LG Wiesbaden, Urteil vom 26.04.2007 - 2 O 195/01
Fundstelle
openJur 2012, 28598
  • Rkr:
  • AmtlSlg:
  • PM:
Tenor

Die Beklagten werden als Gesamtschuldner verurteilt, an die Klägerin 5.000 Euro nebst 5% Zinsen über dem Basiszinssatz seit 22.03.2001 zu zahlen.

Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

Von den Kosten des Rechtsstreits trägt die Klägerin 78%, die Beklagten als Gesamtschuldner 22%.

Das Urteil gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110% des jeweils beizutreibenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

Tatbestand

Die Klägerin macht Ansprüche auf Rückzahlung der Kosten für ärztliche Wahlleistungen, Schmerzensgeld und Feststellung bezüglich des materiellen und immateriellen Zukunftsschadens aufgrund eines behaupteten Behandlungsfehlers geltend.

Die Klägerin befand sich vom 9.11.98 bis 14.12.98 in stationärer Behandlung der chirurgischen Klinik der Beklagten zu 3, wo am 10.11.98 durch den Beklagten zu 1 eine Entfernung der Gallenblase ausgeführt wurde. Die Klägerin war zuvor im Juni und Oktober 1983 wegen Harnblasenkrebs operiert worden. Hierbei war die Harnblase entfernt, der linke Harnleiter in den rechten Harnleiter verlegt und der rechte Harnleiter durch die Haut nach außen geführt worden. Bereits bei der Operation im Oktober 1983 waren massive Verwachsungen im Bauchraum festgestellt worden. In der Folgezeit kam es mehrfach zu fast vollständigen Darmverschlüssen. Seit 1986 waren bei der Klägerin kolikartige O mit Erbrechen aufgetreten.

Vor der streitgegenständlichen Operation wurde die Klägerin am 09.11.1998 stationär in die Klinik aufgenommen worden. Es erfolgte ein Aufklärungsgespräch, über das eine Dokumentation erstellt wurde (Bl 47, 451). Gegenstand dieses Aufklärungsgespräches war unter anderem das Risiko von Infektionen, Verwachsungen und Verletzung von Nachbarorganen. Anlässlich der Entfernung der Gallenblase am 10.11.98 wurden auch mehrere Verwachsungen im Oberbauch gelöst. Am 11.11.98 um 9:04 Uhr ergab eine Laborkontrolle eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen auf 14.800. Ferner wurde an diesem Tag durch den Beklagten zu 2 eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums durchgeführt und von diesem im Patientenblatt daraufhin vermerkt, dass keine freie Flüssigkeit und kein pathologische Organbefund festgestellt wurde. In der Nacht zum 12.11.98 sackte der Blutdruck der Klägerin auf einen nicht mehr messbaren Wert ab, weshalb die Klägerin auf die Wachstation verlegt wurde. Am 12.11.98 um 1:15 Uhr wurde eine weitere Ultraschalluntersuchung durch einen Assistenzarzt durchgeführt. Bei dieser wurde ein breiter Flüssigkeitssaum subhepatisch und ein Pleuraerguss festgestellt. Zudem wurde Ascitis im gesamten Unterbauch, Druck – und Klopfschmerz der Bauchdecke mit Abwehrspannung festgestellt. Aufgrund des Untersuchungsbefundes wurde der Beklagte zu 2 hinzugezogen. Um 1:45 Uhr und um 4:00 Uhr wurde jeweils ein EKG durchgeführt. Der Klägerin wurde Sauerstoff zugeführt.

Am 12.11.98 um 10:00 Uhr wurde die Klägerin erneut operiert. Nach Wiedereröffnung der Bauchdecke entleerte sich Darminhalt. Es zeigte sich eine Leckage an einer Darmschlinge der vorderen Bauchwand links – paramedian. Im Bereich der unteren Darmabschnitte fanden sich zwei Abszesse. Der Dünndarm musste entfernt werden. Anders als bei der vorangegangenen Operation konnte die Bauchdecke der Klägerin nur noch durch Implantation eines Kunststoffnetzes verschlossen werden. Die Klägerin wurde beatmet auf die Intensivstationen verbracht, wo sie 8 Tage verblieb und eine Beatmungstherapie über vier Tage sowie acht Bluttransfusionen erforderlich waren. Am 14.11.98 musste die Hautnaht aufgrund reichlicher Sekretion durch das Kunststoffnetz wiedereröffnet werden. Anschließend konnte die Wunde nur sekundär verheilen, das heißt, über dem Kunststoffnetz blieb die Bauchdecke geöffnet. Am 26.11.98 musste die Bauchdecke punktiert werden, wobei 1,5 l Flüssigkeit freigesetzt wurden. Erst Ende Juni 1999 war die Wundheilung abgeschlossen.

Die Klägerin ist der Ansicht, es liege eine Verletzung der Aufklärungspflicht vor. Der allgemeine Hinweis auf Infektionen habe von der Klägerin nicht dahingehend verstanden werden können, dass das Risiko einer Bauchfellentzündung bestand. Das Letalitätsrisiko bei dieser Komplikation betrage 40%. Auch der Hinweis auf mögliche Verletzungen von Nachbarorganen oder eines Abszesses sei im Hinblick auf die weitreichenden Folgen eines solchen Geschehens nicht ausreichend. Die Klägerin behauptet, bei zutreffender Aufklärung hätte sie von der Operation Abstand genommen.

Des Weiteren sei auch die ärztliche Behandlung fehlerhaft gewesen. Die Klägerin behauptet, bei der Operation am 10.11.98 sei es durch einen Behandlungsfehler zu einer Verletzung einer Darmschlinge gekommen. Zudem sei das Operationsgebiet vor Beendigung der Operation nicht ausreichend auf eventuelle Leckagen überprüft worden. Auch die postoperative Behandlung sei fehlerhaft gewesen. Es sei infolge der Verletzung der Darmschlinge unmittelbar nach der Operation zur Entstehung der Abszesse gekommen. Selbst wenn es sich um alte Abszesse aufgrund der Voroperationen gehandelt haben sollte, liege ein Behandlungsfehler darin, dass diese bei der ersten Operation am 10.11.98 nicht vorsorglich entfernt wurden. Am 11.11.98 sei ein Fieberanstieg bis 39° festgestellt worden. Der Blutdruckabfall am 11.11.98 sei Hinweis auf eine Instabilität des Kreislaufs gewesen. Bereits am 12.11.98 um 1:15 Uhr habe eine Indikation zu einer sofortigen erneuten Operation bestanden, da eindeutige Hinweise auf eine septische Komplikation mit Tachykardien vorgelegen hätten. Sie behauptet, bei einer entsprechend früheren Nachoperationen hätte der Dünndarm teilweise erhalten bleiben können und kein Kunststoffnetz eingesetzt werden müssen.

Sie behauptet, durch das Kunststoffnetz sei ihre Beweglichkeit im Bauchraum eingeschränkt. Folge der Lungen – und Rippenfellentzündung sei, dass die Lungenfunktion der Klägerin bis heute eingeschränkt sei. Sie sei in ihren Freizeitaktivitäten und der Haushaltsführung eingeschränkt, was zu einem Verlust an Lebensfreude und Lebensqualität führe.

Die Klägerin behauptet, die Behandlungsunterlagen der Beklagten seien unvollständig. Diese wiesen für den gesamten Abend und die Nacht vom 11. auf den 12.11.98 bis auf zwei nächtliche Eintragungen des Assistenzarztes Dr. ... (klinische Untersuchung, Sonobefund) keinerlei ärztliche oder pflegerische Dokumentation auf. Es fehle auch eine Anordnung, Begründung und Ergebnis der Untersuchungen. Zu der Verlegung auf die Wachstation fehle eine Eintragung, ebenso ein Aufnahmebogen der Station und dortige Überwachungsprotokolle. Auch bezüglich des Aufenthaltes der Klägerin auf der Intensivstation nach der zweiten Operation fehlten bis auf Aufnahme – und Entlassungsbogen jegliche ärztliche und pflegerische Überwachungsdokumentation. Die Klägerin ist der Ansicht, es sei daher von einer Umkehr der Beweislast auszugehen. Soweit im Laufe des Rechtsstreits durch die Beklagte eine Behandlungsakte der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin vorgelegt worden sei, bestehe der Verdacht einer nachträglichen Aktenanlage durch zuvor ausgeheftete Unterlagen. Es bestünden daher Zweifel an der zeitgerechten Abfassung dieser Akte und ihren Eintragungen, die mit Nichtwissen bestritten würden.

Die Klägerin beantragt,

1. Die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an die Klägerin 973,50 Euro (1904,00 DM) nebst 5% Zinsen über dem Basiszinssatz. seit 13.9.00 zu zahlen,

2. die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an die Klägerin ein angemessenes Schmerzensgeld nebst 5% Zinsen über dem Basiszinssatz seit 22.3.01 zu zahlen,

3. festzustellen, dass die Beklagten gesamtschuldnerisch verpflichtet sind, der Klägerin alle materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen, die der Klägerin aus der fehlerhaften ärztlichen Behandlung in dem Zeitraum vom neunten 11. bis 14.12.98 zukünftig noch entstehen werden, soweit der Anspruch nicht auf einen Sozialversicherungsträger oder andere Dritte übergegangen ist.

Die Beklagten beantragen,

die Klage abzuweisen.

Die Beklagten bestreiten, dass bei der Operation am 10.11.98 eine Darmschlinge verletzt worden sei. Vor Abschluss der Operation sei das Operationsgebiet auch auf Blutungen überprüft worden. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass im Rahmen der bei der Erstoperation zur Erreichung der Gallenblase erforderlichen scharfen Durchtrennung von Verwachsungen zwischen Dünndarmschlingen eine Schädigung der Dünndarmwand eingetreten sei, die im weiteren zeitlichen Ablauf zu einer Leckage mit Austritt von Dünndarminhalt geführt habe. Sie bestreiten, dass der Blutdruckabfall am 11.11.98 den Schluss auf eine instabile Kreislaufsituation zulasse. Insgesamt sei der Verlauf am 11.11.98 im Hinblick auf die Operationen unauffällig gewesen. Bei der Ultraschalluntersuchung am 11.11.98 habe es sich um eine Routinemaßnahme gehandelt. Am 12.11.98 um 1:15 Uhr habe kein eindeutiges septisches Bild mit Kreislaufreaktion vorgelegen, so dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Indikation zur erneuten Operation bestanden habe. Gegen 2:30 Uhr sei eine weitere Ultraschalluntersuchung durchgeführt worden, bei der keine Zunahme der freien Flüssigkeit in der Bauchhöhle festgestellt worden sei. Bei einer Kontrolle gegen 5:00 Uhr sei lediglich eine mäßige Zunahme der abdominellen Schmerzen festgestellt worden. Die Blutdruckwerte der Klägerin seien ständig kontrolliert worden. Gegen 4:00 Uhr habe ein Blutdruck von 140/80 vorgelegen. Die Indikation zur Reoperation habe erst am Vormittag des 12.11.98 vorgelegen. Erst in diesem Zeitpunkt hätten Symptome wie Tachykardien, Schweißausbruch und atemabhängiger Thoraxschmerz bestanden. Im Übrigen hätte eine frühere Operation nicht zu anderen Folgen für die Klägerin geführt. Insbesondere wäre auch dann ein Verschluss des Bauchraumes mit einem Kunststoffnetz im Hinblick auf die Verwachsungen und die Entfernung des Dünndarmes im Hinblick auf das akute entzündliche Geschehen erforderlich gewesen.

Die Beklagten haben der Klägerin vorprozessual zur Prüfung ihrer Ansprüche lediglich eine Behandlungsakte der Abteilung für Chirurgie vorgelegt. In dieser befand sich für die Nacht vom 11. auf den 12.11.98 lediglich eine Eintragung des Dr. Kämmerer bezüglich einer klinischen Untersuchung und eines sonographischen Befundes um 1:15 Uhr. Sie haben auch im vorliegenden Rechtsstreit zunächst behauptet, die Klägerin sei bis zur erneuten Operation am 12.11.98 auf der normalen Pflegestation verblieben und sei nicht kreislaufinstabil und tachycard gewesen. Mit Schriftsatz vom 27.5.02 wurde eine Verlegung auf die Wachstation eingeräumt und auf entsprechende Anforderung des Gerichts auch eine Patientenakte der Abteilung für Anästhesiologie (Wachstation) vorgelegt, aus der sich weitere Untersuchungen und Untersuchungsergebnisse für die Zeit zwischen 1:00 Uhr und 5:00 Uhr am 12.11.98 ergeben. Die Klägerin bestreitet die zeitgerechten Abfassung und Richtigkeit dieser Akte und der dort vorgenommenen Eintragungen.

Es wurde Beweis erhoben durch Einholung mehrerer Sachverständigengutachten. Nachdem zunächst der Leiter der ..., zum Sachverständigen bestellt wurde, wurde die Sachverständigenauswahl auf dessen Bitten geändert und mit Beschluss vom 17.2.03 Herr ..., zum Sachverständigen bestellt. Eine erneute Abänderung der Sachverständigenbestellung gemäß Schreiben des ... vom 3.3.03 wurde durch das Gericht abgelehnt. Auf das sodann erstellte Sachverständigengutachten vom 2.6.03, unterzeichnet von Prof. ... und ... (Blatt 318 ff) wird Bezug genommen. Hierzu hat der Sachverständige in einer ergänzenden Stellungnahme vom 4.12.03 Stellung genommen. Mit Beschluss vom 9.6.04 wurde eine erneute Begutachtung durch den Sachverständigen ..., beauftragt. Auf dessen Gutachten vom 18.3.05, Blatt 444 ff, sowie das Ergänzungsgutachten vom 15.10.06, Blatt 569 ff wird Bezug genommen.

Gründe

Aufgrund der durchgeführten Beweisaufnahme ist ein Aufklärung – oder Behandlungsfehler der Beklagten anlässlich der Operation vom 10.11.98 nicht und anlässlich der anschließenden stationären Behandlung nur teilweise bewiesen, so dass ein Anspruch der Klägerin wegen einer Pflichtverletzung im Rahmen des Behandlungsvertrages oder aus § 823 BGB wegen eines Behandlungsfehlers nur in Höhe von 5000,– Euro gegeben sind.

Ansprüche der Klägerin wegen einer unzureichenden Aufklärung über die Operationsrisiken bestehen nicht. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Klägerin am 9.11.98 über die Risiken der Operation am Folgetag nicht ausreichend aufgeklärt worden wäre. Bei der Operation am 10.11.98 handelte es sich um einen relativ indizierten Eingriff, der zum damaligen Zeitpunkt nicht zwingend geboten war. Bei einem solchen Eingriff ist grundsätzlich über die nach dem Erfahrungsstand im Zeitpunkt der Behandlung bekannten medizinischen Risiken einer ordnungsgemäßen Behandlung aufzuklären (BGH NJW 85,2193). Dabei ist insbesondere über alle bekannten Risiken aufzuklären, die dieser Behandlung spezifisch anhaften und die bei ihrer wenn auch seltenen Verwirklichung die Lebensführung des Patienten besonders belasten (BGH NJW 94, 793). Diese Anforderungen sind im Rahmen des Aufklärungsgespräches erfüllt worden. Ausweislich der Dokumentation des Aufklärungsgespräches ist die Klägerin darüber informiert worden, dass im Rahmen der Operationstechnik Verwachsungen gelöst und die Gallenblase gesucht und entfernt werden sollte. Sie ist ferner über das allgemeine Risiko einer Infektion, Wundheilungsstörungen, Wundeiterung und Verwachsungen aufgeklärt worden. Als eingriffsspezifische Risiken sind ihr insbesondere die Verletzung von Nachbarorganen (u. a. Darm und Bauchwand) sowie das Risiko einer Reoperation und Ausweitung der Operation genannt worden. Als Behandlungsalternative wurde eine chemisch/mechanische Behandlung angeführt. Diese Aufklärung war ausreichend. Zwar ist im Rahmen des Aufklärungsgespräches nicht konkret das Risiko einer Bauchfellentzündung angesprochen worden, das sich letztlich bei der Klägerin verwirklicht hat. Auslöser dieser Bauchfellentzündung war aber gerade eine Verletzung des Darmes. Eine solche Verletzung von Nachbarorganen ist im Rahmen des Aufklärungsgespräches angesprochen worden. Ebenso wurde der Klägerin auch das Risiko von Infektionen und einer Reoperation genannt. Eine noch eingehendere Aufklärung war nicht erforderlich. Im Rahmen der Risikoaufklärung müssen die Gefahren eines Eingriffs nämlich nicht medizinisch exakt und in allen denkbaren Erscheinungsformen dargestellt werden. Es genügt vielmehr ein allgemeines Bild von der Schwere und Richtung des konkreten Risikospektrums beziehungsweise einer Aufklärung über die Risiken "im Großen und Ganzen" (Laufs/Uhlenbrock, § 64, RN 1 und 4). Daher war es insbesondere ausreichend, über die Gefahr einer Verletzung von Nachbarorganen und die eventuelle Erforderlichkeit einer Reoperation aufzuklären. Hiermit war letztlich das spezifische Risiko der Operation beschrieben, auch wenn das Auftreten einer Bauchfellentzündung als weiterer Entwicklungsschritt des medizinischen Verlaufes nicht genannt wurde.

Auch im Hinblick auf die Operation am 10.11.98 kann den Beklagten ein Behandlungsfehler nicht vorgeworfen werden. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass es bei der Operation bereits zu einer offenen Verletzung einer Darmschlinge gekommen ist oder eine aufgetretene Verletzung einer solchen Darmschlinge bei Beendigung der Operation übersehen worden wäre. Nach dem Operationsberichte vom 10.11.98 wurde bei diesem Eingriff die links vom Bauchschnitt gelegene Darmschlinge, an der bei der Reoperation am 12.11.98 die Leckage festgestellt wurde, nicht aus den Verwachsungen gelöst, weil dies offensichtlich zum Erreichen der Gallenblase nicht erforderlich war. Daher kann von einer bewussten Durchtrennung dieser Darmschlinge nicht ausgegangen werden. Nach den Ausführungen des Sachverständigen ... ist es auch unwahrscheinlich, dass die Darmschlinge versehentlich bereits während des Eingriffes eröffnet wurde. Vielmehr ist davon auszugehen, dass diese während des Eingriffs durch das Lösen von zum Ziel hin gerichteten Adhäsionen oder durch die zum Offenhalten des Operationsgebiets notwendigerweise eingesetzten Haken und Wundspreizer so belastet wurde, dass es zu einem nicht mehr genau feststellbaren Zeitpunkt nach der Operation zu einem Leck der Darmwand kam. Nach den Ausführungen des Sachverständigen befindet sich die fragliche Schlinge nämlich in dem vor der eigentlichen Entnahme der Gallenblase eröffneten Bereich. Bei einer offene Verletzung der Darmschlinge wäre daher bereits zu Beginn der Operation aus der Verletzung mit Darminhalt und Luft vermischtes Blut ausgetreten, was der Beklagte zu 1) im Rahmen der Operation hätte sehen müssen. Hinzu kommt, dass der Beklagte zu 1) in dem Operationsberichte festgehalten hat, dass das Operationsgebiet bei Beendigung der Operation auf Bluttrockenheit kontrolliert wurde, was als Hinweis darauf zu verstehen ist, dass im Operationsgebiet intakte Verhältnisse herrschten. Insbesondere waren aber auch die Untersuchungsbefunde bei der Klägerin am ersten postoperativen Tag im Wesentlichen unauffällig. Insbesondere wurden bei der Sonographie am 11.11.98 keine freie Flüssigkeit und kein pathologischer Organbefund festgestellt. Dies spricht dafür, dass die erhebliche Flüssigkeitsmenge, die am 12.11.98 um 1:15 Uhr festgestellt wurde, erst kürzere Zeit vor dieser zweiten Sonographie aufgetreten ist. Auch der Fieberanstieg in der zweiten Tageshälfte des 11.11.98 (456) spricht dafür, dass sich zu diesem Zeitpunkt Mikroabszesse im Verletzungsgebiet entwickelt haben. Nach den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Müller dauert es etwa 12 Stunden nach dem Auftreten von Keimen, bis derartige Mikroabszesse im Gewebe nachweisbar sind. Da die Operation am 10.11.98 an diesem Tage aber bereits morgens zwischen 8:00 und 9:00 Uhr stattgefunden hat, legt der Zeitpunkt des Fieberanstiegs es nahe, dass es nicht bereits während oder unmittelbar nach der Operation zum Auftreten von Keimen kam. Bezüglich der Operation am 10.11.98 ist daher ein Behandlungsfehler nicht feststellbar.

Eine andere Beurteilung ist insoweit auch nicht etwa deshalb angebracht, weil in dem Operationsberichte vom 12.11.98 keinerlei Ausführungen zu den Ursachen der Darmleckage zu finden sind. Hierin liegt keine unzureichende Dokumentation durch den Beklagten zu 1). Zum einen hat der Sachverständige Prof. Müller nämlich ausgeführt, dass Ausführungen zur Ursache einer solchen Leckage im Bericht der Zweitoperation unüblich sind. Insbesondere hat der Sachverständige aber auch in seinem Ergänzungsgutachten zutreffend ausgeführt, dass derartige Ausführungen letztlich Spekulationen wären, weil der Beklagte zu 1) auch bei der Reoperation die Ursache der Leckage nicht sicher beurteilen konnte.

Die weitere Behandlung der Klägerin am 12.11.98 war teilweise fehlerhaft. Es muss davon ausgegangen werden, dass in dieser Nacht bei der Klägerin zwar in angemessenem Umfange Untersuchungen vorgenommen und Befunde erhoben wurden, die Operation am 12.11.98 jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa vier bis fünf Stunden erfolgt ist. Die Verzögerung der zweiten Operation um vier bis fünf Stunden ist als Behandlungsfehler anzusehen.

Im Hinblick auf die Behandlung der Klägerin am 12.11.98 kann nicht von einer Umkehr der Beweislast wegen unzureichender Dokumentation der durchgeführten Untersuchungs– und Behandlungsmaßnahmen ausgegangen werden. Zwar verweist die Klägerin zutreffend darauf, dass bei fehlender Behandlungsdokumentation eine Vermutung dafür besteht, dass eine nicht dokumentierte Maßnahme auch nicht getroffen wurde (BGH NJW 99,3408) und dass bei immerhin wahrscheinlicher Ursächlichkeit für den Gesundheitsschaden insoweit unter Umständen im Bereich der Kausalität eine Beweislastumkehr angenommen werden kann (BGH NJW 96, 779). Im vorliegenden Fall fehlt aber die Behandlungsdokumentation nicht. Zwar wurde unstreitig der Klägerin und ihrer Prozessbevollmächtigten vorprozessual nur die Akte der Klinik für Chirurgie vorgelegt. Die Beklagten haben auch zu Beginn des Rechtsstreits bestritten, dass die Klägerin überhaupt in der Nacht vom 11.11.98 vom 12.11.98 auf die Wachstation, das heißt in die anästhesiologische Klinik verlegt wurde. Sie haben jedoch dann im Laufe des Rechtsstreits deren Akte vorgelegt. Diese Akte wurde auch von dem Sachverständigen im Rahmen der Begutachtung zutreffenderweise zu Grunde gelegt. Nach Ansicht des Gerichts kann eine verzögerte Vorlegung von Behandlungsakten nämlich nicht dem Fehlen einer Behandlungsdokumentation gleichgestellt werden. Der Sachverständige ... hat dargelegt, dass die Erstellung von zwei Akten durchaus üblich ist. Es erscheint zumindest nicht ausgeschlossen, dass die Beklagten aus nicht näher erklärbaren Gründen zunächst nicht nachvollziehen konnten, dass die Klägerin am 12.11.98 ab 1:00 Uhr nicht mehr in der chirurgischen Abteilung behandelt wurde. Hierfür spricht auch das ursprüngliche Bestreiten einer Verlegung der Klägerin. Diese Vorgänge sprechen zwar für eine unsystematische Aktenführung bei der Beklagten zu 3). Die verspätete Vorlegung der Behandlungsakte kann aber mangels sonstiger Anhaltspunkte nicht zu der Annahme führen, dass es sich hierbei um eine nachträglich erstellte, inhaltlich nicht den Tatsachen entsprechen der Akte handeln würde. Dass sonstige Anhaltspunkte für eine solche Aktenfälschung nicht ersichtlich sind, hat der Sachverständige bestätigt.

Der Sachverständige ... bewertet die Eintragungen im Krankenblatt der Klägerin dahingehend, dass offensichtlich am 12.11.98 gegen 1:00 Uhr eine dramatische Verschlechterung des Zustandes der Klägerin aufgetreten ist. Diese Verschlechterung des Zustandes wird belegt durch den Fieberanstieg in der zweiten Tageshälfte des 11.11.98, die Pulsschwankungen, sowie den Blutdruckabfall bis auf einen nicht mehr messbaren Wert. Nach den Behandlungsunterlagen der Beklagten sind daher ab 1:00 Uhr bei der Klägerin zusätzliche Untersuchungen eingeleitet worden, wobei zunächst der Verdacht eines Herzinfarktes beziehungsweise einer Lungenembolie abgeklärt wurde. Nach den Ausführungen des Sachverständigen ... ergab sich somit am 12.11.98 um 1:15 Uhr das Bild einer fieberhaften Patienten mit zentralisiertem Kreislauf bei nicht sicher ausgeschlossenem Herzinfarkt, mit Verdacht auf Lungenembolie und einer deutlichen Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum und Pleuraergüssen. Insgesamt sprachen bei dieser Situation aber gerade die schlechten Vitalparameter gegen eine sofortige Reoperation, zumal nach den Ausführungen des Sachverständigen in dieser Situation weniger mit einer möglichen Darmverletzung als mit einer Nachblutung oder einem Galleleck gerechnet werden musste. Es entsprach daher zunächst einer sachgerechten Behandlung, durch eine intravenöse Gabe von Flüssigkeit den Kreislauf der Klägerin zu stabilisieren. Eine solche Stabilisierung mit einem Blutdruckanstieg auf 120/70 konnte schließlich zwischen 2:00 und 3:00 Uhr morgens festgestellt werden. Die behandelnden Ärzte haben ferner sachgerecht reagiert, indem in regelmäßigen Abständen die Leukozyten der Klägerin kontrolliert wurden. Nach den Ausführungen des Sachverständigen ist ein Abfall der Leukozyten unter 4.00 als Zeichen einer allgemeinen Infektionen (Sepsis) zu bewerten. Unter Berücksichtigung der durch die Flüssigkeitszufuhr vorgenommenen Blutverdünnung sind die festgestellten Leukozytenwerte von 7.2, 7.3 und 6.6 zwischen 1:34 Uhr und 2:58 Uhr aber als konstant zu bezeichnen. Erst der um 5:22 Uhr gemessene Wert von 5.00 ist als deutlicher Abfall der Leukozyten anzusehen. Auch wenn der vorgenannte Grenzwert hierdurch noch nicht erreicht wurde, war dieser Wert doch ein Hinweis auf ein Fortschreiten des infektiösen Geschehens. Untypisch für das Vorliegen einer Infektion war allerdings der fehlende Abfall der Thrombozyten. Nach den Ausführungen des Sachverständigen war aber jedenfalls um 4:00 Uhr früh an eine Sepsis zu denken. In der Zeit zwischen 4:00 und 5:00 Uhr wurde durch eine Sonographie der Beinvenen und des Bauchraumes erneut das Vorliegen einer Lungenembolie ausgeschlossen. Und 5:00 Uhr befindet sich im ärztlichen Befundbericht schließlich der Hinweis auf eine Zunahme der abdominellen Schmerzen und einen diffusen Druckschmerz im Bauchraum. Nach den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Prof. Müller wäre es daher geboten gewesen, zu diesem Zeitpunkt eine Reoperation vorzunehmen, nachdem der Kreislauf der Klägerin stabilisiert war, eine klare Diagnose der Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes nicht gestellt werden konnte, aber die klinische Symptomatik im Bauchraum zugenommen hatte. Tatsächlich vorgenommen wurde der weitere Eingriff aber erst in der Zeit zwischen 10:55 Uhr und 13:20 Uhr.

Allerdings kann nicht davon ausgegangen werden, dass dieser Behandlungsfehler ursächlich dafür ist, dass die betroffenen Dünndarmteile letztlich entfernt und der Bauchraum mit einem Kunststoffnetz verschlossen werden musste. Der Sachverständige hat nämlich mit überzeugender Begründung ausgeführt, dass davon auszugehen ist, dass der entfernte Dünndarm bereits erheblich vorgeschädigt war, weil nicht davon aus gegangen werden kann, dass die Einwirkung des mit Galle vermischten Dünndarmsekrets ansonsten eine so fortgeschrittener Schädigung der Darmwand bewirkt hätte. Der Gutachter bezeichnet es daher als unwahrscheinlich, dass der Dünndarm bei einer früheren Reoperation hätte erhalten werden können. Eine konkretere Feststellung hierzu ist nicht möglich, weil klinische Untersuchungen zum Verlauf von Bauchfellentzündungen sich lediglich auf die Sterblichkeit der Patienten beziehen, die im übrigen bei einer adäquaten Behandlung innerhalb der ersten 24 Stunden deutlich niedriger ist, als bei nach dieser Zeitspanne liegenden Behandlungen. Untersuchungen darüber, ob in einem Fall wie dem Vorliegenden bei einer früheren Operation innerhalb der ersten 24 Stunden eher von einem Dünndarmerhalt ausgegangen werden kann, fehlen jedoch. Insgesamt spricht die Krankheitsgeschichte der Klägerin hierfür aber nicht.

Im übrigen wäre vermutlich auch bei der früheren Operation ein Wundverschluss mit Hilfe eines Kunststoffnetzes erforderlich gewesen, weil es bei langdauernden Bauchoperationen aus verschiedenen Gründen zum Anschwellen des Darmes kommen kann, so dass sich dann durch den aufgetriebenen Darm die Bauchdecke nicht mehr spannungsfrei verschließen lässt. Der Sachverständige hat im Übrigen mit überzeugender Begründung ausgeführt, dass eine anderweitige Verschlusstechnik, insbesondere das Einbringen von Stütznähten nicht in Betracht kommt, weil derartige Methoden mit erheblich größeren Risiken behaftet sind.

Zwar konnte im vorliegenden Verfahren letztlich nicht mit Sicherheit geklärt werden, welcher klinische Verlauf sich ergeben hätte, wenn die Operation am 12.11.98 circa vier bis fünf Stunden früher durchgeführt worden wäre. Diese Unaufklärbarkeit geht aber zu Lasten der Klägerin, der deswegen der Beweis nicht gelungen ist, dass ohne den Behandlungsfehler der Dünndarm hätte erhalten werden können oder dass dann ein Wundverschluss ohne Kunststoffnetz möglich gewesen wäre. Die Klägerin ist nach allgemeinen Regeln nicht nur für das Vorliegen eines Behandlungsfehlers, sondern auch dafür beweispflichtig, dass dieser Behandlungsfehler eine Gesundheitsschädigung bewirkt hat und welche dies konkret ist. Hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen tritt eine Umkehr der Beweislast nur dann ausnahmsweise ein, wenn dem behandelnden Arzt einen grober Behandlungsfehler, das heißt ein eindeutiger Verstoß gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse vorzuwerfen ist, der bei objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf (BGH NJW 02,2944). Von einem solchen groben Behandlungsfehler kann aber nicht ausgegangen werden, weil es keinerlei gesicherte medizinische Erkenntnisse dazu gibt, dass bei auftreten einer Bauchfellentzündung eine Zeitverzögerung um vier bis fünf Stunden derart riskant ist, dass ein solches Zuwarten als grob fehlerhaft anzusehen wäre.

Dieser Behandlungsfehler hat dazu geführt, dass die Klägerin während der fraglichen vier bis fünf Stunden körperlichen und psychischen Leiden ausgesetzt war, die ihr bei sachgerechter Behandlung erspart worden wären. Während dieser Zeit ist weiterhin Dünndarm Inhalt in den Bauchraum der Klägerin ausgetreten. Zwar war gegen 5:00 Uhr morgens sehr Kreislauf Zustand der Klägerin stabilisiert. Ihr schlechter Allgemeinzustand bestand jedoch fort. Gemäß den Untersuchungsbefunden litt die Klägerin an zunehmenden Schmerzen. Die Klägerin wurde über Stunden ohne ursächliche Behandlung mit einer Peritonitis auf der Wachstation belassen. Die Klägerin hat unbestritten vorgetragen, dass das Letalitätrisiko dieser postoperativen Erkrankung grundsätzlich 40% beträgt. Zusätzlich zu dieser durch den Behandlungsfehler bewirkten Gesundheitsbeeinträchtigung der Klägerin ist bei der Bemessung des Schmerzensgeldes aber auch das Verhalten der Beklagten nach der streitgegenständlichen Operation zu berücksichtigen (Staudinger, § 253 BGB, RN 33). Dieses Verhalten der Beklagten war geeignet, nicht unerhebliche weiterer Belastungen der Klägerin zu bewirken. Die Beklagten haben nämlich nicht nur bis zum frühen ersten Termin im vorliegenden Verfahren einen völlig anderen zeitlichen und organisatorischen Ablauf der Behandlung der Klägerin behauptet, als dies den Tatsachen entspricht. Sie haben auch zumindest fahrlässig ihre Verpflichtung verletzt, die vollständigen Behandlungsunterlagen auf erstmalige Anforderung an die Klägerin herauszugeben und die Klägerin so in die Lage zu versetzen, sich ein Bild über den von ihr aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation nur eingeschränkt wahrgenommenen Geschehensablauf und die medizinische Beurteilung der Behandlung durch die Beklagten zu machen (OLG Oldenburg, VersR 98, 1421). Unter Berücksichtigung dieses Gesamtverhaltens der Beklagten erscheint ein Schmerzensgeld in Höhe von 5.000,– Euro erforderlich und angemessen.

Im Übrigen war die Klage allerdings abzuweisen. Ein Anspruch der Klägerin auf Rückzahlung des Honorars für die Wahlleistungen besteht nicht, weil die Behandlung durch die Beklagten bis auf den vorgenannten Zeitraum von vier bis fünf Stunden nicht fehlerhaft war. Auch der Feststellungsantrag ist unbegründet. Fortdauernde Gesundheitsbeeinträchtigungen der Klägerin aufgrund der zeitlichen Verzögerung der Reoperation sind nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit anzunehmen.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 92 ZPO, die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit aus § 709 ZPO.