AG Gießen, Urteil vom 11.11.2014 - 49 C 80/14
Fundstelle
openJur 2015, 3362
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Ein Auffahren eines Rennrads auf das hintere Schaltwerk des Vordermanns bei 30 km/h mit Abriss des Schaltauges und Zerfall des Schaltwerks in seine Einzelteile ist nicht möglich, ohne dass der Hintermann stürzt.

Tenor

1. Die Klage wird abgewiesen.

2. Die Kosten des Rechtsstreits einschließlich der Nebenintervention hat der Kläger zu tragen.

3. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Dem Kläger wird nachgelassen, die Zwangsvollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 120 Prozent des jeweils zu vollstreckenden Betrages abzuwenden, wenn nicht der Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand

Der Kläger macht Schadensersatz wegen eines angeblichen Vorfalls vom 10.07.2012 geltend in Höhe von 3.810,-- Euro. Die Nebenintervenientin - der Haftpflichtversicherer des Beklagten - hat Zahlung abgelehnt. Am genannten Tag haben der Kläger, der Beklagte und der Zeuge „…“ eine Trainingsfahrt mit dem Rennrad gemacht. Alle drei sind Amateur- bzw. Profirennfahrer. Auf einer abschüssigen Straße fuhren zunächst der Zeuge „…“, dann links versetzt der Kläger und hinter dem Kläger der Beklagte zu 1).

Der Kläger behauptet, der Beklagte sei aus Unachtsamkeit und zu geringem Abstand in den hinteren Bereich des klägerischen Rennrads gefahren. Dabei sei das Schaltwerk abgerissen und durch das Hinterrad gezogen worden. Der Schaltzug habe sich hinter der Kassette verteilt. Das Schaltwerk sei komplett auseinandergerissen worden. Es sei ein Schaden entstanden in Höhe von 3.810,-- Euro laut Kostenvoranschlag „…“. Durch Rotation der Speichen des klägerischen Vorderrades sei der Schaden verursacht worden. Dadurch sei mit hoher Wahrscheinlichkeit es zum Verbiegen des Schaltauges nach innen gekommen.

Der Kläger beantragt,

den Beklagten zur Zahlung von 3.810,-- Euro nebst 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit 17.12.2012 zu verurteilen.

Der Beklagte stellt keinen Antrag.

Die Nebenintervention beantragt Klageabweisung.

Sie trägt vor, die Einstellschraube am Schaltwerk sei der hinterste Punkt. Diese sei von einem scharfkantigen Gegenstand verkratzt. Dies könne nicht durch einen Fahrradreifen geschehen. Das Schaltwerk und der Rahmen würden Kratzspuren aufweisen. Das Schaltwerk sei um den Drehpunkt herum nach hinten gezogen worden. Derartige Schäden könnten bei einem abgerissenen Schaltwerk nicht in dieser Form entstehen. Der geschilderte Geschehensablauf könne sich nicht so ereignet habe, was anhand der Teile des Fahrrades festgestellt werden könne. Außerdem sei bei Ersatz des Rahmensets und der Hinterräder sowie des Schaltwerks eine Wertverbesserung von 1.000,-- Euro anzusetzen.

Der Kläger hat seinen Vortrag untermauert durch ein außergerichtliches Gutachten „…“, die Nebenintervention hat ihren Vortag untermauert durch das außergerichtliche Gutachten „…“. Auf diese Gutachten sowie die gewechselten Schriftsätze wird Bezug genommen.

Das Gericht hat Beweis erhoben durch Vernehmung des Klägers und des Beklagten als Partei sowie des Zeugen „…“. Auf das Protokoll vom 23.09.2014 wird Bezug genommen.

Gründe

Die Klage ist nicht begründet, der Kläger hat keinen Anspruch auf Schadensersatz, da er die anspruchsbegründenden Tatsachen nicht zur Überzeugung des Gerichts dargelegt und nachgewiesen hat. Der Unfall hat sich nicht so zugetragen, wie von dem Kläger geschildert. Nicht einmal der Kläger konnte mit Sicherheit angeben, dass der Beklagte gegen sein Schaltwerk gefahren sei. Er hat dies lediglich vermutet. Es mag sein, dass es einen Schlag getan hat. Sichere Ursache ist jedoch nicht ein Anstoß des Beklagten. Selbst nach dem Parteigutachten „…“ war das Schaltwerk in Richtung Speichen nicht richtig eingestellt. Möglicherweise war dies die Ursache dafür, dass das Schaltwerk in die Speichen geraten ist.

Bereits die Unfallörtlichkeit stimmt mit den Schilderungen des Klägers, des Beklagten und des Zeugen „…“ nicht überein. Die Örtlichkeit „…“ Ortsmitte bergab in Richtung „…“ und dann weiter in Richtung „…“ ist gerichtsbekannt. Der Kläger hat die Örtlichkeit angegeben Ortseingang „…“ in einer Gefällstrecke. Dort ist eine kurvige Gefällstrecke. Der Beklagte und der Zeuge „…“ haben die angebliche Unfallstelle dagegen angegeben zwischen dem „…“ und dem Kreisel in Richtung „…“. Das „…“ liegt nach der kurvigen Ortsausgangsstrecke „…“.

Darüber hinaus kann der Schaden nicht durch einen Anstoß des Beklagten entstanden sein, ohne dass der Beklagte gestürzt wäre. Dies kann das Gericht aus eigener und leidvoller Sachkenntnis sagen. Der erkennende Richter fährt seit über 20 Jahren hobbymäßig Rennrad. Unter anderem nimmt er jährlich an zirka vier bis fünf sogenannten Rad-Touristik-Fahrten teil. Es handelt sich dabei um Radsportveranstaltungen, bei denen eine bestimmte Kilometerzahl gefahren wird, auch in größeren Gruppen, jedoch ohne Zeitnahme. Der erkennende Richter ist dabei zwei Mal in ähnlicher Weise bei Geschwindigkeiten über 30 km/h auf das Schaltwerk des Vordermannes aufgefahren. Die unweigerliche Folge war ein Stürzen nach rechts, ohne dass irgendwelche Schäden an dem Schaltwerk des Vordermannes entstanden sind. Der Beklagte ist unstreitig nicht gestürzt. Eigenen Angaben zur Folge war der Beklagte nur zirka ein halbes km/h schneller als der Kläger. Das bedeutet, dass die Krafteinwirkung auf das Schaltwerk von hinten nur ganz minimal gewesen sein kann. Die Krafteinwirkung müsste dann von außen nach innen seitlich auf das Schaltwerk erfolgt sein. Sowohl bei dem Rahmen als auch bei dem Schaltwerk handelt es sich um hochpreisige Produkte, die qualitativ hochwertig sind im Vergleich zu billigen Massenprodukten. Wenn nun der Beklagte mit seinem gelenkten Vorderrad derart heftig mit einem Schlenker nach links gegen den spurstabilen Hinterradbereich des Klägers gefahren wäre, dass das Schaltauge abgebrochen wäre, so wäre es mit Sicherheit zu einem Sturz des Beklagten gekommen, der unstreitig nicht stattgefunden hat. Das Vorderrad des Beklagten wäre derart abrupt aus der Spur geraten, dass der Beklagte nicht das Gleichgewicht hätte halten können. Das Gericht folgt dabei den nachvollziehbaren Ausführungen des von der Nebenintervention vorgelegten Privatgutachtens „…“.

Gegen das behauptete Schadensereignis sprechen auch die widersprüchlichen Angaben des Klägers und des Beklagten zu den Umständen nach dem angeblichen Vorfall. Nach Angaben des Klägers soll das Schaltwerk zerbrochen sein und in vielen Kleinteilen auf die Straße geflogen sein. Diese habe er dann zusammen gelesen. Nach Angaben des Beklagten ist der Beklagte ein Stück zurückgegangen und hat nichts auf der Straße liegen sehen. Vielmehr hing nach Angaben des Beklagten das Schaltwerk nach unten. Dies ist so zu verstehen, dass es noch, wenn auch abgebrochen, mit dem Fahrrad des Klägers verbunden war. Hätte sich der Vorfall tatsächlich zugetragen, wie vom Kläger behauptet wird, so wäre zu erwarten gewesen, dass beide Parteien zu den Geschehnissen danach übereinstimmende Angaben machen.

Weiterhin sprechen gegen das behauptete Geschehen, dass der Kläger keinerlei Kaufbelege vorweisen konnte, weder für Rahmen und Gabel noch für die Laufräder, noch für das Schaltwerk. Er will die Teile im April 2012 gekauft haben und das Rad selbst zusammengebaut haben. Das Rahmenset soll 2.069,-- Euro, das Schaltwerk 249,-- Euro und die Laufräder 1.289,-- Euro gekostet haben. Es handelt sich um relativ hochpreisige Komponenten. Wenn der Kläger diese im April 2012 gekauft haben will, so steht zu erwarten, dass er aus Gründen der Gewährleistung die Kaufbelege aufbewahrt hätte. Der angebliche Vorfall war nur zirka drei Monate nach dem behaupteten Neukauf. Es widerspricht jeglicher Lebenserfahrung, dass der Kläger die Belege nicht aufhebt.

Der Zeuge „…“ konnte zu dem angeblichen Unfallgeschehen keine sachdienlichen Angaben machen, da er, bevor er ein Geräusch gehört hat, weder das Vorderrad des Beklagten noch das Hinterrad des Klägers sehen konnte. Er ist vorne rechts gefahren, der Kläger links versetzt hinter ihm und der Beklagte hinter ihm.

Demnach hat der Kläger keinen Anspruch auf Schadenersatz gegen den Beklagten, da ein fahrlässiges Verhalten des Beklagten und als Folge die Zufügung eines Schadens nicht feststeht. Ob es tatsächlich zu dem behaupteten Schaden gekommen ist und wie dieser entstanden ist, kann letztlich dahinstehen.

Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 91, 101 Abs. 1 ZPO, der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 708 Ziffer 11, 711 ZPO.