abwendung des Schadens nicht mehr möglich sein wird.

b) Die mündlichen Erläuterungen des Sachverständigen haben deutlich werden lassen, dass er die im zweiten schriftlichen Gutachten verwendeten Begriffe der „akuten“ und „latenten“ Gefahr nicht im Sinne der soeben dargestellten Rechtsbegriffe versteht. Der Sachverständige hat sehr eindeutig dargelegt, dass der Eintritt eines schweren Schadens, nämlich einer schweren Entwicklung- und Persönlichkeitsentwicklungsstörung des Kindes, bei einer Rückkehr in den Haushalt der Antragsgegnerin nicht in nächster Zeit, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in einigen Jahren zu erwarten sei. Deshalb habe er nicht von einer akuten Gefahr sprechen wollen. Er bezeichne die Gefahr als latent, weil der Schadenseintritt zum einen für die Zukunft sehr wahrscheinlich sei und weil er abwendbar sei - allerdings nur, indem Mutter und Kind schon jetzt voneinander getrennt würden.

Diese von dem Sachverständigen geschilderten Erwartungen entsprechen der allgemeinen Erfahrung über die typischen schwerwiegenden Folgen emotionaler Vernachlässigung, die sich nach und nach, langsam, als die Wirkungen eines langen, schleichenden Verlaufs einstellen (Dettenborn/Walter, S. 329, 331). Eine Gefahr der Kindeswohlschädigung durch Vernachlässigung besteht demnach nicht erst, wenn eine Persönlichkeitsstörung des Kindes demnächst sichtbar werden wird. Dann kommt der helfende Eingriff zu spät, weil die Entwicklung nicht mehr aufgehalten oder umgekehrt werden kann. Die Gefahr besteht vielmehr schon dann, wenn die langfristige Entwicklung, die wegen der anhaltenden Vernachlässigung auf den Schaden zuläuft, begonnen hat und sobald nicht mehr zu erwarten ist, dass die Eltern oder die behördliche Unterstützung und Hilfe jetzt oder künftig die Entwicklung zum Besseren wenden werden.

Dieses Stadium ist nach den Darlegungen des Sachverständigen sicher erreicht. Er hat die mangelnde emotionale Zuwendung der Antragsgegnerin zu dem Kind ebenso konkret beschrieben wie die bereits eingetretene Bindungsstörung und den Wirkungszusammenhang zwischen diesen beiden Gegebenheiten. Sowohl zur Zeit der Erstellung des ersten schriftlichen Gutachtens, als die Antragsgegnerin mit dem Kind zusammengelebt habe, als auch bei der Vorbereitung des zweiten Gutachtens, als das Kind im Märkischen Kinderdorf gewohnt und mit der Antragsgegnerin Umgang gepflegt habe, habe sich das Verhältnis zwischen Mutter und Kind als sehr ambivalent dargestellt. Das Kind weise keine eindeutig auf die Mutter bezogene Bindung auf. Dies zeige sein Verhältnis zu anderen Erwachsenen. Aber es nehme die Bedürfnisse der Mutter sehr aufmerksam wahr und nutze seinen intellektuellen Gleichrang mit der Mutter, um zwischen beiden die bestimmende Rolle einzunehmen. So werde, wenn beide weiter zusammenlebten, das Eltern-Kind-Verhältnis umgekehrt werden: nicht die Mutter sorge für das Kind, sondern das Kind übernehme es, die Antragsgegnerin beschützen zu wollen, insbesondere durch ein Verhalten gegenüber Dritten, von dem es annehme, es werde nicht zu einer dauerhaften Trennung führen.

4. Eine Gefahr, die einen Eingriff rechtfertigt, liegt dennoch nicht vor, wenn zu erwarten ist, dass die Antragsgegnerin ohne hoheitlichen Zwang in Zukunft - anders als bisher - die emotionalen Bedürfnisse des Kindes befriedigen wird.

a) Dies ist, wie dargelegt, ein Bestandteil des Gefahrbegriffs bei gestreckten Schadensverläufen. Zugleich ist die sogenannte Elternabhilfe angesprochen. Die Einordnung dieses zweiten, neben die Gefahr gestellten Tatbestandsmerkmals im § 1666 I BGB wirft Schwierigkeiten auf. Das Erwähnen sowohl der Gefahr als auch der mangelnden Elternabhilfe erweckt den Anschein, als sei das Verhalten der Eltern bei der Prognose über den Geschehensverlauf bis zum Eintritt des Schadens, also bei der Feststellung der Gefahr, nicht zu berücksichtigen und müsse deshalb als weiteres Tatbestandsmerkmal besonders geregelt werden (MüKo-BGB-Olzen, § 1666 Rdnr. 116; BeckOK-BGB-Veit, § 1666 Rdnr. 27: „Subsidiaritätsklausel“). Wenn aber rechtzeitige Abhilfe durch die Eltern und dadurch bewirkte Abwendung des Schadenseintritts zu erwarten ist oder schon mit Erfolgsaussicht begonnen hat, dann besteht schon eine Gefahr nicht (BbgOLG, FamRZ 2014, 1649; BeckOK-BGB-Veit, § 1666 Rdnr. 13). Schon das in der Wortfolge des § 1666 I BGB vorangehende Tatbestandsmerkmal „gefährdet“ ist dann nicht erfüllt und ein hoheitliches Eingreifen zur Gefahrenabwehr deshalb unzulässig. Der Begriff der Gefahr für das Kindeswohl beschreibt als Tatbestandsmerkmal der Eingriffsbefugnis nicht nur die tatsächlichen Verhältnisse, also den körperlichen und seelischen Zustand des Kindes und die über die weitere Entwicklung anzustellende Prognose. Der Gefahrbegriff ist auch Rechtsbegriff. Er ordnet das Verhältnis einerseits des Eingreifens der Eltern zur Abwehr von Beeinträchtigungen des Wohls ihres Kindes und andererseits der Pflicht und Befugnis des Staates, mit hoheitlichem Zwang das Kindeswohl zu schützen. Das Tatbestandsmerkmal der Gefahr erfüllt die im Verhältnis des Kindes und der Eltern zum Staat wesentliche Funktion, den hoheitlichen Zwang so weit wie möglich zugunsten der Abhilfe durch die Eltern zurückzudrängen. Auf diese Weise dient der Gefahrbegriff dem Grundrechtsschutz sowohl des Kindes als auch der Eltern. Erst und nur dann, wenn die Eltern eine in nächster Zeit zu erwartende schwerwiegende Schädigung des Wohlbefindens des Kindes nicht selbst abwenden, ist der Staat sowohl verpflichtet als auch befugt, mit hoheitlichem Zwang gegenüber Eltern, Kind und Dritten einzuschreiten, um diese Gefahr abzuwenden (BbgOLG, FamRZ 2014, 1649). Zur Elternabhilfe, nicht zur hoheitlichen Gefahrenabwehr, gehört auch die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe (BbgOLG, FamRZ 2009, 994; OLG Saarbrücken, BeckRS 2011, 24807; Staudinger-Coester, § 1666 Rdnr. 174).

b) Auf der Grundlage der erstatteten Sachverständigengutachten kann festgestellt werden, dass zum einen die Antragsgegnerin nicht in der Lage sein wird, dem Kind ohne staatlichen Zwang ausreichende Zuwendung und Förderung zukommen zu lassen, und dass zum anderen die zwischen den beiden Begutachtungen deutlich gewordenen Verbesserungen der Befindlichkeit des Kindes nicht auf dem Verhalten der Antragsgegnerin beruhen, sondern auf der Trennung von Mutter und Kind.

Der Sachverständige hat die bis zur Familientrennung vom Jugendamt geleistete Familienhilfe als maximal bezeichnet. Mehr könne nicht geholfen werden. Dauer und Intensität der Hilfe seien nach seiner langjährigen Erfahrung mit Jugendämtern als außergewöhnlich zu bewerten. Dennoch, also trotz maximaler Hilfe mit dem Aufenthalt einer Familienhelferin im Haushalt der Antragsgegnerin an mehreren Tagen je Woche und trotz zeitweiligen Aufenthalts in einer Mutter-Kind-Einrichtung, sei in der Beziehung zwischen Mutter und Kind nur ein Niveau erreicht worden, das durch die beschriebene hohe Wahrscheinlichkeit einer in Zukunft eintretenden schweren Schädigung des Kindes gekennzeichnet sei. Diese Gefahr könne die Antragsgegnerin nicht selbst abwenden, weil sie kognitiv zu sehr eingeschränkt sei und weil ihre psychische Erkrankung nicht ausreichend therapiert sei, sie aber eine erforderliche Therapiemotivation nicht aufbringen könne. Ihre Persönlichkeitsstruktur sei nicht ausreichend gefestigt. Die jahrelange Hilfe habe sie zur Entlastung von ihren Alltagsmühen gerne in Anspruch genommen. Aber die Gelegenheit, die Hilfe zu verwenden, um sich selbst zu reflektieren, habe sie noch nicht wahrnehmen können. Die Antragsgegnerin wäre darauf angewiesen, die ihr gebotene Hilfe nicht als bloße Entlastung, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe zu begreifen, aber dazu sei sie nicht in der Lage. Vielmehr habe sie die Hilfe nur auf äußeren Druck angenommen, nämlich um die befürchtete Trennung von ihrem Kind abzuwenden, nicht, um eigene Defizite zu beheben.

Der Sachverständige hat das bei der zweiten Begutachtung beobachtete Bindungsverhalten zwischen der Antragsgegnerin und dem Kind als verbessert beschrieben. Aber er hat diesen Fortschritt nicht auf ein besseres Vermögen der Antragsgegnerin zurückgeführt, sondern auf die inzwischen vollzogene Trennung. Die Veränderung sei schon ohnehin nicht so gravierend, dass eine künftige Schädigung als nicht mehr wahrscheinlich eingestuft werden könnte. Zudem sei eine Alltagsstruktur, in der das Kind die nötige Orientierung finden könnte, noch immer nicht vorhanden. Die Familienhilfe habe dafür trotz äußersten Bemühens bis zur Trennung nicht sorgen können, und sie werde dies auch in Zukunft nicht schaffen können.

Es kommt schließlich nicht in Betracht, eine eigene Abhilfe der Antragsgegnerin zwar nicht im Zusammenleben mit dem Kind zu finden, aber in einem zunächst von ihr getrennten Aufwachsen mit ihrem Einverständnis. Eine Gefahr und eine Rechtfertigung der fortdauernden Sorgeentziehung bestünde nicht, wenn mit ausreichender Verlässlichkeit erwartet werden könnte, die Antragsgegnerin werde das ihr wieder zustehende Aufenthaltsbestimmungsrecht dahin ausüben, dass das Kind in der Wohngruppe bleibt, bis sich ihr eigener Zustand durch weitere Therapiebemühungen soweit gefestigt hat, dass sie beim Zusammenleben mit dem Kind im eigenen Haushalt zur nötigen Zuwendung und Anregung in der Lage sein wird. Die Antragsgegnerin hat sich indes ausdrücklich gegen die mit ihr und ihrem Verfahrensbevollmächtigten erörterte Möglichkeit eines Einverständnisses ausgesprochen. Sie hat erklärt, zur Trennung von dem Kind könne nur eine Entscheidung des Gerichts führen, nicht ihr Einvernehmen.

5. Um die Gefahr für das Kindeswohl abzuwenden, kommt nur eine Entziehung derjenigen Teile der Personensorge in Betracht, die ausgeübt werden müssen, um die Trennung des Kindes von der Antragsgegnerin sicherzustellen und seinen dauerhaften Aufenthalt verlässlich gestalten zu können (§§ 1666 I, III Nr. 6, 1666 a I 1 BGB). Dazu ist das Aufenthaltsbestimmungsrecht mit dem Ziel der Familientrennung zu entziehen sowie das Recht zur Gesundheitssorge und zur Vertretung gegenüber Behörden. Als Pfleger kommt nur das Jugendamt in Frage.

a) Sorgeentziehung und Familientrennung sind geeignet, um die sonst zu erwartende schwere Schädigung des Kindes abzuwenden.

aa) Das Kind wird nach der Erwartung des Sachverständigen nach der Trennung von der Antragsgegnerin in einem geordneten Alltag und in der Orientierung an Erwachsenen, die es umsorgen und die sich ihm fördernd zuwenden, eine Entfaltung seiner Anlagen und eine Begrenzung seiner Wünsche erfahren, die zur ungestörten Entwicklung einer kindlichen Persönlichkeit und des Selbstkonzeptes einer Jugendlichen und jungen Erwachsenen führen werden.

Der Sachverständige hat die Trennung der Antragsgegnerin von ihrem Kind auch als eine Möglichkeit beschrieben, eine so weitgehende Entlastung zu erfahren, dass sie in der Lage sein könnte, zu der Einsicht zu gelangen, dass sie sich um die dauerhafte Therapie ihrer psychischen Erkrankung zu kümmern habe. So bestehe Hoffnung auf eine Stabilisierung der Antragsgegnerin, die so weit reichen könnte, dass sie das Kind wieder in ihren Haushalt aufnehmen könne.

bb) Die Eignung der Familientrennung wird nicht durch die Erwartung in Frage gestellt, das Kind werde durch die Trennung einer anderen schweren Beeinträchtigung seines Wohlergehens ausgesetzt sein.

Es führt zu einem eklatanten Eignungsmangel, wenn dem hoheitlichen Eingriff keine günstigere Prognose in Bezug auf das gefährdete Kindeswohl zu stellen ist, als der mangelhaft ausgeübten elterlichen Sorge (BVerfG, FamRZ 2014, 1270, Rdnr. 31 ff.; BeckRS 2014, 49403, Rdnr. 38; BGH, NJW 2012, 151, Rdnr. 29; BGHZ 184, 269 = NJW 2010, 1351, Rn. 29; OLG Koblenz, FamRZ 2008, 1973; Staudinger-Coester, § 1666 Rdnr. 212). Ungeeignet ist deshalb eine Maßnahme, die die erkannte Gefahr beseitigen, aber voraussichtlich zu einer andersartigen, mindestens gleich gewichtigen Beeinträchtigung des Kindeswohls führen wird (BVerfG, FamRZ 2015, 208, Rdnr. 15; 2014, 1177, Rdnr. 30).

Der Sachverständige hat aber - wie soeben (aa) dargelegt - mit der Trennung von der Antragsgegnerin nicht nur die Erwartung verbunden, die Vernachlässigung werde enden, sondern er hält das Aufwachsen in einem Heim auch für ein zur Förderung und Entwicklung des Kindes geeignetes Umfeld. Durch einen umfangreichen Umgang bei gleichzeitiger Entlastung von den Mühen des Alltags werde sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind während der Trennung positiv entwickeln. Dem diene gerade die begonnene Unterbringung des Kindes in einem Heim besser als in einer Pflegefamilie, weil so eine Alltagseinbeziehung der Mutter in manche der zu erledigenden Angelegenheiten besser möglich sei.

Die geschilderten Schwierigkeiten beim Übergang vom Umgang mit der Mutter zur Rückkehr in die Wohngruppe sprechen nach der Beurteilung des Sachverständigen nicht gegen deren Eignung zur fürsorglichen Obhut über das Kind. Vielmehr zeige sich das gleiche Bild wie bei getrennt lebenden Eltern. Anfängliche, dann nachlassende Trennungsängste zum Umgangsende zählten zum Normalen bei Kindern in Trennungslagen. Auch der Preis auffälligen Verhaltens in den Stunden nach dem Umgangsende sei hinzunehmen, um eine langfristig günstige Entwicklung des Kindes erreichen zu können.

b) Ein milderes Mittel als die Familientrennung steht nicht zur Verfügung, um die sonst zu erwartende schwere Persönlichkeitsstörung des Kindes mit gleicher Verlässlichkeit abzuwenden.

aa) Nach der Beurteilung des Sachverständigen würde eine Verpflichtung der Antragsgegnerin, die Familienhilfe weiter in Anspruch zu nehmen (§ 1666 III Nr. 1 BGB), nicht zu einer Veränderung ihrer Beziehung zu dem Kind führen können. Die Familienhilfe sei schon in der Vergangenheit nicht nur in äußerstem, nicht mehr steigerungsfähigen Umfang geleistet worden. Die Hilfe habe sich auch keineswegs auf die Annahmebereitschaft der Antragsgegnerin stützen können. Vielmehr habe die Antragsgegnerin mit der Annahme der Hilfe auf äußeren Druck reagiert. Sie habe erwartet, so die Trennung von dem Kind abwenden zu können. Das zeige sich insbesondere an dem Abbruch der Hilfe in der Mutter-Kind-Einrichtung. Diese einerseits belastende, sehr einschränkende, aber andererseits hochwirksame Hilfe habe die Antragsgegnerin nicht mehr freiwillig hinnehmen wollen, sondern sie habe die Einrichtung verlassen. Das Empfinden äußeren Drucks habe aber dennoch nie zu der Einsicht führen können, sie sei auf Hilfe angewiesen. Nur diese Einsicht könnte der Antragsgegnerin zur Selbsthilfe befähigen.

Allein das hoheitliche Gebot, Hilfe anzunehmen, würde die Lage der Antragsgegnerin und ihr Empfinden gegenüber der angebotenen Hilfe demnach im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren nicht verändern. Einer Maßnahme, die nicht zu einer schnellen, deutlichen Veränderung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind führt, fehlt die Eignung zur Gefahrenabwehr.

bb) Als milderes Mittel kommt schließlich nicht in Betracht, Sorge und Obhut dem Vater des Kindes zu übertragen (§ 1680 II, III BGB), um so die Unterbringung bei Familienfremden zu vermeiden. Der Vater hat sowohl im Verfahren erster Instanz als auch persönlich gegenüber dem Senat angegeben, er sehe sich nicht in der Lage, das Kind in seinen Haushalt aufzunehmen, in dem nun auch ein neugeborenes Kind zu versorgen sei. Die Zuwendung und Förderung des Kindes gegen so formulierte Vorbehalte durchsetzen zu müssen, wendet die bestehende Gefahr für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes nicht mit gleicher Sicherheit ab wie die Aufnahme in die Wohngruppe, deren Erwachsene sich ihm vorbehaltlos und mit professioneller Gründlichkeit widmen.

c) Es besteht kein Anhaltspunkt, der an der Zumutbarkeit der Familientrennung zur Abwehr der Kindeswohlgefährdung zweifeln ließe. Dem schwersten möglichen Eingriff in das Erziehungsrecht der Antragsgegnerin und in das Recht des Kindes, allein von seinen Eltern erzogen zu werden (Art. 6 II 1, III GG, 27 II, V VerfBbg), steht ein zu erwartende schwerer, schließlich irreparabler Schaden in der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes als Folge emotionaler Vernachlässigung entgegen. Die Zumutbarkeit der Trennung wird nicht nur durch die Aussicht auf eine durchgreifende Verbesserung der Lage des Kindes vermittelt, sondern auch durch das Gebot, der Entfremdung zwischen Mutter und Kind tätig entgegenzuwirken und die Möglichkeit einer Rückkehr in den Haushalt der Mutter regelmäßig zu prüfen.

aa) Der Sachverständige hat keinen Zweifel daran gelassen, dass das Verhältnis zwischen Mutter und Kind nicht endgültig und rettungslos verloren sei. Er hat vielmehr einen sehr umfangreichen Umgang der Antragsgegnerin mit dem Kind ausdrücklich für geboten gehalten. Zur verhältnismäßigen Gestaltung der Familientrennung wird das Jugendamt den Umgang deshalb nicht nur dulden und hinnehmen, sondern nach Kräften zu fördern haben (§ 1684 I, II 2 BGB). Der Antragsgegnerin und dem Kind steht insoweit das staatliche Wächteramt zur Verfügung (§§ 1684 II, 1915 I 1, 1837 II 1 BGB).

bb) Der Sachverständige hat es nicht für schon jetzt ausgeschlossen gehalten, dass die Antragsgegnerin die Entlastung vom Zusammenleben mit dem Kind zur eigenen Konsolidierung nutzen könnte. Auf eine Beruhigung und geförderte Entwicklung des Kindes einerseits und eine Therapie und Stabilisierung der Antragsgegnerin andererseits könne in fernerer Zukunft durchaus eine Wiederaufnahme des Zusammenlebens folgen. Zur Verhältnismäßigkeit der jetzt anzuordnenden Trennung trägt deshalb auch die Pflicht zur regelmäßigen Überprüfung dieser Maßnahme bei, die in Zukunft abgemildert oder ganz aufgehoben werden könnte (§§ 1696 II BGB, 166 II FamFG).

III.

1. Die Kostenentscheidung beruht auf § 84 FamFG, die Wertfestsetzung auf den §§ 55 II, 45 I Nr. 1 FamGKG.

2. Anlass, die Rechtsbeschwerde zuzulassen (§ 70 II FamFG), besteht nicht.