VG Köln, Urteil vom 13.09.2013 - 19 K 3559/11
Fundstelle
openJur 2013, 42953
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Erfolglose Anfechtungsklage gegen eine Indizierungsentscheidung des BpjM

- zur Sachverhaltsermittlung (keine Relativierung der Gewaltszenen durch harmlose Filmsequenzen)

- zur verrohenden Wirkung und selbstzweckhaften / detaillierten Gewaltdarstellung

- zur Wirkungsforschung (Maßstab)

- zur Abwägung mit der Kunstfreiheit

Tenor

Die Klage wird abgewiesen.

Die Klägerin trägt die Kosten des Verfahrens.

Das Urteil ist wegen der Kostenentscheidung gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

Gründe

Die Klage ist als Anfechtungsklage gegen die Entscheidungen der Bundesprüfstelle vom 07.04.2011 - Nr. 0000 und 0000 -, 04.07.2011 - Nr. 0 00/00 - sowie 03.01.2012 - Nr. 0 0/00 - zulässig. Die Einbeziehung der Entscheidungen vom 04.07.2011 und 03.01.2012 in die bereits am 20.06.2011 erhobene Klage im Wege der - fristgerecht erfolgten - Klageänderung ist statthaft; diese ist sachdienlich, weil die Beteiligten und der den Verfahren zugrundeliegende Streitstoff identisch sind und die Beklagte dem nicht widersprochen hat (vgl. § 91 VwGO).

Die Klage ist aber nicht begründet.

Die Indizierungsentscheidungen der Bundesprüfstelle vom 07.04.2011, 04.07.2011 sowie 03.01.2012 sind rechtmäßig und verletzen die Klägerin nicht in ihren Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO).

Rechtsgrundlage für die Entscheidung ist § 18 Abs. 1 Satz 1 des Jugendschutzgesetzes vom 23.07.2002 (BGBl. I 2730), in der hier noch maßgebenden Fassung der Änderung durch Gesetz vom 31.10.2008 (BGBl. I 2149) - JuSchG -. Danach sind Träger- und Telemedien, die geeignet sind, die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden, in eine Liste jugendgefährdender Medien aufzunehmen. Zu solchen Träger- und Telemedien zählen gemäß § 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien. Neben den in § 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG aufgeführten Regelbeispielen fallen hierunter auch solche Medien, durch deren Inhalte die Kinder oder Jugendlichen sozialethisch desorientiert werden können. Da Kinder und Jugendliche noch keine festen Begriffe von ihrem Verhältnis in und zu der Gemeinschaft, der Rechts- und Werteordnung gefunden haben und diese erst entwickeln müssen, dabei auf Orientierungspunkte zurückgreifen und somit durch äußere Einflüsse steuerbar sind, kann all jenen Medien eine jugendgefährdende Wirkung zuzusprechen sein, deren Inhalt gesellschaftlich anerkannten Werten und Normen eklatant zuwiderläuft.

Der Begriff der Gefährdung im Sinne von § 18 JuSchG verlangt keine konkrete oder gar nachweisbare Wirkung im Einzelfall; eine Gefährdung ist vielmehr schon dann zu bejahen, wenn eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf, dass überhaupt Kinder und/oder Jugendliche durch die dargestellten Inhalte beeinflusst werden können;

vgl. OVG NRW, Urteil vom 05.12.2003 - 20 A 5599/98 -, juris.

Bei der Feststellung des Vorliegens einer Gefährdung ist auf den Empfängerhorizont eines sog. "gefährdungsgeneigten Minderjährigen" abzustellen. Die gesetzlichen Bestimmungen des Jugendschutzes dienen nicht allein dem Schutz von sich "durchschnittlich" entwickelnden Kindern und Jugendlichen. Der durch § 18 JuSchG gewährleistete staatliche Jugendschutz ist umfassend und bezweckt gerade auch den Schutz von "labilen, gefährdungsgeneigten" Minderjährigen. Dieser Personenkreis ist in stärkerem Maße auf staatliche mediale Orientierungsvorgaben angewiesen, weil "labile, gefährdungsgeneigte" Minderjährige nicht wie "normal sozialisierte" Jugendliche entweder kraft eigener Veranlagung oder aufgrund elterlicher Erziehung ohnehin vor Gefährdungen weitgehend geschützt sind. Mit den Belangen des Jugendschutzes kollidierenden Verfassungsgütern - wie etwa der Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit - kann im Rahmen der nach § 18 Abs. 1 JuSchG zu treffenden Abwägungsentscheidung ausreichend Rechnung getragen werden;

vgl. Bay.VGH, Urteil vom 23.03.2011 - 7 BV 09.2512 u.a. -, juris; Liesching / Schuster, Jugendschutz, Kommentar (5. Aufl. 2011), § 18 JuSchG Rdz. 16 ff.

Die Beurteilung der Jugendgefährdung und deren Gewichtung unterliegt der vollen gerichtlichen Überprüfung, auch soweit die Listenaufnahme das Grundrecht der Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 1, Abs. 3 GG) einschränkt;

vgl. OVG NRW; Urteile vom 13.11.2003 - 20 A 1524/03 - und - 20 A 1525/03 - (n.v.).

Dabei stellen allerdings die der Indizierungsentscheidung zugrundeliegenden Erwägungen der Bundesprüfstelle sachverständige Aussagen dar, die im Verwaltungsprozess nur mit dem gleichen Vortrag wirksam in Frage gestellt werden können, wie er erforderlich ist, um die Tragfähigkeit fachgutachtlicher Stellungnahmen zu erschüttern;

vgl. BVerwG, Urteil vom 28.08.1996 - 6 C 15.94 -, NJW 1997 602; Urteil vom 26.11.1992 - 7 C 20.92 -, BVerwGE 91, 221 (216).

Für die Einschätzung und Gewichtung der Jugendgefährdung durch die Bundesprüfstelle gelten demnach dieselben Maßstäbe wie für die Verwertbarkeit eines Sachverständigengutachtens;

vgl. zu diesen Maßstäben: BVerwG, Beschluss vom 26.06.1992 - 4 B 1-11.92 -, Buchholz 407.4 § 17 FStrG Nr. 89.

Nach diesen Vorgaben hat die Bundesprüfstelle das indizierte PC-DVD-ROM-Spiel "N. I. - Limited Edition" rechtsfehlerfrei als jugendgefährdend eingestuft. Das Vorbringen der Klägerin bietet keinen Anhalt, an der Rechtmäßigkeit der Indizierungsentscheidung zu zweifeln.

Die Bundesprüfstelle hat den Sachverhalt nicht fehlerhaft ermittelt.

Die Bundesprüfstelle hat auf Seite 2/3 ihres Bescheides vom 07.04.2011 zunächst zutreffend das Spiel als solches geschildert: Zugehörigkeit zur Reihe der "Ego-Shooter-Spiele"; Kriegssituation in Afghanistan; verschiedene Spielercharaktere mit verschiedenen Aufgaben; Wechsel von interaktiven mit filmischen Szenen, in denen die Handlung fortgeführt wird; Ausschaltung möglichst vieler Gegner mit verschiedenen Waffen als Ziel der einzelnen Missionen.

Der Einwand der Klägerin, die Bundesprüfstelle habe den Sachverhalt insoweit nicht vollständig ermittelt, als sie sich nicht damit auseinander gesetzt habe, dass die gewaltfreien Spiel- und Filmsequenzen die drastischen Gewaltdarstellungen, die in der Entscheidung vom 07.04.2011 hervorgehoben seien, relativieren würden, geht fehl. Auf Seite 10 ihrer Entscheidung setzt sich die Bundesprüfstelle eingehend damit auseinander, dass das Spiel "N. I. " zwar auch alternative und gewaltfreie Spielelemente enthalte, diese Bestandteile aber nicht geeignet seien, die Gewaltdarstellungen zu relativieren. Die Rahmenhandlung sei in den linear verlaufenden Levels jedenfalls nicht in einem solchem Umfang enthalten, dass sie ein tatsächliches Gegengewicht zu den Kampfhandlungen bilden würden.

Mit ihren Einwänden erschüttert die Klägerin diese Feststellungen zum Sachverhalt erkennbar nicht: Die in dem Spiel enthaltenen Gewaltdarstellungen sind zum Teil ohne erkennbaren Zusammenhang; es erscheint als einziges Ziel, mit verschiedenen, jeweils angebotenen Waffentypen, möglichst viele Gegner auszuschalten. Dem Spieler werden innerhalb der durchaus vorhandenen Rahmenhandlung keine Handlungsoptionen geboten, so dass eine solche Rahmenhandlung nahezu ausschließlich den Zweck verfolgt, dem Spielverhalten eine gewisse Sinnhaftigkeit zu verleihen, ohne dass eine Rahmenhandlung oder bestimmte filmische Sequenzen ein solches Gewicht haben, dass damit die im Vordergrund stehenden Gewalthandlungen und Gewaltdarstellungen relativiert werden oder gar - wie die Klägerin vorträgt - den Spieler zu einer kritischen Reflexion des eigenen Verhaltens bzw. des Kriegsgeschehens veranlassen. Dass einer Rahmenhandlung auch aus der Sicht der Klägerin als Herstellerin des Spiels keine besondere Bedeutung zukommt, wird im Übrigen daraus deutlich, dass bei einigen Filmsequenzen die Möglichkeit eingeblendet wird, durch das Drücken einer Taste diese Rahmenhandlung zu überspringen. Soweit in filmischen Sequenzen Dialoge vorhanden sind, fördern diese zum Teil den Inhalt der Gewaltdarstellung, da darin eine zynische und menschenverachtende Betrachtungsweise zum Ausdruck kommt;

Beispiele: Bezeichnung des Gegners als "Arschloch"; "Wir haben noch ein Ziel; es bewegt sich; pumpen Sie ihn voll Blei; töten, nicht rumballern."; "Sie werden keine saubere Wäsche mehr gebrauchen - erledigen Sie sie."; "O.k. E. , eliminieren - mitten durch die Melone E. ."; "Wir arbeiten uns weiter vor, bis nichts mehr da ist, was wir töten können."; "Hier sind aber ‘ne Menge Mistkerle."; "Anschließend zum Hauptgericht gegrillte Taliban."; "Waidmannsheil.".

Die Bundesprüfstelle hat ihre Einschätzung der Jugendgefährdung auch zutreffend darauf gestützt, dass von dem indizierten Computerspiel eine "verrohende Wirkung" (§ 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG) ausgehe und die Gewaltdarstellung "selbstzweckhaft und detailliert" sei (§ 18 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 JuSchG); die Auffassung der Klägerin, die Bundesprüfstelle habe diese Indizierungstatbestände nur unzureichend dargelegt, greift erkennbar nicht durch.

Die Bundesprüfstelle hat zunächst den Begriff der "verrohenden Wirkung" zutreffend erläutert. Sie hat darauf abgestellt, dass eine solche Wirkung dann vorliegen könne, wenn von dem indizierten Medium eine Desensibilisierung von Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf die im Rahmen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gezogenen Grenzen der Rücksichtnahme und der Achtung anderer Individuen ausgehe und in einem solchen Spiel angemessene Mittel der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung außer Acht gelassen würden und jedwede menschliche Solidarität ausgeblendet werde (Bescheid S. 8/9). Mit dieser Erläuterung hat die Bundesprüfstelle maßgebend auf den Wertekonsens des Grundgesetzes abgestellt und die gesetzgeberische Intention des Jugendschutzgesetzes hervorgehoben;

vgl. Liesching/Schuster, a.a.O., § 18 JuSchG, Rdz. 6; 33.

Soweit die Bundesprüfstelle in diesem Zusammenhang die hohe Anzahl an Tötungs- und Verletzungshandlungen, die Präsentation u.a. von Kopfschüssen in blutigen Einzelheiten (Blutwolke) mit der Anregung an den Spieler, so zu verfahren, damit er schneller in das nächste Level komme, die Möglichkeit der Abtrennung von Gliedmaßen, das "Rag-Doll-System" in den Vordergrund stellt, belegt diese Art und Weise der Darstellung und der Zusammenhang mit dem Ziel des Spiels, möglichst viele Gegner zu töten, dass dies schon als Verletzung der durch die Verfassung bzw. das Jugendschutzrecht geschützten Rechtsgüter und Werte anzusehen ist. Die Einschätzung einer verrohenden Wirkung ist danach plausibel und nachvollziehbar dargelegt.

Soweit die Klägerin darauf hinweist, dass mit diesem Spiel und den darin enthaltenen Gewaltdarstellungen, die sie selbst mit ca. 60 v.H. benennt, nicht das für ein Kriegsspiel Genretypische überschritten werde, übersieht sie, dass Maßstab des Jugendschutzrechts nicht eine Genretypik ist, sondern die Jugendgefährdung. Wenn in einem bestimmten Genre - wie hier: Kriegsgenre - typischerweise häufig Tötungshandlungen und Gewaltdarstellungen vorkommen, kann die Grenze zur Jugendgefährdung wegen der von den Gewaltdarstellungen ausgehenden verrohenden Wirkung schnell erreicht bzw. im Einzelfall überschritten werden.

Gleiches gilt für die von der Bundesprüfstelle hervorgehobene Selbstzweckhaftigkeit und Detailliertheit der Gewaltdarstellung. Die Bundesprüfstelle hat in ihrem Bescheid vom 07.04.2011 hierzu auf eine deutliche Visualisierung von Gewalt bzw. eine entsprechende akustische Untermalung der Gewaltszenen abgestellt, so dass für den Spieler eine notwendige Distanzierung gar nicht erkennbar werde (S. 9 des Bescheides). Nach Einschätzung der Bundesprüfstelle stehen auch insoweit die drastischen Gewalthandlungen (Kopfschüsse, Abtrennen von Gliedmaßen) im Vordergrund; die Darstellung von Kampfszenen sei realitätsnah. Diese Einschätzung der Bundesprüfstelle ist insgesamt nachvollziehbar und plausibel und wird nicht durch den Einwand der Klägerin in Frage gestellt, dass einer Selbstzweckhaftigkeit entgegenstehe, dass die Gewalthandlungen und -darstellungen in einen Gesamtkontext eines Kriegsspiels eingebunden seien, der auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschehen bedingen solle. Wie bereits ausgeführt, stehen eine Rahmenhandlung und filmische Sequenzen erkennbar nicht im Vordergrund des Spielgeschehens, weil das "Ausschalten" von Gegnern in allen möglichen Situationen eindeutig dominiert und auch nach der Intention der Klägerin als Element der Geschicklichkeit im Vordergrund steht.

Soweit die Klägerin einwendet, dass es gar nicht um detaillierte Gewalthandlungen, sondern allenfalls um die Darstellung der Folgen von Gewalthandlungen gehe, erschließt sich dies aus dem Spiel nicht und ist auch nicht geeignet, die Einschätzung der Bundesprüfstelle ernsthaft zu erschüttern. Drastische Gewalthandlungen (Kopfschüsse, Abtrennen von Gliedmaßen) bleiben weiterhin möglich; es ist nicht ausgeschlossen, dass Spieler gezielt Waffen mit erheblichen Verletzungsfolgen einsetzen und auch - auch wenn dies nicht unbedingt einem zwingenden Spielverlauf entspricht - bereits getötete Gegner nochmals beschießen, um einen "Rag-Doll-Effekt" zu erzielen.

Hinzu kommen nach Auffassung der Kammer die bereits oben hervorgehobenen verbalen Formen der Aufforderung zur Gewaltanwendung als häufig zynische Äußerungen.

Gerade der Umstand, dass - wie die Klägerin vorträgt - der Spieler aufgrund der Schnelligkeit des Spiels keine Möglichkeit hat, über sein eigenes Verhalten zu reflektieren, zeigt, dass die Darstellung von Gewalt als solcher selbstzweckhaft ist. Die in einigen Szenen vorgenommene Visualisierung des Geschehens durch Nachtsichtgerät oder Wärmebildkamera, die eine unscharfe Darstellung bedingt, ändert an dieser Einschätzung nichts.

Die Bundesprüfstelle hat sich auch eingehend und in sachverständiger Art und Weise mit den Ergebnissen der Wirkungsforschung beschäftigt und überzeugend und nachvollziehbar erläutert, dass es jedenfalls gewichtige Stimmen in der Wissenschaft gebe, die nicht nur kurzfristige aggressive emotionale Gemütszustände bei Jugendlichen nach Spielen von Gewaltspielen beschreiben, sondern auch langfristige Verhaltensänderungen annehmen, wenn bestimmte weitere äußere Bedingungen in der Person des Nutzers hinzukommen (S. 10 ff. des Bescheides vom 07.04.2011).

Diese Einschätzung ist nicht zu beanstanden: Die Bundesprüfstelle hat zutreffend als Maßstab in den Blick genommen, dass es nicht nur um den Durchschnittsjugendlichen, sondern auch und gerade um den gefährdungsgeneigten Jugendlichen gehe und dass in diesem Zusammenhang nicht eine vollständige Gewissheit verlangt werden kann;

vgl. Liesching/Schuster a.a.O., § 18 Rdz. 16 ff..

Die Klägerin hat diese sachverständige Einschätzung nicht erschüttert. Unabhängig davon, dass die Klägerin den maßgebenden Grad der Wahrscheinlichkeit verkennt, nach dem keine absolute Wirkungsgewissheit erforderlich ist und die jugendschutzrechtlichen Regelungen als abstrakter Gefährdungstatbestand zu verstehen sind, belegen die von der Klägerin zitierten Gutachten nicht, dass eine Wahrscheinlichkeit der Jugendgefährdung jedenfalls für einen gefährdungsgeneigten Jugendlichen von vornherein ausgeschlossen ist. Das von der Klägerin vorgelegte Gutachten von Mikos "Gewaltdarstellung - Gewaltdiskurs in N. I. - Limited Edition" vom Januar 2011 geht selbst davon aus, dass es bestimmte Risikogruppen gebe, bei denen sich Mediengewalt auf das reale Aggressionsverhalten auswirkten (S. 18). Die darüber hinaus von der Klägerin vorgelegten Studien verhalten sich zur Verlässlichkeit einer bestimmten Studie zur Messung der Aggressionssteigerung bzw. gehen selbst davon aus, dass es jedenfalls eine geringe - und das heißt im vorliegenden Zusammenhang des Jugendschutzes eine nicht zu vernachlässigende - Wahrscheinlichkeit für Verhaltensänderungen durch gewalthaltige Computerspiele gebe.

Allerdings darf ein Medium gemäß § 18 Abs. 3 Nr. 2 JuSchG u.a. dann nicht in die Liste jugendgefährdender Medien aufgenommen werden, wenn es der Kunst dient. Die Bundesprüfstelle hat zwar den Kunstcharakter des Computerspiels "N. I. - Limited Edition", was ausgehend vom maßgeblichen weiten Kunstbegriff nicht zu beanstanden ist, bejaht.

Allein der Kunstcharakter eines Mediums steht einer Indizierung aber noch nicht entgegen. Vielmehr sind im Sinne einer praktischen Konkordanz die Belange des Jugendschutzes einerseits und der Kunstfreiheit andererseits im Einzelfall gegeneinander abzuwägen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein schlicht jugendgefährdendes oder um ein schwer jugendgefährdendes Medium handelt;

vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 - 1 BvR 402/87 -, BVerfGE 83, 130 (143); BVerwG, Urteil vom 26.11.1992 - 7 C 22/92 -, NJW 1983, 1490.

Eine fehlerfreie Abwägung setzt dabei eine umfassende Ermittlung der beiden widerstreitenden Belange voraus.

vgl. BVerwG, Urteil vom 18.02.1998 - 6 C 9/97 -, NJW 1999, 75 (76).

Dabei reicht es im allgemeinen aus, wenn im Rahmen der Abwägung die Gewichtung der widerstreitenden Belange soweit eingegrenzt wird, dass - jedenfalls - das im Einzelfall gebotene Mindestmaß an Differenzierung erreicht wird, das erforderlich ist, um eine dem Ergebnis angemessene Abwägung der beiderseits in die Waagschale zu legenden Gesichtspunkte vorzunehmen. Daher hängt der Umfang der durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gebotenen Ermittlungen wesentlich von den Umständen des Einzelfalles ab: Je mehr sich die Waagschalen dem Gleichgewicht nähern, desto intensiver muss versucht werden, die beiderseitigen Wertungen abzusichern und auch Einzelgesichtspunkte exakt zu wägen, die möglicherweise den Ausschlag geben; ist dagegen ein Belang stark ausgeprägt und eine Diskrepanz zu den auf der anderen Seite betroffenen Belangen von vornherein offenkundig, dann ist es nicht notwendig und wäre somit unverhältnismäßig, die Gewichtung der beiderseitigen Belange weiter zu betreiben, als es zur Feststellung eines eindeutigen Übergewichts einer Seite geboten ist;

vgl. BVerwG, Urteil vom 18.02.1998, a.a.O..

Ohne vorherige Gewichtung der einander konkret widerstreitenden Belange Kunst- und Jugendschutz ist die nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vorzunehmende Abwägung, bei der der Bundesprüfstelle noch ein Beurteilungsspielraum zusteht, jedoch nicht möglich, da nicht auszuschließen wäre, dass allein durch die fehlende konkrete Würdigung des einen Belangs das Gewicht des anderen übermäßig stark bewertet und so in die Abwägung eingestellt würde;

vgl. BVerwG, Urteil vom 28.08.1996 - 6 C 15/94 -, NJW 1997, 602 (603)

Die von der Bundesprüfstelle vorgenommene Abwägung mit der Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) ist überzeugend: Sie hat dem PC-Spiel nur einen geringen bzw. durchschnittlichen Grad an künstlerischem Gehalt zuerkannt und dies im Wesentlichen damit begründet, dass dies der Auffassung in der Fachpresse und bei Kundenrezensionen entspreche. Mit diesem Ansatz folgt die Bundesprüfstelle den Regeln einer werkgerechten Interpretation des Mediums, die zunächst von den formalen und inhaltlichen Ansprüchen - insbesondere vom Inhalt der mit dem jeweiligen Medium verbundenen Botschaft - ausgeht und daneben auch eine neutrale Schilderung in der Presse sowie in Funk und Fernsehen berücksichtigt;

vgl. BVerfG, a.a.O..

Das Computerspiel "N. I. - Limited Edition" wird danach überwiegend als gutes "Kriegsshooter-Spiel" bezeichnet, das über zwar ansprechende, aber nicht überragende Spieleigenschaften verfüge. Die Einschätzung der Bundesprüfstelle als durchschnittlich gründet sich daneben auf den Umstand, dass die mit dem Spiel in der Rahmenhandlung übermittelte Botschaft im Hinblick auf die davon weitgehend losgelösten Gewaltdarstellungen in den Hintergrund tritt.

Dem gegenüber hat die Bundesprüfstelle im Rahmen der von ihr vorgenommenen Abwägung dem Jugendschutz wegen der drastischen und nicht relativierten Gewaltdarstellungen in dem Spiel einen überragenden Platz eingeräumt.

Dies ist im Ergebnis nicht zu beanstanden und zeigt kein Abwägungsdefizit.

Diese Würdigung der Bundesprüfstelle wird im Übrigen durch die Einschätzung der "Unterhaltungssoftware - Selbstkontrolle" bestätigt, die die Vergabe der Kennzeichnung "Keine Jugendfreigabe" mit dem Hinweis auf das Vorliegen von Indizierungsgründen wegen der überwiegenden und realitätsnah in Szene gesetzten Gewaltdarstellungen abgelehnt hat.

Entgegen der Ansicht der Klägerin kommt es nicht darauf an, dass die Bundesprüfstelle andere Spiele mit vergleichbarem Inhalt nicht indiziert hat, da es nur auf die Jugendgefährdung des konkreten Spiels - hier: "N. I. - Limited Edition" - ankommt und nicht von einer nicht vorgenommenen Indizierung eines anderen Spiels auf die ebenfalls zu unterlassende Indizierung des vorliegenden Spiels geschlossen werden kann.

Soweit die Klägerin die Auffassung vertritt, dass sich die Kompetenz der Bundesprüfstelle zur Würdigung als jugendgefährdend nur auf bestimmte Gewaltspitzen beschränken dürfe, weil die "Unterhaltungssoftware - Selbstkontrolle" die abgemilderte Form des Computerspiels "N. I. - Limited Edition" (ohne solche Gewaltspitzen) mit "Keine Jugendfreigabe" gekennzeichnet habe, verkennt sie, dass das vorliegende Verfahren das gesamte und vollständige Computerspiel betrifft, das sowohl eine Rahmenhandlung und filmische Sequenzen, als auch Gewaltdarstellungen in unterschiedlichem Ausmaß und von unterschiedlicher Intensität enthält, so dass es einer Gesamtwürdigung bedarf; es kommt nicht darauf an, ob ohne einzelne Szenen möglicherweise eine Indizierung unterblieben wäre und die "Unterhaltungssoftware - Selbstkontrolle" die Kennzeichnung "Keine Jugendfreigabe" vergeben hätte.

Die weiteren Entscheidungen der Bundesprüfstelle Nr. 0000 vom 07.04.2011, Nr. 0 00/00 vom 04.07.2011 und Nr. 0 0/00 vom 03.01.2012 sind ebenfalls nicht zu beanstanden. Die Bundesprüfstelle hat - ohne dass die Klägerin insoweit Einwände erhoben hätte - eine Inhaltsgleichheit dieser Spieleversionen mit dem PC-DVD-ROM-Spiel "N. I. - Limited Edition" festgestellt und daher eine Eintragung in die Liste A der jugendgefährdenden Medien vorgenommen.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO; die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus § 167 VwGO in Verbindung mit § 709 ZPO.