OLG Köln, Beschluss vom 22.05.2003 - Ss 169/03
Fundstelle
openJur 2011, 27086
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Tenor

I. Die Rechtsbeschwerde wird zugelassen.

II Das angefochtene Urteil wird aufgehoben. Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde - an das Amtsgericht Köln zurückverwiesen.

Gründe

I.

Der Oberbürgermeister der Stadt L. hat gegen den Betroffenen mit Bußgeldbescheid vom 25. September 2002 wegen Überschreitung der außerorts zulässigen Höchstgeschwindigkeit um 23 km/h eine Geldbuße von 40 &...8364; verhängt. Das Amtsgericht hat den hiergegen eingelegten Einspruch des Betroffenen durch Urteil vom 13. Januar 2003 gemäß § 74 Abs. 2 OWiG verworfen. Gegen dieses Urteil wendet sich der Betroffene mit dem Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde und rügt die Verletzung seines rechtlichen Gehörs. Außerdem vertritt er die Auffassung, dass Verfolgungsverjährung eingetreten sei. Dem Amtsgericht sei deshalb ein entsprechender Hinweis zu erteilen.

II.

Der in formeller Hinsicht unbedenkliche Zulassungsantrag hat Erfolg. Er führt gemäß §§ 80 Abs. 4, 79 Abs. 1 Satz 2 OWiG zur Zulassung der Rechtsbeschwerde gegen das angefochtene Urteil, nach Maßgabe von §§ 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, 349 Abs. 4 StPO zu dessen Aufhebung sowie gemäß § 79 Abs. 6 OWiG zur Zurückverweisung der Sache an das Amtsgericht.

Da gegen den Betroffenen mit dem durch das angefochtene Verwerfungsurteil bestätigten Bußgeldbescheid lediglich eine Geldbuße von 40 &...8364; festgesetzt wurde, ist die Rechtsbeschwerde hier zwar nicht nach § 79 Abs. 1 Satz 1 OWiG statthaft, sondern bedarf gemäß §§ 79 Abs. 1 Satz 2, 80 OWiG der Zulassung (vgl. SenE v. 13. 7. 1993 - Ss 272/93 B = VRS 86, 139 [140] = wistra 1993, 350 [351]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 Z; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z, SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z; Göhler/König/Seitz, OWiG, 13. Aufl., § 74 Rdnr. 48 m. w. N.). Die in § 80 OWiG geregelten Voraussetzungen einer solchen Zulassung sind hier allerdings gegeben. Der Senat hatte deshalb, und zwar jeweils gemäß § 80a Abs. 2 Nr. 2 OWiG in der Besetzung mit einem Richter, nicht nur über den Zulassungsantrag, sondern auch über die Rechtsbeschwerde selbst zu entscheiden (vgl. OLG Karlsruhe DAR 2003, 182; SenE v. 17. 7. 1998 - Ss 351/98 Z = NStZ-RR 1998, 345 = NZV 1998, 476 [477] = VRS 95, 383 (384(; SenE v. 4. 2. 1999 - Ss 45/99 Z = NZV 1999, 264 [266] = VRS 96, 451(455(; SenE v. 15. 4. 1999 - Ss 144/99 Z = VRS 97, 187 [188]; SenE v. 11. 7. 2001 - Ss 273/01 Z = zfs 2002, 254; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z; Göhler/König/Seitz a. a. O., § 80a Rdnr. 3 m. w. N.).

1.

Nach § 80 Abs. 1 OWiG kann die Rechtsbeschwerde bei weniger bedeutsamen Ordnungswidrigkeiten, bei denen sie grundsätzlich ausgeschlossen ist, nur ausnahmsweise zugelassen werden; und zwar dann, wenn dies entweder zur Fortbildung des Rechts oder zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich (Nr. 1) oder die Aufhebung des angefochtenen Urteils wegen Versagung des rechtlichen Gehörs geboten ist (Nr. 2).

Hier führt die letztgenannte Rüge der Versagung des rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) zur Zulassung der Rechtsbeschwerde.

Bei dieser Rüge handelt es sich um eine Verfahrensrüge i. S. von §§ 80 Abs. 3 Satz 3, 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, 344 Abs. 2 Satz 1, 1. Alt. StPO (vgl. BayObLG DAR 2001, 371 [372]; SenE v. 4. 2. 1999 - Ss 45/99 Z = NZV 1999, 264 = VRS 96, 451; SenE v. 15. 4. 1999 - Ss 144/99 Z = NZV 1999, 436 = VRS 97, 187 [188]; SenE v. 8. 1. 2001 - Ss 545/00 Z = DAR 2001, 179 = VRS 100, 189 (190(; SenE v. 11. 1. 2001 - Ss 532/02 Z = VRS 100, 204; Göhler/König/Seitz a. a. O., § 80 Rdnr. 16 a, Steindorf in: Karlsruher Kommentar (KK), OWiG, 2. Aufl., § 80 Rdnr. 42; jw. m. w. N.), welche - entgegen der Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft - hier den sich aus §§ 80 Abs. 3 Satz 3, 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, 344 Abs. 2 Satz 2 StPO ergebenden formellen Darstellungsanforderungen genügt. Denn der Vortrag in der Antragsbegründung weist eine solche Vollständigkeit auf, dass das Beschwerdegericht ohne Rückgriff auf die Akte überprüfen kann, ob der gerügte Verfahrensfehler vorliegt, sofern das Antragsvorbringen zutrifft (vgl. BGH NStZ-RR 2002, 2 (Sander(; BGH NStZ-RR 2003, 34 (Sander(; BayObLG NJW 1998, 3656; SenE v. 24. 10. 2000 - Ss 329/00 = VRS 99, 431 (437( = StraFo 2001, 200 (203(; SenE v. 9. 1. 2001 - Ss 477/00 = VRS 100, 123 (125( = VerkMItt 2001, 52; SenE v. 4. 2. 2003 - Ss 4/03 Z; Bick JA 2001, 691 m. w. N.).

2.

Die Rüge der Versagung des rechtlichen Gehörs (§ 80 Abs. 1 Nr. 2 OWiG) ist auch begründet. Sie führt zur Zulassung der Rechtsbeschwerde nach Maßgabe von §§ 80 Abs. 4, 79 Abs. 1 Satz 2 OWiG.

Denn das Amtsgericht hat dem Betroffenen das rechtliche Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) versagt, indem es seinen Antrag auf Entbindung von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung (§ 73 Abs. 1 OWiG) ohne nachvollziehbare Gründe abgelehnt hat (vgl. BayObLG DAR 2000, 578; SenE v. 8. 5. 2001 - Ss 170/01 Z; SenE v. 28. 5. 2001 - Ss 163/01 Z; SenE v. 11. 7. 2001 - Ss 273/01 Z = zfs 2002, 254 [255]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 B; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z; Göhler/König/Seitz a. a. O., § 80 Rdnr. 16b; Steindorf a. a. O., § 80 Rdnr. 41).

a.

Das Amtsgericht hat gemäß § 73 Abs. 2 OWiG dem Antrag eines Betroffenen auf Entbindung von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung dann zu entsprechen, wenn sich der Betroffene zur Sache geäußert oder erklärt hat, dass er sich in der Hauptverhandlung nicht zur Sache äußern werde, und seine Anwesenheit zur Aufklärung wesentlicher Gesichtspunkte des Sachverhalts nicht erforderlich ist. Insoweit besteht für das Amtsgericht kein Ermessensspielraum (vgl. BayObLG DAR 2001, 371 [372]; BayObLG zfs 2001, 185, BayObLG zfs 2001, 186; OLG Dresden zfs 2003, 98; OLG Dresden zfs 2003, 209 [210]; OLG Karlsruhe zfs 1999, 538 [539]; OLG Stuttgart zfs 2003, 210 [211]; OLG Zweibrücken NZV 2000, 304 = zfs 1999, 537; SenE v. 8. 5. 2001 - Ss 170/01 Z; SenE v. 11. 7. 2001 - Ss 273/01 Z = zfs 2002, 254 [255]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 B; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - SSs 82/03 Z, SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z; Göhler/König/Seitz a. a. O., § 73 Rdnr. 5 m. w. N.).

b.

Dem infolge der Zulässigkeit der erhobenen Verfahrensrüge zu berücksichtigenden Akteninhalt (vgl. Senat a. a. O.) ist folgendes zu entnehmen:

Das Amtsgericht hat zunächst auf den 9. Dezember 2002 Hauptverhandlungstermin bestimmt und diesen dann wegen Verhinderung des Verteidigers RA L. mit Verfügung vom 21. November 2002 auf den 13. Januar 2003 verlegt. Die entsprechende Terminsladung ist dem Betroffenen am 16. Dezember 2002 und dem Verteidiger RA L. am 18. Dezember 2002 zugestellt worden. Mit Schriftsatz vom 19. Dezember 2002 hat der Betroffene über seinen Verteidiger RA L. beantragt, ihn von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen in dem auf den 13. Januar 2003 anberaumten Hauptverhandlungstermin zu entbinden. Insoweit hat der Verteidiger u. a. ausgeführt:

"Herr C. wird keine Erklärungen in der Hauptverhandlung abgeben. Er bestreitet im übrigen nicht, mit dem Fahrzeug gefahren zu sein".

Mit Beschluss vom 9. Januar 2003 hat das Amtsgericht den Antrag des Betroffenen auf Entbindung von seiner Verpflichtung zum persönlichen Erscheinen ohne weitere Begründung zurückgewiesen.

Im Hauptverhandlungstermin vom 13. Januar 2003 ist der Betroffene nicht erschienen. Das Amtsgericht hat daraufhin seinen Einspruch gegen den Bußgeldbescheid vom 25. September 2002 gemäß § 74 Abs. 2 OWiG durch Urteil verworfen.

In den Urteilsgründen wird ausgeführt:

"Der Betroffene ist in dem heutigen Termin zur Hauptverhandlung ohne genügende Entschuldigung ausgeblieben. Der Betroffene war auch nicht vom persönlichen Erscheinen entbunden, da seine Anwesenheit zur weiteren Aufklärung der Sache erforderlich war".

c.

Damit lagen die dargestellten Voraussetzungen für die Entbindung des Betroffenen von seiner Verpflichtung zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung vor:

Einerseits hatte der Betroffene mit Schriftsatz seines Verteidigers RA L. vom 19. Dezember 2002 seine Fahrereigenschaft eingeräumt und mitgeteilt, dass weitere Erklärungen zur Sache nicht abgegeben werden. Insoweit konnte der Verteidiger des Betroffenen für seinen Mandanten im schriftlichen Abwesenheitsverfahren (§ 74 Abs. 1 OWiG) wirksam Erklärungen abgeben und insbesondere wirksam dessen Entbindung von der Verpflichtung zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung nach Maßgabe von § 73 Abs. 2 OWiG beantragen, da der Betroffene ihm unter dem 19. August 2002 schriftlich eine am 20. August 2002 zu den Akten gereichte Vertretungsvollmacht für das hiesige Bußgeldverfahren erteilt hatte (vgl. insoweit zu § 74 Abs. 1 OWiG: OLG Frankfurt/Main NZV 1993, 281; OLG Stuttgart zfs 2002, 252; OLG Zweibrücken NZV 1994, 372; SenE v. 15. 4. 1999 - Ss 144/99 Z = NZV 1999, 436 = VRS 97, 187 [189]; vgl. insoweit zu § 73 Abs. 2 OWiG: BayObLGSt. 2000, 3 = DAR 2000, 324 = NStZ-RR 2000, 247 [248] = NZV 2001, 221 [222] = VRS 98, 376 [377 f.]; SenE v. 21. 12. 2001 - Ss 507/01 B = DAR 2002, 178 [179] = NStZ 2002, 268 = NZV 2002, 241 = StraFo 2002, 134 = VRS 102, 112 [114] = zfs 2002, 152 [153]; SenE v. 11. 1. 2002 - Ss 533/01 B = NJW 2002, 3791 (LS) = DAR 2002, 180 [181 f.] = NStZ-RR 2002, 114 [116] = NZV 2002, 466 = VRS 102, 106 [110] = zfs 2002, 154; SenE v. 14. 1. 2003 - Ss 414/02 B).

Andererseits war die Anwesenheit des Betroffenen zur Aufklärung wesentlicher Gesichtspunkte des Sachverhaltes nicht erforderlich. Nachdem sein Verteidiger aufgrund der erteilten schriftlichen Bevollmächtigung wirksam für den Betroffenen erklärt hatte, dieser werde in der Hauptverhandlung über die bereits schriftsätzlich mitgeteilten Ausführungen hinaus von seinem Schweigerecht (§§ 71 OWiG, 243 Abs. 4 StPO) Gebrauch machen, wäre sein Erscheinen in der Hauptverhandlung allenfalls ausnahmsweise zur Sachaufklärung erforderlich gewesen; wenn beispielsweise - wofür überhaupt keine Anhaltspunkte vorliegen - die Überleitung des Bußgeldverfahrens in ein Strafverfahren (§ 81 OWiG) im Raum gestanden hätte (vgl. SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z; Senge in: KK-OWiG a. a. O., § 73 Rdnr. 31) oder die Identifizierung des Betroffenen durch Zeugen oder Bildvergleich bzw. eine Gegenüberstellung mit dritten Personen angezeigt gewesen wäre (vgl. BayObLG zfs 2001, 186 [187]; OLG Koblenz, Beschluss v. 8. 3. 2002 - 2 Ss 34/02; OLG Zweibrücken NZV 2000, 304 = zfs 1999, 537; Senat a. a. O.; Senge a. a. O.; Schneider NZV 1999, 14 (16(). Hierfür bestand jedoch ersichtlich kein Bedarf, nachdem der Betroffene seine Fahrereigenschaft eingeräumt hatte. Außerdem sind keine Anhaltspunkte dahin zu erkennen, dass sich der Betroffene entgegen seiner schriftsätzlichen Ankündigung in der Hauptverhandlung doch zur Sache eingelassen hätte (vgl. BayObLG a. a. O; OLG Dresden zfs 2003, 98; OLG Koblenz a. a. O.; OLG Zweibrücken a. a. O.; Senat a. a . O.; Senge a. a. O., Rdnr. 23; vgl. auch Göhler/König/Seitz a. a. O., § 73 Rdnr. 23).

Demgegenüber enthalten weder die am 9. Januar 2003 ohne weitere Begründung erfolgte Ablehnung des Entpflichtungsantrags vom 19. Dezember 2002 noch die Gründe des angefochtenen Urteils eine an dem Regelungsgehalt des § 73 Abs. 2 OWiG orientierte, nachvollziehbare inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Antragsbegehren. Sofern das Amtsgericht in den Urteilsgründen ausführt, der Betroffene habe nicht von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen entbunden werden können, weil seine Anwesenheit zur weiteren Aufklärung der Sache erforderlich gewesen sei, verkennt es, dass der Betroffene ausweislich seiner schriftsätzlichen Erklärung vom 19. Dezember 2002 seine Fahrereigenschaft eingeräumt und überdies erklärt hatte, sich in der Hauptverhandlung nicht weiter zur Sache äußern und damit insoweit von seinem in §§ 71 OWiG, 243 Abs. 4 StPO verankerten Schweigerecht Gebrauch zu machen. Deshalb ist nicht zu erkennen, welcher Aufklärungsbeitrag von dem Betroffenen in der Hauptverhandlung noch zu erwarten gewesen sein sollte.

Die Entscheidung des Amtsgerichts, den Betroffenen nicht gemäß § 73 Abs. 2 OWiG von seiner Pflicht zum persönlichen Erscheinen zu entbinden, vermag deshalb von ihrer Begründung her nicht nachvollzogen zu werden und stellt sich daher als willkürlich dar, so dass sie das in Art. 103 Abs. 1 GG verankerte Verfassungsgebot der Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt (vgl. BayObLG DAR 2000, 578; SenE v. 8. 5. 2001 - Ss 170/01 Z; SenE v. 11. 7. 2001- Ss 273/01 Z = zfs 2002, 254 [255]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 B; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; vgl. auch OLG Karlsruhe DAR 2003, 182; OLG Stuttgart zfs 2003, 210 [211]).

III.

1.

Die zugelassene Rechtsbeschwerde erweist sich aufgrund der dargestellten Versagung des rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) und der damit verbundenen Rechtsfehlerhaftigkeit der auf § 74 Abs. 2 OWiG gestützten Verwerfung des Einspruchs des Betroffenen gegen den Bußgeldbescheid vom 25. September 2002 (vgl. BayObLG DAR 2000, 578; OLG Karlsruhe zfs 1999, 538 [539]; OLG Zweibrücken NZV 2000, 304 = zfs 1999, 537; Senge a. a. O., § 74 Rdnr. 36 m. w. N.) auch als begründet (vgl. BayObLG a. a. O.; SenE v. 8. 5. 2001 - Ss 170/01 Z; SenE v. 11. 7. 2001 - Ss 273/01 B = zfs 2002, 254 [255]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 B; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03; SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z), weil die schriftsätzliche Einlassung des Betroffenen zur Sache infolge dieses Verfahrensfehlers vom Amtsgericht bei der Urteilsfindung zu Unrecht nicht berücksichtigt worden ist (vgl. BayObLG zfs 2001, 185 [186]; BayObLG zfs 2001, 186 [187]; BayObLG VRS 103, 377 [378]; SenE v. 8. 9. 1987 - Ss 440/87 = NStZ 1988, 31 = zfs 1988, 60; SenE v. 4. 2. 1999 - Ss 45/99 Z = NZV 1999, 264 [266] = VRS 96, 451 [454 f.]; SenE v. 24. 1. 2003 - Ss 538/02 B; SenE v. 18. 3. 2003 - Ss 70/03 Z; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; SenE v. 11. 4. 2003 - Ss 119/03 Z; SenE v. 28. 4. 2003 - Ss 134/03 Z). Der von der Generalstaatsanwaltschaft insoweit vorgebrachte Umstand, dass der Verteidiger des Betroffenen in der Hauptverhandlung vom 13. Januar 2003 anwesend war, führt zu keinem abweichenden Ergebnis, da gemäß § 73 Abs. 3 OWiG der Verteidiger den Betroffenen mangels Entbindung von der Verpflichtung zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung nicht vertreten und deshalb die auf das Nichterscheinen des Betroffenen gestützte Verwerfungsentscheidung nach § 74 Abs. 2 OWiG nicht verhindern konnte (vgl. Göhler/König/Seitz a. a. O., § 74 Rdnr. 33 m. w. N.).

2.

Hingegen ist das Bußgeldverfahren nicht gemäß §§ 46 Abs. 1 OWiG, 206a Abs. 1 StPO wegen Eintritts von Verfolgungsverjährung einzustellen. Zwar steht nach erfolgter Zulassung der Rechtsbeschwerde die Bestimmung des § 80 Abs. 5 OWiG einer solchen Einstellungsentscheidung nicht mehr entgegen (vgl. SenE v. 7. 4. 1987 - Ss 14/87 Z = NJW 1987, 2386 = VRS 73, 140 (141(; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/02 Z; Göhler/König/Seitz a. a. O., § 80 Rdnr. 23 f., m. w. N.). Doch ist entgegen der Ansicht des Betroffenen keine Verfolgungsverjährung (§§ 31 OWiG, 26 Abs. 3 StVG) eingetreten.

Insbesondere ist der Lauf der Verfolgungsverjährung durch den Erlass des Bußgeldbescheids vom 25. September 2002 wirksam gemäß § 33 Abs. 1 Nr. 9 OWiG unterbrochen worden. Denn der Bußgeldbescheid ist ausweislich der in der Akte befindlichen Zustellungsurkunde (Bl. 28 der Bußgeldakte) entsprechend den Vorgaben dieser Bestimmung innerhalb von zwei Wochen nach seinem Erlass, nämlich am 30. September 2002, gemäß §§ 46 Abs. 1 OWiG, 145a Abs. 1 StPO wirksam dem bevollmächtigen Verteidiger des Betroffenen, Rechtsanwalt L. aus L., zugestellt worden. Der Wirksamkeit dieser Zustellung stand insbesondere nicht, wie der Betroffene meint, das in §§ 46 Abs. 1 OWiG, 137 Abs. 1 Satz 2 StPO verankerte Verbot der Wahl von mehr als drei Verteidigern entgegen. Zwar erfolgte die Zustellung unter der Adressierung "Rechtsanwaltskanzlei Dr. jur. B. K. und Partner für Herrn X. C.". Insoweit hatte der Betroffene am 19. August 2002 die in einer Sozietät verbundenen sechs Kölner Rechtsanwälte Dr. K. L., L., Q., I. und S. schriftlich dazu bevollmächtigt, ihn im Bußgeldverfahren zu verteidigen (Bl. 6 der Bußgeldakte). Doch ist in der Folgezeit lediglich ein Mitglied dieser Sozietät, nämlich Rechtsanwalt L., für den Betroffenen tätig geworden. Dieser hat unter dem 20. August 2002 für den Betroffenen eine kurze Einlassung abgegeben (Bl. 5 der Bußgeldakte) sowie am 4. September 2002 die Bußgeldakte nach Einsichtnahme an die Verwaltungsbehörde zurückgesandt (Bl. 17 der Bußgeldakte). Mithin war es bis zur Zustellung des Bußgeldbescheides lediglich Rechtsanwalt L., welcher durch schlüssiges Verhalten den seinen fünf Sozien und ihm von dem Betroffenen erteilten Verteidigungsauftrag angenommen und damit die Stellung eines Verteidigers erlangt hatte. Der Betroffene hatte somit zum Zeitpunkt der Zustellung des Bußgeldbescheides am 30. September 2002 nicht entgegen §§ 46 Abs. 1 OWiG, 137 Abs. 1 Satz 2 StPO mehr als drei Verteidiger gewählt. Die Zustellung des Bußgeldbescheides konnte deshalb wirksam i. S. von §§ 46 Abs. 1 OWiG, 145a Abs. 1 StPO unter der Adressierung "Rechtsanwaltskanzlei Dr. B. K. und Partner" an den bis dahin einzigen Verteidiger RA L. erfolgen (vgl. OLG Hamm MDR 1980, 513 (514(; SenE v. 31. 3. 2003 - Ss 82/03 Z; Meyer-Goßner, StPO, 46. Aufl., § 137 Rdnr. 6 und § 145a Rdnr. 3 m. w. N.). Die von dem Betroffenen angesprochene Entscheidung BayObLG NJW 1976, 861 = MDR 1976, 422 führt zu keiner abweichenden rechtlichen Bewertung, da der Betroffene in dem dortigen Verfahren entgegen §§ 46 Abs. 1 OWiG, 137 Abs. 1 Satz 2 StPO vier Verteidiger gewählt hatte, nachdem vier von ihm als Mitglieder einer Sozietät bevollmächtigte Rechtsanwälte durch schlüssiges Verhalten ihre Wahl zum Verteidiger angenommen hatten.