VG Bayreuth, Urteil vom 01.04.2015 - B 3 K 14.30510
Fundstelle
openJur 2015, 8280
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Tenor

1. Die Klage wird abgewiesen.

2. Der Kläger trägt die Kosten des gerichtskostenfreien Verfahrens.

3. Die Kostenentscheidung ist vorläufig vollstreckbar.

Tatbestand

Der Kläger, geb. am ... 1996, afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer Volkszugehörigkeit, reiste am ... 2012 mit dem Zug von Österreich aus kommend in die Bundesrepublik Deutschland ein und stellte am ... 2012 einen Asylantrag.

In seiner polizeilichen Vernehmung in der Bundespolizeiinspektion Rosenheim vom ... 2012 gab der Kläger an, dass er im Alter von einem Jahr mit seinen Eltern in den Iran geflüchtet sei, wo er kein gutes Leben gehabt habe. Über eine Schleuserorganisation sei er vom Iran nach Europa geflüchtet. Für die Schleusung habe er ca. 7.500 Euro bezahlt. Teilweise habe er diese Kosten durch Arbeit finanziert, den Rest durch seine Eltern und Verwandte. Seine Eltern hätten entschieden, dass er nach Europa reisen solle, weil in Afghanistan Krieg sei. Was dort genau passiere wisse er nicht. Er habe auf seine Eltern gehört.

Zur Begründung seines Asylantrages gab der Kläger bei seiner persönlichen Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am ... 2014 an, dass er bis zu seinem ersten Lebensjahr in ... gelebt habe und dann mit seiner Familie in den Iran gezogen sei. Dort habe er zuletzt zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in Teheran gelebt. In ... in Afghanistan lebe noch sein Großvater väterlicherseits. Für die Ausreise habe er 12.000 Euro bezahlt. Das Geld hätten er und seine Eltern von Verwandten, Onkel und Tanten ausgeliehen. Er habe als Verkäufer und Maler gearbeitet. Er habe auch in einer Schneiderei mitgeholfen. Er sei im Iran von Iranern erniedrig worden. Er habe im Iran keine Zukunft gehabt. Nachts hätte man sich nicht alleine frei bewegen können, da man Angst gehabt habe, dass man umgebracht werde. Als er eines Nachts alleine unterwegs gewesen sei, hätten sich vier Leute auf ihn geworfen und seinen Rücken mit einem Messer verletzt. Er sei auch bedroht worden. Als er von der Arbeit gekommen sei, habe man seinen Weg blockiert und von ihm Geld verlangt. Er habe Angst gehabt deswegen zur Polizei zu gehen.

Mit Bescheid vom 3. Dezember 2014 wurde der Antrag des Klägers auf Anerkennung als Asylberechtigter, Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und des subsidiären Schutzstatus abgelehnt. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG nicht vorliegen. Schließlich wurde der Kläger aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe der Entscheidung bzw. im Falle der Klageerhebung innerhalb von 30 Tagen nach dem unanfechtbaren Abschluss des Asylverfahrens zu verlassen, widrigenfalls wurde die Abschiebung nach Afghanistan angedroht.

Zur Begründung wird ausgeführt, dass der Kläger kein Flüchtling i. S. d. § 3 AsylVfG sei. Er habe keine gegen ihn gerichteten Verfolgungsmaßnahmen in seinem Heimatland vorgetragen. Auch im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan habe er keine asylerheblichen Verfolgungshandlungen zu befürchten. Außerdem lägen die Voraussetzungen für die Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus nach § 4 Abs. 1 AsylVfG nicht vor. Der Antragsteller habe vor seiner Ausreise aus Afghanistan in ... gewohnt, wo er noch heute Familienangehörige habe. Zwar sei angesichts der in der Provinz und auch in der Stadt ... herrschenden Situation – wie im gesamten Land - vom Vorliegen eines innerstaatlichen bewaffneten Konflikts i. S. d. § 4 Abs. 1 Nr. 3 AsylVfG auszugehen. Ein Gefährdungsgrad für den Kläger, der die Feststellung einer erheblichen individuellen Gefahr allein aufgrund seiner Rückkehr nach ... und der Anwesenheit dort rechtfertigen würde, könne jedoch nicht angenommen werden. Gemessen an der Einwohnerzahl der Provinz ... seien die Ereignisse nicht so häufig, dass jeder Rückkehrer damit rechnen müsse, Opfer eines Anschlags zu werden. Die Situation in der Stadt ... sei in den letzten Jahren durchwegs als verhältnismäßig ruhig beschrieben worden. Die Lage dort sei relativ sicher. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien in den Bevölkerungszentren in der Lage, zumindest eine ausreichend kontrollierbare Sicherheitslage zu gewährleisten. Anschläge und Überfälle seien in erster Linie gegen afghanische und internationale Sicherheitskräfte gerichtet. Zivilisten seien eher zufällig in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Risiko, Opfer des innerstaatlichen Konflikts zu werden, liege sowohl in der Stadt als auch in der Provinz ... bei weniger als einem Prozent. Es gäbe auch keine Anzeichen dafür, dass die humanitären Bedingungen bei einer Rückkehr nach Afghanistan für den Kläger als derart schlecht zu bewerten wären, dass von einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung i. S. v. Art. 3 EMRK i. V. m. § 60 Abs. 5 AufenthG ausgegangen werden müsse. Die hierfür vom EGMR geforderten hohen Anforderungen an den Gefahrenmaßstab seien nicht erfüllt. Der Kläger habe keine stichhaltigen Ausführungen gemacht, die zu der Schussfolgerung führen könnten, dass er nach seiner Rückkehr in Afghanistan mittellos und völlig auf sich gestellt sei. Auch die Tatsache, dass der Kläger in der Lage gewesen sei, erhebliche Mittel für seine Ausreise aufzubringen, spreche gegen das Fehlen einer Unterstützung im Herkunftsland. Er habe nach eigenen Angaben 12.000 Euro für seine Ausreise bezahlt. Dieses Geld habe er von Verwandten geliehen. Der Großvater väterlicherseits sowie Onkel und Tanten des Klägers würden noch in Afghanistan leben. Es sei davon auszugehen, dass der junge und arbeitsfähige Kläger im Falle einer Rückkehr in sein Heimatland von den Familienangehörigen aufgenommen und bei der Wiedereingliederung in die afghanische Gesellschaft unterstützt werde. Sein Existenzminimum sei daher gesichert. Schließlich drohe dem Kläger auch keine individuelle Gefahr für Leib und Leben i. S. d. § 60 Abs. 7 AufenthG.

Gegen diesen Bescheid ließ der Kläger mit Schriftsatz seines Prozessbevollmächtigten vom 15. Dezember 2014, eingegangen beim Verwaltungsgericht Bayreuth am 16. Dezember 2014, Klage erheben. Er beantragt zuletzt:

Der Beklagte wird unter entsprechender Aufhebung der Ziffern 4 und 5 des Bescheides des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 3. Dezember 2014 verpflichtet, festzustellen, dass beim Kläger Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG vorliegen.

Zur Begründung lässt er vortragen, dass er sein Heimatland aus begründeter Furcht vor Verfolgung verlassen habe. Die Androhung seiner Abschiebung sei wegen Verstoßes gegen Art. 1 und 2 GG sowie Art. 3 EMRK unzulässig, da diese zu Gefahren für Leib, Leben und Freiheit des Klägers führen würde.

Die Beklagte beantragt mit Schriftsatz vom 29. Dezember 2014,

die Klage abzuweisen.

Mit Schriftsatz vom 9. März 2015 trägt der Klägerbevollmächtigte vor, dass beim Kläger aufgrund der Umstände in seinem Einzelfall die Voraussetzungen für die Feststellung eines Abschiebungsverbotes gemäß § 60 Abs. 5 AufenthG i. V. m. Art. 3 EMRK sowie § 60 Abs. 7 AufenthG vorlägen. Wie sich aus der Stellungnahme des UNHCR vom 11. November 2011 ergebe, habe sich die Versorgungssituation in Kabul sowie die Möglichkeit existenzsichernde Arbeitsstellen zu finden, in den letzten Jahren in Kabul nicht verbessert, sondern vielmehr seien die Lebenshaltungskosten in Kabul stark angestiegen. Die Teuerungsrate bei den Lebensmitteln führe für einen Großteil der afghanischen Bevölkerung in Kabul zu Engpässen bei der Versorgung. Aus dem Gutachten des Sachverständigen Dr. Danesch an den Hessischen Verwaltungsgerichtshof vom 7. Oktober 2010 und dem Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe vom 11. August 2010 ergebe sich, dass bereits damals über ein Drittel (36 %) der Bevölkerung in Afghanistan in absoluter Armut gelebt habe. Die Zerstörung von Wohnhäusern habe zu Wohnungsknappheit geführt. 46 % der Rückkehrer seien mit Unterkunftsproblemen konfrontiert gewesen und 28 % hätten über kein stabiles Einkommen verfügt. Die medizinische Versorgung sei völlig unzureichend gewesen. Kapazitäten, weitere Rückkehrer aufzunehmen, bestünden nicht. Die Lebensverhältnisse seien damals schon so dramatisch gewesen, dass ein alleinstehender Rückkehrer keinerlei Aussicht hätte, sich aus eigener Kraft eine Existenz zu schaffen. Die Arbeitslosenquote in Kabul habe 60 % betragen. Auch unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, wonach zwar grundsätzlich davon auszugehen sei, dass ein gesunder arbeitsfähiger junger Mann auf niedrigstem Niveau sein Auskommen in Kabul erwirtschaften könne, könne sich aber im Einzelfall eine andere Beurteilung ergeben. So habe das Verwaltungsgericht Augsburg in seinem Urteil vom 27. September 2011, Au 6 K 11.30278, ausgeführt, dass ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG vorliege, wenn im Einzelfall eine besondere Konstellation gegeben sei. Der Kläger habe sich zuvor noch nie in Kabul aufgehalten, so dass er die dortigen Örtlichkeiten nicht kenne. Außerdem verfüge er über keinerlei familiäre Verbindungen nach Kabul. Ohne Anschluss an Familienangehörige habe der Kläger keine Möglichkeit, bei einer Rückkehr nach Afghanistan Kontakte oder Verbindungen zu nutzen, um zumindest eine erste Anlaufstation zur Auffindung einer Unterkunft sowie einer Arbeitsstelle zu haben. Der Kläger habe ohne jegliche Kenntnis von Kabul und ohne jegliche Anlaufstation in Kabul keine Möglichkeit, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen, um eine wirtschaftliche Existenzmöglichkeit zu erwirtschaften. Auch in ... verfüge der Kläger über keinerlei belastbare familiäre Beziehungen mehr, auf die er zurückgreifen könnte. In ... befinde sich noch eine Tante des Klägers, welche zwischenzeitlich zehn eigene Kinder zu versorgen habe sowie sein Großvater, welcher alt und zudem halbseitig gelähmt sei. Diese könnten dem Kläger keinerlei Unterstützung gewähren, sondern würden allenfalls vom Kläger selbst Unterstützung wünschen und erhoffen, welche der Kläger nicht leisten könne. Der Kläger sei zudem faktischer Analphabet in der Sprache Dari. Da der Kläger im Alter von einem Jahr mit seiner Familie von Afghanistan in den Iran geflohen sei, kenne er sich auch in keiner Weise mehr mit den in Afghanistan üblichen Gepflogenheiten und Verhaltensweisen aus, so dass er sofort als „Ausländer“ wahrgenommen werde und entsprechenden Drangsalierungen ausgesetzt sein werde. Es werde zudem auf die Ausführungen in der Stellungnahme des Herrn Dr. Dünnwald vom 9. Februar 2015 mit dem Titel „Keine Abschiebungen nach Afghanistan“ Bezug genommen. Dieser Stellungnahme sei zu entnehmen, dass durch den Rückzug der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan zum Ende 2014 und durch die Einfrierung von Hilfsgeldern nochmals eine erhebliche Verschlechterung der afghanischen Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage eingetreten sei.

Mit Beschluss vom 28. Januar 2015 wurde der Rechtsstreit dem Einzelrichter zur Entscheidung übertragen. Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe wurde mit Beschluss vom 29. Januar 2015 abgelehnt.

Wegen des Verlaufs der mündlichen Verhandlung und der vom Kläger hilfsweise gestellten Beweisanträge wird auf die Sitzungsniederschrift vom 19. März 2015 verwiesen. Ergänzend wird entsprechend § 117 Abs. 3 Satz 2 Verwaltungsgerichtsordnung – VwGO – auf die Gerichtsakte und die Behördenakten Bezug genommen.

Gründe

Der nach § 76 Abs. 1 AsylVfG zuständige Einzelrichter konnte trotz Ausbleibens eines Vertreters der Beklagten über die Sache verhandeln und entscheiden, da diese ordnungsgemäß geladen und in der Ladung auf diese Möglichkeit hingewiesen worden war, § 102 Abs. 2 VwGO.

Die zulässige Klage hat in der Sache keinen Erfolg.

Der angefochtene Bescheid der Beklagten vom 3. Dezember 2014 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten, § 113 Abs. 1 Satz 1, Abs. 5 Satz 1 VwGO. Der Kläger hat zum maßgeblichen Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung (vgl. § 77 Abs. 1 AsylVfG) keinen Anspruch auf Feststellung von Abschiebungsverboten nach § 60 Abs. 5 und Abs. 7 Satz 1 AufenthG.

Aufgrund der Einschränkung des Klageantrags durch den Bevollmächtigten auf das Vorliegen von Abschiebungshindernissen nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG, sind die Fragen der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäß § 3 AsylVfG und des subsidiären Schutzes nach § 4 AsylVfG vorliegend nicht (mehr) zu prüfen.

1. Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 Satz 1 AufenthG bestehen nicht. Ergänzend zu den Ausführungen im angefochtenen Bescheid (§ 77 Abs. 2 AsylVfG) wird noch ausgeführt:

a) Ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG liegt nicht vor. Nach dieser Vorschrift soll von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Gemäß § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG sind die Gefahren nach Satz 1, denen die Bevölkerung oder die Bevölkerungsgruppe, der der Ausländer angehört, allgemein ausgesetzt ist, bei Anordnungen nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG zu berücksichtigen. Nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG kann die oberste Landesbehörde anordnen, dass die Abschiebung für längstens sechs Monate ausgesetzt wird.

Eine Gefahr kann grundsätzlich auch in einer unzureichenden Versorgungslage in Afghanistan, die insbesondere für Rückkehrer ohne Berufsausbildung und ohne familiäre Unterstützung besteht, begründet sein. Dies stellt jedoch eine allgemeine Gefahr im Sinn des § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG dar, die auch dann nicht als Abschiebungshindernis unmittelbar nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG berücksichtigt werden kann, wenn sie durch Umstände in der Person oder in den Lebensverhältnissen des Ausländers begründet oder verstärkt wird, aber nur eine typische Auswirkung der allgemeinen Gefahrenlage ist (BVerwG, U.v. 8.12.1998 – 9 C 4.98BVerwGE 108, 77). Dann greift grundsätzlich die Sperrwirkung des § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG. Eine Abschiebestoppanordnung besteht jedoch für die Personengruppe, der der Kläger angehört, nicht.

Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist allerdings im Einzelfall Ausländern, die zwar einer gefährdeten Gruppe im Sinn des § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG angehören, für welche aber ein Abschiebestopp nach § 60a Abs. 1 AufenthG oder eine andere Regelung, die vergleichbaren Schutz gewährleistet, nicht besteht, ausnahmsweise Schutz vor der Durchführung der Abschiebung in verfassungskonformer Handhabung des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG zuzusprechen, wenn die Abschiebung wegen einer extremen Gefahrenlage im Zielstaat Verfassungsrecht verletzen würde. Das ist der Fall, wenn der Ausländer gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen ausgeliefert würde (st. Rspr. des BVerwG, z.B. U.v. 12.7.2001 - 1 C 5/01 - BVerwGE 115,1 m.w.N.).

Die allgemeine Gefahr in Afghanistan hat sich für den Kläger nicht derart zu einer extremen Gefahr verdichtet, dass eine entsprechende Anwendung von § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG geboten ist. Die von der höchstrichterlichen Rechtsprechung hierfür aufgestellten Voraussetzungen sind nicht erfüllt (st. Rspr. des BayVGH, z.B. U.v. 20.1.2012 – 13a B 11.30425, U.v. 24.10.2013 – 13a B 13.30031, B.v. 28.11.2013 – 13.30293, B.v. 11.12.2013 – 13a ZB 13.30119, 13a ZB 13.30131, 13a ZB 13.30185 – alle juris; so auch VGH BW, U.v. 27.4.2012 – A 11 S 3079/11 – juris). Wann allgemeine Gefahren von Verfassungs wegen zu einem Abschiebungsverbot führen, hängt wesentlich von den Umständen des Einzelfalls ab und entzieht sich einer rein quantitativen oder statistischen Betrachtung. Die drohenden Gefahren müssen jedoch nach Art, Ausmaß und Intensität von einem solchen Gewicht sein, dass sich daraus bei objektiver Betrachtung für den Ausländer die begründete Furcht ableiten lässt, selbst in erheblicher Weise ein Opfer der extremen allgemeinen Gefahrenlage zu werden. Bezüglich der Wahrscheinlichkeit des Eintritts der drohenden Gefahren ist von einem im Vergleich zum Prognosemaßstab der beachtlichen Wahrscheinlichkeit erhöhten Maßstab auszugehen. Die Gefahren müssen dem Ausländer daher mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen. Dieser Wahrscheinlichkeitsgrad markiert die Grenze, ab der seine Abschiebung in den Heimatstaat verfassungsrechtlich unzumutbar erscheint. Das Erfordernis des unmittelbaren – zeitlichen – Zusammenhangs zwischen Abschiebung und drohender Rechtsgutverletzung setzt zudem für die Annahme einer extremen Gefahrensituation voraus, dass der Ausländer mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald nach seiner Rückkehr in sein Heimatland in eine lebensgefährliche Situation gerät, aus der er sich weder allein noch mit erreichbarer Hilfe anderer befreien kann (Renner/Bergmann/Dienelt, Ausländerrecht, 10. Aufl. 2013, § 60 AufenthG Rn. 54). Das bedeutet nicht, dass im Falle der Abschiebung der Tod oder schwerste Verletzungen sofort, gewissermaßen noch am Tag der Abschiebung, eintreten müssen. Vielmehr besteht eine extreme Gefahrenlage auch dann, wenn der Ausländer mangels jeglicher Lebensgrundlage dem baldigen sicheren Hungertod ausgeliefert werden würde (vgl. BVerwG, U.v. 29.6.2010 – 10 C 10.09BVerwGE 137, 226).

In Übereinstimmung mit der ständigen Rechtsprechung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (z.B. B.v. 19.2.2014 – 13a ZB 14.30022; B.v. 4.2.2014 - 13a ZB 13.30393; U.v. 24.10.2013 – 13a B 13.30031, B.v. 28.11.2013 – 13.30293, B.v. 11.12.2013 – 13a ZB 13.30119, 13a ZB 13.30131, 13a ZB 13.30185 - alle juris) geht das Gericht davon aus, dass derzeit für aus dem europäischen Ausland zurückkehrende, alleinstehende, männliche, arbeitsfähige afghanische Staatsangehörige wie den Kläger in Afghanistan nicht von einer extremen Gefahrenlage auszugehen ist, die zu einem Abschiebungsverbot in entsprechender Anwendung von § 60 Abs. 7 AufenthG führt. Dies gilt grundsätzlich auch für Rückkehrer, die keine Berufsausbildung haben und nicht auf einen aufnahmefähigen Familienverband zurückgreifen können.

Anhaltspunkte dafür, dass sich die Bedingungen für Rückkehrer insgesamt so wesentlich verschlechtert haben, dass diese Einschätzung überholt wäre, sind den vorliegenden Erkenntnismitteln nicht zu entnehmen.

Eine extreme allgemeine Gefahrenlage liegt hinsichtlich der allgemeinen Sicherheitslage in Kabul nicht vor. Den Informationen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) lässt sich entnehmen, dass nach den Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) Kabul trotz der Risiken durch Selbstmordanschläge sicherer und besser unter der Kontrolle der Sicherheitskräfte sei als andere Orte in Afghanistan. Außerdem verweist die Schweizer Flüchtlingshilfe auf einen Bericht der International Crisis Group, wonach die Sicherheitslage in Kabul an der Oberfläche relativ stabil erscheine (SFH, Afghanistan: Sicherheit in Kabul, vom 22. Juli 2014, S. 8). Aus dem Vorbringen des Klägers ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die allgemeine Sicherheitslage in seiner Person zu einer existenziellen Gefährdung bei einer Rückführung nach Kabul verdichten würde.

Dem Kläger droht auch keine erhebliche konkrete Gefahr für Leib oder Leben wegen der allgemeinen Versorgungslage in Kabul. Zwar gestaltet sich die allgemeine Versorgungslage in Kabul nach wie vor schwierig. Das Auswärtige Amt teilt mit, dass die medizinische Versorgung in Afghanistan trotz der erkennbaren und erheblichen Verbesserungen weiterhin an unzureichender Verfügbarkeit von Medikamenten und Ausstattung der Kliniken, insbesondere an fehlenden Ärzten, leide (Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in Afghanistan vom 31. März 2014, Stand: Februar 2014 - im Folgenden: Lagebericht - S. 20). Ein Anteil von rund 36 % der Bevölkerung lebe unterhalb der Armutsgrenze leben. Außerhalb der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte fehle es vielerorts an grundlegender Infrastruktur für Transport, Energie und Trinkwasser. Das rapide Bevölkerungswachstum stelle eine weitere besondere Herausforderung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes dar (Lagebericht, S. 19). Nach Erkenntnissen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe habe die Regierung in Kabul mit der Verstädterung besonders bei den sanitären Bedingungen nicht Schritt halten können. Die hohe Arbeitslosigkeit treffe vor allem Jugendliche, die deswegen besonders verletzlich seien (SFH-Update vom 11. August 2010 zur aktuellen Sicherheitslage, S. 16 ff.). Viele Menschen könnten nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Die Kinder- und Müttersterblichkeit sei sehr hoch, die medizinische Versorgung sehr schlecht (SFH-Update vom 23. August 2011 zur aktuellen Sicherheitslage, S. 18 f.).

Obwohl die Versorgungslage kritisch ist, muss nicht jeder Rückkehrer aus Europa generell in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit den Tod oder schwerste Gesundheitsschäden bei einer Rückführung erleiden. In einer gutachterlichen Stellungnahme von Dr. Karin Lutze vom 8. Juni 2011 an das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz wird festgestellt, dass von den rund 3.000 Rückkehrerfällen in den vergangenen fast zehn Jahren keine Fälle bekannt seien, in denen die Rückkehrer aufgrund von Hunger oder Unterernährung gestorben seien. Migranten, denen es gelungen sei, schwierige Wege und Situationen bis nach Europa zu meistern, gehörten zum mobileren Teil der afghanischen Bevölkerung und würden es daher erfahrungsgemäß schaffen, ihre Beziehungen so zu gestalten, dass sie ihr Überleben sichern könnten (S. 12). Dr. Danesch geht in seiner Auskunft an den Hessischen Verwaltungsgerichtshof vom 7. Oktober 2010 davon aus, dass am ehesten noch junge, kräftige Männer – häufig als Tagelöhner – einfache Jobs finden können, bei denen harte körperliche Arbeit gefragt sei (S. 9). Im Hinblick auf die allgemeine gesamtwirtschaftliche Lage ist zu berücksichtigen, dass sich Afghanistan in fast allen Bereichen positiv entwickelt habe. Die Bewertung Afghanistans im Human Development Index (HDI) habe sich kontinuierlich verbessert. Die afghanische Wirtschaft sei – nach einer Dekade starken Wachstums – im Jahr 2013 immerhin noch um 3 % gewachsen (Lagebericht, S. 19).

In Anbetracht der Auskunftslage war die Einholung von (weiteren) Auskünften sachverständiger Stellen – wie vom Klägerbevollmächtigten in der mündlichen Verhandlung hilfsweise beantragt – nicht erforderlich. Das Gericht besitzt aufgrund der in das Verfahren mit einbezogenen Erkenntnismittel selbst die erforderliche Sachkunde. Den in der mündlichen Verhandlung gestellten drei Hilfsbeweisanträgen war daher schon aus diesem Grund nicht nachzugehen. Anhaltspunkte dafür, dass die bestehenden Erkenntnismittel die derzeitigen Verhältnisse in Afghanistan nur unzureichend wiedergeben, sind für das Gericht nicht ersichtlich.

Zu dem vom Kläger gestellten Hilfsbeweisantrag, wonach unter Beweis zu stellen sei, dass sich die Wirtschaft in Afghanistan aufgrund des Abzuges der internationalen Truppen sowie durch das Einfrieren von Hilfsgeldern im Jahr 2014 in einer Rezession befunden habe, stützt das Gericht seine Sachkunde auf die bereits einbezogenen Erkenntnissen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 5. Oktober 2014 (SFH, Update zur aktuellen Sicherheitslage, S. 19) und die Stellungnahme des Herrn Dr. Dünnwald vom 9. Februar 2015 (S. 4). Danach kann festgestellt werden, dass durch den Rückzug der internationalen Streitkräfte Arbeitsplätze in erheblichem Umfang wegfallen sind und dadurch die Zahl der arbeitslosen sowie unterbeschäftigten Afghanen weiter ansteigen wird, was wiederum direkte negative Konsequenzen für die lokale Kaufkraft hat. Nach dem aktuellen Lagebericht des Auswärtigen Amtes sei deshalb im Transitions- und Wahljahr 2014 nicht mit größeren Impulsen für die Wirtschaft zu rechnen (Lagebericht, S. 19).

Die zwei weiteren Hilfsbeweisanträge, wonach zu beweisen sei, dass

- die Arbeitslosigkeit in Afghanistan im Jahr 2014 zu den Jahren 2011, 2012 und 2013 nochmals deutlich gestiegen sei,

- gleichzeitig die Kosten für Lebensmittel und die Kosten für sonstige Gegenstände für den alltäglichen Bedarf im Jahr 2014 im Verhältnis zu den Kosten im Jahr 2011, 2012 und 2013 in Afghanistan nochmals deutlich gestiegen seien,

sind bereits aus formellen Gründen abzulehnen, weil es sich hierbei um Beweisausforschungsanträge handelt, denen ein klares Beweisthema fehlt. Die Formulierung „deutlich gestiegen“ ist derart unbestimmt, dass im Grunde erst die Beweiserhebung selbst die entscheidungserheblichen Tatsachen und Behauptungen aufdecken könnte. Solche Anträge sind deshalb grundsätzlich unzulässig (Kopp/Schenke, VwGO, 17. Aufl. 2011, § 86 Rn. 18a). Lediglich ergänzend stellt das Gericht aufgrund seiner eigenen Sachkunde fest, dass die Arbeitslosenquote in Afghanistan 2010 etwa 40 Prozent betragen hat (SFH-Update vom 11. August 2010 zur aktuellen Sicherheitslage, S. 17). Aktuell besteht in Afghanistan eine „hohe Arbeitslosigkeit“ (Lagebericht, S. 20) und das „Preisniveau für Lebensmittel [ist] hoch“ (Stellungnahme des Herrn Dr. Dünnwald vom 9. Februar 2015, S. 7).

In der Gesamtschau der aktuellen Auskünfte ist nicht davon auszugehen, dass jeder Rückkehrer aus Europa generell in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit den Tod oder schwerste Gesundheitsschäden bei einer Rückführung nach Kabul erleiden müsste (vgl. hierzu auch BayVGH, U.v. 20.1.2012 – 13a B 11.30425 – juris Rn. 32 ff.; U.v. 8.11.2012 – 13a B 11.30465 – UA S. 25 ff.; VGH BW, U.v. 14.5.2009 – A 11 S 983/06 – juris Rn. 28). Nach Auffassung des Gerichts kann sich deshalb zwar eine extreme Gefahrenlage in Kabul jedenfalls für besonders schutzbedürftige Rückkehrer wie alte oder behandlungsbedürftig kranke Personen, alleinstehende Frauen mit und ohne Kinder, Familien und Personen, die aufgrund besonderer persönlicher Merkmale zusätzlicher Diskriminierung unterliegen, ergeben. Für alleinstehende, junge und arbeitsfähige Männer aus der Bevölkerungsmehrheit ohne erhebliche gesundheitliche Einschränkungen, ist jedoch zumindest die Möglichkeit gegeben, sich eine neue Existenz aufzubauen (BayVGH, U.v. 8.12.2011 – 13a B 11.30276 – juris Rn. 37; U.v. 15.3.2012 – 13a B 11.30439 – juris Rn. 25).

Der Kläger ist volljährig und hat weder gesundheitliche Probleme noch körperliche Einschränkungen. Er verfügt zwar über keinen Schul- und Berufsabschluss, er hat aber bereits in der Vergangenheit verschiedene Tätigkeiten und Arbeiten verrichtet, die nach Angaben des Klägers auch körperlich schwer gewesen sind. So hat er in der mündlichen Verhandlung berichtet, dass er schon als Maler gearbeitet habe und auch mal in einer Schneiderei tätig gewesen sei. Außerdem habe er als Verkäufer in einer Bäckerei gearbeitet. Auch wenn der Kläger als ungelernte Kraft keine speziellen beruflichen Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, so ist jedoch aufgrund seiner bisherigen Tätigkeiten davon auszugehen, dass er als Arbeitskraft flexibel einsetzbar ist. Der Kläger kann neben der Sprache Dari auch die Sprachen Iranisch und Deutsch sprechen, wobei er die deutsche Sprache auch ein wenig lesen kann. Da der Kläger die Landessprache Dari sprechen kann, kommt es nicht maßgeblich darauf an, ob der Kläger speziell mit den afghanischen Verhältnissen vertraut ist (vgl. BayVGH, B.v. 19.2.2014 – 13a ZB 14.30022 – juris Rn. 5). Es ist daher davon auszugehen, dass der Kläger bei einer Rückkehr nach Afghanistan auch ohne örtliche Kenntnisse von Kabul und ohne familiäre Anbindungen in Kabul sein Existenzminimum notfalls durch die Annahme von Tagelöhnertätigkeiten sichern kann. Außerdem lebt in seiner Heimatstadt ... eine Tante des Klägers mit zehn Kindern, an die sich der Kläger ebenfalls wenden könnte. Angesichts der Tatsache, dass es der Tante des Klägers trotz einer in Afghanistan bestehenden hohen Kindersterblichkeit gelungen ist, eine derart hohe Anzahl von Kindern am Leben zu erhalten, ist davon auszugehen, dass der Kläger sogar über eine einigermaßen belastbare familiäre Beziehung verfügt.

b) Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist damit zugleich ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 AufenthG zu verneinen, weil eine Verletzung des Art. 3 EMRK vorliegend nicht angenommen werden kann.

2. Schließlich bestehen auch gegen die nach Maßgabe der §§ 34 Abs. 1, 38 Abs. 1 AsylVfG erlassene Abschiebungsandrohung keine Bedenken.

3. Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO. Gerichtskosten werden gemäß § 83 b AsylVfG nicht erhoben. Der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit der Kostenentscheidung stützt sich auf § 167 Abs. 2 VwGO i.V.m. §§ 708 ff. ZPO.