OLG Düsseldorf, Beschluss vom 04.10.2002 - 23 U 92/02
Fundstelle
openJur 2011, 19453
  • Rkr:
Verfahrensgang
  • vorher: Az. 3 O 256/00

Oberlandesgericht Düsseldorf, Beschluss vom 4.10.2002 (23 U 92/02)

Leitsätze:

1. Der Mandant, der seinem erstinstanzlichen Prozessbevollmächtigten einen Rechtsmittelauftrag mit E-Mail zuleitet, handelt schuldhaft, wenn die E-Mail-Nachricht den Rechtsanwalt wegen eines Eingabefehlers nicht erreicht. Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nach § 233 ZPO wegen der Versäumung der Berufungsfrist ist in einem solchen Fall nicht zu gewähren.

2. Auch bei einer korrekten Adressierung der E-Mail-Nachricht darf der Mandant nicht wegen der Absendung der E-Mail allein auf deren ordnungsgemäßen Zugang beim Adressaten vertrauen. Vielmehr handelt nur derjenige nicht schuldhaft im Sinne des § 233 ZPO, der zusätzliche Kontrollmaßnahmen vornimmt, für die die Anforderungen allerdings nicht zu hoch angesetzt werden dürfen.

Tenor

OBERLANDESGERICHT DÓSSELDORF

BESCHLUSS

23 U 92/02

3 O 256/00

Landgericht Kleve

In dem Rechtsstreit

pp.

hat der 23. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf durch die Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht D............, den Richter am Oberlandesgericht Dr. ........... und den Richter am Landgericht K..... am 4. Oktober 2002

b e s c h l o s s e n :

1. Der Antrag des Klägers auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen der Versäumung der Berufungsfrist wird zurückgewiesen.

2. Die Berufung des Klägers gegen das am 19. März 2002 verkündete Urteil der 3. Zivilkammer des Landgerichts Kleve wird verworfen.

3. Der Antrag des Klägers auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe für das Berufungsverfahren wird zurückgewiesen.

4. Der Kläger trägt die Kosten des Berufungsverfahrens.

G r ü n d e

I.

Mit Urteil vom 19. März 2002 hat das Landgericht Kleve die im wesentlichen auf Zahlung von Werklohn gerichtete Klage des Klägers in vollem Umfang abgewie-sen. Das Urteil ist den erstinstanzlichen Prozessbevollmächtigten des Klägers am 21. März 2002 zugestellt worden. Mit Schriftsatz vom 21. Mai 2002, eingegangen beim Oberlandesgericht Düsseldorf an demselben Tag, haben die jetzigen Pro-zessbevollmächtigten des Klägers Berufung eingelegt und diese begründet. Gleichzeitig haben sie die Gewährung der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand sowie die Bewilligung von Prozesskostenhilfe beantragt.

Zur Begründung trägt der Kläger vor, sein erstinstanzlicher Prozessbevollmäch-tigter habe ihm mit E-Mail vom 25. März 2002 sowie zusätzlich auf dem Postweg mit Schreiben von demselben Tag die Erfolgsaussichten der Berufung erläutert und ihm - zutreffend - den 22. April 2002 als den Tag genannt, an dem die Be-rufungsfrist abläuft. Daraufhin habe er an seinen Prozessbevollmächtigten mit Schreiben vom 4.4.2002 den Auftrag erteilt, Berufung einzulegen. Dieses Schrei-ben habe er an demselben Tag als Anhang zu einer E-Mail abgesandt, es sei aber bei seinem Prozessbevollmächtigten nicht angekommen. Nachdem er länge-re Zeit nichts mehr von dem Fortgang der Angelegenheit gehört habe, habe er mit E-Mail vom 13. Mai 2002 bei seinem Prozessbevollmächtigten nach dem Stand der Bearbeitung nachgefragt. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Rechts-mittelauftrag nicht eingegangen sei.

Der Kläger beantragt neben der Ankündigung eines Berufungsantrags,

1. ihm Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu gewähren,

2. ihm Prozesskostenhilfe für die Berufungsinstanz zu gewähren und ihm Rechtsanwalt Dr. H.............beizuordnen,

Der Beklagte hat im Berufungsverfahren noch nicht Stellung genommen.

II.

1. Die Berufung ist gemäß § 522 Abs. 1 Satz 2 ZPO n. F. zu verwerfen, weil sie nicht in der Monatsfrist des § 517 ZPO eingelegt worden ist. Die Berufungsfrist lief am 22. April 2002 ab, während die Berufungsschrift erst am 21. Mai 2002 beim Oberlandesgericht einging.

2. Dem Kläger ist auch nicht Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nach § 233 ZPO zu gewähren. Er hat nicht glaubhaft gemacht, dass er ohne Verschulden verhindert war, die Berufungsfrist einzuhalten, nämlich dass er die Sorgfalts-pflichten eingehalten hat, die einen Mandanten bei Erteilung eines Rechtsmittel-auftrags per E-Mail treffen.

Dabei geht der Senat mit Blick auf die eidesstattlichen Versicherungen des erstin-stanzlichen Prozessbevollmächtigten des Klägers und seiner Angestellten einer-seits sowie der Frau K........... und des Klägers andererseits davon aus, dass der Kläger zwar einen Sendeversuch unternommen hat, die E-Mail den Rechtsanwalt aber nicht erreicht hat. Der Kläger hat aber nicht in ausreichendem Umfang aus-geräumt, dass von ihm verschuldete Fehler die Ursache waren.

a) Einen unbemerkt gebliebenen Defekt des Computers will der Kläger als Ursa-che der unterbliebenen Óbermittlung offenbar nicht behaupten. Diese Störung ist später aufgetreten und hindert das derzeitige Abrufen damals gespeicherter Da-ten. Am 13.5.2002, dem Datum der Nachfrage bei dem Prozessbevollmächtigten, funktionierte der Computer aber jedenfalls noch.

b) Der Kläger hat nicht glaubhaft gemacht, dass ihm bei der Adressierung der E-Mail kein Eingabefehler, der ihm als fahrlässig zuzurechnen wäre, unterlaufen ist. Derartige Tippfehler stellen in der Praxis den häufigsten Grund dafür dar, dass eine E-Mail den Empfänger nicht erreicht, weil hier bereits kleinste Abweichungen von der korrekten Adresse eine ordnungsgemäße Óbermittlung nicht nur erschwe-ren, sondern ausschließen. Dies stellt einen erheblichen Unterschied bei den Óbermittlungsrisiken zwischen einer E-Mail und einem auf dem Postweg ver-sandten Schreiben dar. Bei letzterem verhindert ein kleinerer Schreibfehler in aller Regel die Óbermittlung nicht, sondern verzögert sie allenfalls. Deshalb ist die Glaubhaftmachung einer korrekten Adressierung bei Versand einer E-Mail beson-ders sorgfältig zu prüfen, was regelmäßig anhand des Sendeprotokolls, das die Adresseneingabe enthält, geschehen kann. Das ist im vorliegenden Fall nicht möglich, weil der Kläger unter Hinweis auf einen Defekt des Computers lediglich einen Ausdruck des E-Mail-Anhangs, nicht aber der E-Mail selbst, aus der sich die Adressierung ergeben würde, vorgelegt hat. Auch im übrigen fehlt es an einer ausreichenden Glaubhaftmachung. Zwar enthält die eigene eidesstattliche Versi-cherung des Klägers vom 17.5.2002 die Angabe der richtigen E-Mail Adresse des Prozessbevollmächtigten, an die er den Rechtsmittelauftrag abgesandt haben will. Diese nachträglichen Angaben schließen jedoch nicht aus, dass dem Kläger meh-rere Wochen zuvor bei Absendung der E-Mail ein unbewusster Eingabefehler in einem kleinen Detail unterlaufen ist. Die Zeugin Kuehnelt macht zu der tatsächli-chen Adresseneingabe keine Angaben.

c) Selbst wenn man von einer korrekten Adressierung der E-Mail durch den Kläger ausgeht, hat er nicht glaubhaft gemacht, dass ein Verschulden seinerseits an der unterbliebenen Óbermittlung nicht vorgelegen hat. Letzteres kann noch andere Ursachen haben. Hierzu zählt nach den Erfahrungen des Senats zum Beispiel der Fall, dass das E-Mail-Postfach des Empfängers bereits belegt ist, weil hierfür häu-fig nur eine bestimmte Speicherkapazität auf dem Empfängerserver zur Verfügung steht. Aber auch in diesem Fall wird die E-Mail ebenso wie bei Eingabe einer nicht existierenden Adresse automatisch an den Absender, hier also den Kläger, als unzustellbar zurückgeschickt. Weil derartige Óbermittlungsfehler in der Praxis durchaus eintreten können, durfte der Kläger nicht wegen der Absendung der E-Mail allein auf den ordnungsgemäßen Zugang beim Adressaten vertrauen. Er hätte vielmehr eine gewisse Kontrolle durchführen müssen, wobei die Anforde-rungen nicht zu hoch angesetzt werden dürfen. In einem vergleichbaren Fall einer gescheiterten Óbermittlung eines Rechtsmittelauftrags per Fax hat der Bundesge-richtshof darauf abgestellt, dass das Sendegerät des Mandanten eine "OK-Meldung" ausgedruckt hatte (BGH NJW 1997, 1311). Entsprechende Sorgfalts-pflichten treffen auch den Absender einer E-Mail. Beispielsweise kann er von ei-ner Funktion Gebrauch machen, über die E-Mail-Programme regelmäßig verfü-gen: Dabei erhält der Absender eine automatische Rückmeldung, wenn die E-Mail bei dem Adressaten angekommen ist. Das entspricht der "OK-Meldung" bei der Absendung eines Faxes. Es würde aber nach Auffassung des Senats auch genü-gen, die E-Mail-Eingänge eine kurze Zeit, längstens einen Tag, nach Absendung der E-Mail zu beobachten, weil Fehler bei der Óbermittlung dazu führen, dass die E-Mail umgehend an den Absender zurückgesandt wird. Erhält der Absender bei korrekter Adressierung eine solche Rücksendung nicht innerhalb kurzer Zeit nach Absendung der E-Mail, so kann er mit einem Zugang beim Empfänger rechnen. Dass eine E-Mail tatsächlich spurlos im Netz verschwindet, mag theoretisch nicht ausgeschlossen sein, ist aber nach den Erfahrungen des Senats jedenfalls äu-ßerst selten, wenn es in der Praxis überhaupt vorkommen sollte. Der Kläger hätte schließlich, nachdem er den Rechtsmittelauftrag ca. 3 Wochen vor Ablauf der Be-rufungsfrist an den erstinstanzlichen Prozessbevollmächtigten abgesandt haben will, dort auch anrufen können, weil er bis zum Ablauf der Berufungsfrist keinerlei Reaktion erhalten hat. Dazu wäre er allerdings nach Auffassung des Senats zu-sätzlich zu den zuvor geschilderten Maßnahmen nicht verpflichtet gewesen. Der Kläger hat indes keinerlei derartige Kontrollmaßnahmen glaubhaft gemacht.

3. Die beantragte Prozesskostenhilfe ist nicht zu bewilligen, da die Berufung aus den oben dargelegten Gründen keine Aussicht auf Erfolg hat, § 114 ZPO.

4. Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.

Streitwert für das Berufungsverfahren: 34.373,66 EUR.

(D............) (Dr. ...........) (K.....)