OLG München, Urteil vom 23.02.2012 - 1 U 2781/11
Fundstelle
openJur 2012, 121200
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Tenor

I. Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Landgerichts Passau vom 16.06.2011, Az. 3 O 725/09, wird zurückgewiesen.

II. Der Kläger trägt die Kosten des Berufungsverfahrens.

III. Dieses Urteil und das in Ziffer I genannte landgerichtliche Urteil sind vorläufig vollstreckbar. Der Kläger kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des zu vollstreckenden Betrages abwenden, sofern nicht die Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

IV. Die Revision wird nicht zugelassen.

Gründe

I.

Der Kläger verlangt von der Beklagten als Trägerin des Klinikums P. Schmerzensgeld sowie Feststellung der Schadensersatzpflicht für materielle und derzeit nicht vorhersehbare immaterielle Schäden wegen behaupteter Behandlungs- und Aufklärungsfehler im Zusammenhang mit einer Schilddrüsenoperation.

Bereits vor mehr als 30 Jahren war bei dem Kläger (Jhg.1947) eine subtotale Schilddrüsenresektion beidseits vorgenommen worden. Hieraus resultierte eine gut kompensierte Stimmbandlähmung (Recurrensparese) auf der rechten Seite. In der Folge kam es zu einem Schilddrüsenrezidiv. Nach fachradiologischer Abklärung erfolgte im Dezember 2002 eine Überweisung an das Klinikum P. zur Durchführung einer Restthyreoidektomie.

Am 18.12.2002 fand ein - im Detail streitiges - Aufklärungsgespräch zwischen dem Kläger und dem Zeugen Dr. K. statt, der am 27.12.2002 die Operation unter Einsatz eines Nervenmonitorings durchführte. Bereits während des Verlaufs der Operation war das Signal des Stimmbandnervs auf der linken Seite nicht mehr nachweisbar. Unmittelbar postoperativ wurde eine beidseitige Recurrensparese festgestellt, die sich nicht wieder zurückbildete. Der Kläger leidet dadurch an Atembeschwerden, die sich in den letzten Jahren intensivierten, und kann nur noch flüsternd sprechen. Folgebehandlungen führten nicht zu einer dauerhaften Besserung.

Der Kläger hat in 1. Instanz die Indikation für den Eingriff bestritten und ein grob fehlerhaftes intraoperatives Vorgehen gerügt. Zudem hat der Kläger Aufklärungsmängel geltend gemacht. Mit ihm hätte als Alternative zur Operation eine Radio-Jod-Therapie besprochen werden müssen. Außerdem sei der Kläger nicht ausreichend über das Risiko des Eingriffs aufgeklärt worden. Die Gefahr einer Nervenschädigung sei in Relation zu seinen damaligen Beschwerden unverhältnismäßig hoch gewesen, dem Kläger sei auch nicht deutlich gemacht worden, was eine beidseitige permanente Recurrensparese konkret an Beeinträchtigungen mit sich bringe. Vielmehr sei durch den Hinweis auf das eingesetzte moderne Nervenmonitoring das Risiko der Nervenschädigung bagatellisiert worden. Für erlittene und andauernde Beeinträchtigungen sei ein Schmerzensgeld von mindestens 60.000 € angemessen. Mit weiteren Folgeschäden sei zu rechnen.

Der Kläger hat in 1. Instanz beantragt,

1. die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger ein in das Ermessen des Gerichts gestelltes Schmerzensgeld, jedoch nicht unter 60.000,00 €, zu zahlen.

2. festzustellen, dass die Beklagte dem Kläger für alle künftigen materiellen und immateriellen Schäden haftet, die ihm aus der fehlerhaften Behandlung vom 27.12.2002 noch entstehen.

Die Beklagte hat in 1. Instanz beantragt,

die Klage abzuweisen.

Die Beklagte hat vorgetragen, die Behandlung des Klägers habe in jeder Hinsicht dem Facharztstandard entsprochen. Das Schilddrüsenrezidiv habe zunehmend zu Atemnot des Klägers geführt, weswegen der Kläger dringend habe operiert werden müssen. Sinnvolle andere Behandlungsmöglichkeiten habe es nicht gegeben. Eine Radio-Jod-Therapie setze einen funktionierenden Stoffwechsel voraus, den der Kläger nicht gehabt habe. Die intraoperative Verletzung des Stimmbandnervs sei ein nicht vermeidbares, operationsimmanentes Risiko, über das der Kläger aufgeklärt worden sei. Der Kläger sei von Dr. K. entsprechend dem vom Kläger unterzeichneten Aufklärungsbogen ordnungsgemäß über die Risiken des Eingriffs informiert worden, insbesondere auch über das deutlich erhöhte Nervenverletzungsrisiko wegen stattgehabter Voreingriffe, sowie über die konkreten Folgen einer Verletzung der Stimmbandnerven. Vorsorglich hat die Beklagte die Einrede der Verjährung erhoben.

Mit Urteil vom 16.06.2011, auf das ergänzend Bezug genommen wird, hat das Landgericht die Klage abgewiesen. Auf der Grundlage der erholten Sachverständigengutachten hat das Landgericht einen Behandlungsfehler verneint. Die bilaterale Recurrensparese sei ein schicksalhaftes Ereignis. Die Aufklärungsrüge sei ebenfalls nicht begründet, da das Gericht auf der Grundlage der Dokumentation und der glaubhaften Angaben des Zeugen Dr. K. von einem vollständigen und ordnungsgemäßen Aufklärungsgespräch überzeugt sei. Eine Radio-Jod-Therapie sei aus medizinischen Gründen nicht in Betracht gekommen. Außerdem greife hinsichtlich der Aufklärungsrüge die Einrede der Verjährung.

Gegen die landgerichtliche Entscheidung wendet sich der Kläger mit seiner Berufung, mit der er sein erstinstanzliches Begehren vollumfänglich weiterverfolgt.

Der Kläger rügt, das Landgericht habe zu dem Aspekt „Aufklärung über die OP-Risiken“ einen Sachverhalt zugrunde gelegt, für den es keine ausreichenden Anhaltspunkte gebe. Das Landgericht habe die Aussage des Zeugen Dr. K., wonach es ihm nicht ganz gelungen sei, dem Patienten die Bedeutung eines Luftröhrenschnittes mit all seinen Konsequenzen zu vermitteln, unzutreffend gewürdigt. Auch die Erklärung des Zeugen, wonach der Kläger die Hinweise zu den Risiken offensichtlich nicht verstanden habe, habe das Landgericht außer Acht gelassen. Nicht hinreichend berücksichtigt habe das Landgericht zudem, dass sich der Zeuge Dr. K. an das konkrete Aufklärungsgespräch nicht erinnern könne. Der Kläger halte daran fest, dass ihm gegenüber die Risiken des Eingriffs verharmlost worden seien. Ihm seien weder das deutlich erhöhte Risiko noch die Tragweite einer Nervenverletzung vor Augen geführt worden. Die Gefahr eines dauerhaften Verlustes der Fähigkeit, laut zu sprechen, sei dem Kläger ebenso wenig klar gemacht worden, wie das Risiko massiver Atemnot. Auch könne sich der Kläger nichts unter den im Aufklärungsbogen vermerkten medizinischen Fachbegriffen vorstellen. Vielmehr sei beim Kläger durch den unstreitigen Hinweis des Zeugen Dr. K. auf das eingesetzte moderne Nervenmonitoring der unzutreffende Eindruck entstanden, die Operation sei relativ ungefährlich. Darüber hinaus sei die Möglichkeit einer sogenannten zweizeitigen Operation, wie dies bei beidseitiger totaler Schilddrüsenresektion seit 1998 Standard sei, erstinstanzlich nicht thematisiert worden. Über diese Alternative sei der Kläger unstreitig nicht informiert worden. Auch hätte eine etwaige Malignität des Gewebes mittels Biopsie geklärt werden können. Zu Unrecht habe das Landgericht Verjährung von Ansprüchen angenommen.

Hinsichtlich der vom Kläger geltend gemachten materiellen und immateriellen Folgen der Operation wird ergänzend auf Bl. 127/130 d.A. Bezug genommen.

Der Kläger beantragt in der Berufung, das am 16.06.2011 verkündete Urteil des Landgerichts Passau, Az. 3 O 725/09 abzuändern und wie folgt zu erkennen:

1. Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger ein in das Ermessen des Gerichts gestelltes Schmerzensgeld, jedoch mindestens 60.000,00 €, zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz seit Klagezustellung zu bezahlen.

2. Es wird festgestellt, dass die Beklagte verpflichtet ist, dem Kläger sämtliche materiellen und im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung nicht vorhersehbaren immateriellen Schäden zu ersetzen, die diesem aus der Operation vom 27.12.2002 im Klinikum P. entstanden sind oder noch entstehen werden, soweit Ansprüche nicht auf Sozialversicherungsträger oder sonstige Dritte übergegangen sind oder übergehen werden.

Die Beklagte beantragt

die Zurückweisung der Berufung.

Die Beklagte meint, der Kläger, der in der Berufung nur noch die Aufklärungsrüge weiterverfolge, sei ein vorinformierter Patient gewesen. Im Hinblick auf die Voroperationen, bei denen der Kläger bereits eine Schädigung des Recurrensnervs erlitten habe, seien ihm die Problematik und die Folgen einer solchen intraoperativen Nervschädigung (Sprach- und Atemnot bis hin zur Notwendigkeit eines Luftröhrenschnitts) ohnehin klar gewesen. Darüber hinaus habe der Zeuge Dr. K. den Eingriff, die Risiken und möglichen Folgen mit dem Kläger ausführlich und in einer für Laien verständlichen Form besprochen. Die Aufklärung sei dokumentiert, zudem fänden sich noch weitere Vermerke in der Patientenakte. Dr. K. sei ein sehr erfahrener Arzt, der keinesfalls verharmlosend mögliche Komplikationen geschildert habe und selbstverständlich auch über die spezifische Problematik einer Rezidivoperation informiert habe. Die Operation sei wegen des schnell wachsenden Rezidivs ohne adäquate Alternative gewesen, insbesondere um die Einengung der Luftröhre zu beseitigen. Ein zweizeitiger Eingriff sei nicht in Frage gekommen, weil sich der große Kropf auf der linken Seite befunden habe, also auf der Seite mit dem noch intakten Stimmbandnerv. Die vom Kläger geltend gemachten Folgen seien übertrieben. An der Einrede der Verjährung werde festgehalten.

Im Termin vom 19.01.2012 hat der Senat den Kläger angehört, den Zeugen Dr. K. vernommen und im allseitigen Einvernehmen den Sachverständigen Prof. Dr. B. gehört. Für das Ergebnis der Beweisaufnahme wird auf das Sitzungsprotokoll (Bl. 141/149 d.A.) Bezug genommen.

II.

Die zulässige Berufung ist nicht begründet.

Das Landgericht hat die Klage zu Recht abgewiesen. Den Vorwurf eines Behandlungsfehlers hat das Landgericht überzeugend verneint. Da der Kläger in der Berufung zu den diesbezüglichen Ausführungen des Landgerichts keinerlei Einwände vorgebracht hat, kann sich der Senat auf eine Bezugnahme auf die landgerichtliche Entscheidung beschränken. Die eingetretene Komplikation - Schädigung des präoperativ noch intakten linken Recurrensnervs mit der Folge einer beidseitigen Stimmbandlähmung - und deren bedauerlichen gesundheitlichen Folgen für den Kläger sind demnach nicht Folge eines ärztlichen Fehlers, sondern schicksalhaft.

In Übereinstimmung mit dem Landgericht ist der Senat auch davon überzeugt, dass der Kläger vor der Operation ausreichend aufgeklärt worden ist. Das Landgericht hat die obergerichtliche Rechtsprechung zu den Anforderungen an ein ordnungsgemäßes Aufklärungsgespräch zutreffend dargelegt und angewandt. Im Rahmen einer einwandfreien, wohl abgewogenen Beweiswürdigung ist die Kammer zu der Überzeugung gelangt, dass der Kläger in gebotenem Umfang aufgeklärt worden ist. Die vom Kläger in der Berufung vorgebrachten Einwände sind nicht begründet. Zur Frage einer zweizeitigen Operation, die erstinstanzlich nicht aufgeworfen worden war, ergab die Beweisaufnahme, dass dieses Vorgehen im Falle des Klägers keine geeignete Behandlungsalternative war, weswegen darüber auch nicht aufzuklären war. Die Vernehmung des Zeugen Dr. K. und die Anhörung des Sachverständigen bestätigten im Übrigen, dass der Kläger - mag er dies subjektiv auch anders sehen oder erinnern - ordnungsgemäß vor dem Eingriff aufgeklärt worden ist und wirksam in die Operation eingewilligt hat.

Ergänzend ist im Hinblick auf das Berufungsvorbringen und die durchgeführte Beweisaufnahme folgendes festzustellen:

1. Aufklärung über das Operationsrisiko

Nach der gefestigten Arzthaftungsrechtsprechung ist der Patient über die mit dem medizinischen Eingriff verbundenen Risiken ordnungsgemäß aufzuklären, um unter Wahrung seiner Entscheidungsfreiheit wirksam in den Eingriff einwilligen zu können. Der Patient muss dabei "im Großen und Ganzen" wissen, worin er einwilligt. Dazu muss er über die Art des Eingriffs und dessen nicht ganz außerhalb der Wahrscheinlichkeit liegenden Risiken informiert werden, soweit diese sich für einen medizinischen Laien aus der Art des Eingriffs nicht ohnehin ergeben und für seine Entschließung von Bedeutung sein können. Dem Patienten muss eine allgemeine Vorstellung von der Schwere des Eingriffs und den spezifisch mit ihm verbundenen Risiken vermittelt werden, ohne diese zu beschönigen oder zu verschlimmern (vgl. BGH vom 7. Februar 1984 - VI ZR 174/82, BGHZ 90, 103, 106, 108 und vom 15. Februar 2000 - VI ZR 48/99, BGHZ 144, 1, 5). Die Notwendigkeit zur Aufklärung hängt bei einem spezifisch mit der Therapie verbundenen Risiko nicht davon ab, wie oft das Risiko zu einer Komplikation führt. Entscheidend ist vielmehr die Bedeutung, die das Risiko für die Entschließung des Patienten haben kann. Bei einer möglichen besonders schweren Belastung für seine Lebensführung ist deshalb die Information über ein Risiko für die Einwilligung des Patienten auch dann von Bedeutung, wenn sich das Risiko sehr selten verwirklicht (vgl. BGH vom 7. Februar 1984 - VI ZR 174/82, BGHZ 90, 103, 107; vom 15. Februar 2000 - VI ZR 48/99, BGHZ 144, 1, 5 f.; vom 2. November 1993 - VI ZR 245/92, VersR 1994, 104, 105; vom 21. November 1995 - VI ZR 341/94, VersR 1996, 330, 331 und vom 6. Juli 2010 - VI ZR 198/09, VersR 2010, 1220 Rn. 11).

a) Erhöhtes Risiko einer Recurrensparese sowie deren Folgen

Da beim Kläger bereits früher eine Schilddrüsenoperation durchgeführt worden war, bestand nach den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Prof. Dr. B. ein erhöhtes Risiko einer Nervenverletzung. Während die Komplikationsquote bei Erstoperationen zwischen 0,1 % und 1 % beträgt, liegt das Risiko einer Recurrensparese bei Rezidivoperationen bei etwa 10 %.

30Es steht außer Frage, dass nach den dargelegten Grundsätzen der Rechtsprechung der Kläger präoperativ über das Risiko und die möglichen Folgen einer beidseitigen Stimmbandlähmung aufzuklären war. Die frühere Operation und die dabei erlittene rechtsseitige Stimmbandlähmung machten eine Aufklärung nicht entbehrlich, da das Verletzungsrisiko infolge der Voroperation höher lag, als bei der Erstoperation, und da die Folgen einer beidseitigen Stimmbandlähmung schwerwiegender sein konnten, als die bereits vorhandenen Beeinträchtigungen. Der Kläger war demnach in einer für einen Laien verständlichen Form zum einen darüber aufzuklären, dass der Eingriff mit einem deutlich erhöhten Nervverletzungsrisiko verbunden ist, zum anderen, dass Folge einer (beidseitigen) Recurrensparese Atembeschwerden sein können, die soweit ausgeprägt sein können, dass ein Luftröhrenschnitt erforderlich wird. Zum dritten war der Kläger darüber zu informieren, dass eine Nervverletzung zum gänzlichen und irreversiblen Verlust der Stimme führen kann.

Eine entsprechende Aufklärung hat der Zeuge Dr. K. glaubhaft bestätigt. Der Zeuge hat bei seiner Vernehmung einen außerordentlich ruhigen, besonnenen und verantwortungsvollen Eindruck gemacht. Seine Schilderung war differenziert und sachlich. Anhaltspunkte dafür, dass die Angaben des Zeugen nicht der Wahrheit entsprechen könnten, haben sich nicht ergeben. Zwar hatte der Zeuge, was angesichts der Vielzahl von Aufklärungsgesprächen, die ein Arzt täglich führt, sowie des langen Zeitablaufs nicht verwunderlich ist, keine konkrete Erinnerung an die Aufklärung des Klägers. Anerkanntermaßen sind jedoch an den vom Arzt zu führenden Nachweis der ordnungsgemäßen Aufklärung keine übertriebenen oder unbilligen Anforderungen zu stellen (vgl. statt vieler: BGH NJW 1985, 1399). Das Gericht kann den Angaben des Arztes über eine erfolgte Risikoaufklärung Glauben schenken, wenn seine Darstellung in sich schlüssig ist und „einiger Beweis“ für ein Aufklärungsgespräch erbracht worden ist. Auch wenn sich ein Arzt nicht mehr an das konkrete Aufklärungsgespräch erinnert, er aber glaubwürdig einen in vergleichbaren Fällen regelmäßig besprochenen Aufklärungsinhalt darlegt und einen schriftlich ausgefüllten und vom Patienten mit unterzeichneten Aufklärungsbogen mit entsprechenden Risikohinweisen vorlegen kann, kann damit der Nachweis einer ordnungsgemäßen Aufklärung geführt werden. Anhaltspunkte in der Dokumentation - Vermerke oder ein unterzeichneter Aufklärungsbogen - sind zwar kein Beweis, jedoch ein Indiz zugunsten des Arztes (BGH VersR 1999, 190, 191).

Die Voraussetzungen sind hier gegeben. In der Dokumentation finden sich zwei handschriftliche Vermerke darüber, dass der Kläger über ein deutlich erhöhtes Risiko der Recurrensparese sowie die mögliche Notwendigkeit eines Luftröhrenschnittes (Tracheotomie) aufgeklärt worden ist, nämlich im Aufklärungsbogen vom 18.12.2002, den der Kläger unstreitig unterschrieben hat und auf Seite 2 der Patientenakte, wo es heißt: „OP-Indikation gegeben; präop. HNO-Konsil, da wohl Recurrensparese vorliegt; mit dem Patienten Recurrensparese- Risiko genau besprochen, im Extremfall Tracheotomie“.

Dr. K. bestätigte glaubwürdig, dass er derartige Eintragungen nur dann vornimmt, wenn eine entsprechende Besprechung mit dem Patienten stattgefunden hat. Angesichts des zweimaligen Vermerks in der Patientenakte hat der Senat keinen Zweifel daran, dass der Zeuge Dr. K. mit dem Kläger gerade auch dessen spezifische Risikosituation (durch Voroperation bereits am Stimmbandnerv beeinträchtigter Patient mit deutlich erhöhtem Risiko einer weiteren Stimmbandnervverletzung) besprochen hat. Zum Inhalt der Aufklärung erläuterte der Zeuge im übrigen, dass er den Patienten stets darauf hinweise, dass es zu einer beidseitigen Stimmbandlähmung kommen könne, was zu massiver Atemnot und zur Notwendigkeit eines Luftröhrenschnitts führen könne. Er kläre auch über die Möglichkeit von Sprachschwierigkeiten auf und weise dabei auf die Gefahr einer Stimmschwäche bis hin zum gänzlichen Stimmverlust hin. Der Zeuge Dr. K. war sich sicher, dies auch mit dem Kläger so besprochen zu haben. Der Glaubhaftigkeit der Angaben des Zeugen steht nicht entgegen, dass der Aufklärungsbogen vom 18.02.2002 keinen spezifischen handschriftlichen Hinweis zur Stimmbeeinträchtigung im Falle einer Nervenverletzung enthält. Vermerke in derartigen Bögen sind typischerweise nur Stichpunkte, die je nach individueller Praxis mehr oder weniger ausführlich gehalten sind. Es kommt durchaus vor, dass ein aufklärender Arzt nicht jedes besprochene Risiko mit einem gesonderten Begriff schriftlich festhält. Im Übrigen findet sich vorliegend noch eine handschriftliche Kennzeichnung der Passage des Aufklärungsbogens, in dem die möglichen Folgen einer Verletzung des Stimmbandnervs bis hin zum dauerhaften Stimmverlust beschrieben sind, was die Aussage des Zeugen, dass auch dieser Aspekt mit dem Kläger besprochen wurde, stützt.

Der Zeuge hat damit das Risikospektrum des Eingriffs ausreichend umschrieben, ebenso hat er ein zutreffendes Bild von der Gefahr der Nervverletzung vermittelt. Nicht erforderlich war es, dem Patienten gegenüber statistische Zahlen oder prozentuale Werte zu möglichen Risiken zu nennen (vgl. auch Senatsbeschluss vom 21.07.2011, Az. 1 U 333/11). Abgesehen davon, dass sich in wissenschaftlichen Studien häufig eine gewisse Bandbreite an Risikobewertungen findet, und der Arzt Gefahr läuft, die in einem Prozess vom Sachverständigen ermittelten Zahlen nicht exakt zu treffen, genügt - wie dargelegt - dem Patienten im Großen und Ganzen eine zutreffende Vorstellung von den Chancen und Risiken des Eingriffs zu vermitteln. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme hat der Zeuge Dr. K. zweimal die Problematik und das Risiko einer Stimmbandlähmung besprochen. Das vom Sachverständigen mit bis zu 10 % Wahrscheinlichkeit (gegenüber 0,1 bis 1 % Risiko bei Erstoperation) beurteilte Risiko einer Recurrensparese hat er mit dem Satz „deutlich erhöhtes Risiko“ zutreffend umschrieben.

Soweit der Kläger in der Berufung in den Raum gestellt hat, der Zeuge Dr. K. habe bei der Aufklärung Fachbegriffe verwendet, die der Kläger nicht verstanden habe, ist auch dieser Einwand durch die Angaben des Zeugen Dr. K. widerlegt. Der Zeuge hat glaubhaft bekundet, dass er zwar Fachbegriffe notiere, im Gespräch jedoch mit Umschreibungen und Begriffen, die auch Laien verstehen, erläutere, welche Risiken der Eingriff hat. Zu seiner Bemerkung in erster Instanz, es sei ihm wohl nicht gelungen, dem Kläger die Bedeutung eines Luftröhrenschnittes in all seinen Konsequenzen zu vermitteln, der Kläger habe dies möglicherweise nicht ganz verstanden, wurde der Zeuge ebenfalls vom Senat befragt. Er bestätigte die Einschätzung des Landgerichts, dass er damit nicht seinen Eindruck beim damaligen Aufklärungsgespräch gemeint habe. Damals war der Zeuge demnach sehr wohl davon überzeugt, dass der Kläger die Erläuterungen zu Risiken und mögliche Folgen des Eingriffs richtig und vollständig erfasst hat, ansonsten hätte der Zeuge die Operation nicht durchgeführt. Lediglich aus heutiger Sicht hielt es Dr. K. für denkbar, dass der Kläger die Informationen subjektiv nicht so aufgenommen und verarbeitet hat, wie sie der Zeuge geschildert hat.

Die Schilderung des Klägers zum Verlauf des Aufklärungsgesprächs hält der Senat dagegen nicht für glaubhaft. Nach Angaben des Klägers hat Dr. K. gesagt, es bestehe keine Gefahr, allenfalls sei der Kläger 14 Tage lang heiser. Eine derartige Erklärung wäre aus medizinischer Sicht grob falsch. Dass Dr. K. als erfahrener und besonnener Arzt derart unzutreffend das Risiko der Operation dargestellt hat, hält der Senat für ausgeschlossen, ebenso dass - wie der Kläger geltend gemacht hat - nicht einmal über die frühere Stimmbandlähmung gesprochen worden sei. Ersichtlich sind die Angaben des Klägers geprägt und beeinflusst von den Beeinträchtigungen, die die Operation mit sich gebracht hat. Es mag sein, dass der Kläger geglaubt und darauf vertraut hat, es werde die Operation keine erheblichen nachteiligen Folgen für ihn haben. Auch wenn sich der Kläger heute nicht mehr daran erinnert und subjektiv davon überzeugt ist, dass er nicht ausreichend informiert worden sei, vermag er damit die glaubwürdige Aussage des Zeugen Dr. K. nicht zu erschüttern.

b) Vorwurf der Verharmlosung der Risiken durch Hinweis auf Neuromonitoring

Der Senat ist desweiteren der Überzeugung, dass Dr. K. dem Kläger gegenüber die Risiken des Eingriffs nicht durch den Hinweis auf den Einsatz eines Neuromonitoringgerätes verharmlost oder verfälscht hat.

Dr. K. hat unstreitig im Gespräch mit dem Kläger zur Sprache gebracht, dass dieses Gerät genutzt wird. Das Gerät dient der akustischen Darstellung der Stimmbandnerven und soll deren Lokalisierung (und damit die intraoperative Schonung) erleichtern. Das Gerät war damals etwa 1 Jahr im Einsatz.

Der Senat hat den Sachverständigen befragt, ob er aus medizinischer Sicht die Erläuterungen des Zeugen Dr. K. zu den Chancen und Risiken des Eingriffs und insbesondere zu dem eingesetzten Gerät für zutreffend hält oder nicht. Der Sachverständige hat hierzu dargelegt, dass im Jahr 2002 große Hoffnungen bestanden, mit Hilfe des Neuromonitoring die Zahl der Recurrensparesen merklich zu reduzieren. Diese damalige Einschätzung hat sich jedoch statistisch nicht bewahrheitet. Auch zeigte der Sachverständige auf der Basis seiner persönlichen Erfahrungen mit dem Gerät erhebliche Skepsis und bewertete dessen Nutzen als gering. Es ist demnach mit und ohne Neuromonitoring wegen der Verwachsungen und Vernarbungen nicht leicht, eine Schädigung des Recurrensnervs bei einer Rezidivoperation zu vermeiden, was zu der gleichbleibenden Risikoquote von etwa 10 % führt. Der Sachverständige betonte jedoch, dass dies eine Beurteilung aus der heutigen Sicht mit etwa 10-jähriger Einführung ist und dass es selbst heute noch korrekt ist, dem Patienten zu sagen, dass man mit Hilfe des Gerätes den Nerven besser finden kann. Jedenfalls aus der Sicht im Jahr 2002 hatte der Sachverständige an der Aufklärung, wie sie der Zeuge Dr. K. geschildert hat, inhaltlich nichts zu bemängeln, sondern erachtete sie aus medizinischer Sicht als korrekt.

Der Senat ist aufgrund der Angaben des Zeugen davon überzeugt, dass der Kläger wusste, dass es sich um eine neue moderne Technik handelt, was zwangsläufig auch besagt, dass langjährige aussagekräftige praktische Erfahrungen mit dieser Technik noch nicht vorliegen. So hat der Kläger selbst in der Klageschrift geltend gemacht, dass das Neuromonitoring ihm als neue Technik präsentiert worden sei. Ein gesonderter Hinweis, wie ihn der Kläger in seinem letzten Schriftsatz nunmehr gefordert hat, bedurfte es damit nicht. Des weiteren beinhaltete der Hinweis, wie ihn der Zeuge Dr. K. glaubhaft geschildert hat, weder ausdrücklich noch konkludent die Aussage, dass dadurch das Nervverletzungsrisiko entfällt oder nur noch unwesentlich oder gering wäre, wie dies der Kläger geltend macht. Vielmehr wurde damit nur vermittelt, dass der Operateur mit allen technisch zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, eine Verletzung des Stimmbandnervs zu vermeiden. Eine Relativierung oder Beschönigung des deutlich erhöhten Nervverletzungsrisikos, auf das der Zeuge den Kläger zweifelsfrei aufmerksam gemacht hat, erfolgte damit nicht. Nicht entscheidend ist, ob der Kläger subjektiv angesichts des persönlichen Bezugs zum Arzt und der Klinik - seine Ehefrau arbeitet dort - dem Operateur vertraut hat und durch den Hinweis auf die eingesetzte Technik beruhigt war. Maßgeblich ist vielmehr, wovon der Senat aufgrund der Aussage des Zeugen überzeugt ist, dass dem Patienten die Chancen und Risiken des Eingriffs in zutreffender Weise dargelegt und erläutert worden sind. Auch aus medizinischer Sicht waren die Aufklärung bzw. die erteilten Informationen, wie der Gutachter bestätigt hat, nicht zu beanstanden.

2. Rüge der unterlassenen Aufklärung über Behandlungsalternativen

In der Berufung hat der Kläger - gestützt auf eine Entscheidung des OLG Frankfurt (Urteil vom 14.01.2003, Az. 8 U 135/01) - geltend gemacht, dass ein zweizeitiges operatives Vorgehen - also eine chirurgische Intervention auf je einer Seite der Schilddrüse in zwei gesonderten Operationen - eine aufklärungsbedürftige Behandlungsalternative gewesen wäre. Der Zeuge Dr. K. hat auf Befragung durch den Senat bestätigt, dass er diese Möglichkeit nicht mit dem Kläger besprochen habe und zwar deshalb, weil seiner Meinung nach angesichts der erhobenen Befunde (großer Kropf linksseitig, der die Luftröhre einengt) ein derartiges Vorgehen als Alternative nicht in Betracht gekommen sei. Der Sachverständige Prof. Dr. B. hat die Einschätzung des Zeugen aus fachlicher Sicht bestätigt. Sinnvoll ist demnach ein zweizeitiges Vorgehen, wenn die Stimmbandnerven auf beiden Seiten präoperativ noch intakt sind, wie dies in dem vom OLG Frankfurt entschiedenen Fall war. Dann kann der Gefahr einer beidseitigen Stimmbandlähmung durch ein zweizeitiges Vorgehen begegnet werden. Insbesondere dann, wenn der Verdacht besteht, dass einer der beiden Stimmbandnerven intraoperativ geschädigt worden ist, sollte - so der Sachverständige - mit der operativen Intervention auf der anderen Seite abgewartet und die Situation mit dem Patienten besprochen werden, damit dieser entscheidet, ob er das Risiko einer beidseitigen Recurrensparese eingeht oder auf die Entfernung des Schilddrüsengewebes auf einer Seite verzichtet. Überzeugend hat der Sachverständige erläutert, dass vorliegend ein zweizeitiges Vorgehen keine sinnvolle und in Betracht kommende Behandlungsalternative war. Präoperativ bestand bereits - wie Arzt und Patient wussten - eine Recurrensparese auf der rechten Seite. Das Rezidiv war aber auf der intakten linken Stimmbandseite aufgetreten und auf dieser Seite auch dominant. Es war deshalb medizinisch geboten und entsprach dem Facharztstandard, auf der linken Seite mit dem Eingriff zu beginnen. Durch eine Operation auf der rechten Seite, auf der der Recurrensnerv bereits geschädigt war, wären die wesentlichen Probleme des Klägers - nämlich rasches Rezidivwachstum links, Bedrängung der Luftröhre und Tumorverdacht - nicht beseitigt worden.

Aus den gleichen Gründen stellte auch eine Biopsie des linksseitigen Rezidivgewebes keine echte Behandlungsalternative dar. Insoweit verkennt der Kläger, dass der Ausschluss einer möglichen Malignität nur einer von mehreren Gründen für die Operation war. Ergänzend ist festzustellen, dass der Bericht der Praxis für Nuklearmedizin und Radiologie vom 13.12.2002 den vom Zeugen Dr. K. geschilderten und in den Patientenakten dokumentierten Befund bestätigt, wonach der Kläger unter einem in letzter Zeit besonders auffälligen und starken Rezidivwachstum der Schilddrüse vor allem auf der linken Seite litt, das ihm Probleme beim Atmen bereitete. Mit einer Biopsie war dieser Zustand nicht erfolgreich behandelbar. Dass die Radio-Jod-Therapie beim Kläger nicht als Behandlung in Betracht gekommen ist, wurde bereits erstinstanzlich geklärt.

Der Kläger hatte damit nur die Möglichkeit, die weitere Entwicklung abzuwarten und seine Beschwerden hinzunehmen, die mit erheblicher Wahrscheinlichkeit durch das Wachstum des Rezidivs immer größer geworden wären oder sich operieren zu lassen. Andere Behandlungsalternativen gab es nicht und waren deshalb auch nicht mit dem Kläger zu besprechen.

Ergänzend ist in diesem Zusammenhang festzustellen, dass der Sachverständige den Eingriff als Routine-Therapie mit vertretbarem Operationsrisiko bewertet hat. Angesichts der dokumentierten Befunde und Beschwerden kann demnach keine Rede davon sein, dass der Kläger ein extrem hohes Risiko eingegangen sei, ohne nennenswerte Beschwerden gehabt zu haben, ebenso wenig, dass die Risiken des Eingriffs gegenüber den bestehenden Beschwerden und den Chancen der Operation ex ante außer Verhältnis gestanden hätten oder dem Patienten irreführend dargelegt worden wären.

3. Da die Beklagte damit eine ordnungsgemäße Aufklärung des Klägers nachgewiesen hat, erübrigen sich Ausführungen zur Verjährung.

III.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 ZPO.

Die vorläufige Vollstreckbarkeit bestimmt sich nach den §§ 708 Ziff. 10, 711 ZPO.

Die Revision war nicht zuzulassen, da die Voraussetzungen hierfür (§ 543 Abs. 2 ZPO) nicht vorliegen. Weder hat die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung noch besteht das Erfordernis, eine Entscheidung des Revisionsgerichts zur Fortbildung des Rechts oder zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung herbeizuführen.