OLG Karlsruhe, Urteil vom 12.06.2002 - 7 U 172/01
Fundstelle
openJur 2012, 62313
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Tatbestand

(Übernommen aus OLGR Karlsruhe)

Die am 6.4.1977 geborene Klägerin nimmt die Beklagte wegen eines Reitunfalls auf Schadensersatz in Anspruch.

Die Beklagte ist Eigentümerin des Pferdes Bl.. Im Juli 1997 vereinbarten die Parteien, die Klägerin, die neun Jahre lang geritten war, solle um nach einer Pause von etwa eineinhalb Jahren wieder in Kontakt mit Pferden zu kommen, das Pferd Bl. zunächst nur pflegen und im Beisein und unter Anleitung der Beklagten longieren und auch reiten. Nachdem die Klägerin das Pferd mehrmals longiert und am 18.7.1997 und 4.8.1997 geritten hatte, während die Beklagte sie von der Mitte der Reithalle bzw. vom Rand des im Freien gelegenen Reitvierecks aus beobachtet und angeleitet hatte, ritt die Klägerin am 11.8.1997 wieder im Reitviereck auf Bl., ebenso die Beklagte, nachdem sie der Klägerin zunächst zugesehen hatte. Nach 20 bis 30 Minuten geriet die Klägerin vom Pferd, das im Trab herangekommen war und dann zwei bis drei Galoppsprünge gemacht hatte, und fiel auf den Boden, wodurch sie drei Wirbelfrakturen erlitt.

Das LG hat dem Klagantrag Ziff. 1 dem Grunde nach und dem Feststellungsantrag in vollem Umfang stattgegeben.

Die zulässige Berufung der Beklagten hat in der Sache Erfolg.

Gründe

& Die Beklagte haftet für den der Klägerin aus dem Reitunfall resultierenden Schaden nicht nach § 833 BGB.

Die tatsächlichen Voraussetzungen für einen Anspruch aus Tierhalterhaftung, hat grundsätzlich der Geschädigte, also die Klägerin, zu beweisen. Hierzu gehört entgegen der Auffassung des LG im Allgemeinen auch der Beweis, dass der Schaden auf die tierische Natur zurückzuführen ist. Jedenfalls bei einer Sachlage wie im Streitfall, in welchem das Pferd im Zeitpunkt des Unfalls unter der Leitung des geschädigten Reiters (der geschädigten Reiterin) stand, hat der (die) Geschädigte zu beweisen, dass sich das Tier willkürlich verhalten hat und deshalb auch den Beweis für seine (ihre) Behauptung zu erbringen, das Pferd habe nicht seinen (ihren) Anweisungen gefolgt und sei durchgegangen. Dies ist in der Rechtsprechung anerkannt (vgl. BGH v. 1.2.1990 - VII ZR 150/89, MDR 1990, 616 = NJW-RR 1990, 789 [791]; NJW 1982, 763 [764]; OLG Düsseldorf v. 15.1.1980 - 4 U 134/79, VersR 1981, 82 - der BGH hat die Revision der dortigen Klägerin nicht angenommen; OLG Koblenz v. 21.4.1998 - 3 U 899/97, NJW-RR 1998, 1482 [1483]).

Die Klägerin hätte deshalb die Richtigkeit ihrer Behauptung beweisen müssen, das Pferd Bl. habe ohne jeden Anlass plötzlich beschleunigt, dann zwei bis drei Galoppsprünge gemacht und anschließend gebuckelt, sodass sie von dem Pferd gefallen sei. Diesen Nachweis hat die Klägerin nicht erbracht.

Keiner der Zeugen konnte bestätigen, dass das Pferd Bl. durchgegangen ist. Die Zeugin K. wie auch die Zeugin S. (diese unter Bezugnahme auf ihre Angaben ggü. der Haftpflichtversicherung der Beklagten) haben angegeben, sie seien auf die Klägerin aufmerksam geworden, als diese auf dem Pferd in (schnellerem) Trab herangekommen sei; das Pferd habe dann zwei oder drei Galoppsprünge gemacht und sei danach wieder in den Trab übergangen, als die Klägerin vom Pferd gefallen sei. Keiner der beiden Zeuginnen konnte angeben, warum es zu diesem Vorgang gekommen ist. Insbesondere konnten sie nicht bestätigen, dass das Pferd, wie die Klägerin behauptet, gebuckelt habe oder durchgegangen sei. Der Umstand, dass die Klägerin in der damaligen Situation vom Pferd geraten ist, begründet für sich allein noch keine Haftung der Beklagten nach § 833 S. 1 BGB. Eine Vermutung oder ein Beweis des ersten Anscheins, dass der Sturz durch eine spezifische Tiergefahr verursacht wurde, kommt der Klägerin nicht zugute (vgl. OLG Koblenz v. 21.4.1998 - 3 U 899/97, NJW-RR 1998, 1482 [1483]).

Das LG hat allerdings zutreffend ausgeführt, dass sich eine spezifische Tiergefahr auch dann verwirklicht, wenn das Pferd auf eine fehlerhafte menschliche Hilfe reagiert und diese Reaktion des Tieres zu dem Sturz geführt hat. Denn auch die Reaktion eines Pferdes auf fehlerhafte menschliche Steuerung und die daraus resultierende Gefährdung hat ihren Grund in der Unberechenbarkeit tierischen Verhaltens für die der Halter den Geschädigten schadlos halten soll (BGH v. 6.7.1999 - VI ZR 170/98, MDR 1999, 1197 = NJW 1999, 3119). Die Klägerin, die eine immerhin neun Jahre lange Reiterfahrung hatte, behauptet aber, keinen Reitfehler begangen zu haben (die gegenteilige Behauptung der Beklagten hat sie sich nicht zu Eigen gemacht). Dann aber kann nicht mit der erforderlichen Sicherheit angenommen werden, dass die Beschleunigung des Pferdes bis zu zwei oder drei Galoppsprüngen durch ein der tierischen Natur entspr., willkürliches Verhalten des Tieres verursacht wurde. Vielmehr erscheint es nicht ausgeschlossen, dass das Pferd Bl. nach dem Willen und unter der Leitung der Klägerin beschleunigt hat, die Klägerin dabei aber den rechten Steigbügel verlor und deshalb vom Pferd stürzte. Eine sichere Feststellung, dass das Pferd dem Willen der Klägerin nicht mehr gehorchte, als es mit der Folge beschleunigte, dass die Klägerin den Steigbügel verlor und stürzte, kann nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme des LG nicht getroffen werden. Dies geht zu Lasten der Klägerin, die, wie ausgeführt, beweispflichtig dafür ist, dass sie infolge eines unberechenbaren Verhaltens des Pferdes gestürzt ist (vgl. OLG Düsseldorf v. 15.1.1980 - 4 U 134/79, VersR 1981, 82).