LG Köln, Urteil vom 12.12.2012 - 23 O 216/11
Fundstelle
openJur 2012, 131971
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Tenor

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

 

Die Klä­ge­rin trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

 

Das Urteil ist gegen Si­cher­heits­leis­tung in Hö­he von 110 % des je­weils zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges vor­läu­fig voll­streck­bar.

Gründe

 Tat­be­stand

Die Par­tei­en, zwei Ver­si­che­rungs­unter­neh­men, strei­ten über die Auf­tei­lung der Kos­ten eines im Jah­re 2007 durch­ge­führ­ten Rück­trans­por­tes von Frau T, wel­che so­wohl bei der Klä­ge­rin als auch der Be­klag­ten eine Ver­si­che­rung unter­hielt.

Frau T war im Rah­men einer Schutz­brief­ver­si­che­rung bei der Klä­ge­rin und im Rah­men einer Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung nach dem Er­gän­zungs­ta­rif AM7 bei der Be­klag­ten ver­si­chert. § 16 der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin lau­tet:

„Es ist eine Er­kran­kung oder eine Ver­let­zung im Aus­land ein­ge­tre­ten. Ist ein Rück­trans­port zu einem Kran­ken­haus an ihrem Wohn­sitz in Deutsch­land oder zu einem an­de­ren ge­eig­ne­ten Kran­ken­haus in Deutsch­land nach Ab­stim­mung des ADAC-Arz­tes mit dem be­han­deln­den Arzt me­di­zi­nisch sinn­voll und ver­tret­bar, so wird der Trans­port vom ADAC-Arzt an­ge­ord­net.“

Nach den Ta­rif­be­din­gun­gen der Be­klag­ten sind die Mehr­kos­ten einer ärzt­lich an­ge­ord­ne­ten Rück­füh­rung aus dem Aus­land dann er­stat­tungs­fä­hig, wenn die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit nach­ge­wie­sen ist.

Frau T be­fand sich im Feb­ru­ar 2007 auf einer Kreuz­fahrt. Am 01.03.2007 wur­de sie we­gen Atem­be­schwer­den im Sal­ma­nya-Hos­pi­tal in Bah­rain sta­tio­när auf­ge­nom­men. Am Fol­ge­tag kam es bei der An­la­ge eines zent­ra­len Ve­nen­ka­the­ters durch eine Ver­let­zung der obers­ten Lun­gen­an­tei­le mit der Na­del­spit­ze zu einem Pneu­mo­tho­rax, so dass die rech­te Lun­ge über eine Saug­drai­nage ent­fal­tet wer­den muss­te. We­gen zu­neh­men­der Atem­not wur­de Frau T dann ab dem 05.03.2007 auf die In­ten­siv­sta­tion ver­legt. Dort muss­te sie künst­lich be­at­met wer­den. Zwei Ver­su­che des Kli­ni­kums in Bah­rain die Pa­tien­tin zu ex­tu­bie­ren, schlu­gen fehl. Am 17.03.2007 ord­ne­te die Ver­trags­ärz­tin der Klä­ge­rin den lie­gen­den Rück­trans­trans­port per Son­der­flug mit Be­glei­tung durch Arzt und Sa­ni­tä­ter an. Die­ser wur­de am 20.03.2007 durch­ge­führt.  Die Pa­tien­tin wur­de in das Kli­ni­kum L ge­bracht. Dort ge­lang es be­reits am 21.03.2007 sie zu ex­tu­bie­ren. Am 23.03.2007 konn­te sie von der In­ten­siv- auf die Nor­mal­sta­tion ver­legt wer­den und am 02.04.2007 wur­de sie aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen. Die Klä­ge­rin er­stat­te­te an­schlie­ßend die Kos­ten des Rück­trans­por­tes. Mit Schrei­ben vom 14.06.2007 for­der­te sie die Be­klag­te zur Zah­lung von 20.689,43 € - der Hälf­te der an­ge­fal­le­nen Kos­ten - auf. Die Be­klag­te lehn­te dies ab.

Die Klä­ge­rin be­haup­tet, der Rück­trans­port sei me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen. Im Kran­ken­haus in Bah­rain ha­be eine ad­äqua­te Be­hand­lung nicht er­fol­gen kön­nen. Zu­dem hät­ten die be­han­deln­den Ärz­te im Zeit­punkt der An­ord­nung des Rück­trans­por­tes eine Lang­zeit­be­at­mungs­the­ra­pie er­war­tet. Weiter­hin sei die Ent­wöh­nung von einem Be­at­mungs­ge­rät re­gel­mä­ßig schwie­rig. Dies gel­te erst recht, wenn der Pa­tient die Spra­che des be­han­deln­den Arz­tes nicht spre­che.

Sie be­an­tragt,

Die Be­klag­te zu ver­urtei­len, an sie 20.689,43 € nebst Zin­sen in Hö­he von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29.06.2007 so­wie Mahn­kos­ten in Hö­he vom 11,50 € zu zah­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt

Die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te be­haup­tet, dass die in Bah­rain auf­ge­tre­te­nen Kom­pli­ka­tio­nen nicht un­ge­wöhn­lich sei­en. Die Be­hand­lung in Bah­rain ha­be sich nicht we­sent­lich von einer Be­hand­lung in Deutsch­land unter­schie­den.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schrift­sät­ze so­wie die zu den Ak­ten ge­reich­ten Ur­kun­den Be­zug ge­nom­men.

Die Kam­mer hat Be­weis er­ho­ben ge­mäß Be­weis­be­schluss vom 18.10.2011 so­wie vom 14.12.2011 durch Ein­ho­lung eines me­di­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens. We­gen des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das schrift­li­che Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen vom 10.07.2012 Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­grün­de

Die zu­läs­si­ge Kla­ge ist nicht be­grün­det.

Die Klä­ge­rin hat gegen die Be­klag­te kei­nen An­spruch aus § 59 Abs. 1, 2 VVG a. F. Ge­mäß § 59 Abs. 1 VVG a.F. haf­ten meh­re­re Ver­si­che­rer als Ge­samt­schuld­ner, wenn ein Ver­si­che­rungs­neh­mer bei ih­nen ein In­te­res­se gegen die­sel­be Ge­fahr ver­si­chert hat und die Sum­me der Ent­schä­di­gung, die von je­dem Ver­si­che­rer oh­ne Be­stehen der an­de­ren Ver­si­che­rung zu zah­len wä­re, den Ge­samt­scha­den über­steigt. Im In­nen­ver­hält­nis sind sie zu­ei­nan­der nach § 59 Abs. 2 VVG a. F. zu An­tei­len nach Maß­ga­be der Be­trä­ge ver­pflich­tet, die sie dem Ver­si­che­rungs­neh­mer nach dem je­wei­li­gen Ver­trag zu zah­len ha­ben. Die­se Vo­raus­set­zun­gen lie­gen nicht vor, da die Be­klag­te zur Über­nah­me der Kos­ten des Rück­trans­ports nicht ver­pflich­tet war. Ge­mäß der dem Ver­si­che­rungs­ver­trag der Be­klag­ten zu­grun­de lie­gen­den Ta­rif­be­din­gun­gen sind die Mehr­kos­ten einer ärzt­lich an­ge­ord­ne­ten Rück­füh­rung aus dem Aus­land nur dann er­stat­tungs­fä­hig, wenn die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit nach­ge­wie­sen ist. Eine Be­hand­lungs­maß­nah­me ist grund­sätz­lich dann me­di­zi­nisch not­wen­dig, wenn es nach den ob­jek­ti­ven me­di­zi­ni­schen Be­fun­den und wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen zum Zeit­punkt der Be­hand­lung ver­tret­bar war, sie als me­di­zi­nisch not­wen­dig an­zu­se­hen (BGH, NJW 79, 1250). Nach An­sicht der Kam­mer muss für die Fra­ge der me­di­zi­ni­schen Not­wen­dig­keit eines Rück­trans­ports fest­ste­hen, dass die Be­hand­lung im Aus­land nicht kunst­ge­recht durch­ge­führt wur­de oder gar nicht durch­ge­führt wer­den konn­te. Nur so kann klar de­fi­niert wer­den, ob ein Rück­trans­port me­di­zi­nisch not­wen­dig oder nur me­di­zi­nisch sinn­voll war. Denn lie­ße man aus­rei­chen, dass eine Be­hand­lung im ge­wohn­ten, hei­mi­schen Um­feld bes­ser durch­ge­führt wer­den könn­te, wä­re letzt­lich je­der Rück­trans­port me­di­zi­nisch not­wen­dig. Denn ge­wis­se Sprach­bar­rie­ren und Vor­be­hal­te wer­den bei einer Be­hand­lung im Aus­land re­gel­mä­ßig be­stehen. Da­mit wä­re eine Aus­lands­kran­ken­ver­si­che­rung, wie sie die Klä­ge­rin an­bie­tet, im Er­geb­nis über­flüs­sig, da zwi­schen einem me­di­zi­nisch not­wen­di­gen und einem me­di­zi­nisch sinn­vol­len Rück­trans­port kein Unter­schied mehr be­stün­de.

Nach Maß­ga­be die­ser Grund­sät­ze steht nach dem Er­geb­nis der durch­ge­führ­ten Be­weis­auf­nah­me nicht zur Über­zeu­gung der Kam­mer fest, dass der Rück­trans­port me­di­zi­nisch not­wen­dig war.

Der Sach­ver­stän­di­ge hat in sei­nem Gut­ach­ten aus­ge­führt, dass die Be­hand­lung in Bah­rain kunst­ge­recht durch­ge­führt wur­de und kei­ne schwe­ren Be­hand­lungs­feh­ler er­ken­nen las­se. Zwar könn­ten die er­folg­lo­sen Ex­tu­ba­tions­ver­su­che in Ver­bin­dung mit der Sprach­bar­rie­re durch­aus zu einer Er­schüt­te­rung des Arzt-Pa­tien­ten-Ver­hält­nis­ses ge­führt ha­ben, dies be­ru­he dann aber aus­schließ­lich auf der sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung der Pa­tien­tin. Be­hand­lungs­feh­ler kön­ne er nicht er­ken­nen. Die Ver­ur­sa­chung eines Pneu­mo­tho­rax sei eine ty­pi­sche Kom­pli­ka­tion und kei­nes­falls Fol­ge einer Fehl­be­hand­lung. Eben­so sei­en die bei­den Ex­tu­ba­tions­ver­su­che, die je­weils wie­der zur Re­in­tu­ba­tion führ­ten, nicht zu be­an­stan­den, da von einer schwie­ri­gen Be­at­mung aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne. Weiter­hin sei für die Ent­wöh­nung vom Be­at­mungs­ge­rät die Kennt­nis der Spra­che der be­han­deln­den Ärz­te nicht er­for­der­lich. In der Li­te­ra­tur fän­den sich kei­ne Hin­wei­se, dass das Ver­ste­hen der Spra­che not­wen­dig sei und auch ihm selbst sei kein Fall be­kannt, in dem nicht deutsch­spra­chi­ge Pa­tien­ten in ihre Hei­mat­län­der zu­rück­ver­legt wor­den wä­ren.

Das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ist in je­der Hin­sicht nach­voll­zieh­bar und über­zeu­gend. Die ein­zel­nen Be­fun­de sind in sich stim­mig dar­ge­stellt wor­den. Die Fach­kun­de des Sach­ver­stän­di­gen steht außer Zwei­fel.

Der Ein­wand der Klä­ge­rin, dass der Ver­gleich mit nicht deutsch­spra­chi­gen Pa­tien­ten, die in Deutsch­land be­han­delt wer­den, „hin­ke“, da die meis­ten aus­län­di­schen Pa­tien­ten ihren Wohn­sitz im Deutsch­land hät­ten und da­her die Ent­wöh­nung im ge­wohn­te Um­feld und mit fa­mi­liä­rer Unter­stüt­zung er­fol­ge, greift nicht durch. Zum einen ist dies letzt­lich eine Mut­ma­ßung der Klä­ge­rin und zum an­de­ren än­dert dies nichts da­ran, dass die Kennt­nis der Spra­che, nur hie­rauf kommt es an, für die Ent­wöh­nung nicht zwin­gend er­for­der­lich ist.

So­weit die Klä­ge­rin be­haup­tet hat, dass die be­han­deln­den Ärz­te eine Lang­zeit­be­at­mung er­war­te­ten, ist nicht er­sicht­lich wo­raus sie dies ab­lei­ten möch­te. Dies er­gibt sich we­der aus den vor­ge­leg­ten Unter­la­gen noch spricht der wei­te­re Ver­lauf, die Pa­tien­tin konn­te be­reits am 21.03.2007 in Deutsch­land ex­tu­biert wer­den, hier­für.

Die Neben­for­de­run­gen tei­len das Schick­sal der Haupt­for­de­rung.

Die pro­zes­sua­len Neben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf §§ 91 Abs. 1, 709 ZPO.

Der Streit­wert wird auf 20.689,43 € fest­ge­setzt.

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