OLG Köln, Urteil vom 30.05.1990 - 27 U 169/89
Fundstelle
openJur 2012, 73042
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Tenor

Die Berufung der Beklagten gegen das am 29. Juni 1989 verkündete Grund- und Teilurteil der 2. Zivilkammer des Landgerichts Aachen - 2 O 605/87 - wird zurückgewiesen.

Die Kosten der Berufung trägt die Beklagte.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Der Beklagten wird nachgelassen, die Zwangsvollstreckung gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 9.500,00 DM abzuwenden, sofern nicht der Kläger vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand

Der am 24. November 1985 geborene Kläger wurde am Samstag, dem

25. April 1987, gegen 15.30 Uhr im Krankenhaus der Beklagten zur

stationären Behandlung aufgenommen. Nach dem Aufnahmebefund war er

in generalisiert tonischklonisch krampfendem Zustand, rechts

betont. Seine Augen waren verdreht, es zeigte sich eine

Lippenzyanose mit Schaum vor dem Mund. Die Pupillen waren eng. Die

Temperatur betrug 39° Celsius rektal gemessen. Die Herztöne waren

rein, die Herzaktion tachycard. Der Krampfanfall wurde mit Diazepam

und Luminal therapiert, das Fieber wurde mit Wadenwickeln und

Parazetamol bekämpft. Zu diagnostischen Zwecken wurden Blutbild,

Entzündungsparameter, Elektrolyte, Nieren-Retentionswerte und

Blutgaswerte bestimmt.

Nach einer ruhigen Nacht erlitt der Kläger am 26.04. gegen 7.00

Uhr erneut einen Krampfanfall, die zwischenzeitlich gefallene

Temperatur stieg auf über 39° Celsius an. Es wurde eine

Lumbalpunktion durchgeführt. Die Untersuchung des Liquors erbrachte

den Nachweis von 72/3 weißen Blutkörperchen, so daß eine

bakterielle Meningitis auszuschließen war. Die Medikation wurde

unverändert fortgesetzt.

Am 27. April wurden weiterhin Krampfanfälle und Fieberschübe

beobachtet. Es wurde ein EEG abgeleitet, ferner wurde eine

antibiotische Behandlung mit Fortum begonnen.

Am 28. April wurde von ortsansässigen niedergelassenen

Fachärzten für Radiologie ein cranielles Computertomogramm (CT)

erstellt, das nach Ansicht der Radiologen "im Zusammenhang mit den

klinischen Befunden mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine

herdförmige Encephalitis" schließen ließ. Im Anschluß an diesen

Befund wurde dem Kläger zur Bekämpfung der Hirnentzündung Aciclovir

(Zovirax) verabreicht, und zwar dreimal 60 mg/täglich.

Am 29. April 1987 wurde der weiterhin fiebernde Kläger auf

Veranlassung seiner Mutter in die Universitätsklinik E. verlegt. Er

wurde dort u. a. weiter mit Fortum und Aciclovir behandelt. Die

veranlaßte serologische Untersuchung ergab später den sicheren

Befund einer Herpes-Virus-Encephalitis.

Am 11. Juni 1987 wurde der Kläger nach Hause entlassen. Er

leidet seither unter einer Hemiparese rechts. über den genauen

Umfang und die Folgen der Erkrankung streiten die Parteien.

Der Kläger führt die von ihm behaupteten körperlichen und

geistigen Beeinträchtigungen auf zu späten Einsatz von Aciclovir

zur Bekämpfung der Herpes-Encephalitis zurück. Er verlangt deshalb

Schadensersatz. Er hat behauptet, Aciclovir hätte bereits bei

Verdacht auf Vorliegen von Herpes-Encephalitis ver- abreicht werden

müssen. Dieser Verdacht habe sich bereits am Aufnahmetag,

jedenfalls aber am darauffolgenden Behandlungstag ergeben. Darüber

hinaus seien notwendige diagnostische Maßnahmen (EEG und CT) zu

spät ergriffen worden. Die EEG-Ableitung und das CT hätten sofort

veranlaßt werden müssen. Aus den Befunden hätte sich dann das

Vorliegen der Encephalitis ergeben. Den Ärzten der Beklagten sein

schwere Behandlungsfehler anzulasten, so daß die Beklagte beweisen

müsse, daß die Gesundheitsschäden auch bei rechtzeitigem Einsatz

von Aciclovir nicht zu vermeiden gewesen wären.

Er hat beantragt,

die Beklagte zu verurteilen, an ihn zu

Händen seiner Mutter ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen,

wobei die Bestimmung der Höhe in das Ermessen des Gerichts gestellt

werde,

festzustellen, daß die Beklagte

verpflichtet sei, ihm den künftig entstehenden materiellen und

immateriellen Schaden zu ersetzen.

Die Beklagte hat beantragt,

die Klage abzuweisen.

Sie hat darauf hingewiesen, daß Aciclovir zum damaligen

Zeitpunkt - unstreitig - vom Bundesgesundheitsamt als Medikament

gegen Herpes-Encephalitis noch nicht zugelassen gewesen sei. Der

Einsatz dieses Mittels sei deshalb überhaupt erst bei gesicherter

Herpes-Encephalitis-Diagnose in Frage gekommen. Eine solche

Diagnose sei erst durch das CT gesichert gewesen. Das

differentialdiagnostische Vorgehen ihrer Ärzte sei richtig gewesen.

Im übrigen sei Aciclovir in jedem Falle noch zum richtigen

Zeitpunkt verabreicht worden. Mögliche Dauerschäden seien durch den

Transport in die Universitätsklinik E. entstanden.

Das Landgericht hat, sachverständig beraten, der

Feststellungsklage stattgegeben und den Schmerzensgeldanspruch dem

Grunde nach für gerechtfertigt er- klärt. Es hat den behandelnden

Ärzten grobe Behandlungsfehler angelastet. Wegen der Einzelheiten

der Begründung und des erstinstanzlichen Sach- und Streitstands im

übrigen wird auf das angefochtene Urteil verwiesen.

Die Beklagte hat gegen das ihr am 7. Juli 1989 zugestellte

Urteil am 3. August 1989 beim Oberlandesgericht Köln Berufung

eingelegt und diese nach Verlängerung der Begründungsfrist bis zum

15. November 1989 mit einem an diesem Tage eingegangenen

Schriftsatz begründet.

Sie steht weiterhin auf dem Standpunkt, daß der Kläger durch

ihre Ärzte richtig behandelt worden sei, auf gar keinen Fall könne

von groben Behandlungsfehlern die Rede sein. Bei Aufnahme des

Klägers sei nach dem klinischen Bild zunächst von einem

fieberhaften Infekt mit Fieberkrampf auszugehen gewesen. Beides sei

adäquat behandelt worden. Als am nächsten Morgen erneut eine

Krampfbereitschaft aufgetreten sei, habe folgerichtig eine

Lumbalpunktion erfolgen müssen, die zum Ausschluß einer

bakteriellen Meningitis geführt habe. Zu diesem Zeitpunkt sei dem

Chefarzt Dr. F der Verdacht einer Encephalitis gekommen. Da sich

der Zustand des Klägers abwechselnd verbessert und wieder

verschlechtert habe, habe man sich entschlossen, den Kläger

zunächst weiter zu beobachten. Wegen sich verschlechternder

Blutsenkung sei dann am 27. April daß Antibiotikum Fortum gegeben

worden. Das EEG habe keine klare Diagnose gestattet. Da Aciclovir

nicht zugelassen gewesen sei, habe man erst das Ergebnis der

computertomographischen Untersuchung, die am 28. April angeordnet

worden sei, aber erst am 29. April habe durchgeführt werden können,

abwarten müssen.

Sie beantragt,

die Klage unter Abänderung des

angefochtenen Urteils abzuweisen.

Der Kläger beantragt,

die Berufung zurückzuweisen.

Er tritt der Berufung entgegen und verteidigt das angefochtene

Urteil.

Er meint, die damals noch fehlende Zulassung von Aciclovir zur

Bekämpfung von Herpes-Encephalitis habe seinem Einsatz nicht

entgegengestanden. Es sei nach dem Stand der medizinischen

Wissenschaft im Gegenteil zwingend erforderlich gewesen, dieses

Mittel bereits bei Verdacht auf diese Erkrankung einzusetzen, weil

dies die einzig erfolgsversprechende Therapie gewesen sei.

Schädliche Nebenwirkungen seien praktisch nicht zu befürchten

gewesen. Die Ärzte hätten fehlsam an die Möglichkeit einer

Hirnentzündung gar nicht gedacht, obwohl sie hierauf von den Zeugen

C und Dr. B hingewiesen worden seien. EEG und CT seien grundlos

viel zu spät durchgeführt worden. Bei sofortigem Einsatz dieser

diagnostischen Maßnahmen hätte sich der Verdacht auf Hirnentzündung

bestätigt.

Wegen aller Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf

Tatbestand und Entscheidungsgründe des angefochtenen Urteils sowie

die im Berufungsrechtzug gewechselten Schriftsätze Bezug

genommen.

Der Senat hat weiter Beweis erhoben durch Vernehmung des

Sachverständigen Prof. Dr. L. Wegen des Ergebnisses wird auf die

Sitzungsniederschrift vom 28. März 1990 Bezug genommen.

Gründe

Die nach §§ 511, 511 a ZPO statthafte Berufung ist form- und

fristgerecht eingelegt und begründet worden (§§ 516, 518, 519 ZPO)

und damit insgesamt zulässig. Sie ist sachlich jedoch nicht

gerechtfertigt.

Dem Kläger steht ein Anspruch auf Zahlung von Schmerzensgeld

gemäß §§ 823 Abs. 1, 847, 831, 30, 31 BGB gegen die Beklagte zu.

Die Einstandspflicht der Beklagten für die materiellen Schäden

beruht auf schuldhafter Vertragsverletzung in Verbindung mit §§

278, 30,31 BGB und auf unerlaubter Handlung.

I.

Den Ärzten der Beklagten sind anläßlich der stationären

Behandlung des Klägers Fehler im diagnostischen und therapeutischem

Bereich vorzuwerfen.

1. Als der Kläger am Sonntagmorgen erneut einen Krampfanfall mit

Halbseitenbetonung erlitt, war die nach dem Aufnahmebefund

getroffene Verdachtsdiagnose Fieberkrampf als alleinige Ursache

ausgeschlossen. Differentialdiagnostisch war spätestens nunmehr an

eine eitrige Meningitis und eine Encephalitis zu denken. Das hat

der Sachverständige Prof. Dr. L überzeugend dargelegt. Dessen

Meinung wird auch von Dr. F, der an diesem Tage als einer von zwei

leitenden Ärzten der Kinderabteilung den Kläger mitbehandelte,

geteilt. Er hat die Lumbalpunktion veranlaßt, um anhand einer

Liquoruntersuchung festzustellen, ob eine bakterielle Entzündung

(Meningitis) vorläge. Nach seinen Erklärungen vor dem Senat hat er

ferner den Verdacht einer Encephalitis gehegt. Bei dieser Sachlage

durfte man sich nicht darauf beschränken, den Kläger, abgesehen von

einer Untersuchung des Augenhintergrunds, zunächst nur weiter zu

beobachten. Da die Liquoruntersuchung keinen Hinweis auf ein akutes

bakteriellentzündliches Geschehen erbracht hatte, mußte dem

Encephalitiverdacht weiter nachgegangen werden. Zur weiteren

Abklärung waren eine EEG-Ableitung und ein CT zu fertigen, wobei

dem CT insofern der Vorrang zu geben war, als dieses zugleich für

den Ausschluß anderer behandlungsbedürftiger Behandlungen

(intercranielle Blutung, Hirnabzeß) dienlich war, wie der

Sachverständige in seinem Ergänzungsgutachten vom 25. April 1989

ausgeführt hat.

Das Ergebnis der Liquoruntersuchung bot im übrigen auch deshalb

Veranlassung zu den weiteren diagnostischen Maßnahmen, weil die

Zahl der weißen Blutkörperchen im Liquor mit 72/3 unnormal hoch war

und auf eine mögliche Encephalitis hindeutete, es sei denn, sie

beruhte auf einer Beimengung von artifiziellem Blut, was abzuklären

gewesen wäre. Dabei ist es unerheblich, ob eine weitere

Lumbalpunktion am Widerstand der Angehörigen des Klägers

scheiterte, wie die Beklagte behauptet. Auch ohne weitere Abklärung

bot sich bei diesem Befund zumindest ein Hinweis, der geeignet war,

die ohnehin gegebene Verdachtsdiagnose zu stützen. Die aus

medizinischer Sicht unvernünftige Ablehnung einer bestimmten

Maßnahme darf den Arzt nicht dazu veranlassen, andere Maßnahmen

ebenfalls zu unterlassen. Im Gegenteil ergibt sich dann die

Notwendigkeit zur Durchführung der anderen Maßnahmen umso

dringlicher.

Daß der zweite Behandlungstag auf einen Sonntag fiel und der

Klinikbetrieb deshalb möglicherweise etwas eingeschränkt lief,

entlastet die Behandlungsseite nicht. Der EEG-Befund hätte erhoben

werden können. Das hat Dr. F vor dem Senat eingeräumt. Um einen

CT-Befund, der mangels Vorhandensein des nötigen technischen Geräts

in der Klinik der Beklagten nicht erhoben werden konnte, hätte eine

andere Klinik (etwa die städtische Klinik in D) gebeten werden

können. Notfalls hätte der Kläger überhaupt in eine andere, besser

ausgestattete Klinik wie die des RWTH A verlegt werden müssen. Das

klinische Bild (herdförmige Krampfanfälle, rezidivierende

Fieberschübe) und die erhobenen Befunde ließen es jedenfalls nicht

zu, auf wichtige diagnostische Maßnahmen zu verzichten, weil es am

nötigen Gerät fehlte.

Die dargelegten diagnostischen Maßnahmen wären nach Auffassung

des Sachverständigen nur verzichtbar gewesen, wenn sich die

behandelnden Ärzte entschlossen hätten, aufgrund der bloßen

Verdachtsdiagnose bereits am Sonntag mit Aciclovir zu therapieren.

Das ist indessen nicht geschehen.

2. Den behandelnden Ärzten sind auch am folgenden dritten

Behandlungstag Fehler unterlaufen.

Die EEG-Befundung ist unrichtig. Das EEG zeigt nämlich

Veränderungen, die - wie der Sachverständige ausgeführt hat - zwar

nicht spezifisch für eine Herpes-Encephalitis sind, die aber bei

einer Herpes-Encephalitis im Kleinkindalter typischerweise

vorkommen. "Die rhythmische, über den Schläfenlappen des Gehirns

betont auftretende Verlangsamung muß an Herpes-Encephcilitis denken

lassen" (vgl. Gutachten Prof. L s. 7, BI. 180 d. A.) .

Entgegen der Berufungsbegründung war dieser Befund nicht erst ex

post bei Kenntnis des späteren Krankheitsverlaufs zu erkennen. Dr.

F hat vor dem Senat auf Vorhalt erklärt, es sei richtig, daß das

EEG den Herpes-Encephalitis-Verdacht stütze und der dokumentierte

in Worten formulierte Befund insoweit falsch sei. Er habe sich

seinerzeit das EEG nicht selbst angesehen.

Zudem ist auch an diesem Tag die unverändert erforderliche

CT-Untersuchung unterblieben. Die weiterhin auftretenden fokalen

Krampfanfälle und die rezidivierenden Fieberschübe duldeten kein

weiteres Zuwarten bis die Untersuchung am nächsten Tag bei dem

niedergelassenen Radiologen durchgeführt werden konnte. Die

Beklagte hat nicht dargetan, daß die Untersuchung anderweitig nicht

durchführbar gewesen wäre.

3. In therapeutischer Hinsicht ist der Behandlungsseite ein zu

später Einsatz von Aciclovir zur Bekämpfung der Herpes-Encephalitis

vorzuwerfen, was wesentlich auf der ungenügenden und fehlerhaften

Diagnostik beruht.

Im Behandlungszeitpunkt war der Einsatz von Aciclovir gegen

Herpes-Encephalitis eine klinisch gängige Praxis. Die Wirksamkeit

des Mittels war aufgrund von Studien an großen Patientenzahlen

(Sköldenberg, erschienen 1984; Witley, erschienen 1986 und Prange,

erschienen 1985) belegt. Auch in dem Standartwerk Therapie der

Krankheiten des Kindesalters, Springerverlag Heidelberg, 3. Aufl.

1985, ist angegeben, daß die Behandlung der Herpes-Encephalitis mit

Aciclovir über das Versuchsstadium hinaus sei und sich als wirksam

erwiesen habe, dieses Mittel heute zur Verfügung stehe, wobei

allerdings einleitend darauf hingewiesen ist, die Behandlung sei in

Einzelfällen versucht worden.

Nach den Ausführungen des Sachverständigen ist der Einsatz

dieses Mittels bereits bei zureichendem Verdacht auf die Erkrankung

indiziert. Das hat zum einen seinen Grund darin, daß der

Herpesvirus nur serologisch sicher festgestellt werden kann, dies

aber wiederum soviel Zeit in Anspruch nimmt, daß die Therapie zu

spät käme, wenn der serologische Befund abgewartet werden würde.

Zum anderen birgt ein frühzeitiger, im Ergebnis nicht indizierter

Einsatz des Mittels keine wesentlichen Gefahren. Relevante

Nebenwirkungen kommen bei intakter Nierenfunktion, die beim Kläger

vorhanden war, praktisch nicht vor. Es besteht allein die

theoretische Möglichkeit der Entwicklung von Virusstämmen, die

gegen das Medikament Resistenzen entwickeln können.

Die Beklagte bestreitet im Grundsatz auch nicht, daß Aciclovir

schon bei Herpes-Encephalitis-Verdacht einzusetzen ist. Ihre Ärzte

haben nach Vorliegen des CT, das "im Zusammenhang mit den

klinischen Befunden mit hoher Wahrscheinlichkeit eine herdförmige

Encephalitis" ergab (so der radiologische Befund vom 28.04.1987),

ebenfalls Aciclovir verabreicht. Dabei kommt es nicht darauf an,

daß Aciclovir im Sinne der Vorschriften des Arzneimittelgesetzes

noch nicht als Medikament gegen diese Erkrankung zugelassen war.

Der Kläger weist mit Recht darauf hin, daß das Arzneimittelgesetz

nicht die therapeutische Freiheit des Arztes einschränkt, d. h. es

verbietet ihm nicht, ein Medikament, das gegen bestimmte

Erkrankungen "auf dem Markt" ist, auch gegen eine andere Erkrankung

einzusetzen, wenn , dies medizinisch geboten ist. Letzteres ist

jedenfalls dann der Fall, wenn es medizinisch wissenschaftlich

erprobt ist und die Nebenwirkungen bekannt sind, was hier der Fall

war.

Entscheidend ist nach allem, wann konkret der Zeitpunkt zum

Einsatz von Aciclovir gekommen war. Der Sachverständige L hat die

Auffassung vertreten, jedenfalls nach Vorliegen des EEG-Befundes am

27.04. habe sich ein zureichender Verdacht für den Einsatz des

Mittels ergeben. Das überzeugt. Der Be- fund ergibt Veränderungen,

die typischerweise bei einer Herpes-Encephalitis im Kindesalter

vorkommen, die klinischen Befunde standen damit. im Einklang. Unter

diesen Umständen war eine weitere Absicherung der Diagnose im

Hinblick auf die relative Ungefährlichkeit des einzusetzenden

Mittels unnötig.

Selbst wenn man aber der Beklagten folgt und eine weitere

Absicherung der Diagnose mittels CT für erforderlich hält, ergibt

sich nichts anderes. Ein sofort anzufertigendes CT hätte entweder

die Veränderungen im Hirn bestätigt und dann selbstverständlich den

unverzüglichen Einsatz des Mittels zur folge haben müssen, oder es

hätten sich keine Veränderungen gezeigt, was aber auch zur Annahme

von Herpes- Encephalitis geführt hätte, denn es ist für diese

Erkrankung gerade charakteristisch, daß sich die EEG-Veränderungen

bereits in der Frühphase zeigen, während das CT noch bis zum

dritten Tage nach Manifestwerden der neurologischen Herdsymptome

normal sein kann, wie der Sachverständige unter Bezugnahme auf die

Studie von P (Bl. 109 bis 119 d. A.) dargelegt hat.

Ob der Einsatz des Mittels darüber hinaus bereits am zweiten

Behandlungstag angezeigt war, wie der Sachverständige mit Blick auf

die von ihm selbst geübte Praxis meint, kann offen bleiben. Dafür

spricht allerdings, daß die unbehandelte oder zu spät behandelte

Herpes-Encephalitis eine außergewöhnlich hohe Letalitätsrate von

bis zu 70% hat; (so Prange a.a.O.), während ein objektiv nicht

gerechtfertigter Einsatz von Aciclovir keine nennenswerten Risiken

birgt. Hinzu kommt, daß es der Sachverständige wegen des deutlichen

EEG-Befundes für wahrscheinlich gehalten hat, daß sich bei einer

EEG-Ableitung bereits am Vortag diagnostisch hinweisende

Veränderungen gezeigt hätten, möglicherweise auch im CT. Ob

insoweit ein positiver Befund zum Nachteil der Beklagten zu

unterstellen wäre (vgl. dazu BGH NJW 1988, 2949), braucht der Senat

nicht zu entscheiden.

Die Beklagte versucht vergeblich einen Behandlungsfehler deshalb

in Abrede zu stellen, weil Aciclovir noch innerhalb des "günstigen

Therapiezeitraums" von drei bis vier Tagen nach Beginn der

neurologischen Symptome verabreicht worden ist. Der Sachverständige

hatte dazu dargelegt, daß es naturwissenschaftlicher Logik

entspricht, die Heilungschancen umso günstiger zu beurteilen je

früher die Therapie einsetzt. Nach den wissenschaftlichen Studien

liege die kritische Grenze für eine möglicherweise erfolgreiche

Therapie mit Aciclovir bei dem vierten bis sechsten Krankheitstag.

Die Angaben in der Literatur beruhten aber darauf, daß - ähnlich

wie im Streitfall - in der Regel eine Zeit vergehe, bis sich auch

nur der Verdacht einer Herpes-Encephalitis herausstelle und besage

nicht, daß es nicht besser wäre, noch früher mit der Behandlung zu

beginnen. Die Angaben besagen nur, daß nach diesem Zeitpunkt

praktisch keine Aussicht mehr bestehe, den Krankheitsverlauf

günstig zu beeinflussen. Das überzeugt. Es liegt auf der Hand, daß

eine Viruserkrankung, wie die Herpes-Encephalitis, insbesondere im

Hinblick auf die Vermehrung der Erreger in dem erkrankten

Organismus umso wirkungsvoller bekämpft werden kann, je früher das

Medikament gegeben wird, das die Viren angreift.

II.

Das Landgericht hat der Beklagten mit Recht als Folge des

verspäteten Einsatzes Von Aciclovir die Hirnschädigung des Klägers

angelastet.

1. Allerdings hat der Kläger nicht bewiesen, daß seine

gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei rechtzeitiger Bekämpfung

der Herpes-Encephalitis vermieden worden wären. Der Sachverständige

hat zu der Frage, ob sich der Krankheitsverlauf des Klägers

günstiger gestaltet hätte, wenn er früher mit Aciclovir behandelt

worden wäre, ausgeführt, daß auch bei optimalen Voraussetzungen, d.

h. bei frühzeitiger Diagnose und sofortigem Therapiebeginn noch 19

bis 28% der Patienten sterben und bis zu 25% Dauerschäden erleiden,

also nur etwa 50% die Krankheit folgenlos überstehen. Es sei

keineswegs so, daß Aciclovir in jedem Falle eine

Herpes-Encephalitis heile. Seine Darlegungen beruhen auf den

wissenschaftlichen Untersuchungen von Sköldenberg und Witley. Auch

nach den Feststellungen von P liegt die Letalitätsrate bei

Anwendung von Aciclovir (noch) bei 20 %.

Bei dieser Sachlage ist die Ursächlichkeit des

Behandlungsfehlers für den Gesundheitsschaden nicht bewiesen. Zwar

ist möglich, daß ein um 24 Stunden frühzeitigerer Einsatz von

Aciclovir den Krankheitsverlauf günstig beeinflußt hätte; die

Chancen des Klägers wären besser gewesen. Das genügt jedoch nicht.

Die Ursächlichkeit ist erst bewiesen, wenn dafür eine derart hohe

Wahrscheinlichkeit spricht, daß Zweifel schweigen, ohne sie völlig

auszuschließen (BGH NJW 1970, 946; 1973, 1925). Auf der anderen

Seite steht aber auch nicht fest, daß der frühere Einsatz von

Aciclovir den Kausalverlauf in bezug auf den Heilungsprozeß nicht

für den Kläger günstig beeinflußt hätte.

2. Die danach verbleibenden Zweifel an der Ursächlichkeit des

Fehlers für die Gesundheitsbeeinträchtigung des Klägers gehen zu

Lasten der Beklagten. Die Behandlungsseite trifft nämlich der

Vorwurf des groben Behandlungsfehlers.

Ob ein Behandlungsfehler als grob zu qualifizieren ist, hängt im

wesentlichen vom Einzelfall ab, insbesondere davon, ob er die

Aufklärung des Krankheitsverlaufs besonders erschwert. Zwar sind

generelle Definitionen nur bedingt tauglich (vgl. Steffen, Neue

Entwicklungslinien der BGH-Rechtsprechung zum Arzthaftungsrecht, 3.

Aufl. , Seite 118), in Frage kommen aber vor allem Verstöße gegen

elementare Behandlungsregeln, gegen elementare Erkenntnisse der

Medizin (vgl. etwa BGH VersR 1986, 366), therapeutisch insbesondere

grundloses Nichtanwenden einer Standardmethode zur Bekämpfung

bekannter Risiken (vgl. die Rechtsprechungsnachweise bei Steffen

a.a.O., Seite 121/122). Von besonderer Bedeutung ist dabei, ob der

Fehler im Rahmen einer Gesamtbetrachtung des Behandlungsgeschehens

unter Berücksichtigung der konkreten Umstände (vgl. BGH NJW 1988,

1511) aus objektiver ärztlicher Sicht bei Anlegung des für einen

Arzt geltenden Ausbildungs- und Wissensmaßstabs nicht mehr

verständlich und verantwortbar erscheint (vgl. BGH NJW 1983, 2080).

Ein Diagnoseirrtum im Sinne einer Fehlinterpretation der erhobenen

Befunde ist dann als grob zu bezeichnen, wenn es sich um einen

fundamentalen Irrtum handelt (BGH NJW 1988, 1513), wobei ferner

gravierend das Nichterheben gebotener Kontrollbefunde ins Gewicht

fällt.

Gemessen an diesen Grundsätzen erscheint das

Behandlungsverhalten der Ärzte der Beklagten als grob

fehlerhaft.

Obwohl der leitende Arzt der Kinderabteilung, der sicherlich

über ein höheres Maß an Erfahrung verfügte als die Assistenzärzte

und der Stationsarzt, bereits am zweiten Behandlungstag den

Verdacht auf Encephalitis hegte, sind ganz wesentliche

diagnostische Maßnahmen zur Verifizierung dieses Verdachts erst mit

jeweils einem Tag Verzögerung ergriffen worden. Das erscheint für

sich genommen schon nicht verständlich. Bei den von einer

Encephalitis bekanntermaßen ausgehenden schweren Gefahren für Leben

und Gesundheit des Erkrankten mußten unverzüglich alle Versuche

unternommen werden, ein Höchstmaß an Klarheit zu gewinnen, um eine

wirksame Therapie einleiten zu können. Nach Lage der Sache kamen

neben einer erneuten Lumbalpunktion ersichtlich nur ein EEG

und/oder ein CT in Betracht. Nur so konnten mit einigermaßen

Aussicht auf Erfolg eine beginnende oder bereits vorhandene

Veränderung im Hirn des Kranken als Folge einer Encephalitis

erkannt werden. Es gab keinen vernünftigen Grund für ein weiteres

Abwarten. Ein (bloßer) fieberhafter Infekt oder ein

bakteriellentzündliches Geschehen war nach den erhobenen Befunden

unwahrscheinlich.

Die Fehlbeurteilung des EEGs am 27. April stellt sich nach dem

Sachverständigengutachten als fundamentaler Irrtum dar. Es war eben

nicht "weitgehend unauffällig", sondern zeigte schwere herdförmige

Verlangsamungen über der linken Hemisphäre, betont über der

Temporalregion. Das war eindeutig feststellbar, wie Dr. F im

Senatstermin eingeräumt hat. Es erscheint auch schlechterdings

nicht verantwortbar, daß Dr. F, der über den gesamten

Behandlungsverlauf und die Schwere der Erkrankung des Klägers

informiert war, den EEG-Befund nicht selbst kontrolliert hat. Das

klinische Bild war mit einem unauffälligen EEG-Befund nur schwer in

Einklang zu bringen.

Auch der verzögerte Einsatz von Aciclovir ist nicht

verständlich. Die Therapie mit diesem Mittel muß nach den

Ausführungen des Sachverständigen als Standardmethode zur

Bekämpfung von Herpes-Encephalitis angesehen werden, weil es

erprobt ist und sich als einzig nachhaltig erfolgversprechendes

Mittel herausgestellt hat. Diese Kenntnis mußte von den Ärzten der

Kinderabteilung der Beklagten erwartet werden. Die fehlende

Zulassung nach dem Arzneimittelgesetz ändert daran nichts. Dieser

Umstand konnte allenfalls Veranlassung geben, vor Anwendung des

Mittels bei den spezialisierten Fachkliniken der Universitäten

Köln, Aachen, Bonn Düsseldorf oder Essen telefonische Auskünfte

über den Zeitpunkt des Einsatzes und etwa zu befürchtende

Nebenwirkungen einzuholen, um Gewißheit über das therapeutische

Vorgehen zu erlangen. Ein solches Verhalten ist zur Abwendung

unmittelbar drohender schwerer Gefahren nicht nur zumutbar, sondern

im Interesse des Patienten sogar geboten. Im übrigen zeigt die

Tatsache, daß Aciclovir schließlich doch gegeben wurde, daß die

fehlende Zulassung nach dem Arztheilmittelgesetz von den Ärzten der

Beklagten nicht als Hindernis für den Einsatz des Medikaments

bewertet wurde.

Nach gefestigter höchstrichterlicher Rechtsprechung (vgl. BGH

Vers.R 1986, 366, 367; NJW 1988, 2949) reicht es im Falle eines

groben Behandlungsfehlers für die Haftung aus, daß der Fehler

generell zur Verursachung des eingetretenen Schadens geeignet ist;

wahrscheinlich braucht der Eintritt eines solchen Erfolges nicht zu

sein. Vorliegend steht außer Zweifel, daß der um mindestens 24

Stunden verzögerte Einsatz von Aciclovir generell geeignet war, die

Heilungschancen zu verringern oder umgekehrt durch einen

entsprechend früheren Einsatz des Mittels sich die Chancen des

Klägers verbessert hätten auf eine vollständige Heilung oder

zumindest eine günstigere Beeinflussung des Krankheitsverlaufs mit

der Folge geringerer dauernder Beeinträchtigungen.

Die prozessualen Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 97, 708 Nr.

10, 711 ZPO.

Wert der Beschwer für die Beklagte und zugleich

Berufungsstreitwert: 140.000,00 DM.