LG Detmold, Urteil vom 16.05.2012 - 4 Ks-31 Js 1086/11-10/12
Fundstelle openJur 2012, 86628
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Tenor

Der Angeklagte A4 wird wegen Mordes in Tateinheit mit Geiselnahme zu

lebenslanger Freiheitsstrafe

verurteilt.

Die Angeklagten A1 und A2 werden wegen Beihilfe zum Mord in Tateinheit mit Geiselnahme zu Freiheitsstrafen von jeweils

zehn Jahren

verurteilt.

Die Angeklagten A3 und A5 werden wegen Geiselnahme zu Freiheitsstrafen von jeweils

fünf Jahren und sechs Monaten

verurteilt.

Die Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens.

Angewandte Vorschriften: §§ 211, 239b, 27, 52 StGB.

Gründe

(für die Angeklagten A1  und A3  abgekürzt gemäß § 267 Abs. 4 StPO)

Die Angeklagten sind Geschwister. Sie entstammen einer jesidischen Familie aus M in der Türkei. Im Jahre 1985 kamen ihre Eltern V und M  mit den Großeltern väterlicherseits und A1 - geboren 1984 - nach Deutschland. Hier kamen noch neun weitere Kinder zur Welt. Bereits im Jahr der Einwanderung wurde G1 geboren. Es folgten die Söhne A2, geboren 1986, A3, geboren 1987, A4, geboren 1989, und A5, geboren 1990. Im Jahr 1993 kam die dritte Tochter - X - zur Welt. Es folgten noch drei weitere Kinder, nämlich G3 (1995), G4 (1998) und G5 (2001).

In diesem Verfahren müssen sich die Angeklagten wegen Geiselnahme und Ermordung ihrer Schwester X verantworten.

I.

1.

Die heute 27-jährige A1 wurde als einzige der Geschwister noch in der Heimat ihrer Eltern in M / Türkei geboren. Im Jahre 1984 zogen ihre Eltern mit ihr nach Deutschland. Hier besuchte A1 die Grundschule und anschließend das Gymnasium. Nach ihrem Abitur im Jahre 2003 absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt O1, welche sie 2006 erfolgreich abschloss. Danach war sie bei der Stadt O1 als Sachbearbeiterin in der Bürgerberatung tätig. Daneben arbeitete sie als Servicekraft bei der Mobilitätsberatung im O1-er Bahnhof. Ab dem Jahre 2010 besuchte sie mit Erfolg einen A2-Lehrgang für den gehobenen Dienst.

A1 ist ledig und kinderlos. In ihrer Freizeit geht sie schwimmen und laufen, zudem liest sie gern.

Strafrechtlich hat sich A1 bislang nichts zu Schulden kommen lassen. In dieser Sache befindet sie sich seit dem 02. November 2011 in Untersuchungshaft.

2.

Der jetzt 25 Jahre alte A2 wechselte nach dem Besuch der Grundschule auf die H-Gesamtschule in O1, die er mit dem Abschluss nach der zehnten Klasse verließ. Anschließend machte er eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker bei der Firma F1 in O1, welche er im Juni 2008 mit seiner Gesellenprüfung abschloss. Danach arbeitete er drei Jahre bei der Firma F2 Haustechniker in O1 als Lagerarbeiter. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme war A2 bei der Firma F3 in O1 als Gas- und Wasserinstallateur tätig. Dort verdiente er rund 1.200,00 € netto. Zudem war A2 sechs Jahre als Feuerwehrmann bei der freiwilligen Feuerwehr der Stadt O1.

A2 ist geschieden. Aus seiner Ehe hat er eine zweijährige Tochter, die bei ihrer Mutter lebt und für die er Unterhalt zahlt.

Strafrechtlich ist A2 bislang nicht in Erscheinung getreten. In dieser Sache befindet er sich seit dem 03. November 2011 in Untersuchungshaft.

3.

Der heute 24 Jahre alte A3 besuchte ab August 1994 die Grundschule in O5. Nach dem ersten Schuljahr wechselte er auf die Grundschule nach O1. Danach besuchte er die Hauptschule in O1, die er nach der zehnten Klasse mit der Fachoberschulreife verließ. Anschließend wollte A3 die Fachhochschulreife für Wirtschaft und Verwaltung erwerben. Dazu besuchte er ab Sommer 2005 das Berufskolleg in O1. Diese Ausbildung brach er jedoch nach seiner Heirat ab. Um Geld für seine Familie zu verdienen, nahm er im August 2006 eine Teilzeitbeschäftigung als Packer bei der Fa. F4 in O1 an. Ein Jahr später war er als Call-Agent teilzeitbeschäftigt. Danach war er bis zu seiner Festnahme als Maschinen- und Anlagenführer bei der Firma F5 in O 2 tätig. Dort verdiente er zwischen 1.700,00 und 2.000,00 € netto monatlich. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft fand A3 bis zum 20. April 2012 Arbeit bei der Firma F6.

A3 ist verheiratet mit N. Aus der Ehe sind zwei gemeinsame Kinder hervorgegangen, die am 26. Oktober 2008 geborene J und die am 01. Juli 2011 geborene K. Seine Hobbys sind Fußball und Fitnesstraining. Zudem war A3 bei der freiwilligen Feuerwehr in O1.

Strafrechtlich ist A3 bislang nicht in Erscheinung getreten. Er befand sich in dieser Sache vom 01. November 2011 bis zum 01. Februar 2012 in Untersuchungshaft.

4.

Der 22-jährige A4 wurde ebenfalls in O1 geboren. Er hat den Schulabschluss der mittleren Reife. Die Ausbildung zur Fachoberschulreife brach er ab. Anschließend bewarb er sich zunächst bei der Bundeswehr, nahm von diesem Vorhaben aber Abstand, da er O15 nicht verlassen wollte. Danach war A4 als Leiharbeiter bei der Firma F7 in O3 beschäftigt. Zuletzt machte er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ein Praktikum in einem Heizungs- und Sanitärbetrieb.

A4 ist ledig, Kinder hat er keine. Von seinem zwölften bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr war er bei der freiwilligen Feuerwehr in O1.

Strafrechtlich hat sich A4 bislang nichts zu Schulden kommen lassen. In dieser Sache befindet er sich seit dem 03. November 2011 in Untersuchungshaft.

5.

A5 ist der Jüngste der Angeklagten. Zum Zeitpunkt der in diesem Verfahren zu beurteilenden Tat war er gerade 21 Jahre alt geworden. A5 besuchte die Gesamtschule in O1, die er mit dem 10a-Abschluss verließ. Anschließend machte A5 eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei der Firma F2 in O1. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme befand er sich im zweiten Ausbildungsjahr.

Strafrechtlich ist A5 bislang nicht in Erscheinung getreten. In dieser Sache befand er sich vom 03. November 2011 bis zum letzten Hauptverhandlungstermin in Untersuchungshaft.

II.

1. Familie A

Die Angeklagten sind Jesiden. Hierbei handelt es sich um eine kurdische Volksgruppe, welche durch ihre religiösen Normen und patriarchalischen Werte geprägt ist. Diese werden auch von der Familie A hoch gehalten. In dem Streben nach der Erhaltung ihrer jesidischen Traditionen auch in ihrer neuen Heimat Deutschland sind für die Familie A folgende Grundsätze von großer Bedeutung:

Als Anhänger des Jesidentums bilden die Jesiden eine eigenständige monotheistische Religion. Innerhalb der jesidischen Gemeinschaft herrscht ein striktes Kastensystem, das durch Geburt festgelegt ist. Ein Wechsel von einer Kaste in eine andere ist nicht möglich. Eine Heirat außerhalb der eigenen Kaste wird üblicherweise ebenso mit strikter Ausgrenzung bestraft wie eine Partnerschaft mit einem Nichtjesiden, die insbesondere den Frauen verboten ist. Dies ist nach dem Verständnis des Jesidentums notwendig, um das Kollektiv zu schützen und zu bewahren. Seine Interessen gehen vor. Das Individuum spielt nur eine sekundäre Rolle. Toleranz gegenüber den eigenen Gläubigen, wenn sie die religiösen Vorschriften nicht einhalten, ist kaum vorhanden.

In kultureller Hinsicht ist bei den Jesiden die Familie das soziologische Zentrum der traditionellen Gesellschaft und geprägt von einer patriarchalischen Struktur. An der Spitze der Familie steht der Vater als Haushaltsvorstand. Die zweite Stelle innerhalb der Hierarchie nimmt der älteste Sohn ein. Bei Konflikten wird der Angriff auf ein Mitglied des Haushaltes als Angriff auf den gesamten Haushalt als ideale Einheit betrachtet, ebenso wie Verfehlungen eines Mitgliedes des Haushaltes als Verfehlung des gesamten Haushaltes betrachtet werden. Die Rechtseinheit des Haushaltes wird über den Begriff der Ehre konstruiert. Letztere wird unter anderem durch die Frauen der Familie verkörpert, die als Besitz der Männer angesehen werden. Die Ehre der Frau ist in der patriarchalischen Gesellschaft der Jesiden dabei eng mit der Sexualität verknüpft. Für die Frau gebietet der Ehrbegriff Keuschheit, sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe und Beschränkung ihrer sexuellen Beziehungen auf die Ehe. Die Einhaltung dieser Norm- und Wertvorstellungen obliegt der gesamten Familie, vertreten durch den Vater als Oberhaupt der Familie. Dieser muss dafür sorgen, dass die Ehre der Familie in der Öffentlichkeit geschützt wird. Die Nichteinhaltung der vorgegebenen Verhaltensweisen wird als Achtungslosigkeit des Familienmitgliedes und als fehlende Autorität des Familienoberhauptes interpretiert. Dieses hat die Aufgabe, das Verhalten der übrigen Familienmitglieder zu kontrollieren und bei einem ungebührlichen Verhalten zu bestrafen. Die Verletzung der Ehre ist dabei gleichsam identisch mit einem Angriff auf die Körperlichkeit, die daher im Idealfall nur mit einem Angriff auf die Körperlichkeit des Ehrverletzers oder der Ehrverletzerin ausgeglichen werden kann. Nicht selten spielt hier auch der soziale Druck der Gemeinschaft eine wesentliche Rolle. Die Angst vor einem „Gesichtsverlust“ innerhalb der sozialen Gemeinde kann ein aktives Vorgehen gegen den Ehrverletzer verstärken.

Zunehmende Repressionen trieben die Jesiden in den 80ziger Jahren vor allem aus der Türkei zur Flucht nach Deutschland. Auch die aus M in der Osttürkei stammenden Eltern der Angeklagten suchten vor rund fünfundzwanzig Jahren in Deutschland Schutz vor Verfolgung und ein besseres Leben. Wenn auch die Familie A in Deutschland nach außen hin voll integriert war, war die Erziehung ihrer Kinder geprägt durch die jesidischpatriarchalische Familienstruktur. V erwartete von seinen Kindern die strikte Einhaltung der jesidischen Vorschriften und die bedingungslose Anerkennung seiner Autorität. Seine Kinder hatten nach seinen Wertvorstellungen und Traditionen zu leben. V  verlangte von ihnen Respekt und Gehorsam. Eigene Wünsche der Kinder hatten hinter dem Wohl der Familie zurückzustehen. Die traditionsgeprägten, patriarchalischen Vorstellungen der Eltern der Angeklagten standen jedoch in deutlicher Diskrepanz zu der modernen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, deren individualistische und freiheitliche Ausrichtung den Angeklagten jeden Tag in der Schule und im Berufsleben vor Augen geführt wurde. Dadurch lebten die Angeklagten in zwei Welten. In diesem Konflikt waren insbesondere A1 und A2 bemüht, den Erwartungen ihres Vaters gerecht zu werden. Beide wollten ihren Eltern, die selbst schon viel erlitten hatten und mit der Auswanderung aus ihrer Heimat ihren Kindern eine bessere Zukunft hatten verschaffen wollen, gefallen und ihnen helfend zur Seite stehen. A1 fühlte sich als älteste Schwester für ihre jüngeren Geschwister verantwortlich. Neben ihren Eltern war sie für diese erste Ansprechpartnerin bei allen Dingen des alltäglichen Lebens. Ihre jüngeren Geschwister hörten auf ihre Ratschläge. Zudem oblag es A1, die Finanzen der Familie zu regeln. A2 war als ältester Bruder stellvertretendes Familienoberhaupt und daher in der Pflicht, ebenso wie sein Vater für die Bewahrung der Familienehre Sorge zu tragen. A2 hatte zwar eine Wohnung in B. Nach seiner Scheidung hielt er sich jedoch - anders als A3 - regelmäßig in seinem Elternhaus auf und war daher der Ansprechpartner für alle. A3, der mit seiner Familie in O2 wohnte, spielte in der Familie A keine große Rolle. Er hatte eine Frau geheiratet, die seiner Familie nicht gefiel, und stand deswegen in der Familienhierarchie - obwohl älter - hinter A4 und A5. A4 und A5 waren Mitläufer. Sie akzeptierten und respektierten die Entscheidungen ihres Vaters und ihrer älteren Geschwister A1 und A2. A5 hielt sich nur am Wochenende in seiner eigenen Wohnung in dem Familienhaus in O2 auf. Die überwiegende Zeit verbrachte er bei seinen Eltern in O1.

2. zur Vorgeschichte:

a) Freundschaft zwischen X und Y 

Seit 2009 arbeitete X auf 400,00 € Basis aushilfsweise als Verkäuferin in der Bäckereifiliale L in der H-Straße in O1, und zwar erst sonntags, später auch samstags und als Urlaubsvertretung. Der Inhaber der Bäckerei, der Zeuge Z1, und dessen Frau, die Zeugin Z2, kennen die Familie A schon seit circa 15 Jahren. Zunächst hatte M in der Bäckerei als Reinigungskraft gearbeitet. Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte sich zwischen der Familie L und der Familie A eine enge Freundschaft. Man half sich gegenseitig und teilte Freud und Leid. Auch A1 arbeitete eine ganze Zeit als Verkäuferin in der Bäckerei. Ihre Brüder halfen dort in verschiedensten Dingen aus.

Im Januar 2011 fing X - die zu dieser Zeit gerade das Berufskolleg besuchte - an, sich für den Zeugen Y  zu interessieren. Dieser war als Bäcker in der Bäckerei  angestellt ist. Nachdem die beiden vorher lediglich beruflich Kontakt gehabt hatten, unterhielten sie sich nun auch über Privates. Nach Arbeitsschluss fuhr Y oft in die Filiale in die H-Straße, um dort mit X zu reden. Ein paar Mal holte er X zu Hause ab und fuhr sie zur Arbeit. Auch an den Wochenenden unternahmen X und Y öfters etwas gemeinsam. Ab Juni 2011 waren die beiden schließlich fest zusammen. Ihrer Familie erzählte X hiervon nichts. Sie wusste, dass diese eine Beziehung zu einem Nichtjesiden nicht dulden würde. Ihr war ferner bewusst, dass ihre Eltern aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Einstellung von ihr erwarteten, dass sie einen Jesiden heiraten und bis zur Ehe keusch leben würde. Einen nicht jesidischen Freund zu haben, war ihr verboten. Da sie jedoch ernsthaft in Y verliebt war, schob sie ihre Bedenken beiseite. Sie wollte sich keine Gedanken machen, welche Konsequenzen es haben würde, falls ihr Vater von der Beziehung erfuhr, sondern unbeschwert ihr Glück genießen. Bei Y fühlte sie sich wohl und geborgen.

b) Vorfall am 17. August 2011

Am 17. August 2011 feierte Y gemeinsam mit X und einigen Freunden seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag in seiner Wohnung in der T-straße Nr. 1 in O1. Gegen 22:00 Uhr machte sich X zu Fuß auf den Weg zu dem rund einem Kilometer entfernt liegenden Haus ihrer Eltern. Als sie dort ankam, traf sie auf ihren Bruder A4. Dieser hielt es als älterer Bruder und insbesondere während der Abwesenheit des Vaters - dieser war mit A5 im Urlaub in der Türkei -  und des ältesten Bruders - A2 war in seiner Wohnung in O2 - für seine Pflicht, auf seine jüngere Schwester aufzupassen. Er stellte daher X, die offenbar angetrunken war, zur Rede. Er wollte wissen, wo sie gewesen war. X jedoch wollte auf keinen Fall, dass dieser etwas von ihrer Beziehung zu Y erfuhr, denn sie hatte Angst vor der Reaktion ihrer Familie. Deshalb erklärte sie ihrem Bruder A4, dass ihn dies nichts angehe. A4 empfand diese Antwort als unverschämt. Sie zeigte ihm, dass X ihn offensichtlich weder ernst nahm noch respektierte. Er war hierüber so wütend, dass er X massiv verprügelte. 

Am nächsten Tag hatte X durch die Schläge ihres Bruders so schlimme Schmerzen, dass sie ihre Hausärztin Q1 aufsuchte. X war zwar schockiert über A4s Verhalten. Ihrer Hausärztin die Wahrheit zu erzählen, kam für sie jedoch nicht in Frage. Denn X hatte von ihren Eltern gelernt, dass alles, was die Familie betraf, Fremde nichts anging. Die Ehre der Familie musste nach außen hin gewahrt bleiben. Zudem befürchtete sie, ihre Beziehung zu Y könnte entdeckt werden. Daher wollte sie möglichst wenig Aufheben um die ganze Sache machen. Ihrer Hausärztin erzählte X deshalb, sie sei alleine in einem Waldstück Fahrrad gefahren und dabei kopfüber einen Abhang heruntergestürzt. Lediglich gegenüber ihrer besten Freundin, der Zeugin Z3, deutete X später an, dass es ihre Geschwister gewesen seien, ohne jedoch Namen zu nennen. Wegen des Verdachts einer Gehirnerschütterung überwies die Hausärztin Q1 X in die Unfallchirurgie des Klinikums O1. Dort wurde ein Schädelhirntrauma 1. Grades sowie Gesichts-, Thorax- und Beckenprellungen diagnostiziert. X wurde deswegen im Klinikum bis zum 20. August 2011 stationär behandelt. Nach diesem Vorfall kamen X Bedenken, ob ihre Beziehung zu Y eine Zukunft haben könnte. Ihre Liebe zu Y war jedoch zu groß, als dass sie bereit gewesen wäre, ihn aufzugeben.

A4 war davon überzeugt, X zu Recht verprügelt zu haben. Als älterer Bruder war es seine Pflicht, auf seine jüngere Schwester aufzupassen, insbesondere wenn sein Vater und A2 nicht im Haus waren. Es ging nicht an, dass X sich ehrlos verhielt, indem sie spät nachts und betrunken nach Hause kam. Wenn sie sich derart ungebührlich benahm und ihn dann noch respektlos behandelte, war es sein gutes Recht, sie hierfür zur Rechenschaft zu ziehen. In diesem Bewusstsein erzählte A4 den übrigen Familienmitgliedern von dem Vorfall. Dass ihm keiner Vorwürfe machte oder sich auf X Seite stellte, bestärkte ihn darin, dass seine Familie sein Verhalten für richtig hielt und billigte.

c) Vorfall am 27. August 2011

Am Samstag, den 27. August 2011, schenkte Y X zehn rote Rosen, denn an diesem Tag waren die beiden genau zehn Wochen zusammen. Hierüber freute sich X so sehr, dass sie die Blumen unbedacht mit nach Hause nahm. Als ihre Familie wissen wollte, von wem sie die Rosen bekommen hatte, geriet X in Erklärungsnot. Sie wusste, dass sie ihrer Familie nicht erzählen konnte, dass die Blumen von ihrem deutschen Freund waren. Ihr war bewusst, dass ihr Vater eine solche Beziehung niemals dulden würde. Zudem hatte auch ihre Schwester A1 ihr vor einigen Monaten ganz klar deutlich gemacht, dass es ihr als Jesidin verboten war, einen deutschen Mann zu haben. In ihrer Angst behauptete X daher, dass sie die Rosen für ihre Freundin, die Zeugin Z4, aufbewahren würde. Diese rief sie unmittelbar danach heimlich über ihr Handy an. Aufgelöst und weinend bat sie die Zeugin Z4, ihre Familie anzurufen und dieser zu sagen, dass die Rosen als Überraschung für den Hochzeitstag ihrer Eltern bestimmt seien und sie diese X zur Aufbewahrung mitgegeben hätte. Die Zeugin Z4 rief kurze Zeit später absprachegemäß bei der Familie A an und hatte A1 am Telefon, die ihr jedoch nicht glaubte. Daraufhin rief die Zeugin Z4 ihre Mutter an das Telefon, welche die Geschichte bestätigte. A1 blieb jedoch misstrauisch. Auch der Rest der Familie A war davon überzeugt, dass die roten Rosen nur das Geschenk eines Freundes sein konnten. Sie vermuteten, dass X heimlich einen Freund hatte. V verlangte daher von X, dass sie ihm ihr Handy gab. Denn er war sich sicher, dass er mit Hilfe des Handys herausfinden würde, ob X tatsächlich einen Freund hatte. X holte ihr außerhalb des Hauses verstecktes Handy und versuchte, es auf dem Weg zu ihrem Vater zu zerstören. Darüber wurde dieser so wütend, dass er seine Tochter mehrfach mit der flachen Hand auf den Körper schlug. V gelang es, dass Handy wieder in Betrieb zu nehmen. Die darin gespeicherten Nachrichten bestätigten seinen Verdacht, dass seine Tochter einen Freund hatte. Daraufhin wollte V auch den Email-Verkehr von X überprüfen. Als diese ihm das Passwort für ihr Account zunächst nicht geben wollte, prügelte es V  mit einem Stock aus seiner Tochter heraus. Als V  Xs Emails las, hatte er keine Zweifel mehr, dass diese einen Freund hatte.

Um zu erfahren, um wen es sich bei Xs Freund handelte, rief A1 am nächsten Tag, dem Sonntag, erneut bei der Zeugin Z4 an. Diese sowie ihre Mutter wiederholten zunächst ihre Geschichte. A1 ließ jedoch nicht locker. Sie log der Zeugin Z4 vor, dass X inzwischen bereits gestanden hätte, dass die Blumen nicht für deren Mutter gewesen seien. Sie wisse, dass X einen Freund habe. A1 schwindelte der Zeugin Z4 vor, lediglich aus Sorge um ihre Schwester wissen zu wollen, ob dies ein vernünftiger Mensch sei. Als A1 sie hartnäckig immer weiter löcherte, erzählte die Zeugin Z4 schließlich, dass der Freund von X in der Bäckerei arbeite und Russe sei. Damit war der Familie A Klar, dass es sich hierbei nur um den Y handeln konnte. Um weitere Beweise für das Verhältnis zwischen X und Y zu finden, wurde das Zimmer von X durchsucht. Dort fand V einen gebrauchten Schwangerschaftstest. Nun war allen klar, dass X nicht nur einen nichtjesidischen Freund hatte, sondern mit diesem offensichtlich auch schon intim geworden war.

V war entsetzt und fassungslos über das Verhalten von X. Seine Tochter hatte es gewagt, das ihr bekannte jesidische Gebot, welches eindeutig eine voreheliche Beziehung noch dazu zu einem Nichtjesiden verbot, zu missachten. Dadurch hatte sie ihn und die ganze Familie entehrt. Als V  an die Reaktion der jesidischen Gemeinde dachte, wenn diese von X ungehörigem Verhalten erfahren würde, wurde er wütend. Er beschimpfte X und ohrfeigte sie mit voller Wucht. Dann ließ er von seiner Tochter zunächst ab. V - gesundheitlich angeschlagen - nahm die ganze Sache so mit, dass er sich erst einmal hinsetzen musste. Damit war die Angelegenheit für ihn jedoch nicht erledigt. Er wollte, dass X für ihr ehrloses Verhalten nachhaltig bestraft wurde. Ihr sollte unmissverständlich klar gemacht werden, dass er die Beziehung zu Y niemals dulden würde. Für ihr ungebührliches und respektloses Verhalten wollte er sie so hart bestrafen, dass sie es niemals wieder wagen würde, sich mit Y zu treffen. Daher befahl er seinem Sohn A4, X zu verprügeln. Dieser gehorchte seinem Vater, holte einen massiven Holzstock und schlug mit diesem auf seine Schwester ein. Dabei sahen A1 und die beiden jüngeren Schwestern zu. Niemand stand X zur Seite. Auch A1 unternahm nichts, um X zu helfen, denn sie fand, dass ihre Schwester diese Strafe verdient hatte. Anschließend nahm V X das Portemonnaie mit Personalausweis, Führerschein und Versicherungskarten weg. Er verbot ihr, das Haus zu verlassen. Er wollte so die vollständige Kontrolle über X erlangen und sicher stellen, dass sie keinen Kontakt zu Y mehr hatte. Denn dass seine Tochter die jesidischen Gesetze nicht befolgte und damit die ganze Familie bloßstellte, konnte und wollte er nicht dulden. Sie hatte ihm zu gehorchen und sich seinen jesidischen Wertvorstellungen entsprechend zu verhalten.

X war aufgrund der Misshandlung völlig verschüchtert. Ihre Eltern hatten ihr klar gemacht, dass „einiges passieren würde“, wenn sie nicht gehorchte. X nahm diese Drohung sehr ernst. Sie hatte Angst, in die Türkei gebracht und dort zwangsverheiratet zu werden. Sie fürchtete sogar, umgebracht zu werden, wenn sie nicht tat, was ihre Familie wollte. Denn zufällig hörte sie während ihres Hausarrestes ein Gespräch zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder A4 mit, in welchem letzterer zu seinem Vater sagte, es sei das Beste, X im Wald zu verscharren und sie dann als vermisst zu melden.

Die Familie A wollte jeden Kontakt zur Bäckerei der Zeugen Z1 und Z2 abbrechen. V befahl seiner Tochter, ihren Job dort aufzugeben. X wagte nicht, sich dem zu widersetzen. Sie meldete sich am Montag telefonisch bei dem Zeugen Z1 und log ihm vor, dass sie aus gesundheitlichen und schulischen Gründen nicht mehr dort arbeiten Könne. Auch M erklärte dem Zeugen Z1, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr für ihn arbeiten werde. Da sie sich Sorgen um X machte, besuchte die Zeugin Z2 noch am gleichen Abend die Familie A. Als die Zeugin Z2 mit X sprach, hatte diese nicht den Mut, ihrer Chefin die Wahrheit zu sagen. Auch Y sagte X nur, dass sie sich in der nächsten Zeit nicht sehen könnten. Er solle sich aber keine Sorgen machen, sie werde sich wieder bei ihm melden.

d) X Flucht am 01. September 2011

Auch wenn ihr klar war, dass sie sich in große Gefahr begab, wenn sie ihrem Vater nicht gehorchte, konnte und wollte X nicht nach dessen Wertvorstellungen leben. Sie war auch in großer Unruhe, was ihre aufgebrachte Familie noch mit ihr anstellen würde. X befürchtete, mit einem Mann, den sie weder kannte noch liebte, in der Türkei zwangsverheiratet zu werden. Sie hatte Angst, umgebracht zu werden, wenn sie sich dem Willen ihres Vaters nicht beugte. Als einzigen Ausweg sah sie nur die Flucht. Daher packte sie heimlich eine Tasche mit einigen ihrer Sachen und versteckte sie unter ihrem Bett. Als ihr Vater am frühen Morgen des 01. September 2011 gemeinsam mit A1 und A3 zur Sparkasse nach O6 gefahren war, nutzte X die Gelegenheit, unbemerkt das Haus zu verlassen. In einem unbeobachteten Moment schlich sie sich hinaus und flüchtete zu der Zeugin Z3, die nur wenige Straßen entfernt wohnt. Weinend schilderte sie der Zeugin Z3, was passiert war, und zeigte ihr die blauen Flecken. Weiter erzählte sie ihrer Freundin, dass sie befürchtete, von ihrer Familie in die Türkei verschleppt und dort zwangsverheiratet zu werden. Falls sie die Heirat verweigere, würde sie umgebracht werden.

X hatte kein Geld und keine Papiere. Sie wusste, dass ihr aus ihrer Familie niemand helfen würde. Sie wagte auch nicht, jemanden aus der Verwandtschaft um Hilfe zu bitten, denn sie hatte Angst, von diesen gleich wieder zu ihrem Vater zurück gebracht zu werden. Auch rechnete sie fest damit, dass ihre Familie bereits auf der Suche nach ihr war. In dieser Situation sah sie nur einen einzigen Ausweg. Sie musste zur Polizei gehen. X begab sich daher gemeinsam mit der Zeugin Z3 zur Polizeiwache in O1 und erstattete Strafanzeige gegen ihren Vater und ihren Bruder A4. Dabei kam im Rahmen der Vernehmung der Zeugin Z3 auch der Vorfall vom 17. August 2011 zur Sprache. Hierzu befragt wagte X jedoch nicht, die Wahrheit zu sagen. Ihr fiel es schon schwer genug, die letzten Tage zu schildern. Sie hatte große Angst vor der Reaktion ihrer Familie, wenn diese ihre Flucht bemerkte und dann auch noch erfuhr, dass sie Strafanzeige erstattet hatte. Sie wollte ihre Familie nicht noch mehr dadurch gegen sie aufbringen, dass sie erzählte, dass A4 sie bereits zuvor so schwer verprügelt hatte, dass sie stationär im Krankenhaus hatte behandelt werden müssen. Sie log daher und erzählte, am 17. August 2011 auf dem Weg nach Hause von zwei unbekannten Personen beleidigt worden zu sein. Anschließend sei sie durch den Wurf eines Stockes gegen ihre Stirn bewusstlos geworden. Aufgewacht sei sie mit Prellungen am ganzen Körper. Der die Strafanzeige aufnehmende Zeuge EKHK Z5 kaufte X dieser Geschichte nicht ab. Ihm wurde klar, dass es sich hier nicht nur um einen bloßen Familienstreit handelte, sondern die junge Frau in ernsthafter Gefahr war. Er schickte X daher zu seinem im Bereich Opferschutz tätigen Kollegen, dem Zeugen KHK Z6. Auch diesem gegenüber schilderte X, dass sie große Angst vor ihrer Familie habe. Einige Mitglieder ihrer Familie seien sehr aggressiv. KHK Z6 nahm die Sache ebenfalls überaus ernst. Er erkannte, dass X in großer Gefahr war und keinesfalls zu ihrer Familie zurückkehren Konnte. Er schlug X daher vor, Zuflucht in einem Frauenhaus zu suchen und ihre Identität zu ändern.

Obwohl es für sie einen riesigen Schritt und eine erhebliche Belastung darstellte, mit ihrer Familie zu brechen, nahm X das Angebot der Polizei an. Denn nach den Geschehnissen der letzten Wochen konnte sie sich nicht vorstellen, in den Kreis ihrer Familie zurückzukehren. Die Wertvorstellungen und Traditionen ihres Vaters bedeuteten ihr nichts. Sie wollte ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Wenn sie jedoch bei ihrer Familie blieb, würde sie nie ihre Träume und Wünsche verwirklichen können. Sie hatte große Angst, dass sie bei einer Rückkehr in die Familie zwangsverheiratet oder gar umgebracht würde. Nachdem sie von ihrem Vater und ihrem Bruder A4 so massiv verprügelt worden war, ohne dass ihr irgendjemand aus der Familie zur Seite gestanden hatte, fühlte sie sich isoliert und im Kreise ihrer Familie nicht mehr zu Hause.

Bevor sie von der Polizei in das Frauenhaus nach O7 gefahren wurde, rief X noch ihren Freund Y an, um ihn zu warnen. Sie erzählte ihm, dass ihre Familie von der Beziehung wisse, sie geflohen sei und ihre Familie sicher auch bei ihm nach ihr suchen werde. Tatsächlich stand gegen 10:30 Uhr desselben Tages A3 in Begleitung seines Bruders G2 vor der Wohnung des Y. A3 erklärte, dass seine Eltern von dem Verhältnis wüssten. Er forderte Y auf, die Finger von X zu lassen. Als Y daraufhin erklärte, er werde sich das überlegen, drohte A3 ihm damit, dass er ihn umbringen werde, wenn er noch mal wegen ihm von O2 hierhin fahren müsse. Weiterhin warnte A3 den Y, dass etwas passieren würde, falls er Anzeige erstatten würde. Auch Y war nun klar, dass die Angst seiner Freundin vor ihrer Familie berechtigt war.

Ebenfalls am 01. September 2011 führte der Zeuge KHK Z7 gegen 12:00 Uhr eine Gefährdetenansprache bei der Familie A durch. Dabei traf er die Eltern von X sowie einige ihrer Töchter - unter anderem A1 - an. Der Polizeibeamte informierte die Familie, dass X der Polizei geschildert hatte, was ihr in den letzten Tagen wiederfahren war, und wies auf die strafrechtlichen Konsequenzen hin. Dabei zeigte sich V  scheinbar einsichtig, der Zeuge KHK Z7 erkannte jedoch, dass dies nur vorgeschoben war. A1 reagierte offenkundig abweisend. Sie erklärte, dass es sich um eine familieninterne Angelegenheit handele, welche die Polizei nichts angehe.

e) Verhalten von X nach ihrer Flucht

Im Frauenhaus in O7 hielt X sich nur kurze Zeit auf. Da die Familienbeziehungen der Familie A bis nach O7 reichten, hatte sie Angst, dort entdeckt zu werden. Sie fühlte sich von ihrer Familie extrem bedroht und war sich klar, dass sie in großer Gefahr schwebte, falls diese ihrer habhaft werden würden. X wurde daher im Frauenhaus in O8 untergebracht. Um nicht erkannt zu werden, änderte sie ihr äußeres Aussehen radikal. Sie schnitt ihre langen schwarzen Haare ab und färbte diese blond. Zudem wollte sie zu ihrem Schutz - wie ihr von der Polizei empfohlen - eine neue Identität. Zu diesem Zweck wandte sie sich Mitte September an die Zeugin Rechtsanwältin Z25 in O8. Diese sollte für sie eine Namensänderung beantragen. Da für diese beim Standesamt in O1 eine Geburtsurkunde angefordert werden musste, wies X ihre Anwältin darauf hin, dass ihre Schwester A1 im Bürgeramt O1 arbeite und deshalb die Anforderung der Geburtsurkunde nicht von einer O8-er Rechtsanwältin kommen dürfe. Daher bevollmächtigte die Zeugin Z25 ihre Kollegin Q2 aus O9, die für sie tätig wurde. Nachdem die Geburtsurkunde vorlag, änderte X ihren Namen in E M. Ende September traf sich X auch mit dem Zeugen Z8, einen Mitarbeiter des Weißen Rings. Da sie zu diesem Zeitpunkt ihre neuen Ausweispapiere noch nicht hatte, konnte sie keine Sozialleistungen beantragen. Sie brauchte jedoch dringend Geld. Am 27. September 2011 nahm der Zeuge Z8 daher einen Antrag auf Opferhilfe auf. Dabei erzählte ihm X, dass ihre Eltern ihre Freundschaft zu einem Deutsch-Russen nicht dulden würden. Sie sei von ihrem Vater und ihren Brüdern - insbesondere dem ältesten Bruder - verprügelt worden und werde von diesen jetzt bedroht.

Ihre große Angst vor ihrer Familie schilderte X auch der Enkeltochter der Bäckerfamilie Z1 und Z2, der Q3, mit der sie in der Zeit vom 07. bis zum 22. September 2011 unter dem Pseudonym „XX“ chattete. So schrieb X am 08. September 2011 „hey..Q3...pass bloß auf mit wem du, über mich redest….wenn die mich finden..bin ich eine tote Frau..auchA! nicht..rede nur mit deinen Eltern..über mich...und pass auch auf dich auf...das ist echt wichtig...“ ; „ist alles..dumm..gelaufen..hab noch versucht das niemand das mitbekommt...das ich abhaue..aber was sollte ich ohne papiere machen...“. ; „das einzige war mir blieb war die Polizei...“; „meine Familie suchen mich..schon fast überall..waren schon bei Y, die drehen voll durch..ich hoffe Y passiert nichts“ und auf die Frage von Q3, warum ihre Familie denn so etwas mache „die wollen das ich zürückkomme...du weißt doch DIE EHRE DER FAMIILE“. Als sich Q3 sorgte, dass sich die Familie A als X ausgeben Könnte, antwortete diese „haben die schon..mit dem alten...X ...mein Vater saß mit einem Stock hat den pin aus mir herausgeprügelt“ und „antworte nur auf dieses account...“. Weiter fragte X Q3, ob sie das neue Lied von Eco Fresh Kennen würde. Als diese verneinte, meinte X „ hör die das Lied ..ma..an..wenn ich am Donnerstag nicht gegangen wär...dan wär ich auch sooo..gelandet - Eko fresh..ehrenmord“. Als Q3 erklärte, sie werde sich das Lied anhören, schrieb X weiter „Mach das..geht voll unter die haut...aber das ist die wahrheit.“ Am 13. September 2011 warnte X Q3 noch einmal nachdrücklich, niemanden ihre Nachrichten weiterzuleiten.

Nachdem X im Frauenhaus in O8 aufgenommen worden war, hatte sie zunächst aus Sicherheitsgründen keinen Kontakt zu Y. Dies hielt X jedoch nicht lange durch. Obwohl ihr von der Polizei und ihrer Freundin im Frauenhaus, der Zeugin Z10, geraten worden war, keinen Kontakt zu ihrem Freund aufzunehmen, konnte und wollte X die Beziehung nicht aufgeben. Für sie war Y der „Richtige“. Er gab ihr Geborgenheit und Halt. Sie träumte von einer gemeinsamen Zukunft und schloss auch eine Heirat nicht aus. Auf der anderen Seite hatte X große Angst vor ihrer Familie. Dabei sorgte sie sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um Y und dessen Familie. In diesem Zwiespalt zwischen Liebe und Angst entschied sich X schließlich für ihren Freund. Zwar hatte X noch Zweifel, ob es richtig war, mit Y zusammen zu bleiben. Jedoch wollte sie weder auf ihren Freund verzichten, noch sich ihr Leben lang verstecken. Sie nahm daher zunächst telefonisch Kontakt zu Y auf. Später trafen sich die beiden in O8 und O3. Dass diese Treffen unentdeckt blieben, gab beiden ein Gefühl der Sicherheit. Sie wurden daher mutiger. X fuhr nun auch mehrmals zu Y nach O1. Sie verbrachte dort die Zeit mit Y zunächst bei seiner Mutter und seinem Bruder. Dass sie auch bei diesen Treffen unbehelligt blieben, bestärkte die beiden darin, dass sie sich auch weiterhin in O1 treffen Konnten. Sie wurden leichtsinniger und fuhren in der Folgezeit drei bis vier Mal gemeinsam in die Wohnung des Y in die T-straße. Um nicht entdeckt zu werden, brachte Y seine Freundin mit dem Auto immer zum Hintereingang. Er ließ X durch den Hintereingang in seine Wohnung und parkte anschließend sein Auto vor dem Haus. Y machte sich bei den gemeinsamen Treffen durchaus Gedanken, was passieren würde, wenn die Familie A erfuhr, dass X sich noch immer mit ihm traf. Er rechnete allerdings schlimmstenfalls mit Beschimpfungen und Bedrohungen und beabsichtigte für diesen Fall, die Polizei zu rufen. Der Gedanken, dass ihre Familie X gewaltsam zurückholen könnte, kam ihm nicht.

f) Verhalten der Familie A nach der Flucht von X

Als die A am 01. September 2011 X Flucht bemerkten, waren sie fassungslos und wütend. Sie gingen aber zunächst davon aus, dass es sich um eine Kurzschlussreaktion X handelte. Es lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass X von nun an nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben und keine A mehr sein wollte. Sie war eine Jesidin und aus gutem Hause. Sie würde es nicht wagen, ihre Familie zu entehren und vor allen anderen bloßzustellen. X würde schon wieder zur Vernunft kommen. Sie würde bald merken, dass sie ohne ihre Familie nicht leben konnte. Wichtig war jedoch, dass man sie schnell fand, bevor sich in der jesidischen Gemeinde herumsprach, dass X ein Verhältnis mit einem nichtjesidischen Mann gehabt hatte und von zu Hause abgehauen war. Die Ehre der Familie musste unter allen Umständen gewahrt werden. Als die Familie A wenige Tage später durch die polizeilichen Ladungen zur Beschuldigtenvernehmung erfuhr, dass X Strafanzeige gegen ihren Vater und ihren Bruder A4 erstattet hatte, steigerte sich ihre Wut noch. Sie mussten X zurückholen, um ihr Gesicht wahren zu können. Daher setzte insbesondere A1 alle Hebel in Bewegung und ließ nichts unversucht, ihrer Schwester habhaft zu werden. Aber auch die übrigen Familienmitglieder beteiligten sich an der Suche nach X:

Noch am 01. September 2011 traf sich A1 am Abend mit dem Zeugen Z1. In einem langen Gespräch erzählte sie ihm, dass X weggelaufen sei, weil es Streit in der Familie gegeben habe. A1 erklärte ihm, dass ihre Familie eine Beziehung zu Y nicht dulde. Sie wollte von ihm erfahren, ob er Kontakt zu ihr habe und wisse, wo sie sei. M ging in der Folgezeit einige Male zur Privatwohnung der Zeugen Z1 und Z2, um zu fragen, ob die Familie des Zeugen Z1 Kontakt zu X habe und wüsste, wo sich X aufhalte. Beim letzten Gespräch - am 27. Oktober 2011 - begleitete A5 seine Mutter. A5 erklärte, X habe die Schule geschwänzt sowie einen Ladendiebstahl begangen und legte dazu die entsprechenden Schreiben vor. Die Frage, ob man X deswegen Gewalt angetan hätte, bejahte A5. Auf die weitere Frage, was X passieren würde, wenn sie ein Verhältnis mit Y hätte, machte A5 deutlich, dass eine Beziehung zwischen X und Y von der Familie keinesfalls akzeptiert werden würde. Der anschließenden Frage des Zeugen Z1, ob es wieder Gewalt gäbe, falls X gefunden würde, wich A5 aus.

Die Zeugin Z3 wurde von der Familie A unter Druck gesetzt. Nach Xs Verschwinden stand wiederholt mindestens ein Familienmitglied vor ihrer Tür und wollte mit ihr sprechen. Auch bekam sie Anrufe von A1, die sie nach X ausfragte. Ebenso erkundigte sich A1 immer wieder bei der Zeugin Z4 nach ihrer Schwester. Nach einigen ergebnislosen Telefonaten ging sie gemeinsam mit ihrer Mutter zur Wohnung der Zeugin Z4, um diese persönlich wegen X zu befragen und sich selbst davon zu überzeugen, dass sich X nicht in der Wohnung der Familie Z4 aufhielt.

Weiter suchte A1 Y in dessen Wohnung auf, deren Adresse sie im Rahmen ihrer Arbeit bei der Bürgerberatung in Erfahrung gebracht hatte. A1 wollte von Y wissen, ob er noch Kontakt mit X hatte und wo sie sei. Dabei gab sie sich hinterhältig freundlich und versuchte, ihm weiß zu machen, dass X nur wegen ihrer schlechten schulischen Leistungen, nicht aber aufgrund ihrer Beziehung zu ihm geschlagen worden sei. Da Y A1 nicht glaubte, bestritt er, Kontakt zu X zu haben und erklärte, nicht zu wissen, wo sich diese aufhalte. A1 blieb jedoch misstrauisch und suchte Y einige Zeit später erneut auf. Um sie zu überzeugen, dass er nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun haben wollte, zerstörte Y vor den Augen der A1 sein Handy. Auch dies jedoch vermochte A1 nicht davon zu überzeugen, dass Y keinen Kontakt zu X mehr hatte.

A1 nutze ferner ihre beruflichen Möglichkeiten aus, um über das Einwohnermeldeamtsregister X Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen und herauszubekommen, ob X einen Antrag auf Auskunftssperre gestellt hatte. Sie versuchte zudem, über die A Krankenkasse zu erfahren, ob X in letzter Zeit vielleicht einen Arzt aufgesucht hatte. A1 kontaktierte weiterhin alle Frauenhäuser in der Umgebung.

Auch Verwandte und Freunde der Familie A waren auf der Suche nach X. Die Ehefrau des A3 - N  - erkundigte sich noch am 01. September 2011 bei der Polizei nach X. Auch Q4 , die Cousine von A1, beteiligte sich an der Suche. In ihrem Auftrag fragte Rechtsanwalt Q5 bei der Stadt O1 die aktuelle Anschrift von X an. Xs Tante Q6 schrieb X ebenfalls einen Brief mit der Bitte, sich zu melden. Sie versicherte ihrer Nichte, dass sie keine Angst haben brauche, alle wollten nur das Beste für sie. Diesen Brief übergab sie dem KHK Q7. Ebenso wurde die Zeugin Z22 von V und M  um Hilfe gebeten. Denn Z22 hat selbst zwei Schwestern, die von zu Hause fortgelaufen waren. Sie fragte daher bei der Polizei in O1 sowie bei mehreren Jugendämtern und Frauenhäusern nach X.

Alle Nachforschungsbemühungen blieben jedoch zunächst erfolglos.

Am 19. September 2011 forderte Rechtsanwältin Q2 aus O9 im Auftrag der Zeugin Z25 die Geburtsurkunde von X bei der Stadt O1 an. Da dieser Brief adressiert war an die Bürgerberatung O1, erfuhr A1 bei Durchsicht der Post hiervon. Sie glaubte, nun endlich eine  „heiße Spur“ gefunden zu haben. Gleichzeitig jedoch ahnte sie, dass X ihren Namen ändern wollte und dann kaum noch aufzuspüren sein würde. Die Familie A forcierte daher die Suche nach X. Nachdem A1 ihren Vater von ihrer Entdeckung informiert hatte, beauftragte dieser den Zeugen Z12 aus O7, ihm bei der Suche nach X zu helfen. Der Zeuge Z12 ist Sozialarbeiter und war V als Streitschlichter empfohlen worden. Dieser erzählte dem Zeugen Z12, dass es „Komplikationen“ mit seiner Tochter gebe. Er gab ihm daher die Telefonnummer der Polizei in O1 sowie die der Anwaltskanzlei Q2. Der Zeuge Z12 sollte bei diesen den Aufenthaltsort von X erfragen. Dieser rief auftragsgemäß zunächst bei der Polizei an, erhielt von dieser jedoch mit Hinweis darauf, dass X bereits volljährig sei, keine Informationen. Anschließend meldete er sich am 26. und 29. September 2011 telefonisch bei der Rechtsanwältin Q2. Dieser gegenüber gab er sich als Integrationsbeauftragter aus. Der Zeuge Z12 konnte jedoch nichts in Erfahrung bringen.

Am 25. Oktober 2011 ging in dem gegen V und A4 eingeleiteten Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung zum Nachteil von X ein von A1 verfasstes Schreiben bei der Staatsanwaltschaft O1 ein, in welchem V sein Verhalten zu rechtfertigen versuchte und gleichzeitig Glauben machen wollte, er wolle sich bei X entschuldigen und seine Tochter wieder in den Kreis der Familie aufnehmen. Tatsächlich ging es ihm allein darum, seiner Tochter X habhaft zu werden.

Da A1 vermutete, dass sich X im Frauenhaus in O9 aufhalten könnte, kontaktierte sie am 26. Oktober 2011 per Email die Rechtsanwältin Q2 und bat um die Vermittlung eines Gespräches mit X. Dabei gab sie vor, durch X Freunde -  Z3,  Z11, Y  - erfahren zu haben, dass X sich in O9 aufhalte und von ihr vertreten werde. Ferner bestellte sie unter dem Namen von Y bei der Firma F8 für X ein Handy, welches an X in das Frauenhaus nach O9 geschickt werden sollte. In der Bürgerberatung der Stadt O1, zu der A1 auch am Wochenende Zugang hatte, hatte sie zuvor am frühen Morgen die Daten des Y abgefragt, um so sein Geburtsdatum für die Bestellung zu erlangen. Danach ging A1 in das Mobilitätszentrum im O1-Bahnhof, wo sie an diesem Tag Dienst hatte. Von dort aus versandte sie um 8:48 Uhr die Bestellung über den dortigen Rechner. Noch am 31. Oktober 2011 schickte A1 per Einschreiben gegen Rückschein im Namen ihrer Mutter einen Brief an X an das Frauenhaus in O9, um so herauszufinden, ob sich ihre Schwester dort aufhielt. In dem Brief gaukelte A1 ihrer Schwester vor, dass ihre ganze Familie sie sehr vermisse. Sie bat X inständig, nach Hause zu Kommen. Sie brauche keine Angst zu haben, niemand würde ihr etwas tun. A1 ließ den Brief auch von ihrer Mutter unterzeichnen.

Alle diese Maßnahmen sollten nur dazu dienen, den Aufenthaltsort von X herauszubekommen. Sie blieben jedoch ohne Erfolg.

Nach ihrem Verschwinden schickten die Familienangehörigen und eingeweihte Bekannte auch zahlreiche Emails an X, mit denen sie massiv und permanent unter Druck gesetzt wurde. Mit verschiedenen Taktiken sollte X dazu gebracht werden, nach Hause zurückzukommen bzw. sich zumindest zu melden. Entweder wurde X dafür verantwortlich gemacht, dass es ihren Eltern sehr schlecht gehe. Ihr Vater liege mit Herzproblemen im Krankenhaus. Es wurde ihr sogar vorgemacht, dass ihr Vater wegen ihr gestorben sei. Oder aber ihr wurde scheinheilig freundlich suggeriert, sie müsse keine Angst haben, wenn sie nach Hause zurückkäme. Ihr Vater würde ihr verzeihen und alles würde gut werden. In anderen Emails wurde X unverblümt gedroht. Im Einzelnen:

Am 06. September 2011 erhielt X um 10:59 Uhr von dem Account „az…u@hotmail.de“ die folgende Email: X , wegera bave te i Krankenhaus  [bitte komm zurück, Vater ist im Krankenhaus und hat Probleme mit dem Herz] dile wi ist stehn gebliben... u nimm den gilih cam polisa [Strafanzeige] zurück... wir wissen dass du bei facebook passwort gewechselt hast u emaila A1 s ci te lesen kir [und die Emails von S gelesen hast]... bave te e bimre [Vater wird sterben], haben die ärzte gesagt ... wegera [bitte komm zurücK] noch ist nicht zu spät... cictik hunda nabe [du verlierst]...cilo be eme te bigren [egal wo du bist, wir kriegen dich]... wegera he Kesik be nahisayi [komm zurück, bevor es an die Öffentlichkeit kommt]... telefona ho ce mira bischina wer cam min un J u k [schick mir deine Telefonnummer und komm zu mir und zu J und K]... be tausi meleK ez nahelim go te hare O1  [Ich schwöre, ich lass dich nicht nach O1 fahren]... cam ma O2 ba [Komm nach O2 zurück]... telefone bid me ez e bem pay te 0523338….. [Gibt es eine Telefonnummer, dann kommen wir zu Dir]... Bitte wegera dein vater geht es wirklich nicht gut... Keiner kann familie ersetzen... ich hoffe du bist schlau und rufst mich an...

Etwa zwanzig Minuten später ging folgende Email auf dem Account von X ein: „X, dein Vater geht es voll schlecht sein herz ist stehn gebliben wegen dir er liegt im Krankenhaus . Komm zurück. ich schwöre dir es wird dir nicht's passieren...ich weiß nicht warum du abgehauen bist...und warum hast du der polizei nicht die wahrheit gesagt... ruf mich an, ich hol dich ab...oder komm du... oder ruf N an... hayde noch hast du die möglichkeit...A1 weiß wo du bist. aber komm bitt von alleine...“.

Um 11:25 Uhr schrieb A1 ihrer Schwester X: „schon schade, dass du meine mail siehst und liest und mir keine Antwort gibst. Echt traurig, dass ich mich die ganzen Jahre getäuscht habe :-(  eine echte schwester  hätte wenigstens geantwortet, egal was. Durch dein Verhalten zeigst du mir leider, wie wert ich dir bin :-(“.

Nachdem V und A4 aufgrund der Strafanzeige Xs ihre polizeiliche Ladung zur Beschuldigtenvernehmung vom 05. September 2011 erhalten hatten, mailte A1 am 07. September 2011 ihrer Schwester X: „Oh mein Gott, du hast pappa u A4 angezeigt... ich fasse es nicht. zieh die Anzeige zurück und komm zurück , auch wenn du deine Rückkehr nicht beabsichtigt , zieh wenigstens die Anzeige zurück... Pappa geht es nicht gut... zieh die Anzeige zurück!!! X, zieh die Anzeige zurück... u. ich weiß, dass du meine Mail liest , zieh bitte die Anzeige zurück ... mehr möchte/erwarte ich nicht von dir. zieh die anzeige zurück!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! zum letzen Mal!!!!!!!!!!!!!!“.

Noch am gleichen Tag schrieb A1 in der Zeit von 12:03 Uhr bis 12:15 Uhr vier Mal folgende Email an ihre Schwester: „Komm nach hause!!!!! u zieh die Anzeige zurück... du bist doch wahnsinnig...schick mir deine nummer oder ruf mich auf der arbeit an...ansonsten besuche ich dich!!!!!!“.

Am Folgetag mailte A1 ihrer Schwester X um 11:21 Uhr und nochmals um 12:59 Uhr erneut. Sie schrieb: „Hallo Schatz, Keiner weiß, dass ich den Kontakt zu dir habe bzw. suche. X Schatz, brauchst du was??? Klamotten, Geld, etc. Komm bitte ... ez Kurbane ta ma, X Komm von diesem Weg zurück, em ezidina gurbana tausi meleKim... tü nah filahi schatz es ist keine lösung... pappa hatte herzinfakt... und er redet nicht mehr und weint... er ist stumm geworden...er hätte sowas nie gedacht u. erwartet rede mit mir oder lass uns treffen... ich verspreche dir und schwöre es wird dir nicht's passieren!!!! versprochen... Komm zu N :-) da kannst du erstmal gucken, ob du dich wohlfühlst... Komm schatz zurück... es ist keine lösung...also melde dich bitte bei mir!!!!! knutscha :-*“ und in ihrer zweiten Mail: „Hallo Maus, ich mache mir so langsam echt große Sorgen,. X, Schatz überleg doch mal, dass ist doch nicht der richtige Weg. Lass uns in ruhe darüber reden, ich bin doch deine Schwester, vor mir brauchst du dich doch nicht zu verstecken. Du weißt doch, dass ich dir meine engste Geheimnisse immer anvertraut habe und werde. Bitte Schatz melde dich meine Nummer 017683… du Kannst mir auch simsen. Be tausi melek keiner erfährt was, wenn das deine Angst ist. Du bist meine Schwester meine kleine X :-* i miss you very much ♥ PS: über ein lebenszeichen u. einer Mitteilung, dass es dir gut geht von dir freue mich sehr !!!! bussy deine Sis A1 :-*“.

Weitere Emails folgten am 09. September 2011. Um 01:58 Uhr schrieb A1: „Guten morgen X,ich hoffe dir geht es gut und du hast dir gut überlegt was du gerade  da machst bzw. was du mit deinem Verhalten da Verursacht. War gestern bei Y, haben etwas über dich gesprochen, auch er ist der Meinung, dass du zurück nach Hause solltest, wie bereits schon angeboten du kannst gerne erst zu N oder zu mir und A5. Ich hoffe du kommst zur Vernunft und vermeidest mehreren Ärger. Auch würde dir nahe legen, die Anzeige zu widerrufen… Kannst du dich an U’s Geschichte erinnern, die hat sich damals genau so verhalten… und dann war alles wieder gut. Wie gesagt setzt dich mit mir in Verbindung, ich würde dir gerne helfen… gehe heute bei Y nochmal’s vorbei gebe ihm ein paar Klamotten von dir mit….falls du doch was anderes brauchen solltest sag bescheid… Aber ganz ehrlich, du bist eine Yeziden… überleg bitte nochmals darüber nach… meiner Meinung nach  erfüllt dein Verhalten keine Lösung….LG ich werde dir sollange schreiben, bis ich eine Antwort bekomme!!!!!!!!!!!! :-) du kennst mich und meine Hartnäckigkeit :-) Komm zur Vernunft!!!!! Auch Betreuer können sich täuschen...“. Rund 25 Minuten später schrieb A1 eine Email ohne Inhalt mit dem folgenden Betreff: „ez kubana te me, we gilihi wegerina [Ich flehe Dich an, komm zurück]“.

Am gleichen Tag erhielt X noch eine weitere Email: „Hallo X, ich habe mitbekommen das du abgehauen bist. warum? komm aus dem heim, ist kein schöner ruf. komm zu mir,. ich lasse niemanden von den A dich sehen. h es ist nicht schön wenn kaceka mala alo kefnasi [ein ehrenwertes Mädchen aus gutem Haus] und noch dazu ezidi [Jesidin] abhaut nach heima. Komm zu mir libe grüße U“.

Am 12. September 2011 mailte Xs Tante O6: „Hallo X, ich bin es deine Tante O6 -,ich möchte gerne das du dich bei mir meldes. Bitte Melde dich bei mir 0160928… Gruß T A

Am 13. September 2011 mailte A1 ihrer Schwester X um 01:55 Uhr erneut: „guten morgen X, wann kommst du endlich zurück... geht es dir überhaupt gut??? pappa und mamma geht es verdammt schlecht und fate weint wegen dir... echt traurig die Situation :-( schade :-( Pappa bereut es sehr... X ich verstehe dich voll und ganz, echt nicht leicht die Situation... ich möchte dich so gerne sehen...was zwischen dir und deinen Eltern passiert ist geht mich nicht's an... ich schreibe dich nicht an , weil mir langweilig ist, sondern weil ich deine Schwester bin und dich echt vermisse und mir sorgen mache... wie Z3 dir bereits berichtet hat war ich auch schon bei ihnen... ich fühle mich sehr schlecht und bin sehr traurig, dass sich meine leibliche Schwester sich freunden eher anvertraut als der eigenen Schwester... echt traurig... X ich libe dich, egal was du gemacht hast...  Mamma ging es vorgestern schlecht... sie ist ohne zu erklären umgefallen... ich und K haben sie ins Krankenhaus gefahren , seither redet sie nicht, weint und liegt im Bett (ich denke es hat was mit deinem Verschwinden zu tun ... sie fragt die ganze zeit wie ne Irre nach dir) echt traurig was derzeit passiert...um Opa kümmern sich jetzt Q7 und Q8, weil mamma die ganze zeit weint...und nicht aufstehen kann...der arzt meint sie hat einen Schock erleiden müssen, der noch nicht vorbei ist... keine Ahnung allen geht es schlecht... komisch ist es, dass alles mit deinem Verschwinden zu tun  hat... X versetzt dich mal in Pappas und mammas Lage und überleg mal dein eigenes Kind wäre ohne weiteres abgehauen... und möchte nicht mehr nach hause... ich glaube du würdest  durchdrehen vor sorge... Mach uns alles bitte eine Freude und komm zurück und gib diesem Elend ein Ende.  Wir alle lieben dich... und tragen dich immer in unseren Herzen... einen dicken Knutsch von uns allen!!!!!! Du bist was ganz besonderes!!!!!“.

Auch am Folgetag meldeten sich V  und A1 per Email bei X: „X schatz, pappa sagt rham nina [nicht schlimm] Kein problem... er hat wegen der anzeige mit dem abukat [Rechtsanwalt] gemeldet kein problem...passiert nicht... Kacam X, ezim bave ta wer mal xacam xam nina ...herkes basde... ez nisanim te ci tirse na ma deynakir riya ta... ez bave te me Kacam biaya min bika u wer mal ani xo beldini Q7 ani Q4 bika... Kacam wer mal ez esihim go tü nar malbe , ez bave te me...[Meine Tochter, ich bins dein Vater. Alles ist gut. Weiß nicht, warum Du so große Angst hast. Falls Du nicht nach Hause kommst, melde Dich bitte bei Q7/Q4. Mir geht es nicht gut, wenn Du nicht hier bist]“.

Am 18. September 2011 mailte A3: „Hallo X, ey was ist mit dir los bist du behindert warum haust du ab wieso bist du nicht zu mir gekommen. Melde dich mal bei mir oder ruf mich an 05233383…. oder unter meiner Handy Nummer 0151228…... Grüße A3“ Zudem erhielt X am gleichen Tag die folgende Email: „Hey X ich bins deine Tante Q7 melde dich mal bei mir ich will wissen wie es dir geht was du so machst ich gib dir meine Nummer melde dich bei mir oder du Kannst deine Nummer mir geben möchte nur 2 Minuten mit dir reden mehr auch nicht bitte melde dich . Meine Handy Nummer :0160928…“.

Auch A1 schrieb X an diesem Tag erneut drei Emails. Die erste um 11:53 Uhr: „wir vermissen dich...du brauchst Keine angst haben...lieben gruß A1, mamma, G3, G4, k uuuuuuu :-)“. Die zweite um 12:29 Uhr: „verstehe dich nicht... wie willst du deine Zukunft eigentlich gestalten, willst du dich dein ganzes lebenlang verstecken... Könnte anstrengend werden...  Vater ist wieder im Krankenhaus ...wir haben einen Brief bekommen, er wird wahrscheinlich wegen dir und deiner anzeige wahrscheinlich in den Knast... vielen Dank liebe Schwester. Vielen Dank ,  dass du erstmal unsere schwester genommen hast und nun ist auch unser Pappa wegsperren lässt (Keiner von uns hat den führerschein bezahlt bekommen, außer der X)... Sag bitte der X der zweiten Person in dir, sie soll uns unseren Pappa da lassen und schön wärs, wenn du unserer schwester ins gewissen reden würdest , dass sie wieder zu ihrer Familie zurückkehren soll... da wäre ich dir dankbar!!!!  Lass uns unseren Pappa Bitte !!! er leidet genug... :-((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((((“. Dann nochmals um 15:23: „hallo X, liege gerade im bett und denke an dich , wie es dir wohl geht, was du gerade machst...hoffe dir geht es gut... G4 und G3 reden die ganze zeit von dir...  vermissen dich ganz doll...ka fragt mich wo du wohl bist mamma weint die ganze zeit... echt hart...pappa hat es sehr bereut dass er so geschimpft hat...er ist auch die ganze zeit am weinen...wenn dir irgendwas an uns liegt ...nimm bitte doch die Anzeige zurück...das ist doch peinlich genug, willst du wirklich im Gerichtssaal zwischen  Anwälten deinem Vater gegenübertreten???? und ihm ins Gesicht schauen????“.

Am 21. September 2011 erhielt X die Email: „bave ta mir :-( " [Dein Vater ist gestorben].

A3 schrieb X am 22. September 2011: „X, du Kommst sofort nach hause das was du machst ist das aller letzte was du von dir gibst. Weis du was du da überhaubt machst, bestimmt nicht. Also ruf mich an ich werde dich abholen du musst nicht nach hause fahren zu meine Eltern du kannst auch zu mir ich kann dich auch nach nach O4 fahren da kannst du dich auch erholen ame min miho [mein Onkel] wird dir sicherlich helfen. Also X ruf mich an ich werde dich abholen oder fahr direkt nach O10 oder fahr zur Q7 die wird dir auch helfen. Mein Vater ist am Ende tuh ihn das nicht an.“ Eine Woche später schickte A3 X eine weitere Email: „X du weist das du meine schwester bist und du weist das ich dir nix getan habe deswegen verstehe ich nicht warum du mir nicht schreibst wenn du angst hast das ich es verbreite oder jemanden sage das du mir geschrieben hast ich verspreche dir das ich niemanden was sage ich wohne alleine mit meiner familie und niemand kann an meine email ich möchte gerne wissen was passiert ist die anderen sagen mir nix villeicht kann ich dir ein guten rat geben oder dir helfen schreib mir bitte zurück wenn du mine email lisst. es weist niemand das ich dir schreibe und ich werde es auch niemanden sagen. gruß A3“.

Am 06. Oktober und am 09. Oktober 2011 meldete sich die Ehefrau des A3, N, mit zwei Emails bei X. In der ersten schrieb sie: „hi X, wo steckst du? Warum meldest du dich nicht bei uns ob es dir gut geht oder nicht. Ist es das was du wirklich möchtest? Glaub mir X, am Anfang ist es vielleicht schön die Familie los zu haben aber nach ne Zeit wirst du alle richtig vermissen aber dann ist es viel zu spät. Vermisst du nicht deine Nichten J und K? Willst du nicht miterleben wie die aufwachsen und alles. Jedesmal wenn wir bei deine Eltern sind, fragt J nach dir, wo du bist usw, sie denkt du wärst immer noch im Krankenhaus. Bald hat sie Geburtstag, möchtest du wirklich nicht ihr Geburtstag mit feiern?? Sie hat gestern gefragt ob du an ihrem Geburtstag aus dem Krankenhaus raus kommst. X melde dich doch bitte bei mir, ich helfe dir, ich habe immer zu dir gestanden, wir finden eine Lösung ok .Du brauchst vor niemand und nichts Angst zu haben. Dein Vater ist auch richtig krank geworden, er schläft nicht richtig, essen tut er nicht richtig, ich weis das du das nicht wirklich möchtest oder?? Meld dich bitte bei mir, N“. In der zweiten Email heißt es: „X, melde dich doch bitte bei mir?? Was ist nur los mit dir, ich hätte das niemals von dir erwartet. Ich verspreche dir, das ich alles was in meiner Macht steht für dich tue und ich werde dich auch nicht mehr zu deinen Eltern lassen, dafür werde ich schon sorgen. X, Freunde oder Freund kommen und gehen aber die Familie kann man nicht ersetzen, du wirst kaputt gehen vor Sehnsucht nach deiner Familie, lass es doch nicht so weit kommen. Lass uns treffen alleine, werde es auch niemand sagen und ich werde dir helfen, mir Kannst du wirklich vertrauen. Oder schreib mir wenigstens eine e mail ob es dir überhaupt gut geht. Habe meine Schwester so verlohren, möchte nicht auch noch meine Schwägerin so verlieren .Lass uns heimlich in Kontakt treten bitte oK. Schreib mir bitte zurück oder ruf mich an. Die ganze Woche hat A3 spät schicht ruf mich dann bitte mal an, die Nr. 05233383…... Gruss N“.

Am 21. Oktober 2010 erhielt X die folgende Email:  „X das ist die letzte nachricht die wir dir schreiben mein Vater will sich bei dir Endschuldigen es tut im leid was denn letzten Wochen passiert ist, er wünscht sich sehr das du zurück zu uns kommst wir alles vermissen dich und würden uns freunen wenn du zurück kommst die ganze sache lassen wir hinter uns und leben glücklich weiter mein vater kann jeden abend nicht Schlafen er macht sich große Sorgen um dich. Unser vater wünscht sich mehr nix asl wenn du dich meldest. 05231/30…. Mit Freundlich Grüßen Deine Famiele A“.

Am 30. OKtober 2011 schließlich schrieb ihr A5 A: „hey X, Ich bins A5, du warum meldest du dich nicht bei irgent einen von uns. Meine mutter kann nicht mehr, sie weint jeden tag wegen dir. Mein Vater weiss garnicht mehr was er machen soll. Alle wissen bescheid dass eine Tochter von V abgehauen ist. Deswegen traut sich keiner mehr von uns auf ne hochzeit oder überhapt irgent wo hin zu gehen. Sogar die Nachbarn wissen darüber bescheid. Wir haben Js geburtstag hier gefeiert uns die immer aso kani?????? [wo ist sie denn] tija wass sollten wir sagen..,..X du bist und bleibst eine Yezidin, du kannst nicht einfach weg und eine amdere religion mit einsteigen. Komm zurück das passt nicht zu dir. X du musst ja nicht direkt zu deine eltern gehen, du kanns,t aber nur wenn du willst , zu mir kommen. ich habe ja eine eigene wohnung hast ja selber gesehen. Keiner weiss ob du überhaupt noch lebst oder nicht. Egal wer, Jeder andere hätte sich bei seiner Familie gemeldet. X ich gebe dir meine nummer, du brauchst nur anzurufen und ich hole dich ab oder weiss der gaja was, oder schik ne sms, oder überhaupt ein Lebenszeichen okay .,?  0173 677…... X Keiner weiss das ich die geschrieben hab tamam [okay] nur damit du es weisst. X komm zurück ,.. warum tust du uns das an...? Meld dich iregent wie bei mir okay ? ob e-Mail, sms , tel , egal...mfg A5“.  

Als V am 01. September 2011 die Flucht von X bemerkt hatte und einige Tage später dann auch noch durch die polizeiliche Vorladung von der Strafanzeige seiner Tochter gegen ihn und ihren Bruder A4 erfuhr, brach für ihn eine Welt zusammen. Nicht nur, dass sich X mit ihrer Beziehung zu einem Deutschen über eine der wichtigsten Vorschriften der jesidischen Tradition hinwegsetzt hatte, ganz offenbar hatte sie auch keinen Respekt mehr vor ihrem Vater als Familienoberhaupt. Damit jedoch missachtete sie alle Wertvorstellungen, die V wichtig waren und sein Leben prägten. Als X trotz intensiver Suche auch in den folgenden Wochen nicht aufzufinden war und noch nicht einmal ein Lebenszeichen von sich gab, verlor V die Geduld. Er wollte mit X nichts mehr zu tun haben. Ihr Name durfte nicht mehr erwähnt werden. Sie war der Schandfleck der Familie, deren Ehre sie massiv verletzt hatte. Dass seine Tochter eine Beziehung und Sex mit einem Nichtjesiden gehabt hatte und weggelaufen war, würden alle dahin deuten, dass er nicht in der Lage gewesen war, X ehrenhaft zu erziehen und auf sie aufzupassen. Zudem hatte sie Strafanzeige gegen ihn gestellt und damit in aller Öffentlichkeit kundgetan, dass sie seine Autorität nicht mehr anerkannte. Die ganze Geschichte hatte sich inzwischen unter den Jesiden herumgesprochen. Dadurch hatte V als Familienoberhaupt sein Gesicht verloren. Sie waren keine ehrenwerte Familie mehr. X hatte ihn und ihre Familie vor der ganzen jesidischen Gemeinde bloßgestellt. Sie konnten sich in der jesidischen Gemeinde nicht mehr blicken lassen. Keiner traute sich noch, am Gemeindeleben teilzunehmen, etwa auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten zu gehen. Er und der Rest der Familie schämten sich für X und empfanden es als demütigend, immer und überall nach X gefragt zu werden und zugegeben zu müssen, dass sie den „Ehrverstoß“ nicht aus der Welt schaffen konnten. Die ganze Familie litt unter dem entehrenden Verhalten von X.

Die für die Familie A entwürdigende Situation empfanden insbesondere A1 und A2 als untragbar. A1 sah täglich, wie sehr ihre Eltern unter der Geschichte litten. Das konnte und wollte A1 nicht hinnehmen. Als ältestes Kind sah sie sich in der Verantwortung, ihren Eltern zu helfen, zumal sie sich vorwarf, nicht rechtzeitig bemerkt zu haben, was mit X los war, und insofern das Gefühl hatte, ihre Eltern enttäuscht zu haben. Hinzu kam, dass sich A1 als älteste Schwester stets für X verantwortlich gefühlt und dieser mit Rat und Tat sowie auch finanziell zur Seite gestanden hatte. Dass X es ihr jetzt so dankte, enttäuschte sie tief. A1 hatte auf einmal das Gefühl, von ihrer Schwester die ganzen Jahre nicht ernst genommen und nur ausgenutzt worden zu sein. Darüber war A1 sehr zornig. A1 machte es zudem wütend, dass X rücksichtslos ihr Leben lebte, ohne sich darum zu scheren, was dies für ihre Familie bedeutete, während sie selbst ihre eigenen Wünsche immer hinter das Wohl der Familie zurückgestellt hatte. A1 wollte daher alles Erdenkliche unternehmen, damit ihre Familie wieder ein „normales“ Leben führen konnte. Auch A2 ließ die Geschichte keine Ruhe. In seiner Rolle als ältester Bruder und damit als stellvertretendes Familienoberhaupt fühlte er sich verpflichtet, die Ehre der Familie wiederherzustellen. Gerade weil sein Vater gesundheitlich angeschlagen war, fühlte sich A2 insofern herausgefordert. Hinzu kam, dass sein Vater und seine Brüder A3, A4 und A5 ihm bei der tätlichen Auseinandersetzung mit seiner geschiedenen Ehefrau und deren Familie zur Seite gestanden hatten. Auch aus diesem Grund war es für ihn ein Muss, nunmehr seinerseits die Familie zu unterstützen.

Während V über X nicht mehr sprechen wollte, war das Verhalten ihrer Schwester für A1 und A2 in den Wochen nach X Flucht stets ein Thema. Sie konnten und wollten die Sache nicht auf sich beruhen lassen, sondern fühlten sich verpflichtet, alles Erforderliche zu unternehmen, um die Familienehre wieder herzustellen. Gemeinsam überlegten die beiden immer wieder, was sie tun sollten. Dabei war ihnen klar, dass ihr Vater nichts mehr mit X zu tun haben wollte. Auch hielten A1 und A2 es für aussichtslos, mit X „nur“ zu reden, um diese zur Vernunft zu bringen. X hatte sich gegen ihre Familie entschieden. Nicht einmal von massiven Schlägen hatte sie sich beeindrucken lassen. Seit Wochen hielt sie sich versteckt und reagierte nicht auf ihre Emails, egal ob sie ihr drohten oder sie mit freundlichen Worten einzulullen versuchten. A1 und A2 überlegten, wie sie es schaffen konnten, X zur Rücknahme der Strafanzeige und zur Rückkehr zur Familie zu zwingen. Ohne Gewalt, darüber waren sie sich beide einig, würde dies nicht gehen. Bei anderer Gelegenheit sprachen A1 und A2 sogar darüber, dass X umgebracht werden müsse. Dadurch könne die Familienehre gerettet werden. Eine scharfe Waffe war, wie sie wussten, in der Familie vorhanden. Dass die beiden darüber redeten, X umzubringen, bekam auch A4 mit. Die Entscheidung seiner klugen Schwester und des ältesten Bruders hatte er nicht in Frage zu stellen. Zudem fand A4 selbst, dass X es nach allem, was sie der Familie angetan hatte, verdiente zu sterben. Danach würde die Familie wieder von allen respektiert werden und alles würde wieder so sein wie vor X Flucht. Im Vordergrund stand aber zunächst die Überlegung, wie sie ihre Schwester überhaupt finden Könnten.

3. zur Tat

a) Entdeckung von X

A1, A2, A4 und A5 verbrachten den Abend des 31. Oktober 2011 zu Hause bei ihren Eltern im W1 in O1. Gegen 21.00 Uhr erschien Z22 zu Besuch, um mit A1 im Internet nach X zu recherchieren. Gemeinsam überlegten sie, wo X sein und wie man sie finden könnte. Z22 wusste, dass sowohl sie als auch X bei SchülerVZ waren. Gemeinsam mit A1 sah sie nach, ob X dort in letzter Zeit aktiv gewesen war. Die beiden stellten fest, dass X noch am 27. Oktober 2011 online gewesen und auf ein Foto eines Audi A3 verlinkt worden war, welches der Zeuge Z13 in SchülerVZ eingestellt hatte. A1 und Z22 machten daraufhin eine Freundschaftsanfrage an die Freunde von X, um über diese X Aufenthaltsort zu ermitteln. Ferner versuchten sie, Xs Email-Account mit Geburtsdaten und Ähnlichem zu knacken, was ihnen jedoch nicht gelang. Dafür schaltete sich A2 ein. Er glaubte, das Auto und dessen Eigentümer zu kennen. Er und A1 kamen auf die Idee zu versuchen, über diesen, nämlich den Zeugen Z13, an X heranzukommen.

Gegen 22:00 Uhr verließ A2 daher das Haus, um zur Spielothek „J“ in O2 zu fahren. Er wusste, dass sich der Zeuge Z13 hier öfter aufhielt und hoffte, ihn dort auch an diesem Abend zu finden. Tatsächlich traf A2 den Zeugen Z13 vor der Spielothek an. A2 fragte ihn, ob er den blauen Audi fahren würde, der vor der Tür stand. Als der Zeuge Z13 dies bejahte, log A2 ihm vor, dass er die hübsche Frau, die das Bild des Audis im SchülerVZ kommentiert hatte, gerne mal kennen lernen wollte. Dass es sich hierbei um seine Schwester handelte, verschwieg er. Da dem Zeugen Z13 der Kommentar von X noch nicht bekannt war, ging er gemeinsam mit A2 in die Spielothek und schaute in seinem Profil nach. A2 wollte, dass der Zeuge Z13 sofort mit X ein Treffen vereinbarte. Dieser lehnte jedoch ab und erklärte, er würde das am nächsten Tag machen. Daraufhin tauschten beide ihre Handy-Nummern aus. Um 22:41 Uhr informierte A2 seine Schwester A1 per Handy über das Ergebnis seiner Nachforschungen.

A1 jedoch wollte an diesem Abend noch nicht aufgeben. Sie spekulierte darauf, dass Y seine Freundin über das „lange Wochenende“ - der 31. Oktober 2011 war ein Montag, der 01. November 2011 ein Feiertag (Allerheiligen) - nach O1 geholt hatte. Zwar hatte Y ihr mehrfach versichert, dass er keinen Kontakt zu X mehr habe. Dies hatte A1 ihm aber nie geglaubt.

Tatsächlich hatte A1 Recht. X befand sich bei Y in O1. Y hatte seine Freundin bereits am Freitag in O8 abgeholt. Die nächsten Tage hatten die beiden fast überwiegend in Ys kleiner 1-Zimmer-Wohnung in der T-straße verbracht. Den Montagabend wollten X und Y gemeinsam mit Freunden von Y - den Zeugen Z9 und Z14 - verbringen. Zu viert wollten sie in Y Wohnung Filme schauen. Gegen 22:00 Uhr waren X und Y daher losgefahren und hatten die beiden aus O15 bzw. O16 abgeholt. Gegen 23:15 Uhr waren sie wieder in der T-straße. Sie hörten Musik und sahen fern. Dabei tranken Y sowie die Zeugen Z14 und Z9 Wodka. X selbst trank nichts, da sie die beiden Freunde später nach Hause fahren wollte. Gegen 23:20 fuhren X und Y noch einmal kurz zur Tankstelle, um Zigaretten zu holen. 

Etwa zur selben Zeit schickte A1 ihren Bruder A5 zur Wohnung des Y, um zu überprüfen, ob X dort war. Denn die Notiz von X im SchülerVZ ließ ihr keine Ruhe. A5, der am Rande mitbekommen hatte, dass A1 und A2 an diesem Abend wieder nach X suchten, fuhr in die T-straße. Dort stellte er jedoch fest, dass das Auto des Y nicht vor der Wohnung stand. Dieses teilte er seiner Schwester A1 um 23:09 Uhr per Handy mit. Daraufhin forderte A1 A5 auf, wieder nach Hause zu kommen, was dieser auch tat. A1 jedoch hatte immer noch das Gefühl, dass sich X in O1 aufhielt. Ihr kam die Idee, dass X mit Y bei dessen Mutter sein könnte. Sie fuhr daraufhin mit ihren Brüdern A4 und A5 zu deren Wohnung. Auch diese Adresse war A1 bekannt. Dort jedoch war alles dunkel. A1 wollte jedoch nicht aufgeben. Daher fuhren die drei ein letztes Mal zur Wohnung des Y in die T-straße. Als sie dort ankamen, stand dessen Auto vor der Tür.

Die drei parkten den Golf auf der anderen Straßenseite auf einem etwas oberhalb des Hauseingangs gelegenen Parkplatz, von welchem sie die Haustür beobachten konnten. A1 schlich sich durch den Hinterhof zu den ebenerdigen Fenstern der Wohnung des Y. In dieser war es ziemlich dunkel. Das einzige Licht kam vom Fernseher und dem Computerbildschirm. Zu ihrer Überraschung stellte A1 fest, dass sich in der Wohnung offenbar vier Personen aufhielten. Sie konnte verschiedene männliche Stimmen hören. Dann erkannte sie auch Xs Stimme und konnte ihr Glück kaum fassen. Aufgeregt lief sie zurück zu dem Golf und erzählte A4 und A5 von ihrer Entdeckung. Anschließend informierte A1 umgehend um 23:44 Uhr ihren Bruder A2 über Handy und forderte ihn auf, sofort zur T-straße zu kommen. A2 war dabei nicht nur als Verstärkung gedacht. Als ältester Bruder kam ihm die Schlüsselstellung zu. Gemeinsam mit ihm wollte A1 entscheiden, wie es weitergehen sollte. Auch A3 sollte zur Wohnung des Y kommen. Denn da sich in der Wohnung nicht nur X und Y aufhielten, sondern weitere Personen, hielten es A1, A2 und A4 für erforderlich, zur Verstärkung auch A3 hinzu zu ziehen. A2, der sich zu diesem Zeitpunkt noch vor der Spielothek „J“ aufhielt, versuchte daher anschließend, seinen Bruder A3 zu Hause über Festnetz zu erreichen. Dieser jedoch ging nicht an das Telefon. Kurz darauf - um 23:46 Uhr - telefonierte A4 mit seinem Bruder A2, um zu erfahren, ob A3 mitkommen würde. Er erfuhr, dass A2 ihren Bruder nicht über Festnetz hatte erreichen können. Daher rief A1 unmittelbar danach den A3 auf seinem Handy an, berichtete ihm von der Entdeckung X und forderte ihn auf, gemeinsam mit A2, der gleich nach Hause kommen würde, zur T-straße zu kommen. Anschließend informierte A1 ihre Familie im W1 in O1. A2 fuhr währenddessen zurück nach O2. Dort angekommen telefonierte A2 gegen 23:52 Uhr nochmals mit A1. A1 teilte A2 mit, dass sie A3 zwischenzeitlich über die Entdeckung X informiert hatte und dieser zu Hause sei. Circa eine halbe Minute später wurde A2 von seinem Vater angerufen. Er erzählte diesem, dass er bereits zu Hause sei und sich gleich auf den Weg nach O1 machen werde. Anschließend rief A2 um 23:54 Uhr Kurz bei A3 an, um sich mit ihm für die Fahrt nach O1 zu verabreden. Um 23:55 Uhr wurde A1 zunächst vom W1 aus angerufen. Unmittelbar darauf sprach sie erneut über Handy mit A2, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in O2 befand. Um 0:00 Uhr kam es erneut zu einem Gespräch zwischen A1 und ihrem Vater. Alle Beteiligten waren in großer Aufregung. Nach Wochen ergebnisloser Suche hatte sich endlich etwas getan. Endlich hatten sie die Chance, das Familienproblem zu lösen.

b) Geschehen in der T-straße

Gegen 0:14 Uhr trafen A2 und A3 in der T-straße ein. Als die fünf Angeklagten anschließend gemeinsam in dem Golf saßen, beratschlagten sie, wie es nun weitergehen sollte. Alle waren wütend auf X. Mit ihrem Verhalten hatte sie die ganze Familie entehrt und vor der jesidischen Gemeinde bloßgestellt. Sie hatte wochenlang nichts von sich hören lassen. Und nun hatte sie auch noch die Frechheit, sich praktisch vor der Nase ihrer Familie wieder mit Y zu treffen. Diese „Fehltritte“ konnten und wollten sie nicht weiter hinnehmen. Sie hatten keine andere Wahl, als zu handeln. Sie waren zu allem entschlossen und fühlten sich zu fünft stark. Sie hatten, was im Auto offen erörtert wurde und für sie wichtig war, Waffen dabei: Die Schreckschusspistole des A2 und eine scharfe Waffe, die A4 in der Jackentasche bei sich trug. Weiterhin hatten sie - bis auf A1 und A3 - Mützen mit, welche sie als Maskierung ins Gesicht ziehen Konnten. Es bestanden aber auch Unwägbarkeiten. Im Gegensatz zu A1 waren sich ihre Brüder nicht sicher, ob X tatsächlich in der Wohnung war. Daneben irritierte die Situation in der Wohnung. Es gab lediglich ein schummriges Licht. In dem kleinen Raum hielten sich neben Y und X zwei weitere Männer auf. Die Angeklagten konnten nicht vorhersehen, wie diese reagieren würden, wenn sie in die Wohnung stürmten. Hinzu kam, dass in dem Haus andere Mietparteien wohnten, so dass sie nicht ausschließen konnten, dass ihr Treiben genau beobachtet werden würde. Fünfzig Minuten schmiedeten sie Pläne und verwarfen diese wieder. Sie diskutierten hin und her. Dabei taten sie sich auch untereinander schwer, eine klare und einvernehmliche Absprache zu treffen. Die ganze Situation hatte sie einfach überrumpelt. Klar war nur, dass sie X zunächst einmal aus der Wohnung holen mussten. Dies schien ihnen schon schwer genug. Schließlich wollte A1 nicht länger warten. Die Zeit lief ihnen davon und noch immer waren sie keinen Schritt weiter. Wenn sie nicht bald etwas unternahmen, riskierten sie ihre Chance, X in ihre Gewalt zu bringen. A1 drängte daher darauf, dass man nun handeln müsse. Um Bewegung in die Sache zu bringen, wollte sie ihren Brüdern nachweisen, dass X tatsächlich in der Wohnung war. Wenn ihr dies gelingen würde - so ihre Überlegung - würden die anderen mitmachen und X aus der Wohnung holen. A1 stellte daher um 1:04 Uhr eine Standleitung mit A4 Handy her, schlich sich noch einmal über den Hinterhof zur Wohnung und hielt ihr Handy an das Fenster, damit ihre Brüder das Stimmengewirr aus der Wohnung hören Konnten. Als A2, A3, A4 und A5 deutlich die Stimme von X erkannten, waren sie bereit mitzumachen.

Um jeden Widerstand im Keim zu ersticken und auch eine Flucht der X zu verhindern, beschlossen die Angeklagten, sich aufzuteilen und gleichzeitig durch die Wohnungstür und das ebenerdige Fenster im Hinterhof in die Wohnung einzudringen. A1 sollte an der Haustür klingeln. Sie hofften, dass Y in A1 allein keine Gefahr sah und ihr die Wohnungstür öffnen würde. Durch die geöffnete Tür sollten dann A2 und A4, welche sich zunächst im Hausflur versteckt halten wollten, hinter A1 in die Wohnung stürmen. Zeitgleich sollten A3 und A5 durch das ebenerdige Fenster im Hinterhof in die Wohnung eindringen. A2 sollte die Männer mit der Schreckschusspistole bedrohen. A4 sollte die scharfe Waffe nur ziehen, wenn es echte Gegenwehr geben würde. Die Angeklagten glaubten, leichtes Spiel zu haben. Schon beim Anblick der Schreckschusspistole - so ihre Einschätzung - würden die Männer jeden Widerstand aufgeben. Während A2 die Männer mit seiner Schreckschusspistole in Schach hielt, sollten die anderen X aus der Wohnung schleppen. Die Angeklagten wollten X in den Golf packen und A2, A1 und A4 wollten mit ihr in Richtung Autobahn flüchten, um möglichst schnell möglichst weit weg vom Tatort zu kommen. Wenn sich X erst einmal in ihrer Gewalt befand und ihnen hilflos ausgeliefert war, würde ihre Schwester schon erkennen, dass ihr Leben in der Hand ihrer Geschwister lag und diese zum Äußersten entschlossen waren. X würde davon ausgehen, dass sie eine scharfe Waffe dabei hätten und vor einer Ermordung nicht zurückschrecken würden. Dann aber bliebe ihr nichts anderes übrig, als alles zu tun, was ihre Geschwister von ihr verlangten - nämlich die Strafanzeige zurückzunehmen und zu ihrem jesidischen Leben zurückzukehren. Es läge allein bei X, ob sie diese letzte Chance ergreifen würde. A3 und A5 sollten währenddessen nach Hause fahren, allerdings nicht auf direktem Wege. Die Angeklagten gingen davon aus, dass Y den - nicht maskierten - A3 wiedererkennen und die Polizei möglicherweise dessen Handy zu orten versuchen würde. Dies war ihnen auch ganz recht. Denn A3 sollte die Polizei ablenken und dazu auf dem Nachhauseweg einen weiten Umweg machen. Mit diesem Plan waren alle Angeklagten einverstanden. Ohne weiter darüber zu diskutieren, wie die Sache letztlich enden sollte, setzten sie ihr Vorhaben in die Tat um.

A2, A4 und A5 maskierten sich mit ihren Mützen. A1 setzte sich eine Kappe auf, um ihr Gesicht zu verdecken. A2 zückte seine Schreckschusspistole. Dann lief er gemeinsam mit A1 und A4 zur Haustür, während sich A3 und A5 absprachegemäß im Hinterhof neben dem ebenerdigen Fenster der Wohnung versteckten. Wie geplant Klingelte A1 bei Y. Dieser dachte, sein Bruder  würde vorbeikommen. Er drückte daher mit dem Türöffner die Haustür auf und öffnete seine Wohnungstür. Als er das Licht anschaltete, sah er jedoch A1 die Treppe herunter kommen. Y war sofort klar, dass das Auftauchen von A1 Ärger bedeutete. Als sie versuchte, an ihm vorbei in die Wohnung zu gelangen, schrie er sie an, sie solle abhauen und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Schnell ging er zurück in das Wohnzimmer und sagte X, dass ihre Geschwister vor der Tür stehen würden. Gesehen hatte Y zwar nur A1, er vermutete jedoch, dass diese mitten in der Nacht nicht allein gekommen war. Während er zum Fenster ging, um die Jalousie runterzulassen, damit niemand in die Wohnung sehen konnte, sagte er X, sie solle die Polizei anrufen. Noch während X um 01:14 Uhr den Notruf wählte, hörten sie, wie A4 die Wohnungstür auftrat. Geistesgegenwärtig lief der Zeuge Z14 zur Wohnzimmertür und versuchte, diese von innen zuzuhalten. In diesem Moment jedoch trat A3 so heftig von außen gegen die Jalousie, dass diese herunterfiel und das auf Kippe stehende Fenster aufging. Hierdurch war der Zeuge Z14 einen kurzen Moment abgelenkt. Dadurch gelang es A4 und A2, die Wohnzimmertür so weit aufzudrücken, dass A2 seine Waffe durch den Türspalt in das Wohnzimmer halten konnte. Aus Angst vor der Pistole ließ der Zeuge Z14 sofort die Tür los. A2, A1 und A4 konnten sich nun ungehindert Zutritt zum Wohnzimmer verschaffen. A3 und A5 drangen durch die Fensteröffnung in die Wohnung ein. A2 bedrohte die Männer mit der Waffe. Der Zeuge Z14 setzte sich neben den Zeugen Z9 auf das Sofa, beide hielten die Hände über den Kopf. Y kniete sich auf den Boden und hielt ebenfalls schützend die Hände über seinen Kopf. Während dessen rief einer der Brüder „Wo ist X, wo ist X?“. Da es in der Wohnung sehr dunkel war und aufgrund der veränderten Haarfrisur erkannten die Angeklagten ihre jüngere Schwester erst, als diese sich zu Y flüchtete und sich an dessen Arm festklammerte. A2 bedrohte alle weiter mit der Pistole. Unterdessen schlugen und traten A3, A4 und A5 nun auf Y und X ein, um X von Y wegzerren zu können. A1 nahm die auf dem Wohnzimmertisch stehende, noch fast volle Wodkaflasche, schrie „Lass X los“ und schlug dem Y die Flasche auf den Kopf. Der Schlag war so heftig, dass Y eine Platzwunde am Kopf erlitt und sich einen Finger brach. Durch den massiven Schlag fiel Y auf den Boden und riss X mit. Mit Händen und Füßen schlugen und traten A4, A3 und A5 weiter so heftig auf Y und ihre Schwester ein, dass diese Y schließlich los ließ. Während X die ganze Zeit aus Angst schrie und verzweifelt um Hilfe rief, sprachen ihre Geschwister nicht miteinander. Zielgerichtet setzten sie ihren vorher gefassten Plan in die Tat um. Nachdem sie X von Y losgerissen hatten, fassten A2 und A3 ihre Schwester an Armen und Beinen und trugen sie durch den Hinterausgang aus dem Haus. Verzweifelt schrie X weiter um Hilfe. In der Zwischenzeit lief A4 durch die Wohnungstür und den Haupteingang zurück zum Golf und fuhr mit diesem zum Hinterhof. X wurde von A2 in den Golf gezerrt. Er selbst setzte sich neben sie auf die Rückbank und hielt sie dort in Schach. A1 stieg auf dem Beifahrersitz ein. Dann fuhr A4 mit den dreien los, während A3 und A5 mit dem Ford Mondeo flüchteten.

c) Tötung der X

Bereits unmittelbar nach Beginn der Fahrt wurde A1, A2 und A4 klar, dass die von ihnen beabsichtigten Einschüchterungsversuche bei X keinen Erfolg haben würden. X war zwar geschockt, aber voller Hass auf ihre Geschwister. Sie beschimpfte sie und machte ihnen Vorwürfe. Der gewalttätige Überfall, bei dem sogar der schützende Freund mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen worden war, hatte X nur noch mehr darin bestärkt, dass sie mit ihrer Familie nichts mehr zu tun haben wollte. Obwohl sie sich in der Gewalt ihrer älteren Geschwister befand, dachte X daher gar nicht daran, klein beizugeben und die folgsame Tochter zu spielen. Den Angeklagten wurde bewusst, dass weder Drohungen noch Schläge X zur Vernunft bringen würden. In dieser Situation führte A1 um 1:17, 1:18 und 1:19 Uhr drei Telefongespräche mit ihrem Vater und schilderte ihm die Lage. Dieser machte A1 deutlich, dass er mit X nichts mehr zu tun haben wollte und es für diese kein Zurück mehr gab. Ob bei dieser Gelegenheit schon über die Tötung von X gesprochen wurde, ist ungeklärt geblieben. A1, A2 und A4 wurde auf jeden Fall im Laufe der Weiterfahrt klar, dass es für sie keine andere Möglichkeit mehr gab. Für sie war es ausgeschlossen, X zu Verwandten zu bringen. Es war ihnen klar, dass die Polizei X suchen und mit Rücksicht auf die polizeibekannte Vorgeschichte auch bei entfernten Verwandten nachschauen würde. Selbst das Verbringen in das Ausland erschien ihnen zu gefährlich. Denn X stand unter „Polizeischutz“ und hatte sicher eine entsprechende Telefonnummer zur Hand, mit der sie bei nächster Gelegenheit Kontakt zur Polizei aufnehmen würde. Sie konnten niemanden in die Gefahr bringen, später Schwierigkeiten mit der Polizei zu bekommen. Hinzu kam, dass die Angeklagten ihren Verwandten und Freunden nicht zumuten konnten, sich mit der - aus ihrer Sicht - trotzigen, renitenten sowie ehrlosen X abzugeben. Die Alternative, aufzugeben und X freizulassen, gab es für sie ebenfalls nicht. Denn das würde für das Ansehen der Familie ein noch größeres Fiasko darstellen.

A1, A2 und A4 wurde klar, dass sie sich in eine Sackgasse hineinmanövriert hatten. Zwar hatten sie X gefunden und in ihrer Gewalt, so dass ihre Schwester die Familie nicht weiter entehren und bloßstellen konnte. Auf der anderen Seite wurde ihnen immer deutlicher, dass ihnen bei konsequenter Verfolgung ihres Zieles, die Familienehre wieder herzustellen, nur eine Möglichkeit blieb. Denn die Zeit, X den „Kopf zu waschen“, war lange verstrichen. Selbst rohe Gewalt und eine Masse von Emails - egal ob drohend oder einlullend - waren ohne Erfolg gewesen. X war voller Verbitterung und Hass auf ihre Geschwister. Feindselig und unversöhnlich hatte sie sich endgültig von ihrer Familie abgewandt. Über diese Situation sprachen die drei Angeklagten offen im Auto. Ihnen war klar, dass nur noch die Tötung von X in Betracht kam und es keinen Sinn machte, mit ihr weiter auf der Autobahn ins Ungewisse zu fahren. Daher mussten sie den einmal beschrittenen Weg jetzt weitergehen. Das waren sie - so glaubten sie - ihrem Vater und der Familie schuldig.

Für eine spätere Strafverfolgung wollten A1, A2 und A4 allerdings Vorsorge treffen. Sie rechneten damit, dass der Überfall ihnen sowie A3 und A5 angelastet werden könnte. Für die Flucht danach und die Tötung aber sollte nur ein Täter in Frage kommen. Für die drei Geschwister bedurfte es insoweit keiner großen Überlegung. A4, der Jüngste, ohne Ausbildung und bei der Bestrafung von X bereits zweimal in Erscheinung getreten, musste diese Aufgabe übernehmen. A4 fügte sich ohne Widerspruch in seine Rolle. Sie besprachen weiter, dass in der Folgezeit A1 und A2 nicht mehr in Erscheinung treten durften. Es sollte nur noch mit dem Handy von A4 telefoniert werden. A1 und A2 schalteten daher ihre Handys aus. Würde sich später der Verdacht gegen sie richten, wollten sie sagen, dass A4 sie beide rausgelassen und mit X alleine weitergefahren sei. Man könne dann sagen, A4 habe X zu Verwandten gebracht, die sich um X kümmern sollten. Um dies plausibel zu machen, mussten sie aber in eine Gegend fahren, wo tatsächlich Verwandte von ihnen wohnten. Auf ihrer Fahrt nach Norden bot sich dabei O4 an, denn dort wohnt ein entfernter Onkel.

Während der Autofahrt betätigte A4 um 2:15, 2:16, 2:30, 2:42 und 2:47 Uhr sein Handy. Bei dem Gespräch um 2:30 Uhr telefonierte A4 46 Sekunden mit A3, von dem er wissen wollte, ob die Polizei dort bereits erschienen war. A1 und A2 erwähnte A4 in dem Gespräch nicht und dies mit Absicht. Denn falls die Polizei das Gespräch schon mitgehört hätte, hätte dies die geplante Version, dass er allein mit X unterwegs gewesen war, nur untermauert.

In O4 wechselten die Angeklagten von der BAB 7 auf die BAB 1 in Richtung O12. Nach kurzer Zeit forderten A2 und A1 ihren Bruder A4 auf, die Autobahn zu verlassen. Sie suchten nun eine einsame Stelle. A4 fuhr weisungsgemäß von der Autobahn ab, um einen abgelegenen Ort zu finden. Da es jedoch dunkel war und alle drei ortsunkundig waren, wussten sie nicht so recht, wo sie anhalten sollten. Nachdem sie einige Zeit über Landstraßen gefahren waren, sahen die drei das Schild zum Golfplatz W2. Dort wollten sie anhalten, da sie davon ausgingen, dass in der unmittelbaren Nähe eines Golfplatzes niemand wohnen würde. Zudem hofften sie, dass im Winter niemand den Platz benutzen und man die Leiche dort daher erst einmal nicht entdecken würde. Falls man später Xs Leiche fand, etwa wenn der Betrieb im Frühjahr wieder aufgenommen werden würde, wollten sie sagen, X sei bei den Verwandten abgehauen und dann von Unbekannten getötet worden.

Über kleine Wege gelangten sie an den Rand des Golfplatzes. Dort hielten sie an. A4 wusste nun, was er zu tun hatte. Es ging nicht darum, X ein weiteres Mal krankenhausreif zu schlagen. Dies hatte bereits in der Vergangenheit keinen Erfolg gehabt. In einem total verletzten Zustand hätten sie X ohnehin nirgendwo hin bringen können. Jetzt ging es darum, X zu töten. Das war A4 bewusst. A2 und A1 war klar, dass ihr Bruder die Situation so erfassen würde. Das wollten sie auch. Sie kannten ihren Bruder und waren sich sicher, dass A4 nicht aus eigenem Antrieb eine solche Tat verüben würde. Er brauchte dazu eine Aufforderung bzw. eine Ausgangslage, in der er das Verlangen der Familie umsetzen sollte. Eine solche Situation lag nun vor. Das Anhalten an diesem einsamen Ort konnte nach den Gesprächen auf der Fahrt hierher keine andere Bedeutung haben. Die Nähe von A2 und A1 gab A4 die erforderliche moralische Rückendeckung. A2 war der älteste Bruder und damit als stellvertretendes Familienoberhaupt Respektperson. A1 war die clevere Schwester, welche die Suchaktion geleitet und den Überfall initiiert hatte. A2 und A1 förderten durch ihr Verhalten und ihre Anwesenheit die Tat. Das wollten sie auch. Einer tatsächlichen Mithilfe von A2 und A1 bedurfte es daher nicht. A4 hatte die scharfe Waffe. Er wollte die Tat jetzt alleine durchführen. Es war ja ohnehin abgesprochen, dass er - falls die Tat herauskäme - allein der Täter sein und zur Verantwortung gezogen werden sollte. Für ihn war ausreichend, dass A1 und A2 die Tat von ihm erwarteten und ihm durch ihre Anwesenheit wichtigen Rückhalt und Sicherheit gaben.

Als A4 aus dem Auto stieg, war A2 und A1 deshalb klar, was nun passieren würde. A4 zerrte X aus dem Auto und zog sie einige Meter vom Auto weg. Dann schubste er sie zu Boden. Dabei gingen ihm die Geschehnisse in den letzten Wochen durch den Kopf. Aus seiner Sicht hatte X die Familienehre in den Schmutz gezogen. Nicht nur, dass sie ein Verhältnis mit einem Andersgläubigen eingegangen war. Sie war zudem von zu Hause abgehauen und hatte Strafanzeige gegen den eigenen Vater erstattet. Damit hatte sie die Familie vor der ganzen jesidischen Gemeinschaft bloßgestellt. A4 hatte gesehen, wie seine Eltern und seine Geschwister unter diesen „Fehltritten“ gelitten hatten. Das war durch nichts zu rechtfertigen. Verständnis oder Mitleid für seine jüngere Schwester konnte und wollte A4 nicht aufbringen. Im Gegenteil sollte die Tat eine Hinrichtung sein, um zu zeigen, dass sich kein jesidisches Mädchen so verhalten darf.

A4 kniete sich neben X auf den Boden und hielt ihr die Waffe an die linke Schläfe. Diese war vor Angst wie gelähmt. Sie hatte immer noch gehofft, dass ihre Geschwister die Tötung der eigenen Schwester nicht vollziehen würden. Jetzt aber war ihr klar, dass ihr Leben zu Ende war. Die Kraft, in dieser für sie ausweglosen Situation Widerstand zu leisten, hatte sie nicht. A4 drückte zweimal ab. A2 und A1 stiegen aus dem Auto und gingen zu X, die leblos auf dem Boden lag. Allen war klar, dass X tot war. A2 und A4 schleppten die Leiche einige Meter über die Wiese und warfen sie über einen kleinen Wall in die Böschung.

A4 hatte nun seine „Arbeit“ getan. Er setzte sich hinten in das Auto und A2 übernahm das Steuer. Auf direktem Weg fuhren die drei nach O3 zurück und dort zur Familie Q8. Hier wechselten A2 und A4 ihre blutverschmierte Kleidung. Anschließend fuhr A2 nach Holland, um dort den Golf - insbesondere dessen Innenraum - zu säubern. Am Abend des 01. Novembers 2011 kehrte A2 nach O1 zurück.

Erst am 13. Januar 2012 wurde die Leiche X auf dem Golfplatz W2 in O18 von dem Platzwart, dem Zeugen Z15, durch Zufall in einem bereits stark verwesten Zustand gefunden.

III.

Die Angeklagten haben sich wie folgt eingelassen:

1.

A1  hat geschildert, ein sehr vertrautes Verhältnis zu X gehabt zu haben. Ebenso wie für ihre anderen Geschwister habe sie sich für X verantwortlich gefühlt und gewollt, dass es ihr gut gehe. Sie habe X auch finanziell unterstützt und ihr etwa den Führerschein vorfinanziert. X habe auf ihre Ratschläge gehört und ihr selten widersprochen. Dies habe sich jedoch im Frühjahr 2011 geändert. Zu diesem Zeitpunkt sei ihr aufgefallen, dass X öfters abends sehr spät und alkoholisiert nach Hause gekommen sei. Sie habe Zigaretten und Drogen bei ihr gefunden. Auch habe sie einen blauen Brief der Fachoberschule in X Zimmer entdeckt. Sie habe ihre Schwester mit diesen Dingen konfrontiert. X habe ihr jedoch jedes Mal versichert, es gäbe keine Probleme, sie wisse, was sie tue, und habe alles im Griff. Sie habe ihrer Schwester glauben und ihr zeigen wollen, dass sie ihr vertraue. Daher habe sie mit niemanden darüber gesprochen. Im Juni / Juli 2011 habe sie herausgefunden, dass X mit dem Y zusammen war. Sie habe ihre Schwester gewarnt, dass die Familie hiermit nicht einverstanden sein würde. X habe ihr versprochen, vorsichtig zu sein. Daher habe sie das Geheimnis ihrer Schwester bewahrt. Irgendwie sei das Verhältnis zwischen X und Y aber doch „durchgesickert“. Danach habe der Stress angefangen. Innerhalb der Familie habe es lange Diskussionen geben, aus denen sie sich aber herausgehalten habe. Die Familie habe schließlich verlangt, dass X die Beziehung zu Y aufgebe, worauf ihre Schwester vordergründig eingegangen sei und auch ihre Arbeit in der Bäckerei aufgegeben habe.

Etwa zwei bis drei Wochen später habe die Familie Post von der Polizei bekommen und so erfahren, dass X im Realmarkt einen Diebstahl begangen und gegen das ihr deswegen auferlegte Hausverbot verstoßen habe. Man habe sie daraufhin zur Rede gestellt. X habe sich dabei in Widersprüche verwickelt, so dass man ihr nicht geglaubt habe. Bei der anschließenden Durchsuchung ihres Zimmers habe man einen gebrauchten Schwangerschaftstest, Zigaretten und Drogen sowie gefälschte Entschuldigungen für die Schule und einen Brief dieser gefunden, wonach X dort rausgeflogen sei. Es habe Streit gegeben, in dessen Verlauf X von ihrem Vater  „übel“ verprügelt worden sei.

Nachdem X am 01. September 2011 weggelaufen sei, sei sie von der Familie verstoßen worden. Ihr Name habe nicht mehr erwähnt werden dürfen. Dies habe sie nicht akzeptieren können und wollen, zumal sie sich die Schuld dafür gegeben und sich für X verantwortlich gefühlt habe. Auch sei sie ärgerlich gewesen, dass sich die Familie von X abgewandt habe. Sie habe sich daher in den Kopf gesetzt, X zu finden und zurückzuholen. Daher habe sie sich ohne Kenntnis der übrigen Familienmitglieder auf die Suche nach ihr gemacht.

Erstmals am 31. Oktober 2011 habe sie ihren Brüdern erzählt, dass sie mit dem Ausschluss von X aus der Familie nicht einverstanden sei und daher nach ihr suche. Auch ihre Geschwister hätten gewollt, dass X zurückkomme. Gemeinsam habe man überlegt, wo ihre Schwester sein könnte. Als sie gemeinsam mit A4 und A5 X in der Wohnung von Y entdeckt habe, habe sie darüber auch die weiteren Familienangehörigen informiert. Diese hätten jedoch erklärt, dass X verstoßen bleibe, da sie sich gegen die Familie entschieden hätte. Das sei für sie aber inakzeptabel gewesen. Sie habe daher ihre Brüder A2 und A3 angerufen und ihnen erzählt, dass sie X gefunden hätte. A2 habe ihr gleich zugesichert, dass er zu der Wohnung von Y komme. Die Anwesenheit von A3 habe sie nicht für erforderlich gehalten, dieser sei jedoch ebenfalls in die T-straße gekommen. Gemeinsam habe man im Golf gesessen und beraten, wie es weitergehen sollte. Dabei sei sie die treibende Kraft gewesen. Sie habe alle davon überzeugen wollen, dass X wieder nach Hause kommt und in die Familie aufgenommen wird. Ihre Brüder hätten dies zunächst jedoch nicht gewollt und X bei Y lassen wollen. Sie habe deren Skepsis aber überwinden können, da sie darauf hingewiesen habe, dass allein Y hinter dem Verhalten von X stecken würde. Daher habe man sich schließlich darauf geeinigt, der X den „Kopf zu waschen“. Dazu habe man sie - notfalls auch mit Gewalt - aus der Wohnung des Y holen und sie in das Haus nach O2 bringen wollen, um dort mit ihr zu reden. A2 habe eine Schreckschusspistole dabei gehabt. Weitere Waffen habe sie nicht gesehen.

Wie verabredet habe sie bei Y geschellt und diesen gefragt, ob sie mit X sprechen könne. Sie habe ihre Schwester zunächst fragen wollen, ob sie freiwillig mitkäme. Y habe ihr aber die Tür vor der Nase zugeschlagen. Sie habe gewartet, ob X herauskäme. Als diese jedoch nicht erschienen sei, sei sie wütend auf Y geworden. Sie sei zurück zur Haustür gegangen und habe ihre Geschwister gerufen. A4 sei angelaufen gekommen, habe mehrmals an der Tür geklingelt und diese dann eingetreten. In der Wohnung sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Dabei habe sie Y eine Flasche auf den Kopf gehauen. A2 und A3 hätten X schließlich aus der Wohnung zum Golf getragen.

Nachdem sie X in den Golf gebracht hatten, sei ihr plötzlich bewusst geworden, dass die ganze Sache katastrophal gelaufen sei. Ihr sei klar gewesen, dass Y sie und A3 erkannt hatte und man X daher nicht nach O2 bringen konnte, da die Polizei dort zuerst nach ihr suchen würde. Auch habe X geweint. Sie habe daher hilfesuchend ihre Familie angerufen, die ihr jedoch erklärt habe, dass sie X nicht nach Hause bringen dürfe. Sie sei auf der Suche nach einer Alternative auf die Idee gekommen, X zu einem jungen Onkel nach O4 zu bringen. Dieser sei sehr liberal und könne gut mit jungen Leuten umgehen. A3 und A5 hätten von dieser Planänderung nichts gewusst.

Gemeinsam mit X seien A2, A4 und sie dann über den auf die Autobahn BAB 2 Richtung O11 gefahren. Ihren Onkel in O4 habe sie nicht angerufen, um ihn vorzuwarnen, dass sie mit X zu ihm kommen würden. Sie seien auf "Gut Glück" zu ihm gefahren. Sie sei sicher gewesen, ihren Onkel schon davon überzeugen zu können, X bei sich aufzunehmen. Auch mit anderen habe sie nicht telefoniert. Sie habe befürchtet, dass ihr Handy zurückverfolgt werden würde. Sie habe X versteckt halten wollen, um so Zeit zu haben, sie zu überzeugen, dass sie zur Familie zurückkehre. Sie habe ihr Handy daher ausgeschaltet. Ob A2 oder A4 telefoniert hätten, wisse sie nicht.

Während der Fahrt habe sie X Vorwürfe gemacht. Diese sei zunächst wütend gewesen und habe ihre Geschwister beschimpft. Im Laufe der Fahrt habe sie sich aber beruhigt und sich - scheinbar - mit dem Plan einverstanden erklärt. X habe auch gesagt, dass sie Y nicht wiedersehen wolle.

Zwischen 3:00 und 4:00 Uhr morgens seien sie in O4 bei dem Onkel angekommen. Angst, dabei von der Polizei festgenommen zu werden, habe sie nicht gehabt, da X ja damit einverstanden gewesen sei, zu dem Onkel gebracht zu werden. Dort habe jedoch niemand aufgemacht. Sie sei verzweifelt gewesen. Gemeinsam hätten sie überlegt, wo sie hin sollten. A2 habe einen Onkel in O12 vorgeschlagen. Damit seien alle - X zumindest vordergründig - einverstanden gewesen. Sie seien daher wieder auf die BAB 1 Richtung O12 gefahren.

Als A2 habe austreten müssen, seien sie von der Autobahn abgefahren. An einer Raststätte hätten sie nicht halten wollen, da sie dachten, dass bereits nach ihnen gefahndet werde. Sie seien etwa drei bis vier Minuten auf einer Landstraße gefahren und hätten dann auf einem Waldweg angehalten. Wo das gewesen sei, wisse sie nicht. A2 sei ausgestiegen und weggegangen. X habe dann erklärt, dass sie auch mal raus müsse und sei ausgestiegen. Angst, dass X abhauen würde, habe sie nicht gehabt. X hätte nirgendwohin flüchten können. A4 habe sie begleitet. Sie habe dann im Auto sitzend die beiden streiten hören. Plötzlich habe sie zwei Schüsse gehört. Sie sei daraufhin aus dem Auto gesprungen und in Richtung der Schüsse gelaufen. Sie habe A4 mit einer Waffe in der rechten Hand neben der am Boden liegenden X stehen sehen. Sie habe ihren Bruder an den Schultern gepackt und geschüttelt. Dieser habe jedoch völlig regungslos dort gestanden und nichts gesagt. Völlig entsetzt, schockiert und mit der ganzen Situation überfordert habe sie sich wieder ins Auto gesetzt und nur noch geweint. Nach einiger Zeit habe sie gehört, wie die Leiche von X in den Kofferraum gepackt worden sei. A2 und A4 seien wieder eingestiegen und zu dem Golfplatz gefahren. Auf der Fahrt dorthin sei nicht gesprochen worden. Am Golfplatz hätten A2 und A4 X abgelegt. Sie selbst habe die ganze Zeit nicht hoch geblickt. Anschließend seien sie nach O3 zurückgefahren. Auf der Rückfahrt hätten sie an einer Raststätte angehalten und A4 sei in Unterhose und T-Shirt zum Golf zurückgekommen. Zwischen 7:00 und 8:00 Uhr sei man dann bei der Familie Q3 in O3 angekommen. Ihren Eltern hätte sie von der ganzen Sache nichts erzählt.

2.

Der Angeklagte A4 hat die Einlassung seiner Schwester A1 in der Hauptverhandlung vollumfänglich bestätigt. Ergänzend hat er Folgendes ausgeführt:

Wo sie von der Autobahn abgefahren seien, wisse auch er nicht mehr. Sie seien danach etwa drei bis vier Minuten auf einer Landstraße gefahren. In welche Richtung, könne er nicht sagen. Dann sei ein Waldstück gekommen. In den dortigen Waldweg seien sie ein paar hundert Meter hineingefahren. Er habe den Eindruck gehabt, dass dort ein großer Wald gewesen sei. Es sei total dunkel gewesen. Als X aus dem Auto ausgestiegen sei, habe er mitgehen wollen, damit sie keinen Unsinn mache. Er habe sie daher am Arm gepackt und sei mit ihr zu einem Busch gegangen. Auf dem Weg dorthin bzw. dort angekommen, habe X versucht, sich loszureißen, und angefangen, ihn zu beschimpfen. Er habe sie daher fester gepackt. Daraufhin habe X ihm ins Gesicht gespuckt und ihn beleidigt. Er habe sie zu Boden geschmissen und auf ihren Körper geschlagen. X jedoch habe weiter herumgeschrien. Sie habe wissen wolle, warum ihre Geschwister sie mitgenommen hatten, und „schlimme“ Wörter gesagt. Sie hätten sich gegenseitig beschimpft. Er habe gewollt, dass X ruhig sei. Er habe daher seine schon entsicherte Waffe aus der linken Innentasche seiner Jacke herausgezogen und seiner Schwester an den Kopf gehalten. Warum er die Waffe, die er im Jahre 2010 nach dem Streit mit der Familie der Ex-Frau seines Bruders A2 in O13 gekauft habe, an diesem Abend mitgenommen hatte, wisse er nicht mehr. Seine Schwester habe ihn jedoch weiter provoziert und ihn und seine Eltern beschimpft. Er sei gestresst gewesen und habe nicht weiter gewusst. Mit dem Knie habe er das linke Bein seiner seitlich auf dem Boden liegenden Schwester fixiert, mit der linken Hand ihre linke Schulter festgehalten. Trotzdem habe sich X weiter heftig gewehrt -  dabei auch ihren Kopf hin und her bewegt - und ihn beschimpft. Da sei er außer Kontrolle geraten und habe ihr zweimal in den Kopf geschossen. Ob X stark geblutet habe, wisse er nicht mehr. Seine Kleidung - Hose und T-Shirt - sei blutverschmiert gewesen. A2 habe gesagt, dass sie X dort nicht liegen lassen könnten. Gemeinsam mit A2 habe er seine tote Schwester auf eine Decke in den Kofferraum des Golfes gelegt. Zum Golfplatz sei A2 gefahren. Er - A4 - sei wie erstarrt gewesen, habe nur noch gemacht, was A2 ihm gesagt habe. Dieser habe auch gemeint, dass sie ihre Kleidung wegschmeißen sollten. Das hätten sie an einem Rastplatz auf der Rückfahrt nach O3 auch so gemacht. Nach der Tat habe er mit niemanden darüber gesprochen.

3.

Auch A2 hat die Einlassung seiner Schwester A1 in vollem Umfang bestätigt. Ergänzend hat er sich wie folgt geäußert: 

Dass A4 eine scharfe Waffe besessen habe, habe er nicht gewusst, schon gar nicht, dass A4 diese mitgenommen hatte. Ansonsten hätte er seinem Bruder die Waffe abgenommen. Wo sie auf der Weiterfahrt nach O12 von der Autobahn abgefahren, wie sie weitergefahren seien und wo sie schließlich gestoppt hätten, wisse er ebenfalls nicht. Sie hätten auf einem Waldweg angehalten. Dort hätten sie das Licht ausgemacht, lediglich die Wageninnenbeleuchtung sei an gewesen. Während er sich im Wald erleichtert habe, habe er plötzlich Streit und dann zwei Schüsse gehört. Daraufhin sei er zurück zum Auto gelaufen, wo jedoch niemand gewesen sei. Er sei daher weiter in Richtung der Schüsse gelaufen. Da sei ihm A1 entgegen gekommen. Hinter ihr habe er A4 neben X stehen sehen. Er habe seinen Bruder zur Seite geschubst und X Kopf genommen, um zu sehen, ob sie noch lebe. Sie sei jedoch tot gewesen. Nachdem A4 X erschossen habe, habe er zunächst nicht weiter gewusst. Er habe alles alleine entscheiden müssen. A4 habe nichts mehr gesagt. Ihm sei klar gewesen, dass sie die Polizei hätten rufen sollen. Er habe jedoch seinen Bruder nicht hängen lassen wollen. Da der Tatort zu nah an der Straße gelegen habe, habe er beschlossen, die Leiche woanders hinzubringen. Er sei dann zum Golfplatz gefahren. Auf der Rückfahrt nach O3 hätten sie an einer Raststätte gehalten und er und A4 hätten ihre Kleidung weggeschmissen. Er habe Blut am Pullover gehabt und bis auf sein T-Shirt und die Boxershorts alles entsorgt. Nachdem sie zurück in O3 gewesen seien, habe er A4 und A1 bei der Familie Q8 abgesetzt. Dort habe er neue Kleidung bekommen. Danach sei er  in die Niederlande gefahren, um den Kopf frei zu bekommen. In den Niederlanden habe er das Auto gereinigt. Er habe staubgesagt, durchgewischt und die Wolldecke, auf der die Leiche gelegen habe, entsorgt.

4.

A3 hat sich wie folgt eingelassen:

A1 habe ihn am späten Abend des 31. Oktobers 2011 angerufen und mitgeteilt, dass X in der Wohnung des Y sei. Er habe zwar nicht dahin kommen sollen, sei dann aber doch mit A2 zur T-straße gefahren. Es sei geplant gewesen, dass er die Wohnung des Y nicht betrete, da dieser ihn gekannt und er zudem keine Maske dabei gehabt habe. Als A1, A2 und A4 zur Wohnung des Y gegangen seien, sei er zunächst mit A5 im Golf sitzen geblieben. Dann jedoch sei er ausgestiegen, habe sich eine Zigarette angezündet und sei die Straße entlang gegangen. Als er Schreie gehört habe, sei er zum Hintereingang des Hauses gelaufen und habe dort A5 getroffen. Gemeinsam seien sie durch das Fenster in die Wohnung des Y eingedrungen. Er habe den Y zur Seite geschubst. Weil X so geschrien habe, habe er ihr ein paar „normale“ Backpfeifen gegeben. Dann habe er gemeinsam mit A2 seine Schwester X aus der Wohnung und in den Golf getragen. Dort habe ihm A1 Vorwürfe gemacht, dass er in die Wohnung gekommen sei. Y hätte ihn erkannt. Man könne nun nicht mit X nach O2 fahren, da dorthin sicher die Polizei kommen würde. Er habe mit A5 nach Hause fahren sollen. Er selbst habe aber zunächst abhauen wollen und sei daher nicht in Richtung O2 gefahren. Da er aber nicht gewusst habe, wo er mitten in der Nacht habe hinfahren sollen, sei er dann doch nach Hause gefahren. Sorgen habe er sich nicht gemacht, da er nicht gedacht habe, dass seine Geschwister X etwas antun würden. Als er später mit A4 telefoniert habe, habe ihm dieser gesagt, dass er auf der Autobahn sei. X gehe es gut. Er brauche sich keine Sorgen zu machen, alles sei in Ordnung.

5.

A5 hat über seine Verteidigerin Folgendes erklären lassen:

Keinem aus der Familie habe es gefallen, dass X einen deutschen Freund gehabt habe. Auch ihr sonstiger Lebenswandel habe der Familie missfallen. A1 sei aber diejenige gewesen, der das überhaupt keine Ruhe gelassen habe. Sie habe X unbedingt zurück zur Familie bringen wollen. An dem Tatabend habe er zunächst nur am Rande mitbekommen, dass A1 und Z22 versuchten, X zu finden. Als Z22 nach Hause gefahren sei, habe A1 ihm und A4 erzählt, dass sie versucht hätten, den Account von X im Internet zu „knacken“. A1 sei davon überzeugt gewesen, dass X bei ihrem Freund sein müsse. Sie habe ihn daher zu dessen Wohnung geschickt. Dazu habe er zwar eigentlich keine Lust gehabt. Um jedoch einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, sei er dann zur T-straße gefahren. Y sei nicht dort gewesen, was er A1 telefonisch mitgeteilt habe. Sie habe ihn daraufhin aufgefordert, nach Hause zu kommen. Anschließend sei er mit A1 und A4 zur Mutter des Y gefahren und dann noch mal zur T-straße. A1 sei zunächst an der Rückseite des Hauses ausgestiegen und habe am Fenster gelauscht. Als sie zurückgekommen sei, sei man zum Parkplatz gegenüber gefahren und habe dort so geparkt, dass man den Eingang des Hauses habe sehen können. A1 habe erzählt, dass sie X Stimme gehört habe. Dann seien A2 und A3 angerufen worden. A4 habe gesagt, dass man zunächst auf die beiden anderen warten solle. A1 sei dann nochmals ausgestiegen, um am Fenster zu lauschen. Als A2 und A3 gekommen seien, seien sie in den Golf gestiegen. Dann hätten sie diskutiert, wobei hauptsächlich A1 und A2 geredet hätten. Er habe sich weitgehend rausgehalten, da auf ihn sowieso keiner höre. Es sei dann klar gewesen, dass man X mit mehreren Leuten heraushole. Dann habe man mit X nach O2 gewollt, da sie zu A3 und dessen Ehefrau immer ein gutes Verhältnis gehabt habe. Sie hätten gedacht, dass sie dort zur Einsicht kommen und dann zur Familie zurückkehren werde. Er habe dann gesehen, dass A2 und A4 Masken hatten. Ihm sei klar gewesen, dass sie damit ihre Gesichter verdecken wollten. Er selbst habe lediglich eine Wollmütze mitgehabt. Vorher habe mit ihm niemand über eine  Maskierungen oder gar Waffen geredet. Alles sei dann sehr schnell gegangen. A4 und A2 seien gleich hinter A1 in die Wohnung gestürmt. Da er nicht gewusst habe, was jetzt los war, sei er erst hinter den anderen in Richtung Eingangstür gegangen, habe dann jedoch eine Kehrtwende gemacht und sei hinter A3 in Richtung Hintereingang gelaufen. Da sei der A3 dann durch das Fenster gestürmt und er hinterher. Er sei noch nicht einmal richtig in der Wohnung gewesen, als schon einer gerufen habe „abhauen - holt das Auto“. A1 habe gesagt, A3 und er sollten nach Hause fahren, sie würden nicht nach O2 kommen. Sie seien dann bei A3 gewesen und hätten sich beide nicht richtig zu helfen gewusst. Sie seien sicher gewesen, dass A3 erkannt worden war. A4 habe dann später noch einmal angerufen. Am Tag danach habe er nichts erfahren. Er sei zunächst bis Mittag in der Wohnung des A3 geblieben und dann seien sie zu seinen Eltern gefahren. Dort sei schon jede Menge Verwandtschaft gewesen. Natürlich habe er A1 und A4 gefragt, was geschehen sei. A1 habe ihm nur gesagt, dass sie ihm das später sagen würde. Er habe gemerkt, dass Nachfragen nichts bringen würden. Dann sei er auch schon verhaftet worden.

IV.

Die Angeklagten haben den äußeren Geschehensablauf weitestgehend eingeräumt. Soweit sie ihre weitere Beteiligung abgestritten und ihre Motivationslage abweichend geschildert haben, handelt es sich um Schutzbehauptungen. Aufgrund der Vorgeschichte, des unterschiedlichen Aussageverhaltens der Angeklagten - sowohl gegenüber einem Mitgefangenen als auch im Rahmen ihrer Vernehmungen -, der Telefondaten, der verlesenen Emails und der Aussagen Dritter lassen sich konkrete Schlüsse ziehen. Dadurch ist die Kammer davon überzeugt, dass sich die Sache so, wie oben festgestellt, zugetragen hat.

1. 

Soweit die Angeklagten das Tatgeschehen in der Talstraße eingeräumt haben, sind ihre Geständnisse glaubhaft. A3 und A5 hatten bereits im Ermittlungsverfahren eingeräumt, dass alle fünf Geschwister die Entführung der X durchgeführt haben. Dies haben nun auch die übrigen Angeklagten zugegeben. Auch das Geständnis des A4, X erschossen zu haben, ist glaubhaft. Sein Bruder A3 hatte bereits im Ermittlungsverfahren offenbart, dass A4 X getötet hatte. A4 war auch im Vorfeld der Aggressive gewesen. Er war bereits zuvor zweimal gegenüber seiner Schwester gewalttätig geworden.

2. 

Besondere Bedeutung kommt den Aussagen des A3 zu. Er hat nicht nur Täterwissen offenbart, sondern - wenn auch ungewollt - wichtige Tatbeiträge seiner Geschwister geliefert.

a)

Im engen Familienverbund war es eine Besonderheit, dass einer der Geschwister das Schweigen brach und dabei sogar seine eigenen Geschwister belastete. Dabei waren sicherlich eigene Interessen - nämlich aus der Untersuchungshaft zu kommen - ein erheblicher Antrieb. Mit den Aussagen sollte aber erkennbar noch weiter klargestellt werden: Es gab keinen gemeinsamen Tatplan dahingehend, X von Anfang an umzubringen. A3 wollte mit den Aussagen verhindern, dass die Geschwister - was bei der Vorgeschichte nicht fern gelegen hätte - alle gleich behandelt würden. Er wollte deutlich machen, dass A1, A2 und A4 die bestimmenden Faktoren waren, während A5 und er an der finalen Tötung nicht beteiligt waren. Diese Differenzierung konnte er jedoch nur ausplaudern, wenn sie der Realität nahe kam. Denn wäre es anders gewesen, hätte A3 befürchten müssen, dass A1, A2 und A4 aus Wut darüber, von ihm derart schwer belastet zu werden, nun ihrerseits seine Tatbeteiligung an der Tötung X offenbart hätten. Deshalb hätte er in diesem Fall aus Angst vor Konsequenzen für seine eigene Strafverfolgung die Tatbeteiligung seiner Geschwister nicht aufgedeckt.

b)

Das Aussageverhalten von A3 zeigt deutlich, dass dieser sich gleichwohl schwer tat, seine Geschwister zu belasten. Wenn er dann aber Einzelheiten - wenn auch nur am Rande - nannte, haben diese einen besonderen Wahrheitsgehalt. So offenbarte A3 schon in der zweiten Vernehmung am 03. November 2011, dass A1 und A2 die treibende Kraft bei der Suche nach X und deren Entführung gewesen seien. Xs Beziehung zu einem Nicht-Jesiden sei bei den beiden immer Thema gewesen. A1 und A2 hätten sich über das Verhalten ihrer Schwester aufgeregt und sie nicht in Ruhe lassen wollen. Dabei hätten sie auch schon vor X Entführung darüber gesprochen, ihre Schwester umzubringen. Auch wenn A3 versuchte, diesem Vorwurf die Schärfe dadurch zu nehmen, dass er bei anderer Gelegenheit erklärte, A1 und A2 hätten dies nicht ernst gemeint, hatte er damit verraten, mit welcher Schärfe A1 und A2 über Sanktionen gegen X nachdachten.

c)

Die weiteren Aussagen des A3 im Ermittlungsverfahren zeigen, wie das Verteidigungsverhalten der Angeklagten - alle verteidigt von einer Sozietät - angelegt war und durch die weiteren Ermittlungsergebnisse überholt wurde:

Am 12. Januar 2012 - noch vor dem Leichenfund - meldete sich A3 von sich aus bei der Polizei und erklärte, er wolle jetzt „reinen Tisch“ machen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm die Entscheidung der Kammer über die Haftbeschwerde seines Bruders A5 vom 12. Dezember 2011 bekannt gemacht worden war. Soweit die Kammer dort ausgeführt hatte, dass auch eine Verurteilung wegen Geiselnahme mit Todesfolge in Betracht komme, war A3 klar, dass Entsprechendes auch für ihn selbst galt. Unerwartet sah er sich nun in der Gefahr, auch für den Tod X zur Verantwortung gezogen zu werden. Dann aber hätte ihm eine Freiheitsstrafe von nicht unter zehn Jahren gedroht. Das konnte und wollte A3 in Gedanken an seine Familie nicht hinnehmen. Auf Nachfrage der ihn vernehmenden Beamten erklärte A3, dass sein Verteidiger hiervon nichts erfahren solle. Denn A3 wollte verhindern, dass der „Familienanwalt“ vielleicht von einer Aussage abraten und ihn dann der Mut verlassen würde. Zudem äußerte A3, dass er Angst habe, und erkundigte sich nach einem Zeugenschutzprogramm. Dies zeigt deutlich, dass A3 bewusst war, welche Konsequenzen seine Aussage insbesondere für A4 haben und dass die ganze Familie wütend auf ihn sein würde. Zu Beginn seiner Vernehmung fühlte A3 sich jedoch bereit, dies für eine mildere Strafe in Kauf zu nehmen. Er war nun gewillt, A4 als denjenigen, der X getötet hatte, Preis zu geben.

Zur Sache ließ er sich wie folgt ein: Nachdem A1 ihm telefonisch mitgeteilt hatte, dass X in O1 sei, habe er sich mit seinen Geschwistern in der T-straße getroffen. Sie hätten sich entschlossen, X aus der Wohnung zu holen. Es sei geplant gewesen, sie in seine Wohnung nach O2 zu bringen. Dort habe ihr der „Kopf gewaschen“ werden sollen, damit sie wieder in die Familie zurückkehre. Absprachewidrig seien A1, A2 und A4 jedoch dann mit X in dem Golf weggefahren. Da er sich Sorgen gemacht habe, sei er mit A5 durch O1 gefahren, um die Vier zu finden. Da dies erfolglos gewesen sei, sei er mit A5 zurück nach O2 gefahren. Später habe ihm sein Verteidiger erzählt, dass A1, A2 und A4 mit X nach O3 gefahren seien. Dort habe A4 A1 und A2 abgesetzt und sei mit X in Richtung O4 gefahren. A4 habe X getötet. Ob dies geschehen sei, bevor oder nachdem A4 A2 und A1 abgesetzt habe, wisse er - A3 - nicht.

Unter welchem enormen inneren Druck A3 zu diesem Zeitpunkt stand, zeigt sich daran, dass er die Vernehmung mit den Worten abbrach „Ich kann das nicht, ich kann das nicht vor Gericht aussagen“. Die ganze Aussage, die er zuvor gemacht habe, sei gelogen.

d)

Nach dem Fund der Leiche X am 13. Januar 2011 entschloss sich A3 am 18. Januar 2011 zu einer weiteren Aussage. In Anwesenheit seines Verteidigers schilderte er den Tathergang wie folgt:

Als er von der Arbeit nach Hause gekommen sei, habe er einen Anruf auf dem Haustelefon bekommen, sei jedoch nicht drangegangen. Dann habe ihn A1 über Handy angerufen und erzählt, dass X bei ihrem Freund sei. A1 habe gesagt, er solle zu Hause bleiben. Im Hintergrund habe er aber A4 sprechen hören, der wollte, dass er vorbeikomme. Er habe auf A2 warten sollen, der gleich nach Hause komme. Als A2 nach Hause gekommen sei, habe dieser seine Gaspistole geholt und gemeinsam seien sie in seinem Ford Mondeo nach O1 gefahren. Auf dem Parkplatz des Gemeindehauses hätten sie geparkt. Dort habe auch schon der Golf gestanden. In diesem hätten A1, A4 und A5 gesessen. Gemeinsam mit A2 sei er eingestiegen aber nicht geglaubt, dass X tatsächlich in der Wohnung von Y sei. Daher sei A1 mit ihrem Handy zu einem Fenster gelaufen, so dass sie - er und seine Brüder - X Stimme hören könnten. Er selbst habe die Stimme von X nicht erkannt. A1 habe gesagt, dass sie reingehen und X rausholen wolle. X habe zu ihm nach O2 gebracht werden sollen, um in Ruhe mit ihr zu reden. Er selbst habe nicht mit zur Wohnung kommen können, da Y ihn sofort wiedererkannt hätte. Das Gespräch im Auto habe nicht lange gedauert, vielleicht fünfzehn Minuten. A1, A2, A4 und A5 seien anschließend zur Wohnung gegangen. Er selbst habe sich eine Zigarette angezündet und sei rauchend Richtung Hintereingang gegangen. Auf halber Strecke dahin habe er plötzlich Schreie gehört. Daher sei er zum Fenster gelaufen. Dort habe er A5 angetroffen. Er habe die Jalousie eingetreten und sei gemeinsam mit A5 durch das Fenster in die Wohnung gelangt. Er habe zu X gesagt „ X, ich hole Dich hier raus“. Seine Schwester jedoch habe nur rumgeschrien und sich an ihrem Freund festgehalten. Gemeinsam mit A2 habe er X daher an Händen und Füßen gepackt und sie aus dem Fenster rausgetragen. A4 habe in der Zwischenzeit den Golf zum Hintereingang gefahren und sie hätten X auf die Rückbank gelegt. Dann seien A1, A2 und A4 mit X weggefahren. Er sei dann mit A5 zu seinem Pkw gegangen und Richtung Stadt und anschließend Richtung O14 gefahren. Er habe den Golf gesucht. Da er ihn aber nicht mehr gesehen habe, sei er nach Hause gefahren. Auf dem Weg dorthin habe er immer wieder versucht, A4 zu erreichen. Dies sei ihm jedoch nicht gelungen. Gegen 1:00 Uhr habe dann sein jüngerer Bruder angerufen und gefragt, wo A5 sei. Er habe geantwortet, dieser würde heute bei ihm schlafen. Später habe A4 ihn dann angerufen. Er habe gefragt, wo sie bleiben würden. A4 habe erwidert, er solle sich keine Sorgen machen. Er sei auf der Autobahn, X sei bei ihm. Auf die Frage, wo die anderen seien, habe er keine Antwort bekommen. Daraufhin habe er sich schlafen gelegt.

Diese Angaben hat A3 in seiner erneuten Vernehmung am 30. Januar 2012 bestätigt. Ergänzend führte er aus: Als sie in der T-straße angekommen seien, habe A4 im Auto gesessen. A1 habe er nicht gesehen, daher habe er ihr eine SMS geschrieben. Kurze Zeit danach sei A1 auf den Parkplatz gekommen. Auf der Rückfahrt nach O2 habe er mit A5 darüber geredet, dass die Sache „Scheiße“ gelaufen sei, da der Y ihn erkannt habe und jetzt wohl die Polizei kommen würde. Er sei aber schließlich doch nach Hause gefahren, weil er nirgendwo sonst hingekonnt hätte.

Dass A1, A2 und A4 mit X Richtung Norden gefahren waren, offenbarte A3 allerdings noch immer nicht. Denn er wusste nicht, dass aufgrund der Auswertung der Verbindungsdaten der von den Angeklagten benutzten Mobiltelefone die Fahrtroute des Golfes festgestellt worden war. Aus den retrograden Daten des Handys des A4 ergibt sich, dass sich dieses um 02:15 Uhr im Bereich der BAB A2 in O11, um 02:30 Uhr im Bereich der BAB A7 in W und um 02:42 im Bereich der BAB A7 in O16 einloggte. Mit Rücksicht auf diese Verbindungsdaten ist es aber ausgeschlossen, dass die drei zunächst nach O3 gefahren sind. Denn ein solcher Umweg hätte in der Zeit nicht zurückgelegt werden können.

e)

In der Hauptverhandlung war A3 sichtlich zerrissen und zitterte innerlich. Es war für alle Anwesenden greifbar, dass A3, dem seine Aussagen in allen Einzelheiten vorgehalten wurden, erkannt hatte, welche Bedeutung sein Aussageverhalten hatte.

Seine Angaben zu den Hintergründen der Tötung - das war offensichtlich - entsprachen der Wahrheit. Danach konnte und wollte die Familie nicht akzeptieren, dass X eine sexuelle Beziehung zu einem Nichtjesiden und gegen ihren Vater Strafanzeige erstattet hatte. Dies allein war das Tatmotiv, wenn auch die Familie A zudem von dem sonstigen Lebenswandel der Tochter bzw. Schwester nicht begeistert gewesen sein mag. Soweit A1, A2 und A4 sich hiervon abweichend eingelassen haben, Anlass für den Streit sei - auch - gewesen, dass X einen Diebstahl im Real-Markt begangen und später gegen das ihr deswegen auferlegte Hausverbot verstoßen haben sollte, V in ihrem Zimmer gefälschte Entschuldigungen für die Schule gefunden und herausgefunden habe, dass seine Tochter von der Schule geflogen war, oder aber X Zigaretten geraucht und Drogen genommen habe, so handelt es sich hierbei zur Überzeugung der Kammer um vorgeschobene Gründe, mit denen die Angeklagten versuchten, X schlecht und die Kammer Glauben zu machen, dass sie aus Sorge um X nach dieser gesucht hätten.

Aufgrund der Angaben des A3 ist die Kammer ferner davon überzeugt, dass sich gerade A1 und A2 mit Rücksicht auf ihre traditionelle jesidischpatriarchische Erziehung in der Pflicht sahen, alles zu tun, um X zu finden und die Familienehre wieder herzustellen. A1 hat sich als älteste Schwester für ihre jüngeren Geschwister verantwortlich gefühlt. Neben ihren Eltern war sie für diese erste Ansprechpartnerin. Wie wichtig es gerade A1 war, X zu finden, ergibt sich auch aus Art und Umfang ihrer schon als fanatisch zu bezeichnenden Suche, in deren Rahmen A1 jede ihr erdenkliche Möglichkeit ausnutzte und alle Hebel in Bewegung setzte, um ihrer jüngeren Schwester habhaft zu werden. Dabei nahm sie es sogar in Kauf, ihre Stellung bei der Stadt O1 aufs Spiel zu setzen und sich strafbar zu machen. A2 war als ältester Sohn stellvertretendes Familienoberhaupt und meinte, seinen Vater, der gesundheitlich angeschlagen war, vertreten zu müssen.

Die Kammer hat auch keine Zweifel, dass A1 und A2 während ihrer - zunächst erfolglosen - Suche nach X darüber sprachen, ihre Schwester umzubringen. X hatte sich offensichtlich von der Familie abgewandt. Die Chance, sie mit Gewalt dazu zu zwingen, zu ihrem jesidischen Leben zurückzukehren, und sie wieder in der Familie aufzunehmen, schätzten A1 und A2 daher nur als sehr gering ein. Als Ausweg aus der Krise wurde deshalb auch die Tötung X ins Auge gefasst.

3.

Für die Rolle des A2 bei dem Tatgeschehen war die Aussage des Zeugen Z16 aussagekräftig.

Der Zeuge Z16 saß mit A3 während der Untersuchungshaft in der gleichen Zelle. Die beiden konnten sich auf Kurdisch unterhalten und verstanden sich gut, so dass A3 - der insbesondere zu Beginn der Untersuchungshaft nervös und unsicher war - in Z16 einen Vertrauten fand, dem er sich offenbarte.

In der Hauptverhandlung war offensichtlich, dass Z16 unter großem Druck stand. Auch bei Vorhalt seiner polizeilichen Aussagen merkte man ihm deutlich an, dass er Angst hatte und am liebsten keine Angaben machen wollte. Letztlich hat er sich jedoch zu einer Aussage durchgedrungen und angegeben, dass A3 ihm erzählt habe, X habe ursprünglich nach Hause gebracht werden sollen. A3 habe weiter berichtet, er vermute aber, dass A2 und A4 sie umgebracht hätten, weil er nichts von X gehört hätte. Es war offensichtlich, dass dies nicht die volle Wahrheit war und Z16 nur einen unverfänglichen Teil der mit A3 geführten Gespräche wiedergeben wollte. Denn die Zeugen KHK Z17 und KHK Z18 haben demgegenüber glaubhaft geschildert, was Z16 im Rahmen seiner polizeilichen Vernehmungen ausgesagt hatte. Danach hatte Z16 angegeben, dass A3 ihm gegenüber angedeutet habe, dass A2 wegen dieser Sache länger in Haft bleiben würde. In seiner zweiten Vernehmung detaillierte Z16 diese Aussage. Da X sich in der Talstraße zur Wehr gesetzt und nichts mehr mit ihren Geschwistern zu tun gehabt haben wolle, habe A2 beschlossen, dass X nach dem Überfall getötet werden sollte. A2 sei auch von Anfang an darauf aus gewesen sei, X zu töten. A3 sei sich sicher gewesen, dass A2 und A4 X getötet hätten.

Die Kammer ist davon überzeugt, dass Z16 bei seinen polizeilichen Vernehmungen die Wahrheit gesagt und sich nichts ausgedacht hat, um eigene Vorteile zu erlangen. Zum Zeitpunkt der Vernehmungen war in seinem eigenen Verfahren bereits das Urteil gesprochen. Für Z16 hätte auch gar keine Veranlassung bestanden, ausgerechnet A2 - den er überhaupt nicht kannte - zu belasten.

4.

Auch X selbst war sich durchaus bewusst, dass ihre Familie ihre Beziehung zu einem Nichtjesiden nicht dulden und diese ebenso wie die Strafanzeige gegen ihren Vater so werten würde, dass sie damit die Familienehre beschmutzt hätte. Insofern schätzte sie selbst ihre Situation ganz realistisch dahin ein, dass ihre Familie sie möglicherweise töten würde, wenn man sie fand.

Entsprechendes schilderte X unter dem unmittelbaren Eindruck der Misshandlung durch ihren Vater und A4 gegenüber den Zeugen EKHK Z5 und KHK Z4 im Rahmen ihrer Strafanzeige am 01. September 2011. Sie erklärte dem EKHK Z5, dass A1 ihr unmissverständlich die Konsequenzen einer Beziehung zu einem Nichtjesiden aufgezeigt habe. Sie fürchte daher, dass ihre Familie sie umbringen würde. Auch dem KHK Z6 schilderte sie, dass sie in großer Gefahr sei und sie einige Leute aus ihrer Familie als gefährlich einschätze.

Über ihren Streit mit ihrer Familie wegen ihrer Beziehung zu Y und ihre Angst vor den Folgen ihres Verhaltens sprach X auch später mit ihrer Anwältin sowie ihrer Freundin im O3-er Frauenhaus, der Zeugin Z25. Die Zeugin Z25 hat glaubhaft geschildert, dass X ihr erzählt habe, dass Grund für den Streit ihr andersgläubiger Freund gewesen sei. Dass sie daneben weitere Probleme mit ihren Eltern habe, habe sie nie erwähnt. Die Zeugin Z25 hat ferner bekundet, dass X ihr die Situation klar geschildert und dabei gerade ihrer Brüder als gefährlich eingestuft und diesen alles zugetraut habe. Wenn sie eine Zwangsheirat ablehne, würde sie von ihren Brüdern umgebracht. Auch die von X ins Vertrauen gezogene Zeugin Z10 hat überzeugend bekundet, dass Anlass des Streites Y gewesen sei. Mit ihrem Vater habe sie sich vorher gut verstanden. Als dieser jedoch von Y erfahren habe, habe er „den Schalter umgelegt“. Er habe sie beschimpft, dass sie die Traditionen missachtet und er deswegen sein Gesicht verloren habe. Ihr Vater habe sie auch geschlagen. Die Zeugin Z10 hat ebenfalls lebensnah geschildert, dass X Angst vor ihrer Familie gehabt habe und davon ausgegangen sei, sie würde umgebracht, falls man sie fände. X habe sich durch die zahlreichen Emails bedroht gefühlt. Die Kammer ist davon überzeugt, dass X den beiden Frauen erzählt hätte, wenn es - daneben - andere Gründe für den Streit gegeben hätte. Denn X hat beiden vertraut. Sie hätte daher keinen Grund gehabt, weitere Ursachen für den Streit mit ihrer Familie zu verschweigen.

Ebenso hat X gegenüber dem Zeugen Z8 - Mitarbeiter des Weißen Rings - geschildert, dass ihre Eltern ihr gegenüber ganz deutlich zum Ausdruck gebracht hätten, dass sie die Freundschaft zu einem deutschen Freund keinesfalls dulden und sie mit Gewalt in die Türkei bringen und dort zwangsverheirateten wollten, wie der Zeuge Z8 vor der Kammer glaubhaft bekundet hat.

Auch im Chat mit der Enkeltochter der Zeugen Z1 und Z2 machte X dieser eindrucksvoll klar, dass sie eine „tote Frau“ sei, wenn ihre Familie sie fände. Dabei verwies sie auf den Song von Eco Fresh „Köln Kalk Ehrenmord“, um G3 plastisch vor Augen zu führen, dass es ihrer Familie um die „Ehre“ ging und sie deswegen umgebracht werden sollte. In dem Lied „Köln Kalk Ehrenmord“ schildert der Künstler, wie ein türkisches Mädchen und deren andersgläubiger deutscher Freund von dem Bruder des Mädchens erschossen werden, weil sie vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten.

5.

Auch dem sozialen Umfeld der Familie A war bewusst, dass X keine Beziehung zu einem Nichtjesiden haben durfte und sie in großer Gefahr war, wenn sie gegen diese Wertvorstellung ihrer Familie verstieß. Die Kammer ist davon überzeugt, dass die Zeugen die Wahrheit gesagt und nichts dramatisiert haben.

Dass sie kein Verhältnis zu einem Andersgläubigen haben durfte, hat X ihrem Freund Y erzählt. Dieser hat glaubhaft bekundet, dass X von ihren Eltern geschlagen und eingesperrt worden war, nachdem diese von ihrer Beiziehung erfahren hatten. Zudem sei sie immer wieder danach gefragt worden, ob er mit ihr geschlafen habe. Ansonsten hätte sie nach Ansicht ihrer Familie diese „beschmutzt“. In diesem Zusammenhang sei auch von „Ehrenmord“ gesprochen worden. Weiter hat der Zeuge Y berichtet, dass eine Verwandte von X bei seiner Mutter gewesen sei. Diese habe seiner Mutter gesagt, dass X auf keinen Fall mit Y zusammen bleiben dürfte, da ansonsten „was Schlimmes“ passieren würde. Der Zeuge Y hat ferner - auch insoweit glaubhaft - geschildert, dass X ihm erzählt habe, wie sie zufällig während ihres Hausarrestes ein Gespräch zwischen ihrem Vater und A4 mitgehört habe. A4 habe dabei gesagt, dass man sie oben im Wald vergraben und dann als vermisst melden solle.

Auch X beste Freundin, die Zeugin Z3, hat lebensnah berichtet, dass X Angst gehabt habe, dass ihre Familie von ihrer Beziehung zu Y erfuhr. Sie habe gewusst, dass es gefährlich war, sich wieder mit Y in O1 zu treffen. Sie habe ihren Freund aber unbedingt sehen wollen. Zudem hat X auch der Zeugin Z3 erzählt, dass A4 in einem Gespräch mit ihrem Vater gesagt habe, man solle sie im Wald vergraben und dann als vermisst melden. Weiterhin hat die Zeugin einprägsam geschildert, wie aufgelöst X gewesen sei, als sie befürchtete, aufgrund der ihr von Y geschenkten Rosen würde ihre Familie herausfinden, dass sie mit einem Nichtjesiden zusammen war.

Der Zeuge Z1 hat glaubhaft von einem Gespräch mit A5 kurz vor dem Tattag berichtet. In diesem habe A5 erklärt, dass die Familie es überhaupt nicht akzeptieren und dulden würde, dass X mit Y zusammen sei.

Auch die besten Freundinnen von A1, die Zeuginnen Z20 und deren Mutter Z21, haben glaubhaft geschildert, dass A1 selbst ihnen erklärt habe, dass auch sie nur einen Jesiden heiraten könne. Weiter haben beide nachvollziehbar berichtet, dass A1 sehr erregt über die ganze Situation gewesen sei und hierunter gelitten habe. Von ihrer Schwester - die sie vorher so gut wie nie erwähnt habe - habe sie nach den Bekundungen der Zeugin Z21 dabei nur als „die Schlampe“ gesprochen.

6.

Aus den an X in der Zeit nach ihrer Flucht geschriebenen Emails wird ebenfalls zweifelsfrei deutlich, dass die Familie A sowohl X Beziehung zu einem Andersgläubigen als auch ihre Strafanzeige gegen ihren Vater nicht hinnehmen würde.

Bereits in der ersten Email vom 06. September 2011- vermutlich abgeschickt von dem Email-Account der X selbst, dessen Zugangscode V am 27. August 2011 aus seiner Tochter heraus geprügelt hatte - wurde X massiv bedroht. Sie solle zurückkommen, noch sei es nicht zu spät. Andernfalls würde sie verlieren. Egal, wo sie sei, man würde sie kriegen. Sie solle zurückkommen, bevor es an die Öffentlichkeit Komme. Man würde sie nicht nach O1 - zu Y - fahren lassen.

A1 forderte ihre Schwester X allein am 07. September 2011 in fünf Emails nachdrücklich auf, nach Hause zu kommen und die Anzeige gegen den Vater zurückzuziehen. Für den Fall, dass X ihr nicht gehorchen würde, drohte sie an, diese „zu besuchen“. In weiteren Emails machte A1 ihre Schwester für den schlechten gesundheitlichen Zustand ihrer Eltern verantwortlich. Zudem warf sie X vor, ihren Vater in den Knast zu bringen. Eindringlich wies sie X darauf hin, dass es anstrengend sein würde, sich ihr ganzes Leben zu verstecken. In einer Email vom 09. September 2012 erinnerte A1 ihre Schwester daran, dass sie eine Jesidin sei und sie daher überlegen solle, was sie mit ihrem Verhalten verursache. Vor diesem Hintergrund indes sind die weiteren Emails von A1, in denen sie X Hilfe anbot und versprach, sie brauche keine Angst zu haben, lediglich als scheinheiliger Versuch zu werten, ihre Schwester in Sicherheit zu wiegen und so zur Rückkehr zu bewegen.

In einer weiteren Email vom 09. September 2011 - dessen Absender die Kammer nicht hat ermitteln können - wurde X darauf hingewiesen, dass es nicht schön sei, wenn ein Mädchen aus ehrenwertem Haus, noch dazu eine Jesidin, von zu Hause abhaue.

A3 fragte X in seiner Email vom 18. September 2011, was mit ihr los sei und ob sie „behindert“ sei, einfach abzuhauen. Vier Tage später forderte A3 seine Schwester per Email auf, sofort nach Hause zu kommen, es sei „das aller letzte“, was X von sich gebe.

Welche gravierenden Auswirkungen die ganze Situation auf das Selbstwertgefühl und das gesellschaftliche Leben der Familie A hatte, hat A5 in seiner Email an X am 30. Oktober 2011 eindrucksvoll geschildert. Danach habe V nicht mehr gewusst, was er machen sollte. Selbst die Nachbarn hätten über die ganze Sache Bescheid gewusst. Keiner der Familie A habe sich mehr getraut, auf eine Hochzeit oder überhaupt irgendwo hin zu gehen. Für ihre Familie sei und bliebe X eine Jesidin, die nicht einfach die Familie verlassen Könne.

Insofern war A1 - entgegen ihrer Einlassung - auch nicht die einzige aus ihrer Familie, die nach X suchte. Der Zeuge Z12 hat glaubhaft bestätigt, von V beauftragt worden zu sein, bei der Polizei und der Rechtsanwältin in O9 anzurufen und nach seiner Tochter zu fragen. Zudem hatten V und M  die Zeugin Z22 um Hilfe gebeten, wie diese nachvollziehbar geschildert hat. Nach den glaubhaften Angaben der Zeugen Z1 und Z2 war X Mutter öfter bei ihnen - einmal auch in Begleitung von A5 -, um den Aufenthaltsort der X herauszufinden. Weiterhin begleitete M  ihre Tochter A1, als diese bei der Zeugin Z4 nach X suchte, was die Zeugin Z4 vor der Kammer lebensnah bekundete.

7.

Nach alledem ist die Kammer davon überzeugt, dass allen Angeklagten bewusst war, dass man X zu einer Rückkehr zu ihrem jesidischen Dasein würde überhaupt nur dann zwingen können, wenn X Angst um ihr Leben hatte.

Allen Angeklagten war aufgrund des Verhaltens von X in den letzten Wochen Klar, dass es nicht ausreichen würde, auf sie einzureden. X hatte sich nicht einmal durch massive Schläge davon abhalten lassen, wieder zu Y zurückzukehren. Sämtliche Emails - egal ob bedrohend oder gut zuredend - hatte sie hartnäckig ignoriert. Zudem gingen die Angeklagten davon aus, dass die von A1 berichtete Anforderung der Geburtsurkunde das Ziel hatte, X Namen ändern zu lassen. All dies dokumentierte aus Sicht der Angeklagten nachhaltig, dass ihre Schwester nichts mehr mit der Familie zu tun haben wollte. Dass sie sich an diesem Abend wieder in Y Wohnung - und damit in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses - aufhielt, machte allen deutlich, dass X auf ihre Familie keine Rücksicht mehr nahm. Vor diesem Hintergrund indes war allen Angeklagten klar, dass man X - wenn überhaupt - allenfalls mit der Drohung ihrer Tötung so würde einschüchtern können, dass sie zur Familie zurückkehrte. Die Angeklagten wollten ihre Schwester auch in Todesangst versetzten, um sie gefügig zu machen. Denn die Familienehre war ihnen wichtiger als Xs Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Dabei wussten alle von der scharfen Waffe. Die Kammer hat keine Zweifel, dass die Angeklagten hierüber sprachen, als sie im Golf sitzend ihr weiteres Vorgehen diskutierten. Insofern hatten die Geschwister keine Geheimnisse voreinander. Die Angeklagten hatten viel Zeit, die Entführung der X zu planen. Dabei wurden offen alle Möglichkeiten erörtert. Für den Erfolg ihres Vorhabens spielte dabei nicht nur die Maskierung, sondern auch die scharfe Waffe eine wichtige Rolle. Sie gab ihnen für ihren geplanten Überfall die letzte Sicherheit. Zwar waren sie X und ihren Freunden zahlenmäßig überlegen und hatten auch Mützen und Schals mit, um sich zu tarnen. Mit der scharfen Waffe jedoch fühlten sie sich für alle gleichwohl in dieser Situation bestehenden Unwägbarkeiten gewappnet und damit stark genug, ihren Plan umzusetzen. Für die Angeklagten war es auch nichts ungewöhnliches, eine scharfe Waffe dabei zu haben. In ihrer Familie gab es mehrere Waffen - wie bei den Wohnungsdurchsuchungen festgestellt worden ist. Die Angeklagten waren auch stolz darauf, im Besitz von scharfen Waffen zu sein.

Die Kammer ist ferner davon überzeugt, dass A3 und A5 nicht erst - und abredewidrig - in das Entführungsgeschehen eingriffen, als sie Schreie in der Wohnung hörten, sondern von Anfang an geplant war, dass sie zeitgleich durch das Fenster in die Wohnung des Y eindringen sollten. Das steht nach den glaubhaften Aussagen der Zeugen Y, Z14 und Z9 zur Überzeugung der Kammer fest. Alle drei Zeugen haben übereinstimmend und nachvollziehbar geschildert, dass A3 und A5 praktisch zeitgleich mit den durch die Wohnungstür stürmenden übrigen Angeklagten durch das Erdgeschossfenster in die Wohnung eingedrungen seien. Zu diesem Zeitpunkt habe X auch noch gar nicht geschrien, sondern erst, als sie die maskierten Angeklagten in der Wohnung gesehen habe. Zudem hätten die Angeklagten untereinander nicht gesprochen, sondern die ganze Aktion ohne zu zögern zielstrebig durchgeführt. Dies jedoch ist nur erklärbar, wenn die Angeklagten die Tat von Anfang an so, wie durchgeführt, abgesprochen hatten.

Die Kammer hat auch keine Zweifel daran, dass A3 auf Umwegen nach Hause fuhr, um die Polizei in die Irre zu führen. Zunächst hat A3 insofern behauptet, er sei nicht auf direktem Wege nach O2 gefahren, weil er den Golf mit seinen übrigen Geschwistern aus den Augen verloren und diese zu finden versucht habe. Auf den Vorhalt, dass ein solches Verhalten nicht nachvollziehbar sei, wenn als Treffpunkt seine Wohnung in O2 fest vereinbart worden sei, änderte A3 seine Einlassung in der Hauptverhandlung dahin, dass er Angst gehabt habe, dass die Polizei zu ihm kommen würde. Daher habe er zunächst nicht nach Hause fahren wollen. Mangels Alternative sei er dann jedoch zu seiner Wohnung zurückgekehrt. Auch diese Einlassung ist indes fernliegend. Denn A3 hätte ohne weiteres zu Verwandten oder Freunden fahren können, wenn er sich tatsächlich vor der Polizei hätte verstecken wollen. Gerade seine ersten Aussagen gegenüber der Polizei machen aber deutlich, dass A3 sich unmittelbar nach der Tat ziemlich sicher fühlte, dass die Polizei ihm nichts würde anhaben können. Dies hat auch der Zeuge KHK Z23 nachvollziehbar und stichhaltig geschildert. Vor diesem Hintergrund jedoch ist A3s Rückfahrt auf Umwegen daher nur dann plausibel, wenn es ihm darum ging, die Polizei von dem Golf abzulenken und durch eine ziellose Fahrt durch Lippe in die Irre zu führen.

8.

Die retrograden Verbindungsdaten der von den Angeklagten benutzten Handys lassen eine sichere zeitliche Einordnung des Geschehens zu. Sie geben zudem Aufschluss über die Rolle A1 und A2 bei der Tat. Nach dem Auffinden von X und unmittelbar nach ihrer Entführung gab es zahlreiche Gespräche zwischen den Mitgliedern der Familie A. In der Zeit zwischen der Entdeckung der X in der Wohnung des Y gegen 23:40 Uhr und dem Eintreffen von A2 und A3 in der T-straße um 00:14 Uhr führte allein A1 sieben Telefonate mit ihrer Familie, die meisten hiervon mit A2 und dem Handy mit der Rufnummer 0176-8303…., welches sich in dieser Zeit in W1 in O1 befand, wie der Zeuge KHK Z24 der Kammer nachvollziehbar und plausibel erläutert hat. Die Kammer hat keine Zweifel daran, dass Gesprächspartner in diesen Fällen der Vater der Angeklagten war. Es ging für die Familie um einen hochdramatischen Vorfall. In dieser Situation hatte nur der Vater, auch wenn er X vorher schon aufgegeben hatte, das Wort. Für die Kammer ist unvorstellbar, dass bei dieser Gelegenheit die Mutter der Angeklagten oder der jüngere Bruder den Telefonkontakt gehalten hat. Auch unmittelbar nach der Entführung X sprach A1 noch drei Mal mit ihrem Vater. Gegen 01:21 Uhr brach der TelefonkontaKt zwischen den Mitgliedern der Familie A dann unvermittelt ab. A1 und A2 benutzten ihre Mobiltelefone nicht mehr. Lediglich A4 betätigte auf der Fahrt nach Norden um 2:15, 2:16, 2:30, 2:42 und 2:47 Uhr sein Handy. Die Kammer ist davon überzeugt, dass die Angeklagten A2, A1 und A4 damit für eine eventuelle spätere Strafverfolgung Vorkehrungen treffen wollten. Sie wollten verhindern, dass man A2 und A1 mit der Tötung von X in Zusammenhang bringen konnte. In dem Gespräch zwischen A4 und A3 um 2:30 Uhr ging es - entgegen der Einlassung des A3 - auch nicht darum, dass A3 sich besorgt nach X erkundigte. Das insofern von A3 geschilderte Gespräch ist schon zeitlich nicht mit der tatsächlichen Gesprächsdauer von über 40 Sekunden in Einklang zu bringen. Bei lebensnaher Betrachtung ist die Kammer davon überzeugt, dass A4 von seinem Bruder wissen wollte, wie die Lage vor Ort aussah, insbesondere, ob bereits die Polizei bei A3 bzw. ihren Eltern aufgetaucht war. Dies wird bestätigt durch eine SMS, welche A2 erhielt, nachdem er am frühen Morgen des 01. Novembers 2011 sein Handy wieder eingeschaltet hatte. Er wurde mit den Worten „Die Bullen sind vor dem Haus“ gewarnt.

9.

Die Kammer ist weiterhin davon überzeugt, dass A1, A2 und A4 ihre Schwester X nicht zu einem Onkel nach O4 bzw. O12 und erst recht nicht nach O2 bringen wollten.

Die Angeklagten wollten X nach ihrer Entführung nicht nach O2 bringen. Insbesondere A3 hätte es niemals riskiert, seine trotzige und renitente Schwester in seine Wohnung zu seinen kleinen Töchtern zu bringen. Dem steht nicht entgegen, dass sich seine Ehefrau N vor der Flucht gut mit X verstanden hatte. Denn auch auf deren Emails hatte X nicht reagiert, so dass allen bewusst war, dass X inzwischen auch auf ihre Schwägerin nicht mehr hören würde. Zudem war allen Angeklagten klar, dass die Polizei nach X Entführung mit Rücksicht auf die polizeibekannte Vorgeschichte zunächst bei der Familie selbst nach X suchen würde.

X sollte auch nicht zu einem Onkel nach O4 bzw. O12 gebracht werden. A1 hat - bestätigt durch A2 und A4 - in ihrer Einlassung eingeräumt, dass X nach ihrer Entführung wütend auf ihre Geschwister gewesen sei und diese beschimpft habe. Allen drei Angeklagten war daher bewusst, dass X niemals freiwillig bei einem Verwandten bleiben, sondern die nächste Gelegenheit zu ihrer Flucht nutzen würde. Sie konnten niemanden zumuten, auf ihre widerspenstige und aufsässige Schwester aufzupassen. Sie hatten es selbst schon nicht geschafft, X in ihrem Elternhaus festzuhalten. Hinzu kam, dass die Angeklagten damit rechneten, dass die Polizei bei der Suche nach X auch bei entfernten Verwandten nachforschen würde. Diese konnten und wollten sie jedoch nicht in die Gefahr bringen, Schwierigkeiten mit der Polizei zu bekommen oder sich gar strafbar zu machen.

In dieser Situation sahen A2, A1 und A4 nur noch die Möglichkeit, X zu töten. Eine andere Möglichkeit, die Familienehre zu retten, gab es für sie nicht.

Ihr Vater hatte ihnen klar gemacht, dass sie mit X nicht nach Hause kommen konnten. Auch zu Verwandten konnten sie X aus den oben angeführten Gründen nicht bringen. Die Alternative, X wieder frei zu lassen, bestand aus Sicht der Angeklagten gleichfalls nicht. Denn ihnen war klar, dass X unverzüglich zu Y zurückkehren würde. Mit ihrem Verhältnis zu einem Andersgläubigen würde X jedoch die Familienehre weiter beschmutzen. Zudem waren die Angeklagten aufgrund X offen zu Tage tretender Wut auf ihre Geschwister davon überzeugt, dass ihre gewaltsame Entführung X Entschluss, endgültig mit ihrer Familie zu brechen, nur noch mehr gefestigt hatte. Ihre Strafanzeige gegen ihren Vater würde X nach dieser Geschichte nun erst recht nicht zurücknehmen. In dieser Situation sahen A2, A1 und A4 nur noch einen Ausweg: X musste sterben. Nur so würde es ihnen gelingen, die Familienehre wiederherzustellen. Die Konsequenzen hierfür waren sie bereit in Kauf zu nehmen, denn es erschien ihnen weniger folgenschwer, wenn einer von ihnen wegen der Tötung von X zur Verantwortung gezogen würde, als wenn die ganze Familie weiterhin mit dem „Schandfleck“ X zu leben hätte.

Die Kammer ist davon überzeugt, dass A1, A2 und A4 während ihrer mehrstündigen Fahrt nach Norden im Golf hierüber auch offen sprachen. Gerade A1 und A2 hatten in der Vergangenheit immer wieder darüber diskutiert, wie die „Fehltritte“ von X aus der Welt geschafft werden konnten. Nun war es nicht anders. Die Angeklagten waren unter sich. Das Bedürfnis, in dieser schwierigen Situation noch einmal alle Alternativen und ihre jeweiligen Folgen für die Familie zu besprechen, bestand insbesondere für A1, der es bereits in der Vergangenheit immer wichtig gewesen war, alle Möglichkeiten in Gesprächen mit A2 in seiner Eigenschaft als stellvertretendes Familienoberhaupt auszuloten und sich mit ihm abzustimmen.

Die Kammer hat nach der Hauptverhandlung keine Zweifel, dass A4 seine Schwester X tötete, um damit die Familienehre wieder herzustellen, und A1 und A2 diese Tat förderten. Die hiervon abweichenden Einlassungen der Angeklagten wirken konstruiert und sind mit den objektiven Tatsachen nicht in Einklang zu bringen.

Selbst wenn X ihren Bruder provoziert haben sollte, wäre dies für A4 noch kein Anlass gewesen, X zu töten. Nach seinem bisherigen Verhaltensmuster hätte es vielmehr nahe gelegen, wenn A4 X in dieser Situation - wie auch schon in der Vergangenheit - verprügelt hätte. Die Kammer ist ungeachtet dessen auch davon überzeugt, dass X ihren Bruder A4 nicht durch Beschimpfungen oder Beleidigungen herausgefordert hat. A4 hat schon nicht geschildert, mit welchen konkreten Ausdrücken X ihn beschimpft und beleidigt haben soll. Auch auf Nachfrage der Kammer sprach der Angeklagte nur allgemein von „schlimmen Worten“. Unbeschadet dessen hat die Kammer keine Zweifel, dass X auch nie gewagt hätte, A4 zu provozieren. Denn ihr war durchaus klar, dass sie A1, A2 und A4 hilf- und wehrlos ausgeliefert war und in großer Gefahr schwebte. In dieser Situation wäre sie jedoch niemals so leichtsinnig und unklug gewesen, ihre Geschwister, die ihr die Schuld an der ganzen Misere gaben und offensichtlich zu allem bereit waren, noch zu provozieren. Dies gilt insbesondere für A4, von dem X in der Vergangenheit bereits zweimal massiv verprügelt worden war und vor dem X daher berechtigterweise Angst hatte.

Mit den objektiven Tatsachen nicht in Einklang bringen lässt sich ferner A4 Einlassung, X habe sich bis zum Schluss gegen ihn gewehrt und dabei auch ihren Kopf bewegt. Die forensisch erfahrenen Rechtsmediziner SV1 und SV2 haben übereinstimmend, nachvollziehbar und in sich stimmig ausgeführt, dass X mit zwei räumlich eng benachbart liegenden Kopfdurchschüssen getötet worden ist. An den durch die Kugeln verursachten knöchernen Defekten sind Schmauchspuren festgestellt worden. Die festgestellten Schussbahnen verliefen nahezu parallel. Diese Befunde lassen sich nach den Ausführungen der Sachverständigen jedoch nur erklären, wenn die Waffe aufgesetzt worden und aus dieser sehr schnell hintereinander ohne wesentliche Verlagerung der Waffe und des Kopfes geschossen worden sei. Dies jedoch sei nur bei einem im Wesentlichen statischen Geschehen erklärbar, nicht aber, wenn sich X - wie von A4 behauptet - gewehrt habe. Diesen überzeugenden Ausführungen schließt sich die Kammer nach eigener kritischer Würdigung an.

Der Einlassung des A4 stehen noch weitere Überlegungen entgegen:

Der Kammer erscheint es abwegig, dass die Angeklagten X in einem Waldstück getötet haben, ihre Leiche anschließend verstecken wollten und diese deshalb mit dem Golf zu dem späteren Fundort gefahren haben. Wenn die Angeklagten die Leiche tatsächlich hätten verbergen wollen, hätten sie dies am angeblichen Tatort tun können. A4 hat selbst erklärt, er sei „einige hundert Meter“ in den Waldweg hineingefahren und habe den Eindruck gehabt, dass es sich um einen großen Wald gehandelt habe. Dann jedoch hätte es nahe gelegen, die Leiche an Ort und Stelle unter Geäst und Laub zu verstecken. Dass die Angeklagten stattdessen mit einer Leiche im Kofferraum durch eine ihnen unbekannte Gegend fuhren, um ein Versteck zu finden, hält die Kammer für fernliegend. Denn bei einer solchen Fahrt hätte jederzeit die Gefahr bestanden, entdeckt zu werden. Dass sich die Angeklagten eines solchen - auch unnötigen - Risikos ausgesetzt hätten, ist abwegig. Hierfür ist auch Kein Grund erkennbar. Dazu passt folgendes: In dem Kofferraum des Golfes konnte weder mittels Leichenspürhunden noch bei dem Einsatz chemischer Mittel Blut nachgewiesen werden. Dies ist indes kriminalistisch kaum erklärbar. Nach den Feststellungen des erfahrenen Sachverständigen SV2 hat die Kopfwunde stark geblutet, so dass auch unter Berücksichtigung der Zeit bis zur Verladung der Leiche ein Blutaustritt auch noch dann vorhanden gewesen ist, als die Leiche - angeblich - in den Kofferraum gelegt worden sei. Dieses Blut wäre nach Ansicht des Gutachters mit großer Wahrscheinlichkeit auch durch eine „gewöhnliche“ Decke gekommen, auf welche die Angeklagten die Leiche im Kofferraum gelegt haben wollen. Zumindest wäre es mit Rücksicht auf die Größe des Kofferraums mehr als unwahrscheinlich, dass beim Verladen der Leiche kein Blut auf die von der Decke ungeschützte Innenverkleidung des Kofferraums gelangt ist. Dieses jedoch hätte A2 nicht erfolgreich durch Abwischen und Aussaugen des Kofferraums entfernen können. Bei einem Transport der Leiche in dem Golf hätte deshalb entweder durch die Leichenspürhunde oder durch die chemischen Mittel - die jeweils bereits auf minimalste Blutspuren reagieren - Blut im Kofferraum entdeckt werden müssen. Diesen überzeugenden Ausführungen schließt sich die Kammer an. Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Angeklagten X Leiche auf dem Golfplatz auch gar nicht „versteckt“, sondern einfach in das dortige Gestrüpp geworfen haben.

Schließlich hält es die Kammer mit Rücksicht auf den kulturellen Hintergrund der Angeklagten für fernliegend, dass ein männliches Familienmitglied X zum Urinieren begleitete. Vielmehr wäre zu erwarten gewesen, dass A1 diese Aufgabe übernommen hätte. Dass A4 X begleitet haben soll, lässt sich auch nicht mit dessen körperlicher Überlegenheit erklären. Denn die Kammer ist davon überzeugt, dass X in der von den Angeklagten geschilderten Situation keinen Fluchtversuch gewagt hätte, selbst wenn „nur“ A1 in ihrer unmittelbaren Nähe gewesen wäre. X war den ihr zahlenmäßig und körperlich überlegenen Geschwister ohnmächtig ausgeliefert und durch die Entführung und die lange Fahrt eingeschüchtert. Sie waren in einem Wald, es war dunkel und X kannte sich nicht aus. In dieser für sie furchteinflößenden Situation hätte X - noch dazu ohne Schuhe - nicht zu fliehen versucht.

Die Kammer ist davon überzeugt, dass A2 und A1 die Tat des A4 erheblich gefördert haben und dies auch wollten. A4 hätte - daran hat die Kammer keine Zweifel - seine jüngere Schwester nicht umgebracht, wenn er sich nicht sicher gewesen wäre, dass A2 und A1 hiermit einverstanden waren. Aus eigenem Antrieb und in eigener Verantwortung ohne Rückendeckung seiner beiden älteren Geschwister hätte es A4 nicht gewagt, X zu töten. Denn in der Familienhierarchie stehen A2 und A1 über A4. A2 ist als ältester Bruder das stellvertretende Oberhaupt. A1 ist die klügste der Geschwister. Beide sind für A4 Respektpersonen, deren Entscheidung er vertraute und nicht in Frage stellte. Die Suche nach einem einsamen Ort in der Nacht brachte A4 erst in eine Situation, die er zutreffend als Aufforderung zur Tötung der X erfasste. Durch ihre Anwesenheit am Tatort gaben A2 und A1 A4 den wichtigen Rückhalt zur Durchführung der Tat. Ohne deren Förderung der Tat - durch Herbeiführung der Tatsituation und psychische Unterstützung - hätte A4 seine jüngere Schwester nicht hingerichtet. All das war A2 und A1 bewusst. Sie wollten das auch. An dieser Beurteilung würde sich auch dann nichts ändern, wenn schon der Vater unmittelbar nach dem Überfall den „Befehl“ zur Tötung gegeben hätte. Auch in diesem Fall wäre die Rückendeckung durch A2 und A1 eine bewusste wichtige Förderung der Tat gewesen.

10.

Bestätigt wird die von der Kammer gewonnene Überzeugung von der Motivlage der Angeklagten durch die Ausführungen des Sachverständigen SV3.

Dieser hat nachvollziehbar dargelegt, dass X Beziehung zu einem Andersgläubigen und ihr außerehelicher Sexualverkehr die jesidischpatriarchalischen Wertvorstellungen der Familie A - so wie diese von den Angeklagten selbst und den Zeugen übereinstimmend geschildert worden ist - verletzt habe. Hierin habe ein Angriff auf die Ehre des Vaters V gelegen, weil dieser nicht in der Lage gewesen sei, auf seine Tochter aufzupassen. Zudem würden die Verfehlungen eines Familienmitgliedes als Verfehlung der ganzen Familie betrachtet. Die ganze Familie A sei daher sowohl in ihren eigenen Augen als auch aus Sicht der jesidischen Gemeinde keine „ehrenhafte“ Familie mehr gewesen. Dass X zudem Strafanzeige gegen ihren Vater erstattet habe, habe die Familie als Respektlosigkeit gegenüber dem Vater aufgefasst. Damit habe X gegen eine wichtige patriarchalische Wertvorstellung verstoßen, nach welcher sich die Familienmitglieder der Autorität des Vaters zu unterwerfen haben. Daher habe V durch die Strafanzeige seiner eigenen Tochter sein Gesicht verloren. Dass die Suche nach X unter dem Druck der jesidischen Gemeinde mit dem Ziel erfolgte, die Ehre der Familie A wieder herzustellen, ist nach den Ausführungen des Sachverständigen SV3 ebenfalls in den jesidischpatriarchalischen Wertvorstellungen begründet. Der Sachverständige SV3 hat plausibel und einleuchtend dargelegt, dass mit Rücksicht auf die Historie der Jesiden nach ihrem Verständnis die Lebensgemeinschaft als kollektiv zu schützen sei. Das Individuum spiele nur eine sekundäre Rolle. Der Sachverständige SV3 hat weiter anschaulich und überzeugend ausgeführt, dass die Verteidigung bzw. Wiederherstellung der Ehre Aufgabe aller Familienangehörigen sei. Dabei übernähmen oft die Söhne die Verantwortung. Trotz der patriarchalischen Gesellschaftsstruktur sei es aber nicht allein den Männern überlassen, die Ehre wieder herzustellen. Auch die Frauen seien durchaus treibende Kraft, wenn es um den Schutz der Familie gehe. Zwar gebe es nach den Ausführungen des Sachverständigen SV3 in der Religion des Jesidentums selbst keine Vorgaben, eine Frau zu bestrafen oder gar zu töten, wenn sie sich nicht an die Regeln - etwa durch eine sexuelle Beziehung zu einem Andersgläubigen - halte. Die physische Verletzung als Strafe und „Heilung“ der Ehrverletzung sei bei den Jesiden aber durch die traditionellen patriarchalischen Vorstellungen bestimmt, nach denen die Frauen als Besitz der Männer angesehen würden.

Für die Beurteilung der Motivlage der Angeklagten spielt es vor diesem Hintergrund keine Rolle, dass es sich vorliegend nicht um einen dem Ablauf nach typischen „Ehrenmord“ gehandelt hat, bei dem nach außen hin nur ein Familienangehöriger tätig wird. Zwar liegt dem von der Kammer zu beurteilenden Geschehen die Besonderheit zugrunde, dass alle fünf Geschwister an der Entführung der X und drei der Geschwister - A1, A2 und A4 - an der Tötung ihrer Schwester beteiligt waren. Dies ist hier aber dem überraschenden Auffinden der X und dem erst danach entstandenen Tötungsentschluss geschuldet.

V.

1.

Nach alledem hat sich A4 A des Mordes gemäß § 211 Abs. 2 StGB schuldig und strafbar gemacht.

a) A4 hat seine Schwester X aus niedrigen Beweggründen getötet. Die Beweggründe, welche den Angeklagten zu der Tat gebracht haben, stehen nach allgemeiner Wertung auf tiefster Stufe und sind besonders verachtenswert. Für die ihn zur Tat bestimmenden Motive fehlt es an jeglichem Verständnis. Die Gesamtwürdigung aller für den Handlungsantrieb des Angeklagten maßgeblichen inneren und äußeren Faktoren hat ergeben, dass A4 X tötete, weil sie eine sexuelle Beziehung zu einem Nicht-Jesiden und zudem gegen den gemeinsamen Vater Strafanzeige erstattet hatte. Damit hatte sie die ganze Familie entehrt und Schande über ihre Eltern und Geschwister gebracht. Um die Familienehre wiederherzustellen, hat A4 seine Schwester getötet. Damit hat er die Ehre seiner Familie über das Lebensrecht von X gestellt, der er kein Selbstbestimmungsrecht zuerkannt hat. Dass A4 seine Tat mit Rücksicht auf die jesidischpatriarchalischen Wertvorstellungen als richtig und wichtig ansah, lässt sie nicht in einem milderen Licht erscheinen. Denn der Maßstab für die Bewertung eines Beweggrundes ist grundsätzlich den Vorstellungen der Rechtsgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland zu entnehmen. Hiervon abweichende religiöse und kulturelle Wertvorstellungen können den Täter nicht entlasten, wenn er - wie A4 - in der Bundesrepublik aufgewachsen und daher mit den hier geltenden Maßstäben vertraut ist. Er hätte sich sowohl aufgrund seiner Persönlichkeit als auch seinen Lebensumständen von den Wertvorstellungen seines Vaters lösen können.

b) A4 wusste, was er tat. Er war sich der Umstände bewusst, die sein Handeln als besonders verwerflich erscheinen lassen. Die Bedeutung seiner Beweggründe und Ziele, die für die Bewertung der Tat maßgebend sind, hatte er erfasst. Insbesondere war A4 den heimatlichen Wertvorstellungen seines Vaters und dessen kultureller Denkweise nicht so verhaftet, als dass er die Bewertung seines Beweggrundes als niedrig nicht nachvollziehen Konnte.

c) A4 handelte auch schuldhaft. Er war in der Lage, seine gefühlsmäßigen Regungen und Gedanken, welche für sein Handeln ursächlich waren, gedanklich zu beherrschen und willensmäßig zu steuern.

Der erfahrene forensische Sachverständige SV4 hat - zur Überzeugung der Kammer - ausgeführt, dass die biologischen Eingangsmerkmale der §§ 20, 21 StGB nicht vorliegen: Beim Angeklagten liegt kieine überdauernde krankhafte seelische Störung vor. Er ist normal intelligent, so dass er nicht in die Nähe des Rechtsbegriffs „Schwachsinn“ zu rücken ist. Er weist keine schwere andere seelische Abartigkeit auf. Seine Persönlichkeitsstruktur ist nicht schwerwiegend beeinträchtigt. Die Tat ist auch nicht Ausdruck einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung. Der SV4 hat aufgrund der Einlassungen der Angeklagten, der Zeugenaussagen und seiner eigenen Beobachtungen in der Hauptverhandlung keine Hinweise darauf gefunden, dass A4 bei der Tat so von seinen Gefühlen überwältigt wurde, dass sein Seelenfrieden erheblich erschüttert oder gar zerstört war. Der Sachverständige hat weder Anhaltspunkte dafür gefunden, dass A4 eine typische Persönlichkeitsausstattung für eine Affektivität aufweist, noch dass bei ihm bei der Tat ein Affektsturm oder -stau vorlag. Die von A4 geschilderte Auslösesituation - Beleidigung, Provokation, Anspucken - reicht nach Auffassung des SV4 eindeutig nicht aus, um eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung dergestalt auszulösen, dass A4 sich in einem derartigen Erregungszustand befand, dass er in dem doppelten Kopfschuss seine einzige Rettung sah. Dabei hat der Sachverständige die Einlassungen der Angeklagten zugrunde gelegt. In Wirklichkeit hatte es diese Provokation aber überhaupt nicht gegeben, so dass eine Tat im Affekt von vorneherein ausscheidet.

d) Die besondere Schwere der Schuld konnte nicht festgestellt werden. Die Beweisaufnahme hat eine über die Verwerflichkeit des niedrigen Beweggrundes „Ehrenmord“ hinausgehende gesteigerte Verwerflichkeit des Verhaltens von A4 bei einer Gesamtwürdigung von Täterpersönlichkeit und Tat nicht ergeben.

2.

Die Angeklagten A1 A und A2 A haben sich der Beihilfe zum Mord  gemäß §§ 211, 27 StGB schuldig und strafbar gemacht. Soweit die Anklageschrift A1 und A2 den Mord an X zur Last gelegt hat, spricht bei einer wertenden Betrachtung zwar viel für eine Mittäterschaft der beiden. Denn sowohl A2 als auch A1 hatten das gleiche Interesse an der Tötung X wie A4. Dieser sollte aber das ausführende Organ sein und die Art der Tötung ihrer jüngeren Schwester selbst bestimmen. Mit ihrer Anwesenheit dabei haben A2 und A1 ihm zwar die erforderliche moralische Rückendeckung gegeben. Allerdings hat die Kammer nicht sicher feststellen können, dass A1 und A2 auch im entscheidenden Moment der Tötung Tatherrschaft gehabt haben. Auch die Einzelheiten der Tatausführung haben sie nicht bestimmt. Mit Rücksicht hierauf waren die beiden daher nur wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen.

3.

Zudem habe sich alle Angeklagten - die Angeklagten A4, A1 und A2 A in Tateinheit mit Mord bzw. Beihilfe zum Mord - der Geiselnahme gemäß § 239b StGB schuldig und strafbar gemacht. Sie haben ihre Schwester X aus der Wohnung des Y entführt. Nachdem X in den Golf gebracht worden war, war sie dem ungehemmten Einfluss ihrer Geschwister ausgesetzt. Dies war den Angeklagten bewusst und von ihnen auch so gewollt. Die von ihnen geschaffene Situation wollten sie ausnutzen, um X zu zwingen, zu ihrem jesidischen Leben zurückzukehren. Für alle Beteiligten war klar, dass die Angeklagten zu allem entschlossen waren. X - und auch das wollten die Angeklagten - rechnete nun mit dem Schlimmsten. Dieses Schreckensbild brauchten sie, um ihrer Drohung Gewicht zu geben.

Die Voraussetzungen für einen minder schweren Fall gemäß § 239b Abs. 2, 239a Abs. 2 StGB liegen bei einer Gesamtbetrachtung von Anlass und Motiv der Entführung sowie der Tatausführung nicht vor. Die Angeklagten entführten X aus der Wohnung ihres Freundes, weil sie die Beziehung ihrer Schwester zu einem Andersgläubigen sowie die Strafanzeige gegen den Vater nicht hinnehmen wollten. Damit setzten sie ihre Wertvorstellungen über das Recht ihrer Schwester auf ein freies und selbstbestimmtes Leben. Um jeden Widerstand bei der Tatausführung im Keim zu ersticken, nutzten sie bewusst ihre zahlenmäßige Überlegenheit aus, indem sie koordiniert von zwei Seiten in die Wohnung eindrangen. Zudem bedrohten sie die dort Anwesenden mit einer Waffe. X wollten sie damit zeigen, dass ihr Leben - oder  das ihrer Freunde - am seidenen Faden hing. Mit Rücksicht hierauf wäre der Strafrahmen des minder schweren Falles nicht geeignet, der Schuld der Angeklagten gerecht zu werden.

Soweit die Staatsanwaltschaft A3 und A5 gemäß §§ 239b, 239a Abs. 3 StGB eine Geiselnahme mit Todesfolge zur Last gelegt hat, hat die Kammer keine sicheren Feststellungen dazu treffen können, dass der Tot leichtfertig durch die Tat verursacht worden ist. Es hat sich nicht feststellen lassen, dass bereits der Entführung die tatbestandsspezifische Gefahr des späteren Todes des Opfers innewohnte.

4.

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft O1 gegen A4 wegen gefährlicher Körperverletzung zum Nachteil seiner Schwester X aufgrund des Vorfalls am 28. August 2011 (Aktenzeichen 31 Js .../11) ist mit Rücksicht auf das vorliegende Strafverfahren gemäß § 154 Abs. 1 StPO eingestellt worden. Gegen A3 wurde zudem von der Staatsanwaltschaft O1 in dem Verfahren 31 Js .…/11 wegen Bedrohung des Y ermittelt. Das Verfahren wurde mit Rücksicht auf das vorliegende Strafverfahren ebenfalls gemäß § 154 Abs. 1 StPO eingestellt

VI.

1.

Bei der Strafzumessung ist die Kammer für A4 A gemäß § 52 Abs. 2 StGB von dem Strafrahmen des § 211 StGB ausgegangen, da dieser gegenüber dem Straftatbestand der tateinheitlich verwirklichten Geiselnahme die schwerere Strafandrohung enthält. Danach war auf eine

lebenslange Freiheitsstrafe

zu erkennen.

2.

Bei der Strafzumessung für die Angeklagten A1 A und A2 A ist die Kammer gemäß § 52 Abs. 2 StGB von dem Strafrahmen des § 239b StGB ausgegangen, da dieser gegenüber dem Straftatbestand der tateinheitlich verwirklichten Beihilfe zum Mord die schwerere Strafandrohung enthält. § 239b StGB sieht Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren vor. 

a)

In dem eröffneten Strafrahmen hat die Kammer bei der Strafzumessung im engeren Sinne zugunsten von A1 berücksichtigt, dass sie durch das Verhalten der X und dessen Auswirkungen auf ihre Familie emotional in einer angespannten Verfassung war. Weiterhin war zu ihren Gunsten zu berücksichtigen, dass sie durch die Tat ihre Familie zerstört und ihren Job verloren hat. Strafmildernd war ferner zu berücksichtigen, dass sie sich bislang strafrechtlich nichts hat zu schulden kommen lassen. Schließlich ist A1 zugute zu halten, dass sie sich seit über sieben Monaten in Untersuchungshaft befindet. Als Erstverbüßerin ist sie besonders haftempfindlich. Strafschärfend musste sich dagegen das gesamte Tatbild auswirken. A1 war die treibende Kraft sowohl bei der Suche als auch bei der Entführung der X. Sie hat bei der Entführung und Tötung ihrer Schwester das Geschehen entscheidend mitbestimmt bzw. gefördert.

Unter Abwägung aller für und gegen die Angeklagte sprechenden Gesichtspunkte hat die Kammer eine Freiheitsstrafe von

zehn Jahren

für tat- und schuldangemessen erachtet. Eine geringere Strafe würde dem Maß der Schuld der Angeklagten nicht mehr gerecht werden.

b)

Bei A2 hat die Kammer im Rahmen der konkreten Strafzumessung zu seinen Gunsten berücksichtigt, dass er sich aufgrund seiner jesidischpatriarchalisch geprägten Erziehung als ältester Bruder in der Pflicht sah, die Familienehre wieder herzustellen. Strafmildernd ist ferner zu berücksichtigen, dass er durch die Tat seine Familie und seine Arbeit verloren hat. Ferner war zu seinen Gunsten zu berücksichtigen, dass A2 bislang nicht vorbestraft ist. Er befindet sich mittlerweile über sieben Monate in Untersuchungshaft. Als Erstverbüßer ist er durch die Strafhaft besonders belastet. Dagegen musste sich zu seinen Lasten das gesamte Tatbild auswirken. A2 hat bei der Entführung und Tötung seiner Schwester X als ältester Bruder und Autoritätsperson das Geschehen als Schlüsselfigur entscheidend mitbestimmt.

Unter Abwägung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Gesichtspunkte hat die Kammer eine Freiheitsstrafe von

zehn Jahren

für tat- und schuldangemessen erachtet. Eine geringere Strafe würde dem Maß der Schuld des Angeklagten nicht mehr gerecht werden.

3.

Bei der Strafzumessung für die Angeklagten A3 A und A5 A ist die Kammer ebenfalls vom Strafrahmen des § 239b Abs. 1 StGB ausgegangen. Danach war auf eine Freiheitsstrafe von nicht unter fünf Jahren zu erkennen.

a)

Bei der konkreten Strafzumessung hat die Kammer zu Gunsten des A3 berücksichtigt, dass er schon im Ermittlungsverfahren ein (Teil-) Geständnis abgelegt und damit die Aufklärung der Tat entscheidend gefördert hat. Ferner war strafmildernd zu berücksichtigen, dass er bei der Entführung von X nicht die treibende Kraft war. Auch hat er sich bislang strafrechtlich nichts zu schulden kommen lassen. Als Erstverbüßer und Familienvater trifft ihn die Haft besonders hart. Dagegen war strafschärfend das gesamte Tatbild zu berücksichtigen.

Unter Abwägung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Gesichtspunkte hat die Kammer eine Freiheitsstrafe von

fünf Jahren und sechs Monaten

für tat- und schuldangemessen erachtet. Eine geringere Strafe würde dem Maß der Schuld des Angeklagten nicht mehr gerecht werden.

b)

Zu Gunsten von A5 hat die Kammer berücksichtigt, dass er als jüngster Bruder bei der Planung der Entführung nur eine ganz untergeordnete Rolle gespielt hat. Strafmildernd musste sich ferner auswirken, dass A5 bereits knapp sieben Monate Untersuchungshaft verbüßt hat. Als Erstverbüßer und mit Rücksicht auf den Umstand, dass A5 gerade erst 21 Jahre alt ist, ist er besonders haftempfindlich. Ferner muss sich zu seinen Gunsten auswirken, dass er keine Vorstrafen hat und bereits im Ermittlungsverfahren ein (Teil-)Geständnis abgelegt hat. Das kann indes nicht dazu führen, bei A5 indes - über die schon ausgeführten Gründe hinaus - einen minder schweren Fall anzunehmen. Auch bei ihm musste sich zu seinen Lasten seine wirkungsvolle Mithilfe bei der Geiselnahme - nämlich das angsteinflößende Eindringen durch das Fenster - auswirken.

Unter Abwägung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Gesichtspunkte hat die Kammer auch für ihn eine Freiheitsstrafe von

fünf Jahren und sechs Monaten

für tat- und schuldangemessen erachtet. Eine geringere Strafe würde dem Maß der Schuld des Angeklagten nicht mehr gerecht werden, auch wenn sie an der oben festgesetzten Strafe gegen A3 gemessen wird. Zwar ist er jünger als sein Bruder A3. Dieser hat jedoch wesentlich mehr zur Aufklärung des Geschehens beigetragen.

VI.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 465 Abs. 1 S. 1 StPO.