LSG Mecklenburg-Vorpommern, Urteil vom 17.03.2021 - L 5 U 13/17
Fundstelle
openJur 2021, 19244
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Tenor

1. Auf die Berufung der Beklagten wird das Urteil des Sozialgerichts Rostock vom 14. Oktober 2016 aufgehoben und die Klage abgewiesen.

2. Außergerichtliche Kosten sind im Berufungsverfahren nicht zu erstatten; die Beklagte trägt 1/3 der außergerichtlichen Kosten des Klageverfahrens.

3. Die Revision wird nicht zugelassen.

Tatbestand

Die Beteiligten streiten im Berufungsverfahren noch darüber, ob eine chronisch obstruktive Lungenkrankeit (COPD) gesundheitliche Folge des anerkannten Wegeunfalles der Klägerin vom 14. August 2010 ist.

Die 1961 geborene Klägerin wurde am 14. August 2010 auf dem Weg zur Arbeit mit ihrem Pkw in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, bei dem sie sich u. a. ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Thoraxtrauma mit Pneumothorax rechts, eine Claviculafraktur, eine Milzruptur, ein Weichteilemphysem, eine Rippenserienfraktur 1 bis 6 rechts, Querfortsatzfrakturen der Lendenwirbelkörper (LWK) 1 bis 4, Bandverletzungen und mehrfache Frakturen der unteren Extremitäten zuzog. Die Klägerin wurde zunächst in der Zeit vom 14. bis 17. August 2010 im Klinikum A-Stadt und sodann vom 17. August bis 16. September 2010 in sie wurde der Charité intensivmedizinisch behandelt. Ihr wurde u. a. eine Thoraxdrainage angelegt und in der Zeit vom 14. August bis 5. September 2010 über eine Luftröhrenöffnung beatmet (der Verschluss erfolgte am 10. September 2010).

Vom 16. September 2010 bis 14. Januar 2011 befand sich die Klägerin zur Frührehabilitation in der Klinik L.. Danach fand eine stationäre Rehabilitation in der Zeit vom 17. Januar bis 5. März 2011 in der Median Klinik B. statt und erneut in dieser Klinik in der Zeit vom 6. Juni bis 16. Juli 2011. Nach der Entlassung aus der Rehabilitation erfolgte die ambulante Weiterbehandlung der Klägerin. Ab dem 1. November 2011 erfolgte eine Arbeitsbelastungserprobung, die die Klägerin aufgrund einer am 22. November 2011 eingetretenen Arbeitsunfähigkeit abbrach.

Die Beklagte zog medizinische Unterlagen über die Klägerin bei, so u. a. die Epikrisen der Kliniken, in denen die Klägerin behandelt worden war und die Reha-Entlassungsberichte der Dr. F. der M. Klinik B. vom 10. März und 20. Juli 2011. Mit Bescheid vom 1. Februar 2011 stellte die Beklagte die Zahlung von Verletztengeld an die Klägerin mit Ablauf des 10. Februar 2012 (Ablauf der 78. Kalenderwoche) ein. Die Beklagte zog des Weiteren den Arztbrief des Chefarztes Dr. S. der K. Kliniken A-Stadt vom 23. Februar 2012 bei, der über eine am 30. November 2011 begonnene psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Klägerin berichtete.

Die Beklagte veranlasste sodann eine Begutachtung der Klägerin durch den Chirurgen Prof. Dr. M.. In seinem Gutachten vom 29. März 2012 führte Prof. Dr. M. aus, auf seinem Fachgebiet bestünden bei der Klägerin als Folgen ihres Unfalles vom 14. August 2010 eine Bewegungseinschränkung des rechten Hüft- und rechten Schultergelenks, des rechten Kniegelenks, eine Bewegungseinschränkung mit Kapselweichteilschwellung am oberen und unteren Sprunggelenk links sowie Narbenbildung. Die Unfallfolgen seien mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) auf chirurgischem Fachgebiet mit 50 zu bewerten. Unfallunabhängig leide die Klägerin u. a. unter einem arteriellen Hypertonus und Glaukom.

Mit Bescheid vom 24. April 2012 bewilligte die Beklagte der Klägerin eine vorläufige Rente nach einer MdE von 50 ab dem 11. Februar 2012. Bei der Benennung der Unfallfolgen orientierte sich die Beklagte im Wesentlichen am Gutachten des Prof. Dr. M. vom 29. März 2012. Die Querfortsatzbrüche des 2. und 3. LWK links, der Pneumothorax und die Rippenserienbrüche der 2. bis 6. Rippe rechts seien folgenlos ausgeheilt. Keine Unfallfolgen seien u. a. der Bluthochdruck und die Verschleißerkrankung (AC-Gelenksarthrose) in beiden Schultergelenken.

Hiergegen legte die Klägerin Widerspruch ein, mit dem sie u. a. vortrug, dass auch ihre 1. Rippe rechts gebrochen sei bei dem Unfall. Der Pneumothorax und die Rippenserienbrüche rechts seien nicht folgenlos ausgeheilt. Die Arthrose in ihren Schultergelenken sei ebenfalls Unfallfolge. Seit dem Unfall leide sie unter Luftnot und Kurzatmigkeit selbst bei geringen Anstrengungen, das Lungenvolumen sei eingeschränkt. Vor dem Unfall habe sie nicht an Bluthochdruck gelitten, diese Erkrankung sei ebenfalls unfallbedingt.

Die Beklagte veranlasste sodann das Gutachten des Internisten/Pneumologen/Allergologen Dr. A. vom 28. September 2012. Auf der Grundlage einer Untersuchung der Klägerin am 28. September 2012 führte Dr. A. aus, die Klägerin habe sich auf chirurgischem Fachgebiet die Unfallfolgen zugezogen, die im chirurgischen Vorgutachten benannt seien. Der Unfall habe offenbar auch zu psychischen Folgen bei der Klägerin geführt. Anders als vor dem Unfall sei jetzt eine medikamentöse Therapie einer arteriellen Hypertonie erforderlich. Nach dem Unfall durch die Immobilisation und die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit habe die Klägerin an Körpergewicht zugelegt. Dies verschlimmere regelhaft eine arterielle Hypertonie. Nach seinem Eindruck betrage die unfallbedingte MdE 100.

Die Beklagte führte sodann das psychiatrische Gutachten des Dr. S. der K. Kliniken A-Stadt vom 1. November 2012 herbei. Auf der Grundlage von ambulanten Untersuchungen der Klägerin am 16. Oktober und 1. November 2012 führte dieser Gutachter zusammengefasst aus, die Klägerin habe am 14. August 2010 nicht nur ein körperliches Trauma, sondern auch ein Psychotrauma erlitten, welches eine seelische Krankheit bei der Klägerin hervorgerufen habe, die sowohl als depressive Anpassungsstörung als auch posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) klassifiziert werden könne. Die psychische Unfallfolge habe bei der Klägerin zu Affektlabilität, mangelnder Belastbarkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen und dissoziativen Zuständen geführt. Die MdE durch die Unfallfolgen schätze er mit 100 % ein.

Die Beklagte veranlasste sodann eine Begutachtung der Klägerin im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg (BUKH). Auf der Grundlage einer Untersuchung der Klägerin am 29. April 2013 gelangten Dr. B./Dr. G. in ihrem neurologisch-psychiatrischen Gutachten vom 3. Mai 2013 zusammengefasst zu der Beurteilung, dass auf ihrem Fachgebiet als Unfallfolge bei der Klägerin eine Anpassungsstörung mit erheblicher Depression bestehe, die mit einer MdE von 40 zu bewerten sei.

Aufgrund einer weiteren Untersuchung der Klägerin am 27. Mai 2013 im BUKH gelangte der Facharzt für Innere Medizin V. in seinem internistischen Gutachten vom 28. Mai 2013 zu der Beurteilung, dass auf internistischem Fachgebiet das stumpfe Thoraxtrauma als folgenlos ausgeheilt angesehen werden müsse. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse des Ultraschallbefundes und der Laborbefunde müsse auch die Milzruptur der oberen Milz als folgenlos ausgeheilt angesehen werden. Auf seinem Fachgebiet ergebe sich aufgrund der genannten internistischen Unfallfolgen keine körperliche Einschränkung mit einer MdE messbaren Grades (MdE <10 v. H.). Hinsichtlich der von der Klägerin angegebenen Luftnot sei von dieser bei der Anamneseerhebung eine rezidivierende oder chronische Bronchitis nicht angegeben worden. Anlässlich der jetzigen Untersuchung hätten sich keine Pleuraschwarten und keine Narbenbildungen der Lunge gezeigt. Die Lungenfunktionsuntersuchung habe eine normale totale Lungenkapazität gezeigt. Es bestehe jedoch eine leichtgradige obstruktive Ventilationsstörung. Diese könne bei dem langen Abstand zum Unfallereignis nicht auf dieses zurückgeführt werden. Sie resultiere aus der Übergewichtigkeit, dem langjährigen Nikotinabusus der Klägerin vor dem Unfallereignis (diese habe angegeben, das Rauchen nach dem Unfall aufgegeben zu haben) und einer individuellen Veranlagung. Die Klägerin sei darauf hingewiesen worden, dass durch ihr Übergewicht in vielfältiger Weise die unfallunabhängigen Erkrankungen verstärkt würden. Auch eine Besserung der chronisch- obstruktiven Ventilationsstörung sei vermutlich durch deutliche Gewichtsreduktion zu erreichen.

Aufgrund einer Untersuchung ebenfalls vom 27. Mai 2013 gelangten die Chirurgen Dr. G. und Dr. K. in ihrem Gutachten vom 4. Juni 2013 zu der Beurteilung, dass die Unfallfolgen auf chirurgischem Fachgebiet weiterhin mit einer MdE von 50 zu bewerten seien. Die Gesamt-MdE schätzten sie mit 70 ein (chirurgisch 50, neurologisch- psychiatrisch 40, internistisch unter 10).

Mit Bescheid vom 2. Juli 2013 änderte die Beklagte gestützt auf § 44 SGB X ihren Bescheid vom 24. April 2012. Sie gewährte ab dem 11. Februar 2012 die vorläufige Rente nach einer MdE von 70 und ab sofort nach dieser MdE die Rente auf unbestimmte Zeit.

Als Unfallfolgen erkannte sie an:

Gangbildstörung rechts, deutliche Muskelminderung am rechten Oberschenkel, Schwellneigung am rechten Unterschenkel und in der rechten Knöchelregion, deutliche Herabsetzung der Beweglichkeit und Belastbarkeit im rechen Hüft- und Kniegelenk, arthrotische Veränderungen im rechten Kniegelenk, Sensibilitätsstörungen im Versorgungsgebiet des Peronäusnervs (Nervus peroneus profundus) links sowie Narbenbildung an beiden Beinen nach unter Weichteilverkalkungen im Bereich des rechten Hüftgelenkes und Verkalkung im Bereich des Innenbandes des rechten Kniegelenkes knöchern fest durchbauten Oberschenkelbrüchen beiderseits mit noch einliegendem Fremdmetall im linken Oberschenkel und Abriss des äußeren Seitenbandes am rechten Kniegelenk;

deutliche Herabsetzung der Beweglichkeit und Belastbarkeit im rechten oberen Sprunggelenk, aufgehobene Beweglichkeit im rechten unteren Sprunggelenk, arthrotische Veränderungen im rechten oberen und unteren Sprunggelenk sowie Kalksalzminderung des rechten Sprunggelenkes und Fußskelettes nach mit knöcherner Verbindung von Schien- und Wadenbein verheiltem komplettem Bruch des rechten Unterschenkels bei noch einliegendem Fremdmetall und knöchern in Fehlstellung verheiltem Bruch des rechten Fersenbeines; Minderbelastbarkeit im Lendenbereich nach knöchern verheilten Querfortsatzbrüchen links des 2. und 3. Lendenwirbelkörpers;

Belastungs- und Bewegungseinschränkung im rechten Schultergelenk nach knöchern konsolidiertem Schlüsselbeinbruch rechts;

Belastungsbeschwerden des Brustkorbes nach in Fehlstellung verheiltem Rippenserienbruch der 1. bis 6. Rippe rechts, ausgedehnte Narbenbildung an der Vorderseite des Oberkörpers nach Thoraxtrauma;

Bedrückte Stimmung, stark eingeschränkte affektive Schwingungsfähigkeit, erhebliche Schlafstörungen, Antriebsminderung und Rückzugstendenzen, unwillkürliches Wiedererinnern an den Unfallhergang durch Schlüsselreize, Konzentrationsstörungen und Minderbelastbarkeit als Ausdruck einer Anpassungsstörung mit erheblicher Depression.

Der Pneumothorax rechts sowie die Milzruptur seien folgenlos verheilt.

Keine Unfallfolgen stellten dar:

Glaukom, Adipositas per magna, Gichterkrankung, Cholesterienerhöhung, Herzschwäche, Bluthochdruck, leichgradige obstruktive Ventilationsstörung der Lunge, Leberparenchymschaden mit Vergrößerung der Leber, Gallenblasenentfernung, deutliche osteochondrotische Veränderungen der gesamten Wirbelsäule.

Im Schriftsatz vom 10. September 2013 teilte die Prozessbevollmächtigte der Klägerin mit, dass der Widerspruch aufrecht erhalten bleibe, da weitere Erkrankungen bei der Klägerin bestünden, die als Unfallfolge anzuerkennen seien.

Mit Widerspruchsbescheid vom 23. Januar 2014 wies die Beklagte den Widerspruch der Klägerin zurück. Weitere Unfallfolgen könnten nicht anerkannt werden. Eine Blasenschwäche sei im Rahmen der Begutachtung der Unfallfolgen nicht diagnostiziert worden. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den in allen Bereichen der Wirbelsäule diagnostizierten osteochondrotischen Veränderungen und den unfallbedingten Querfortsatzbrüchen im Bereich des 2. und 3. LKW links bestehe nach fachärztlicher Beurteilung nicht. Ein Zusammenhang zwischen den Unfallfolgen und der angegebenen "Herzschwäche" und dem Bluthochdruck sei ebenfalls nicht erkennbar, da organische Verletzungen, die geeignet gewesen wären, solche Gesundheitsstörungen zu verursachen, anlässlich des Unfalls nicht eingetreten seien. Nach fachärztlicher Einschätzung sei das unfallbedingte stumpfe Brusttrauma folgenlos ausgeheilt.

Die Klägerin hat am 11. Februar 2014 Klage beim Sozialgericht (SG) Rostock erhoben, mit der sie, wie bereits im Widerspruchsverfahren, zusätzlich Wirbelsäulenbeschwerden, eine Blasenschwäche, eine Pflasterallergie, ein Bluthochdruckleiden und eine Ventilationsstörung als weitere Unfallfolgen geltend gemacht hat. Auch sei die unfallbedingte MdE höher als mit 70 einzuschätzen.

Das SG Rostock hat Beweis erhoben durch Gutachten der Chefärzte der Reha-Klinik A., Dr. M., Dr. H. und Dr. S.. Auf der Grundlage einer am 8. Januar 2015 in der vorgenannten Klinik erfolgten Untersuchung der Klägerin hat Dr. H. in seinem neurologisch-psychiatrischen Zusatzgutachten vom 22. Januar 2015 zusammengefasst ausgeführt, auf seinem Fachgebiet bestehe bei der Klägerin als Unfallfolge eine Anpassungsstörung mit depressiver Entwicklung. Diese Gesundheitsstörung sei mit einer MdE von 40 zu bewerten. Mit der Einschätzung im Gutachten des Dr. G. bestehe völlige Übereinstimmung.

In seinem internistischen Gutachten vom 17. Januar 2015 hat Dr. M. auf seinem Fachgebiet eine chronisch-obstruktive Lungenkrankheit (COPD) infolge des Verkehrsunfalls und der anschließenden Behandlungsmaßnahmen festgestellt und diese mit einer MdE von 20 bewertet. Als unfallunabhängige internistische Diagnosen seien zu nennen:

Arterielle Hypertonie

Hyperlipidämie

Hyperurikämie

Adipositas

Steatosis hepatis.

Zur Begründung seiner Einschätzung hat Dr. M. ausgeführt, die bei der Klägerin durchgeführte Lungenfunktionsprüfung habe den Nachweis einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD GOLD II) erbracht. Bis zum Unfallereignis am 14. August 2010 habe die Klägerin über keine Belastungsluftnot geklagt. Ihre Belastbarkeit auf cardio-pulmonalem Gebiet sei völlig uneingeschränkt gewesen. Angesichts der völlig uneingeschränkten cardio-pulmonalen Belastbarkeit bis zum Unfallzeitpunkt existierten anamnestisch keine Röntgen-Thorax-Aufnahmen und keine Lungenfunktionsanalysen vor dem Unfallzeitpunkt, sodass rückwirkend der behandelnde Hausarzt angesichts der bestehenden cardio-pulmonalen Beschwerdefreiheit es nicht für angebracht angesehen habe, überhaupt eine entsprechende Diagnostik einzuleiten. Gelegentlich werde unmittelbar nach einem Thoraxtrauma eine Partialinsuffizienz mit leichter Erniedrigung des Sauerstoffdrucks beobachtet, die sich jedoch schnell zurückbilde. Die größte Gefahr bestehe wie bei Pleuraschwarten in der Entwicklung einer COPD als Folge des gestörten Hustenmechanismus und damit eines gestörten Reinigungsmechanismus, dieses sei insbesondere nach Langzeitbeatmung der Fall. In der Lungenfunktion sei bei der Klägerin eine COPD Stadium Gold II, entsprechend einer mittelgradigen chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, zu verzeichnen.

Ein Zusammenhang zwischen den Unfallfolgen und dem Bluthochdruck sei nicht erkennbar, da organische Verletzungen, die einen Bluthochdruck verursachen könnten, anlässlich des Unfalls laut Aktenlage nicht eingetreten seien. Bei Bluthochdruckerhöhungen, die durch Unfall- oder Operationsfolgen entstünden, handele es sich im Wesentlichen um renale Hypertonieformen. Zumeist lägen größere Parenchymverletzungen oder Durchblutungsstörungen der Nieren vor. Laut Aktenlage seien bei der Klägerin keine größeren Parenchymverletzungen der Nieren oder Operationen im Bereich der Nierenarterien zu verzeichnen. Damit lasse sich ein kausaler Zusammenhang zwischen den Folgen des Verkehrsunfalls am 14. August 2010 und der Entwicklung einer arteriellen Hypertonie auf internistischem Fachgebiet nicht belegen.

In seinem orthopädischen Gutachten vom 4. Februar 2015 ist Dr. S. zusammengefasst zu der Beurteilung gelangt, dass die von der Beklagten bei der Klägerin anerkannten Unfallfolgen auf chirurgisch-orthopädischem Fachgebiet mit einer MdE von 50 zu bewerten seien. Darüber hinaus hat Dr. S. die Auffassung vertreten, dass auch die beginnende AC-Gelenksarthrose rechts, die stattgehabten Querfortsatzfrakturen der LWK 1 bis 4 sowie die Rippenfrakturen der 1. bis 6. Rippe rechts Unfallfolgen darstellten. Die unfallbedingte Gesamt-MdE hat Dr. S. mit 70 bewertet (chirurgisch 50, internistisch 20, neuro-psychiatrisch 40).

Zu den vom SG Rostock eingeholten drei Gutachten hat die Beklagte ausgeführt, die Gutachten des Dr. H. und des Dr. S. stützten ihre Einschätzung. Nicht gefolgt werden könne dem Gutachten des Dr. M.. Zu folgen sei vielmehr der Stellungnahme des Facharztes für Innere Medizin, Lungen- und Bronchialheilkunde, Allergologie Dr. S. vom 30. März 2015. Hierin heißt es u. a., dass eine chronische obstruktive Atemwegserkrankung gekennzeichnet sei durch eine Einengung der Atemwege. Dieses Phänomen entstehe aufgrund von Entzündungen im Bereich der Bronchialschleimhaut bzw. aufgrund von Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur, in der Regel verursacht durch exogene Schadstoffeinwirkungen. Hier sei in erster Linie der Zigarettenkonsum zu nennen. Es sei bekannt, dass eine chronische obstruktive Atemwegserkrankung auf dem Boden eines Zigarettenkonsums sich langsam entwickele, sodass sie zunächst dem Betroffenen nicht bewusst werde. Erst bei Auftreten eines ausgeprägteren Krankheitsstadiums würden dann ärztliche Konsultation in Anspruch genommen. Somit sei es nicht gerechtfertigt, allein aufgrund des Hinweises, dass eine Konsultation eines Arztes vor einem bestimmten Zeitpunkt nicht stattgefunden habe zu folgern, dass eine derartige Erkrankung ebenfalls nicht vorgelegen habe.

Ein Pneumothorax trete ein, wenn es zu Lufteintritt in den Raum zwischen dem Rippen- und Lungenfell komme. Dies sei bei der Klägerin gegeben durch das Unfallereignis. Da es nicht zu einer Verletzung des Brustraums gekommen sei in dem Sinne, dass ein Lufteintritt von außen habe stattfinden können (offene Thoraxverletzung), sei von einer Ruptur von unterhalb des Lungenfells gelegener Lungenbläschen auszugehen. Die eingetretene Luft sei durch das Einlegen einer Drainage entfernt worden. Es habe sich im CT ein minimaler Erguss rechts gezeigt. Es sei eine Beatmung über ein Tracheostoma erfolgt, welches am 18. August 2010 gelegt und am 10. September 2010 verschlossen worden sei. Dr. M. folgere, dass aufgrund der Thoraxverletzung es zu einer Pleuraschwarte gekommen sei und dass aufgrund des gestörten Hustenmechanismus und eines gestörten Reinigungsmechanismus (besonders nach Langzeitbeatmung) nun eine chronisch obstruktive Atemwegserkrankung entstanden sei. Die Beatmung der Klägerin wegen des Unfallereignisses habe stattgefunden vom 14. August bis zum 5. September 2010 (Dekanülierung). Das Tracheostoma selbst sei am 10. September 2010 verschlossen worden. Es habe sich somit eher um einen kürzeren Zeitraum gehandelt. Von dem Vorliegen einer Pleuraschwarte sei in keinem Befund berichtet worden. Der Unfallmechanismus lasse eine derartige Veränderung ebenfalls nicht vermuten. Somit könne nicht davon ausgegangen werden, dass aufgrund einer relevanten Pleuraverschwartung es nun zu Störungen in der Belüftung des Reinigungsmechanismusses gekommen sei. Es habe sich um einen erfreulicherweise kurzen Zeitraum der Beatmung gehandelt. Eine Beatmung selbst könne zwar durchaus zu Problemen und zu bleibenden Schäden führen. Hier seien allerdings in erster Linie infektiöse Komplikationen wie eine Pneumonie zu nennen. Auch könne die Gabe von Sauerstoff in höheren Konzentrationen zu Schäden am Lungengewebe führen. Derartige Phänomene seien allerdings erfreulicherweise im Verlauf nicht eingetreten. Eine intubationsbedingte Veränderung des Reinigungsprozesses der Lunge gelte als Hauptfaktor für die Entstehung von Pneumonien. Eine Pneumonie sei im Fall der Klägerin aber nicht entstanden. Beatmungsabhängige Lungenschäden könnten somit nicht angenommen werden. Eine Beatmung für den Zeitraum vom 14. August bis 5. September 2010 könne nicht als geeignet angesehen werden, eine chronisch obstruktive Atemwegserkrankung im Sinne einer COPD Grad II zu verursachen bzw. wesentlich zu verschlimmern. Ein als ursächlich zu sehendes Krankheitsereignis im Sinne der Ausbildung einer Pleuraschwarte sei nicht eingetreten. Es sei darauf hinzuweisen, dass die Röntgenaufnahmen eine beidseits unauffällig zur Darstellung kommende Struktur der Lunge zeigten. In Übereinstimmung mit dem Gutachter V. sei davon auszugehen, dass die obstruktive Ventilationsstörung der Lunge unabhängig von dem Unfallereignis bzw. der Therapie des Unfallereignisses zu sehen sei.

Die Klägerin ist der Ansicht, dass der Beurteilung im Gutachten des Dr. M. zu folgen sei. Auch seien bei ihr weitere Unfallfolgen anzuerkennen, die ihre Prozessbevollmächtigte im Schriftsatz vom 6. Mai 2015 im Einzelnen benannt hat.

Das SG Rostock hat die ergänzende Stellungnahme des Dr. M. vom 15. Juni 2015 herbeigeführt, der an seiner Beurteilung in seinem Gutachten festgehalten hat. Er weise darauf hin, dass die in seinem Gutachten unterstellte Folgerung, dass es aufgrund der Thoraxverletzung zu einer Pleuraschwarte gekommen sei, in seinem Gutachten nicht enthalten sei. Angesichts der cardio-pulmonal bestehenden uneingeschränkten Belastbarkeit der Klägerin bis zum Unfallzeitpunkt sehe er den Unfall weiterhin als Ursache für die bei der Klägerin bestehende chronisch obstruktive Lungenerkrankung an.

Die Beklagte hat sich in ihrem Schriftsatz vom 5. August 2015 bereit erklärt, bei der Klägerin eine AC-Gelenksarthrose der rechten Schulter sowie Querfortsatzfrakturen LWK 1 bis LWK 4 als Unfallfolgen anzuerkennen. Sie hat die weitere beratungsärztliche Stellungnahme des Dr. S. vom 26. August 2015 zu den Gerichtsakten gereicht, mit der dieser der ergänzenden Stellungnahme des Dr. M. entgegengetreten ist. Hierin hat Dr. S. ausgeführt, er gehe davon aus, dass eine chronische obstruktive Atemwegserkrankung bei der Klägerin vorliege, welche verursacht worden sei durch deren Nikotinkonsum bis zum August 2010 in einem Umfang von 30 packyears. Die Ausbildung einer Pleuraschwarte durch den Unfall sei nicht zu beobachten gewesen. Es sei zu einem stumpfen Thoraxtrauma mit Rippenserienfraktur gekommen und damit zu einem Lufteintritt in den Spalt zwischen Lungen und Rippenfell. Dieses Phänomen werde Pneumothorax genannt. Es sei eine Drainagebehandlung und Beatmung erfolgt. Die Lunge selbst sei nicht mit vom Unfallgeschehen betroffen gewesen. Es sei nicht davon auszugehen, dass bei gleichzeitig einsetzender intensivmedizinischer Betreuung nach dem Unfallereignis es nun zu längeren Phasen der Minderbelüftung und Beeinträchtigung des Reinigungsmechanismus der Lunge gekommen sei. Selbst die Annahme eines derartigen Ereignisses würde es nicht rechtfertigen zu folgern, dass eine derart nachhaltige Schädigung eingetreten sei, welche zu dem Krankheitsbild einer COPD Stadium II führe. Die COPD sei gekennzeichnet durch eine Einengung der Atemwege, verbunden mit Schleimproduktion mehr oder minder ausgeprägten Ausmaßes. Es handele sich um eine Einengung der Atemwege irreversiblen Ausmaßes. Somit könne eine normale Lungenfunktion nicht mehr hergestellt werden. Durch eine anhaltende Entzündung der Atemwege komme es langfristig zu einer Störung des Aufbaus der Bronchialwände mit einer Verengung. Eine COPD werde nach der Gold-Klassifikation bezüglich ihrer Schwere eingeteilt. Eine COPD Gold II gehe einher mit einer Beeinträchtigung des Atemstoßes in einem Ausmaße, dass der Atemstoß im Bereich von 50 bis 80 % des Sollwertes gemessen werde. Im Falle der Klägerin habe er im Rahmen der letzten Untersuchung zwischen 57 und 53 % des Sollwertes gelegen. Dieses stehe in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Spirometrie des Jahres 2013. Dies bedeute, dass die COPD eine gewisse Schwere erreicht habe. Das Vorliegen eines derartigen Krankheitsgeschehens könne seiner Meinung nach nicht auf eine Therapie nach dem Unfall im Zeitraum vom 14. August bis zum 5. September 2010 zurückgeführt werden. Dass sich derartig schnell eine solche Störung entwickle, wäre ausgesprochen ungewöhnlich.

Eine COPD könne sich z. B. bei Pleuraschwarten entwickeln, wenn nachhaltig die Reinigungsfunktion der Atemwege eingeschränkt sei. Es komme zu Belüftungs- und Durchblutungsstörungen bei Einschränkung der Ventilation in der Nähe von Pleuraschwarten. Dieses Phänomen sei von anderen Erkrankungen bekannt. Dies bedeute allerdings, dass sich diese Störungen nach dem Unfallereignis entwickelten, wenn bleibende Schäden dadurch entstanden seien. So sei es auch zu erklären, dass bei entsprechenden Schäden im Bereich der Lunge bzw. des Rippenfells sich im Laufe der Jahre bei weiter gestörtem Ventilations- und Reinigungsmechanismus die Folgen verschlechterten und die Erkrankung fortschreite. Narbige Veränderungen im Bereich der Lunge bzw. des Rippenfells seien aber bei der Klägerin nicht festgestellt worden. Ebenso wenig eine Einschränkung der Zwerchfellbeweglichkeit.

Seiner Meinung nach sei zu folgern, dass Unfall- und Operationsfolgen im Bereich der Atmungsorgane erst dann gesehen würden, wenn insbesondere Verletzungen der Pleura vorlägen, welche zu Verschwartungen geführt hätten, wenn Verletzungen des Zwerchfells entstanden seien oder wenn es zu Komplikationen während der Beatmung gekommen sei. Alle diese Mechanismen seien im Falle der Klägerin erfreulicherweise nicht eingetreten, sodass er weiterhin die Entstehung der COPD bei der Klägerin nicht dem Unfall vom 14. August 2010 zuschreibe.

Nachdem das SG den Befundbericht der Fachärztin für Allgemeinmedizin Dr. K. vom 15. Dezember 2015 eingeholt hatte, hat es weiteren Beweis erhoben durch Einholung des pneumologisch-internistischen Gutachtens des Prof. Dr. V. vom 12. Mai 2016. Auf der Grundlage einer ambulanten und apparativen Untersuchung der Klägerin vom 23. Februar 2016 hat dieser Sachverständige zusammengefasst ausgeführt, bei der Klägerin bestehe auf seinem Fachgebiet eine geringgradige restriktive Ventilationsstörung, die einerseits partiell durch das durchgemachte Thoraxtrauma bedingt sein könnte, bei dem die massive Adipositas der Klägerin (104 kg bei einer Größe von 149 Zentimeter - BMI von ca. 47) jedoch auch ausreiche, diese Restriktion zu erklären. Darüber hinaus bestehe ein unzureichender Trainingszustand, der sicher der schweren Verletzungen der unteren Extremität einerseits sowie der massiven Adipositas andererseits zuzurechnen sei. Die Funktionseinschränkungen beruhten nach gutachterlicher Einschätzung partiell auf der massiven Adipositas der Klägerin, möglicherweise partiell auch auf dem durchgemachten Thoraxtrauma. Der Unfall vom 14. August 2010 sei geeignet gewesen, diese Gesundheitsstörungen hervorzurufen. Gegen einen ursächlichen Zusammenhang der geringgradigen restriktive Ventilationsstörung und der reduzierten körperlichen Leistungsfähigkeit mit dem Unfall spreche die Tatsache, dass die massive Adipositas der Klägerin allein geeignet wäre, die bestehenden Veränderungen zu erklären. Für einen ursächlichen Zusammenhang spreche wiederum, dass ein Thoraxtrauma in der erfolgten Schwere mit Notwendigkeit einer Thorakotomie und einer operativen Fixierung der Rippenserienfraktur durchaus auch geeignet sein könne, eine leichte restriktive Ventilationsstörung zu erklären. Die lungenfunktionelle Einschränkung geringen Grades der Klägerin rechtfertige eine MdE von 10. Aus internistischer Sicht werde davon ausgegangen, dass die reduzierte Leistungsfähigkeit aufgrund der massiven Adipositas auch partiell als Unfallfolge anzusehen sei, weil die Klägerin glaubhaft angebe, seit dem Unfall 30 kg an Gewicht zugenommen zu haben, was eine wesentliche Teilkomponente ihrer reduzierten Leistungsfähigkeit sei. Die Belastungsdyspnoe der Klägerin sei im Wesentlichen durch die ausgeprägte massive Adipositas bedingt, denn lungenfunktionsanalytisch ließen sich trotz des durchgemachten Thoraxtraumas keine schweren Einschränkungen nachweisen. Lungenfunktionell bestehe eine grenzwertige, allenfalls geringgradige Obstruktion. Die Werte befänden sich eher im Normbereich als im pathologischen Bereich und die restriktive Einschränkung der Lungenfunktion sei am ehesten der Adipositas und nicht dem durchgemachten Thoraxtrauma zuzuschreiben. In der Belastungsergometrie bestehe eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit, wobei leistungslimitierend Knieschmerzen einerseits (erklärbar durch die Traumatisierung der unteren Extremität) und Dyspnoe (am ehesten erklärbar durch einen unzureichenden Trainingszustand und die massive Adipositas) seien.

Zum Gutachten des Prof. Dr. V. hat sich die Beklagte dahingehend geäußert, dass dieser Sachverständige als Gesundheitsstörung bei der Klägerin eine im Schwankungsbereich der Norm liegende geringgradige Restriktion feststelle. Unabhängig davon, dass Normwerte nicht pathologisch seien und somit die Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht minderten, halte der Sachverständige vollständig die ausgeprägte Adipositas der Klägerin für die Ursache der geringgradigen Restriktion. Dem Unfall werde lediglich eine mögliche Teilursache zugeschrieben. Allein das Vorliegen eines zeitlichen Zusammenhanges zwischen dem Unfall und der Beschwerdeentstehung reiche nicht aus, um einen Entschädigungsanspruch zu begründen. Die Ausführungen des Sachverständigen Prof. V. schlössen daher einen Zusammenhang der geringgradigen Restriktion mit dem Unfallereignis aus, da eine hinreichende Wahrscheinlichkeit nicht bestehe.

Die Klägerin hat im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 14. Oktober 2016 das im Schriftsatz der Beklagten vom 5. August 2015 enthaltene Teilanerkenntnis angenommen.

Die Klägerin hat beantragt,

unter Änderung des Bescheides vom 24. April 2012, des Änderungsbescheides vom 2. Juli 2013 und des Widerspruchsbescheides vom 23. Januar 2014 festzustellen, dass die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) mit geringer Ventilationsstörung eine zusätzliche Folge des Arbeitsunfalls vom 14. August 2010 darstellt.

Die Beklagte hat beantragt,

die Klage insoweit abzuweisen.

Mit Urteil vom 14. Oktober 2016 hat das SG Rostock unter Abänderung der angefochtenen Bescheide und über das angenommene Anerkenntnis vom 5. August 2015 hinaus festgestellt, dass die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) der Klägerin mit geringer Ventilationsstörung eine Folge des Arbeitsunfalls vom 14. August 2010 darstellt. In den Entscheidungsgründen, auf die im Einzelnen verwiesen wird, hat das SG ausgeführt, die Klage sei begründet, soweit die Klägerin damit nur noch die Feststellung geltend mache, dass ihre Lungenerkrankung (COPD) mit geringer Ventilationsstörung eine Folge des Arbeitsunfalls vom 14. August 2010 darstelle (§ 55 Abs. 1 Nr. 3 SGG). Hierauf habe die Klägerin ihren Klageantrag im Termin zur mündlichen Verhandlung aufgrund des Beweisergebnisses und des Teilanerkenntnisses der Beklagten richtig beschränkt (§ 99 Abs. 3 Nr. 2 SGG). Die Klägerin könne die beantragte Feststellung zur Überzeugung des Gerichts auch beanspruchen. Unfallfolgen stellten Gesundheitsstörungen dar, die nach medizinisch-wissenschaftlicher Lehrmeinung mit dem Grad der Wahrscheinlichkeit zumindest wesentlich auf dem angeschuldigten Arbeitsunfall beruhten. Diese Voraussetzung erfülle die Ventilationsstörung der Klägerin. Sowohl Dr. M. als auch der erfahrene Sachverständige Prof. V. hätten das Thorax- und Pneumothoraxtrauma und die Rippenserienfraktur sowie die anschließende Thoraxdrainagebehandlung und künstlicher Beatmung als die wahrscheinliche Ursache für die bestehende Ventilationsstörung der Klägerin bewertet. Dafür spreche, dass sie vor dem Unfall hinsichtlich der Lungenfunktion beschwerdefrei gewesen sei, dass sie über 22 Tage im Sinne einer Langzeitbeatmung künstlich beatmet worden sei und dass die Unfallverletzungen und die Behandlungen nach Mitteilung der Sachverständigen geeignet gewesen seien für die Verursachung der Ventilationsstörung. Zutreffend hätten die Sachverständigen die Verletzungen und die Behandlungsmaßnahmen auch als wesentlich für die Ventilationsstörung bewertet. Für die Bedeutung einer Ursache im Rechtssinne sei es nicht erforderlich, dass das äußere Ereignis die alleinige Bedingung für die Entstehung der geltend gemachten Gesundheitsstörung darstelle, sondern es reiche nach der Zusammenhangslehre der "wesentlichen Bedingung" eine Verursachung im Sinne einer wesentlichen Mitbedingung. Für die Wesentlichkeit komme es nicht auf eine "überwiegende", "gleichwertige" oder "annähernd gleichwertige" Bedeutung an, sondern auch eine nur "annähernd gleichwertige", also verhältnismäßig niedriger zu bewertende Bedingung könne für den Erfolg rechtlich wesentlich sein, solange die anderen Ursachen keine überragende Bedeutung hätten. Eine andere Bedingung für die Entstehung der Ventilationsstörung mit überragender Bedeutung in diesem Sinne hätten die Sachverständigen nicht mitgeteilt. Dies gelte sowohl hinsichtlich des von der Klägerin bis zu dem Unfall praktizierten Nikotinabusus als auch für ihren schlechten Trainingszustand und ihr Übergewicht. Zutreffend habe Prof. V. zudem darauf hingewiesen, dass das Übergewicht zumindest zum Teil auf dem Unfall beruhe, da die Klägerin infolge der erlittenen Beinverletzung und ihrer gesamten Minderbelastbarkeit seitdem mehr als 30 kg Gewicht zugenommen habe.

Gegen das ihr am 6. Februar 2017 zugestellte Urteil hat die Beklagte am 3. März 2017 Berufung eingelegt. Dem Urteil des SG Rostock könne nicht gefolgt werden. Eine COPD liege entgegen der Annahme des SG diagnostisch nicht vor. Auch habe Prof. V. auf seinem Fachgebiet als Gesundheitsstörung eine im Schwankungsbereich der Norm liegende geringgradige Restriktion festgestellt. Unabhängig davon, dass Normwerte nicht pathologisch seien und somit die Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht minderten, halte er mit bzw. vollständig die ausgeprägte Adipositas und den unzureichenden Trainingszustand der Klägerin ursächlich für die geringgradige Restriktion. Dem Unfall werde lediglich eine mögliche Teilursache zugeschrieben. Die bestehende Adipositas möge zwar durch die unfallbedingte Bewegungsarmut begünstigt werden, sei aber in erster Linie auf das Essverhalten der Klägerin zurückzuführen und nicht Folge des Unfalls.

Die Beklagte beantragt,

das Urteil des Sozialgerichts Rostock vom 14. Oktober 2016 aufzuheben und die Klage insoweit abzuweisen.

Die Klägerin beantragt,

die Berufung zurückzuweisen.

Sie hält das angefochtene Urteil für zutreffend.

Der Senat hat Beweis erhoben durch Einholung eines internistisch-pneumologischen Gutachtens des Dr. H. vom 23. Juli 2018. Auf der Grundlage einer stationären Untersuchung der Klägerin in der Zeit vom 5. bis 7. Juni 2018 hat der Sachverständige Dr. H. zusammenfassend ausgeführt, die pulmologischen Veränderungen im Sinne einer COPD Stadium II mit Luftnot bei körperlichen Belastungen der Klägerin seien durch ein vorheriges inhalatives Zigarettenrauchen, jedoch nicht als Unfallfolgen anzusehen. Dafür sprächen die lungenfunktionellen Veränderungen mit Obstruktion und Überblähung bei fehlenden Restriktionshinweisen und die normale Atemmuskelkraft bei verstärkter Beanspruchung der Atempumpe. Die Essstörung mit 30 kg Gewichtszunahme sei im Zusammenhang mit dem Trauma zu sehen. Es bestehe völlige Übereinstimmung in der pulmologischen Bewertung der Unfallfolgen mit den Einschätzungen des Dr. S. vom 30. März und 26. August 2015 sowie dem Gutachten des Internisten V. vom 28. Mai 2013. Der Einschätzung im Gutachten des Dr. M. vom 17. Januar 2015 könne nicht gefolgt werden. Bezüglich des Gutachtens des Prof. V. vom 12. Mai 2016 bestehe bezüglich der Wertung der lungenfunktionellen Befunde keine Übereinstimmung darin, dass eine restriktive Ventilationsstörung bestehen solle, die im Zusammenhang mit dem Unfall gesehen werden sollte und eine MdE von 10 begründe.

Ergänzend hat Dr. H. ausgeführt, bei der Klägerin bestehe eine leistungseinschränkende Adipositas permagna, der auskultatorische Lungenbefund sei unauffällig. Es fänden sich keine klinischen Zeichen einer manifesten Obstruktion (Giemen und Brummen). Lungenfunktionell bestünden in drei voneinander unabhängigen Untersuchungen bodyplethysmographisch eine gering bis mittelgradigige periphere und zentrale Obstruktion und mittelgradige Emphysemhinweise, die sich auf eine vorhandene COPD bezögen. Eine manifeste restriktive Ventilationsstörung sei nicht nachweisbar. In drei voneinander unabhängigen Atemmuskelmessungen hätte sich keine verminderte Atemmuskelkraft gezeigt, was eine nachhaltige Schädigung der muskulären Atempumpe (Zwerchfell als Hauptatemmuskel) durch Unfallfolgen ausschließe, jedoch bestehe eine verstärkte Beanspruchung der Atempumpe als Ausdruck einer COPD.

Die Beklagte sieht sich durch das Gutachten des Dr. H. in ihrer Auffassung bestätigt, dass der bei der Klägerin bestehenden Lungenfunktionsstörung die Anerkennung als Folge des Arbeitsunfalls vom 14. August 2010 zu verwehren gewesen sei, wofür sich auch Dr. S. in seinen Stellungnahmen ausgesprochen habe.

Die Klägerin weist darauf hin, dass im Gutachten des Dr. H. die Essstörung mit 30 kg Gewichtszunahme/Adipositas permagna als Unfallfolge bestätigt werde. Letztere habe die Beklagte bislang nicht anerkannt.

Hierzu hat die Beklagte ausgeführt, Dr. H. habe als Pulmologe nicht die erforderliche Expertise, um die Ursachen von Essstörungen zu beurteilen. Zudem sei die Adipositas auf das Essverhalten der Klägerin zurückzuführen und nicht Folge des Unfalls. Dies finde seine Bestätigung auch darin, dass die Klägerin seit 2016 15 kg Gewicht abgenommen habe.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Gerichtsakten (L 5 U 13/17 - S 3 U 12/14) sowie die Verwaltungsakten der Beklagten, die vorgelegen haben und Gegenstand der mündlichen Verhandlung gewesen sind, verwiesen.

Gründe

Die zulässige Berufung der Beklagten ist auch begründet.

Das angefochtene Urteil des SG Rostock vom 14. Oktober 2016 war aufzuheben, soweit das SG festgestellt hat, dass auch die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) der Klägerin eine Unfallfolge des anerkannten Arbeitsunfalls der Klägerin vom 14. August 2010 darstellt. Dies ist zur Überzeugung des Senats nämlich nicht der Fall. Der Bescheid der Beklagten vom 24. April 2012 in Gestalt des Bescheides vom 2. Juli 2013 und des Widerspruchsbescheides vom 23. Januar 2014 und des (Teil-)Anerkenntnisses vom 5. August 2015 sind rechtmäßig und verletzen die Klägerin nicht in ihren Rechten.

Streitgegenstand im Berufungsverfahren ist ausschließlich die Frage, ob eine chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD) ebenfalls gesundheitliche Folge des Arbeitsunfalls der Klägerin vom 14. August 2010 ist. Nur die Feststellung dieser weiteren Gesundheitsstörung hat die anwaltlich vertretene Klägerin noch im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 14. Oktober 2016 vor dem SG Rostock beantragt. Soweit die Klägerin mit ihrer Klage darüber hinaus zunächst noch die Feststellung weiterer Gesundheitsstörungen als Folge ihres Arbeitsunfalls verfolgt hat, hat sie dies, nachdem sie insbesondere das Teilanerkenntnis der Beklagten vom 5. August 2015 angenommen hatte, nicht mehr weiterverfolgt, sondern sich allein darauf beschränkt, dass auch die bei ihr bestehende COPD gesundheitliche Folge ihres Arbeitsunfalls vom 14. August 2010 ist. Mit der Beschränkung ihres Antrages im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 14. Oktober 2016 war damit eine Klagerücknahme im Übrigen verbunden, sodass die Klägerin im Berufungsverfahren die Feststellung, ob eine "Essstörung"/Adipositas ebenfalls Unfallfolge ist, nicht mehr verlangen kann, da die Beklagte es im Bescheid vom 2. Juli 2013 abgelehnt hat, eine Adipositas permagna als Unfallfolge anzuerkennen. Gemäß des erstinstanzlich gestellten Antrages hat das SG Rostock auch nur noch geprüft, ob die COPD bei der Klägerin eine Unfallfolge darstellt. Mit ihrer Berufung wendet sich die Beklagte allein gegen diese Feststellung im zusprechenden Urteil des SG Rostock. Eine (unselbständige) Anschlussberufung hat die Klägerin nicht eingelegt.

Eine COPD (im Stadium nach Gold II) ist entgegen der Auffassung der Klägerin und des SG Rostock jedoch keine Unfallfolge ihres anerkannten Wegeunfalls vom 14. August 2010.

Zwischen den Beteiligten ist unstreitig, dass die Klägerin einen Arbeitsunfall nach § 8 SGB VII erlitten hat. Das Entstehen von länger andauernden Unfallfolgen aufgrund des Gesundheitserstschadens (haftungsausfüllende Kausalität) ist keine Voraussetzung für die Anerkennung eines Arbeitsunfalls, sondern für die Gewährung einer Verletztenrente (vergleiche Urteil des BSG vom 12. April 2005 - B 2 U 11/04 R -; Urteil vom 5. September 2006 - B 2 U 24/05 R -, zitiert nach juris, Rn. 16). Dabei muss die länger andauernde Unfallfolge im Wege des Vollbeweises nachgewiesen seien, während für die nach der Theorie der wesentlichen Bedingung zu beurteilenden Ursachenzusammenhänge die hinreichende Wahrscheinlichkeit genügt. Eine hinreichende Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn bei vernünftiger Abwägung aller Umstände die für den wesentlichen Ursachenzusammenhang sprechenden Umstände so stark überwiegen, dass darauf die richterliche Überzeugung gegründet werden kann und ernstliche Zweifel ausscheiden; die bloße Möglichkeit einer wesentlichen Verursachung genügt hingegen nicht. Der länger andauernde Gesundheitsschaden (die Unfallfolge) ist Voraussetzung für die Feststellung bestimmter Gesundheitsstörungen als Folge eines Versicherungsfalles oder für bestimmte Leistungen nach dem SGB VII (vergleiche Becker, Neues Prüfungsschema für Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten, in: Der medizinische Sachverständige 2010, Seite 145 ff).

Der Senat ist davon überzeugt, dass die Klägerin an einer COPD (im Stadium nach Gold II) leidet. Hierbei schließt sich der Senat den Stellungnahmen des Beratungsarztes Dr. Sostmann und insbesondere der Beurteilung des Gerichtssachverständigen Dr. H. in seinem Gutachten vom 23. Juli 2018 an, der anlässlich der bei der stationären Untersuchung der Klägerin in der Zeit vom 5. bis 7. Juni 2018 durchgeführten apparativen Untersuchungen zu der Beurteilung gelangt ist, dass bei der Klägerin pulmologische Veränderungen im Sinne einer COPD (im Stadium II) bestehen.

Die bei der Klägerin im Vollbeweis nachgewiesene chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD) ist allerdings nicht mit Wahrscheinlichkeit auf ihren Arbeitsunfall vom 14. August 2010 zurückzuführen. Dies steht zur Überzeugung des Senats fest aufgrund der vorliegenden medizinischen Unterlagen über die Klägerin und den schlüssigen und überzeugenden Ausführungen in den beratungsärztlichen Stellungnahmen des Dr. S. vom 30. März 2015 und vom 26. August 2015, der Beurteilung im internistischen Gutachten des Herrn V. vom 28. Mai 2013 und insbesondere dem internistisch-pneumologischen Gutachten des Sachverständigen Dr. H. vom 23. Juli 2018. So sehen insbesondere Dr. S. und Dr. H. das vor dem Unfallereignis praktizierte jahrelange inhalative Zigarettenrauchen der Klägerin als Ursache für ihre pulmologischen Veränderungen im Sinne einer chronisch obstruktiven Lungenkrankheit an. Weiter weist Dr. S. insbesondere darauf hin, dass es bei dem Unfall der Klägerin nicht zu einer Verletzung ihrer Lunge gekommen ist, die zu Pleuraschwarten geführt haben. Nach der Beurteilung des Dr. S. ist es bei der Klägerin zu einem stumpfen Thoraxtrauma mit Rippenserienfraktur gekommen und damit zu einem Lufteintritt in den Spalt zwischen Lungen und Rippenfell (Pneumothorax). Die Lunge selbst war nicht mit vom Unfallgeschehen betroffen. Nach der Einschätzung des Dr. S. kann auch die nachfolgende (intensiv-)medizinische Behandlung der Klägerin nicht für die Entstehung einer COPD verantwortlich gemacht werden. Dies gilt insbesondere für die in der Zeit vom 14. August bis 5. September 2010 erfolgte Beatmung der Klägerin. Hierbei hat es sich nur um einen kurzen Zeitraum der Beatmung gehandelt, der nach der Einschätzung des Dr. S. nicht als geeignet angesehen werden kann, eine chronisch obstruktive Atemwegserkrankung von einem immerhin gewissen Schweregrad (Gold Stadium II) zu verursachen. Wenn allerdings infektiöse Komplikationen wie eine Pneumonie bei der Beatmung eingetreten wären, könne eine COPD hierdurch nach Beurteilung des Dr. S. hervorgerufen werden. Dies war aber bei der Klägerin glücklicherweise nicht der Fall, eine Pneumonie war nicht entstanden. Beatmungsabhängige Lungenschäden bei der Klägerin können damit nicht angenommen werden. Pleuraschwarten waren bei der Klägerin bildgebend nicht nachweisbar. Zu einer Schädigung des Zwerchfells bei der Klägerin ist es durch den Unfall ebenfalls nicht gekommen. Eine diesbezügliche Schädigung belegen weder die medizinischen Unterlagen noch die von Dr. H. bei der Klägerin veranlassten Lungenfunktionsprüfungen. Dieser Sachverständige hat insoweit in seinem Gutachten vom 23. Juli 2018 hervorgehoben, dass in drei voneinander unabhängigen Atemmuskelmessungen sich keine verminderte Atemmuskelkraft zeigte, was eine nachhaltige Schädigung der muskulären Atempumpe (Zwerchfell als Hauptatemmuskel) durch Unfallfolgen ausschließt. Auch war eine manifeste restriktive Ventilationsstörung bei der Klägerin im Rahmen der 3-tägigen stationären Untersuchung bei Dr. H. nicht nachweisbar. Denn die Lungenfunktionsuntersuchungen bei der Klägerin ergaben lungenfunktionelle Veränderungen mit Obstruktion und Überblähung bei fehlenden Restriktionshinweisen. Diese Befunde und die bei der Klägerin vorhandene normale Atemmuskelkraft veranlassten den Sachverständigen Dr. H., die bei der Klägerin bestehende COPD nicht als Unfallfolge zu bewerten, sondern die pulmologischen Veränderungen dem vorherigen inhalativen Zigarettenrauchen anzulasten.

Soweit Dr. M. in seinem internistischen Gutachten vom 17. Januar 2015 und seiner ergänzenden Stellungnahme vom 15. Juli 2015 zu der Beurteilung gelangt ist, dass eine chronisch-obstruktive Lungenkrankheit ebenfalls gesundheitliche Folge des Arbeitsunfalls der Klägerin vom 14. August 2010 sei, folgt der Senat der Beurteilung des Dr. M. nicht. Dr. M. hat seine Einschätzung im Wesentlichen darauf gestützt, dass erst im zeitlichen Zusammenhang mit dem Unfallgeschehen bei der Klägerin der Nachweis einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung geführt worden sei. Bis zum Unfallereignis am 14. August 2010 habe die Klägerin über keine Belastungsluftnot geklagt. Die größte Gefahr bestehe wie bei Pleuraschwarten in der Entwicklung einer COPD als Folge des gestörten Hustenmechanismus und damit eines gestörten Reinigungsmechanismus, was insbesondere nach Langzeitbeatmung der Fall sei. Zusammengefasst hat Dr. Matthies in seiner Stellungnahme vom 15. Juni 2015 nochmals darauf hingewiesen, dass angesichts der kardio-pulmonal bestehenden uneingeschränkten Belastbarkeit der Klägerin bis zum Unfallereignis er den Unfall als Ursache für die bei der Klägerin bestehende COPD ansehe.

Diese Ausführungen des Dr. M. überzeugen den Senat nicht. So hat Dr. S. in seiner Stellungnahme vom 30. März 2015 darauf hingewiesen, dass eine chronische obstruktive Atemwegserkrankung gekennzeichnet ist durch eine Einengung der Atemwege. Dieses Phänomen entsteht aufgrund von Entzündungen im Bereich der Bronchialschleimhaut bzw. aufgrund von Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur, in der Regel verursacht durch exogene Schadstoffeinwirkungen, in erster Linie durch Zigarettenkonsum. Eine chronische obstruktive Atemwegserkrankung auf dem Boden von Zigarettenkonsum entwickelt sich langsam, sodass sie zunächst dem Betroffenen nicht bewusst wird. Erst bei Auftreten eines ausgeprägteren Krankheitsstadiums werden dann ärztliche Konsultationen in Anspruch genommen. Es ist daher nicht gerechtfertigt, allein aufgrund des Hinweises, dass eine Konsultation eines Arztes vor einem bestimmten Zeitpunkt nicht stattgefunden habe zu folgern, dass eine derartige Erkrankung nicht vorgelegen habe. Das Argument des Dr. M., dass bis zum Unfallereignis die Klägerin über keine Belastungsluftnot geklagt habe und dass nach dem Unfall dann bei ihr eine COPD diagnostiziert worden ist, spricht zur Überzeugung des Gerichts nicht dafür, dass damit schon die Unfallursächlichkeit bejaht werden kann. Denn eine COPD entwickelt sich beim Raucher meist schleichend und führt zu Beeinträchtigungen meist erst nach langjährigem Nikotinabusus. Es spricht einiges dafür, dass sich die COPD bei der Klägerin aufgrund ihres langjährigen Rauchens langsam entwickelt hat, ohne dass sie ihr zunächst bewusst geworden ist. Es kann auch sein, dass die Klägerin erste Anzeichen einer sich entwickelnden Lungenkrankheit wie Atembeschwerden oder Husten zunächst nicht ernst genommen hat oder diese Anzeichen einer sich entwickelnden Erkrankung nicht wahrnehmen wollte. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass die Klägerin zum Zeitpunkt des Unfalles an keiner COPD gelitten hat, deren Auswirkungen sich erst nach dem Unfallgeschehen stärker bei ihr bemerkbar gemacht haben.

Soweit Dr. M. die Beatmung der Klägerin auch für die Entstehung einer COPD verantwortlich macht, kann ihm ebenfalls nicht gefolgt werden. Insoweit weist Dr. S. zutreffend darauf hin, dass es sich bei der Beatmung der Klägerin im Zeitraum vom 14. August bis 5. September 2010 eher um einen kurzen Zeitraum gehandelt hat. Da bei der Klägerin eine COPD Gold II diagnostiziert worden ist, hält es Dr. S. für ausgesprochen ungewöhnlich, dass sich in einem derart kurzem Zeitraum so schnell eine solche Störung von doch gewissem Ausmaß entwickelt haben kann. Wahrscheinlicher wäre dies, wenn es zu einer Verletzung der Lunge mit entsprechenden Pleuraverschwartungen gekommen wäre oder zur Ausbildung einer Pneumonie. Da die Klägerin jedoch keine Pneumonie erlitten hat und radiologisch nach dem Unfall keine Pleuraverschwartungen bei der Klägerin nachweisbar waren, spricht dies ebenfalls dagegen, dass durch die dem Unfall nachfolgende medizinische Behandlung der Klägerin deren COPD verursacht worden ist.

Der Beurteilung im Gutachten des Professor Dr. V. vom 12. Mai 2016 folgt der Senat ebenfalls nicht. Soweit dieser Sachverständige bei der Klägerin eine geringgradige restriktive Ventilationsstörung diagnostiziert hat, wird diese Diagnose in Auswertung der medizinischen Unterlagen und Untersuchungen weder durch Dr. S. noch durch Dr. H. bestätigt. Im Übrigen führt Professor V. in seinem Gutachten aus, dass die von ihm diagnostizierte geringgradige restriktive Ventilationsstörung partiell auf der massiven Adipositas der Klägerin, möglicherweise partiell auch auf dem durchgemachten Thoraxtrauma beruht. Auch hält er es für möglich, dass die massive Adipositas allein geeignet wäre, die bei der Klägerin bestehenden Veränderungen zu erklären. Damit hält es Professor V. nur für möglich, dass der Unfall eine Teilursache für die von ihm bei der Klägerin diagnostizierte geringgradige restriktive Ventilationsstörung darstellt; dass sie mit Wahrscheinlichkeit auf dem Unfall beruht, diese Einschätzung trifft Professor V. gerade nicht.

Da zur Überzeugung des Senats die chronisch obstruktive Lungenerkrankung der Klägerin keine Unfallfolge darstellt, war der Berufung der Beklagten stattzugegeben.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG; im Hinblick auf den teilweise von der Klägerin im erstinstanzlichen Verfahren erzielten Erfolg hat es der Senat für angemessen erachtet, die erstinstanzliche Kostenentscheidung zu ändern.

Gründe für eine Revisionszulassung sind nicht ersichtlich (§ 160 Abs. 2 SGG).

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