LG Köln, Urteil vom 06.05.2020 - 25 O 84/18
Fundstelle
openJur 2021, 7283
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Tenor

Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits tragen die Klägerin zu 2/3 und die Beklagte zu 1/3.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110% des zu vollstreckenden Betrags.

Tatbestand

Die klagende Berufshaftpflichtversicherung des niedergelassenen Kinderarztes Dr. T verlangt von der Beklagten, die auch niedergelassene Kinderärztin ist, im Wege der Teilklage für den Zeitraum 01.07.2015 bis 31.12.2017 Gesamtschuldnerausgleich durch vollständige Übernahme der während dieses Zeitraums in Höhe von 41.384 € erbrachten Versicherungsleistungen gegenüber der Patientin T1.

Die am 08.08.2002 geborene Patientin erhob 2006 Klage gegen den Versicherungsnehmer der Klägerin und die Beklagte mit dem Vorwurf, beide hätten den Brechdurchfall der Patientin, als sie rund acht Monate alt war, fehlerhaft behandelt, weswegen sie eine schwere Dehydratation und infolgedessen eine dauerhafte zerebrale Schädigung erlitten habe. Zunächst erstritt die Patientin im ersten Vorverfahren (25 O 263/06) ein Grundurteil der Kammer vom 12.11.2008, in dem allein der Versicherungsnehmer der Klägerin wegen grober Behandlungsfehler zur Haftung verurteilt und die Klage gegen die Beklagte abgewiesen wurde, weil ein Behandlungsfehler der Beklagten nicht erwiesen sei. Dies änderte das Oberlandesgericht Köln und stellte die gesamtschuldnerische Haftung beider Kinderärzte mit Urteil vom 22.09.2010 dem Grunde nach fest (5 U 211/08). Ein Mitverschulden der Mutter der Patientin, das sich die Patientin ggf. hätte anrechnen lassen müssen, sei nicht gegeben. Mit Schlussurteil der Kammer vom 31.10.2012 erfolgte die Verurteilung beider Gesamtschuldner zur Zahlung eines Schmerzensgelds in Höhe von 400.000,- € und materiellem Schadenersatz in Höhe von 81.327,87 € sowie die Feststellung der Verpflichtung zu weiterem Schadenersatz. In der Berufungsinstanz (OLG Köln 5 U 167/12) wurde das Schlussurteil der Kammer rechtskräftig, nachdem die Parteien jenes Verfahrens noch einen zusätzlichen Vergleich am 07.04.2014 über eine weitere Zahlung in Höhe von 109.000,- € geschlossen hatten. Diese Einigung umfasste die materiellen und immateriellen Schadenersatzansprüche der Patientin bis zum 07.08.2012. Die Patientin erhielt seit dem Vergleichsschluss eine laufende monatliche Rente von 1.478 €, im Quartal 4.434 €. In einem weiteren Vorverfahren der Patientin gegen den Versicherungsnehmer der Klägerin und die Beklagte (25 O 284/17) erstritt die Patientin mit (noch nicht rechtskräftigem) Urteil der Kammer vom 04.03.2020 u.a. weiteren Schadenersatz wegen schädigungsbedingter vermehrter Bedürfnisse in Höhe von 71.274,68 € sowie eine Erhöhung der vierteljährlich im Voraus zu zahlenden Rente auf 2.489 € (4.867 € abzüglich Pflegegeld in Höhe von 900 € je Monat abzüglich bereits erfolgender fortlaufender monatlicher Zahlung der Beklagten in Höhe von 1.478 €).

Hintergrund der Vorverfahren und dieses Verfahrens war, dass die Patientin ab dem 21.04.2003 (Ostermontag) unter Erbrechen und Durchfall litt und deshalb von ihrer Mutter, der Zeugin T2 , an diesem Tag in der Universitätskinderklinik in Köln Dr. M vorgestellt wurde. Er diagnostizierte eine Magen-Darm-Infektion nach Untersuchung der Blutsalze und Blutgase und verordnete die Gabe von Tee und einer Elektrolytlösung, was ein in Wasser aufzulösendes Pulver war. Dr. M riet zur Wiedervorstellung bei Verschlechterung. Am 22.04.2003 vormittags wandte sich die Mutter der Patientin wegen des anhaltenden Brechdurchfalls an den Versicherungsnehmer der Klägerin. Er untersuchte die Patientin. Auch er diagnostizierte einen Magen-Darm-Infekt, verordnete Vomex und Paspertin und übergab der Mutter der Patientin ein Merkblatt über den Magen-Darm-Infekt bei Säuglingen, in dem Anzeichen für einen Flüssigkeitsverlust und eine ggf. notwendige Klinikeinweisung behandelt wurden. Am 23.04. und am 24.04.2003 versuchte die Mutter der Patientin vergeblich, erneut mit dem Kind bei dem Versicherungsnehmer der Klägerin vorstellig zu werden. Einzelheiten hierzu waren und sind streitig. Der Mutter der Patientin wurde ein Folgerezept durch die Sprechstundenhilfe gegeben; ein Kontakt zum Versicherungsnehmer der Klägerin erfolgte nicht. Deshalb suchten die Zeuginnen T2 und T3 (Großmutter der Patientin) am 24.04.2003 nachmittags die Praxis der Beklagten mit der Patientin auf. Die Beklagte untersuchte die Patientin und wog sie dabei auch. Auch hier waren und sind Einzelheiten des Arztbesuchs streitig, insbesondere dazu, ob die Beklagte eine Einweisung ins Krankenhaus empfahl oder dies als unnötig bezeichnete. Ihre Dokumentation enthält unter anderem die Eintragung "Versuch mit strenger Diät, z.B. Tee, Heilnahrung mindestens 700-1000 ml bis abends ansonsten Klinik, Aufklärung über Notwendigkeit Krankenhaus, Oma meint, bei ihr würde das Kind gut trinken, Einweisung mündlich abgelehnt". Am Morgen des 25.03.2003 bekam die Patientin Fieber und bläuliche Lippen. Es fanden zwei Telefonate zwischen der Mutter der Patientin und der Beklagten statt, deren Inhalt ebenfalls streitig ist. Die Zeuginnen T3 und T2 brachten die Patientin am 25.04.2003 kurz danach in die Universitätskinderklinik. Dort wurde die Patientin ab 10.40 Uhr auf der Intensivstation behandelt. Der Aufnahmebefund im Arztbrief von Prof. N, Prof. S und Dr. W lautete: "8 Monate alter Säugling in miserablem Allgemeinzustand, zyanotisch, marmoriert, peripher kühl, komatös, starrer Blick, vertiefte verlangsamte Atmung, gefäßinjizierte trockene Hornhaut, kein Lidschlag, Fontanelle knapp unter Niveau, Augen maximal tiefliegend, ... distale Pulse initial nicht tastbar, Temperatur rektal 39,6°C." Die Diagnosen im genannten Arztbrief lauteten: "schwerste hypertone Dehydration / Toxikose bei sekundär fieberhafter Rotavirusenteritis, kompliziert durch Stammganglieninfarkte beidseits und zerebrale Krampfanfälle und Thrombozytopenie. Differentialdiagnose: Schockfolge / Thrombose. Differentialdiagnose: Rotavirus-Enzephalopathie, extrapontine Myelinolyse bei Hypernatriämie, transitorische Hepatopathie, vorbestehend zentrale Tonus- und Koordinationsstörung."

Im Vorverfahren 25 O 263/06 stellte der pädiatrische Sachverständige Prof. Dr. C fest, dass der Versicherungsnehmer der Klägerin das anhaltende Erbrechen, was bei einem Säugling ein absolutes Warnsignal sei und eine Indikation zur intravenösen Flüssigkeitszufuhr, nicht lege artis behandelt habe. Er habe Untersuchungen, insbesondere das im Zusammenhang mit Flüssigkeitsverlust sehr wichtige Wiegen des Säuglings, unterlassen. Er habe die Mutter der Patientin auf eine drohende Hypernatriämie (Anstieg der Natriumkonzentration im Blutserum durch Flüssigkeitsmangel) und was damit verbunden ist, nicht hinreichend hingewiesen. Das Überreichen eines Merkblatts zu Durchfallerkrankungen von Säuglingen zum selbst Anlesen des Wissens reiche nicht, es müsse eine mündliche Erläuterung der Gefahr erfolgen. Dr. T habe seine Praxis nicht richtig organisiert, so dass ein seit Tagen unter Brechdurchfall bedingtem Flüssigkeitsverlust leidender Säugling nicht am Empfang abgewiesen, sondern auch ohne Termin zu ihm vorgelassen werde. Dies sei ein grob fehlerhaftes Organisationsverschulden. Das Oberlandesgericht stellte nach weiterer Beweisaufnahme hinsichtlich der Beklagten im Grundurteil vom 22.09.2010 fest, dass auch sie fehlerhaft gehandelt habe, aber nicht grob fehlerhaft, als sie in nicht verständlicher Weise über die Gefährlichkeit der Erkrankung und die Erforderlichkeit einer Behandlung im Krankenhaus gesprochen habe. Der weitere pädiatrische Sachverständige des Vorverfahrens Prof. Dr. C1 stellte zu den gesundheitlichen Folgen fest, dass die Patientin unter einer dauerhaften hochgradigen Teilhabe-Beeinträchtigung in den Bereichen Mobilität und Selbständigkeit und im sozialen Bereich an Störungen der Motorik, Kognition und Sprache leide. Im Vorverfahren 25 O 284/17 ergab die Beweisaufnahme schädigungsbedingte, andauernde und regelmäßig anfallende, vermögenswerte objektivierbare Mehraufwendungen der Patientin, die ihr im Vergleich zu einem gesunden Menschen in der Vergangenheit entstanden, und die ihr in Zukunft bis an ihr Lebensende entstehen werden. Veränderungen hinsichtlich der Höhe der Mehraufwendungen sind nach den Beweisergebnissen im Vorverfahren 25 O 284/17 in Zukunft nicht durch eine nicht zu erwartende gesundheitliche Besserung denkbar, sondern allein ggf. durch eine etwaige Veränderung der Art und damit der Kosten der Betreuung der Patientin sowie ggf. durch eine Veränderung der Höhe der Drittleistungen. Daher hat die Kammer im noch nicht rechtskräftigen Urteil vom 04.03.2020 festgestellt, dass mangels Veränderung in den Bereichen Verhalten und Kognition die Patientin unverändert aus den bereits in den Vorverfahren geltenden Gründen permanenter Anwesenheit einer Betreuungsperson bedarf und nicht alleine gelassen werden kann, da dazu ihre Selbständigkeit und ihr Verständnishorizont nicht ausreichen und sie umfassend pflegebedürftig ist und bleibt.

Im nunmehr geführten Verfahren ist die Klägerin der Auffassung, dass - da nur im Außenverhältnis die Haftung der Gesamtschuldner rechtskräftig festgestellt wurde - die Haftungsverteilung im Innenverhältnis neu diskutiert werden müsse und stellt im Abrede, dass ihrem Versicherungsnehmer ein größerer Anteil an Verursachung zur Last zu legen sei als der Beklagten, im Gegenteil. Die Beklagte habe die Patientin als letzte gesehen und hätte nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme im Vorverfahren 25 O 263/06 bei richtigem Handeln den Schaden abwenden können. Wenn die Beklagte am Nachmittag des 24.04.2003 keine Veranlassung gesehen habe, die Patientin umgehend direkt in ein Krankenhaus einzuweisen, spreche nichts dafür, dass der Zustand der Patientin bei der letzten Vorstellung in der Praxis ihres Versicherungsnehmers derart besorgniserregend gewesen wäre, dass eine vom Versicherungsnehmer der Klägerin unterlassene Krankenhauseinweisung oder Blutgasuntersuchung ein grober Fehler wäre. Der Verursachungsbeitrag der Beklagten wiege schwerer, da sie unterlassen habe, eindeutig und verständlich auf die dringend erforderliche intravenöse Flüssigkeitszufuhr hinzuweisen, ohne die eine lebenslange schwere Behinderung oder ein Versterben der Patientin drohte. Die den Zeuginnen T2 und T3 aufgegebene orale Flüssigkeitszufuhr von 700-1000ml bis zum Abend, also binnen weniger Stunden, sei erkennbar völlig unrealistisch und daher ungeeignet und nicht lege artis gewesen. Wäre den Zeuginnen die mit dem Flüssigkeitsmangel verbundene Gefahr für Gesundheit und Leben der Patientin verständlich mitgeteilt worden, hätten sich die Zeuginnen aufklärungsgerecht verhalten und die Patientin ins Krankenhaus gebracht. Zudem hätten die weiteren Aussagen der Beklagten, die in der Unikinderklinik verordnete Elektrolytlösung könne weggekippt werden und es könne stattdessen Tee und Ergänzungsnahrungsmilch gefüttert werden, der angeblich gegebenen Krankhausempfehlung, falls sie erteilt worden sein sollte, die Aussagekraft und Wichtigkeit genommen. Für den Innenausgleich der Gesamtschuldner sei die Verursachung maßgeblich, nicht das Verschulden. Daher hafte die Beklagte voll.

Die Klägerin beantragt,

die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin 41.384 € nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz aus 4.434 € seit dem 22.09.2015 und aus weiteren monatlich bis 20.12.2017 gezahlten je 1.478 €, jeweils gerechnet ab dem 20. des jeweiligen Monats, zu zahlen.

Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Die Beklagte ist der Auffassung, die Klägerin könne ihren Versicherungsnehmer nicht unter Verweis auf die - überdies grob fehlerhafte - Untersuchung am 22.04.2003 und die Aushändigung eines Folgerezepts durch seine Helferin am 23.04.2003 entlasten und dabei die durch seine Helferin am 24.04.2003 verweigerte Vorstellung der Patientin außer Acht lassen und nur auf den Kontakt der Beklagten mit der Patientin am 24.04.2003 als für die Verursachung maßgeblich abstellen. Hätte der Versicherungsnehmer der Klägerin seine Praxisabläufe richtig organisiert und seine Helferinnen richtig angewiesen, hätten sie am 24.04.2003 einen seit Tagen unter Brechdurchfall leidenden Säugling nicht abweisen dürfen, sondern zu ihm vorlassen müssen und dann hätte er durch eine Krankenhauseinweisung den Schaden ebenso verhindern können. Daher sei sein Verursachungsbeitrag am 24.04.2003 derselbe wie der der Beklagten. Die Beklagte habe am 24.04.2003 immerhin eine kunstgerechte Untersuchung der Patientin vorgenommen und lediglich nicht mit der gebotenen Vehemenz und Eindeutigkeit eine Krankenhauseinweisung als alternativlos und zwingend dargestellt, aber habe sie empfohlen.

Die Kammer hat Beweis erhoben gemäß Beweisbeschluss vom 23.10.2018 (Bl. 106 ff. GA) durch Verwertung der Sachverständigengutachten nebst Ergänzungen aus dem Vorverfahren 25 O 263/06 (=5 U 211/08), durch Einholung eines ergänzenden Sachverständigengutachtens des pädiatrischen Sachverständigen Prof. Dr. C vom 25.07.2019 (Bl. 172 ff. GA) und durch seine Anhörung und die der Beklagten sowie durch Vernehmung der Zeuginnen T2 und T3 im Termin am 18.02.2020 (Protokoll Bl. 250 ff. GA). Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten zum Sach- und Streitstand wird auf den Akteninhalt dieses Verfahrens sowie den des Vorverfahrens 25 O 263/06, dessen Akten vorgelegen haben, Bezug genommen.

Gründe

Die Klägerin kann von der Beklagten die Übernahme der Schadensfolgen in Höhe von einem Drittel aus § 426 II 1, 254 BGB verlangen. Dies ergibt 13.794,67 € für den streitgegenständlichen Zeitraum. Im Übrigen ist die Klage nicht begründet und wird abgewiesen.

Die Klägerin hat nicht beweisen können, dass ein von § 426 I BGB zu ihren Gunsten abweichender Ausgleich zwischen ihr und der Beklagten vorzunehmen ist. Im Gegenteil, nach dem Akteninhalt und den Beweisergebnissen des Vorverfahrens 25 O 263/06, die nach § 411 a ZPO und als Urkunden durch die Kammer verwertet worden sind, sowie nach den Beweisergebnissen dieses Verfahrens, ist der Ausgleich im Innenverhältnis zwischen den Gesamtschuldnern zu zwei Dritteln dem Versicherungsnehmer der Klägerin und zu einem Drittel der Beklagten zuzuordnen, da der Verursachungsbeitrag und das Verschulden des Versicherungsnehmers der Klägerin überwiegen.

In erster Linie hängt der Ausgleich unter den Gesamtschuldnern nach § 426 BGB und damit das Maß der internen Beteiligung der Haftpflichtigen von den Umständen der Schadenszufügung ab, also davon, inwieweit der Schaden vorwiegend von dem einen oder dem anderen Täter verursacht bzw. verschuldet worden ist (vgl. MünchKomm/Heinemeyer BGB 8. Aufl. § 426 Rz 22). Die Haftungsverteilung im Innenverhältnis erfolgt unter Heranziehung der zu § 254 I BGB entwickelten Grundsätze (vgl. RGZ 75, 251, 256) und berücksichtigt, wer von den Gesamtschuldnern den Eintritt des Schadens überwiegend verursacht hat. Dies gilt auch für die vertragliche Schadenshaftung (vgl. BGHZ 43, 227 = NJW 1965, 1175). Aufgrund des Wortlauts von § 254 BGB ist dabei nicht allein auf das Maß des beiderseitigen Verschuldens abzustellen (vgl. BGH NJW 1997, 2236, 2238; BGH NJW 1998, 1137, 1138; BGH NJW-RR 2000, 272, 273; BGH NJW 2002, 1263, 1264). Das Verschulden darf nicht auf eine Ebene mit der Verursachung gestellt werden (vgl. MünchKomm/Oetker BGB 8. Aufl. § 254 Rz 108). Dabei ist die Verursachung nicht im naturwissenschaftlichen Sinne maßgeblich, da naturwissenschaftlich ein Beitrag entweder ursächlich ist oder nicht. Maßgeblich ist das Maß an Verursachung, also die Wahrscheinlichkeit, mit der das jeweilige Verhalten zum Eintritt des Schadens führt (vgl. BGH NJW 1994, 379; BGH NJW 1998, 1137, 1138; BGH NJW-RR 2000, 272, 273; BGH NJW-RR 2009, 239, 241). Je wahrscheinlicher das jeweilige Verhalten für den Schadenseintritt war, umso größer ist der zu tragende Schadensanteil (vgl. MünchKomm/Oetker BGB 8. Aufl. § 254 Rz 109). Die zeitliche Reihenfolge der Schadensbeiträge ist unerheblich (vgl. BGH VersR 1988, 1238,1239). Es ist also primär auf die Wahrscheinlichkeit der Verursachung und sekundär auf das Verschulden abzustellen (vgl. OLG Düsseldorf, Urteil vom 12.06.2008 - I-8 U 129/07 - MedR 2009, 285). Im Gegensatz zu anderen in der Rechtsprechung entschiedenen Fällen der Gesamtschuldnerschaft von mehreren Ärzten lag im hier vorliegenden Fall zwischen dem Versicherungsnehmer der Klägerin einerseits sowie der Beklagten andererseits keine vertikale Trennung der Verantwortungsbereiche - wie etwa bei einem Chirurgen, der einen Radiologen hinzuzieht - vor, und auch keine horizontale Trennung von Verantwortungsbereichen - wie z.B. bei einem Belegarzt und einem Klinikträger - vor. Die beiden Kinderärzte wurden hier hintereinander und unabhängig von einander, ohne sich untereinander hinzuzuziehen, von der Mutter der minderjährigen Patientin als behandelnde Ärzte konsultiert und waren daher jeweils in der vollen Verantwortung für die Patientin mit deckungsgleichen, sich voll überschneidenden Verantwortungsbereichen. Daher ergeben sich keine Unterschiede in der Binnenhaftung wegen verschiedener Verantwortungsbereiche. Relevant für die Binnenhaftung ist daher das Maß an Wahrscheinlichkeit ihres Tuns und Unterlassens für den Schadeneintritt.

Der im Vorverfahren und im vorliegenden Verfahren tätige Sachverständige Prof. Dr. C , ehemaliger Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Goethe-Universitätskinderklinikum Frankfurt am Main, der wegen seiner hohen Sachkunde erneut als Sachverständiger berufen worden ist, hat zunächst grundsätzlich zur vorliegenden Problematik einer sich entwickelnden Hypernatriämie (erhöhte Natriumkonzentration im Blutserum) aufgrund von brechdurchfallbedingtem Flüssigkeitsverlust festgestellt, dass eine Wahrscheinlichkeit, mit einem Tun oder Unterlassen einen Verursachungsbeitrag zu leisten, umso höher sei, je länger der Zustand von Durchfall und Erbrechen bestanden habe und je näher man an dem Zustand der schädigenden Hypernatriämie gekommen sei.

Wie bereits im Grundurteil vom 22.09.2010 durch den Senat festgestellt, liegt ein Teil der Verursachungsbeiträge des Versicherungsnehmers der Klägerin in seinem grob fehlerhaften Vorgehen am 22.04.2002, da er an jenem Tag eine hypertone Dehydratation durch erneutes Überprüfen der Blutgase und -elektrolyte nicht ausschloss, er diese Form der drohenden Dehydratation und die Wichtigkeit der raschen Wiederherstellung der Flüssigkeitszufuhr auf oralem oder ggf. intravenösem Wege der Mutter der Patientin nicht mündlich erläuterte, er das Wiegen der Patientin zu Vergleichszwecken bei einer späteren erneuten Vorstellung und das Messen der Körpertemperatur unterließ und er nicht dokumentierte, den Bewusstseinszustand der Patientin (ihre Reaktion auf Außenreize), den Zustand und die Elastizität ihrer Haut (Turgor), die kapilläre Füllungszeit (durch Drücken der Fingerkuppen), die Feuchtigkeit von Zunge und Mundschleimhaut, ihre Pulsrate und ihre Atmung überprüft zu haben. Auch nicht dokumentiert seien abgefragte Trinkmengen. Nachvollziehbar hat der Sachverständige Prof. Dr. C dazu in seinem Gutachten vom 11.03.2007 (Bl. 109 ff. der Beiakte) sowie im Termin am 18.02.2020 ausgeführt, dass das bloße Überprüfen von kreislaufbezogenen Symptomen von einer fehlerhaften Fixierung auf eine isotone Form der Dehydratation zeuge, die aber nur etwa 80% der Dehydratationsformen betreffe. Die in etwa 20% der Fälle auftretende hypernatriämische Form, bei der es durch osmotische Diffusion zwischen den Zellen zu einer Verlagerung von Wasser aus den Zellen heraus in die Blutgefäße komme, offenbare sich durch Hinweise aus dem Zentralnervensystem (wie wegfallende Wachheit und Reaktion auf Außenreize), das ungewöhnlich langsame Füllen der Kapillargefäße bei Drücken der Fingernägel und durch die veränderten Blutgase und -elektrolyte im Blutserum. Daher müsse auch in diese Richtung fachärztlich gedacht werden, wenn anhaltendes Erbrechen und/oder anhaltender Durchfall und dass das Kind "nichts bei sich behalte" geschildert werden. Dies gelte auch bereits einen Tag nach erfolgter Überprüfung der Blutgase und -elektrolyte, wie hier vorgenommen durch Dr. M am 21.04.2003. Denn diese Symptome seien bei einem Säugling als absolute Warnsignale anzusehen, die befürchten lassen müssen, mit der oralen Flüssigkeitszufuhr sehr bald an Grenzen zu stoßen, und deshalb müsse eine Flüssigkeitszufuhr per Sonde oder auf intravenöse Weise in einer Klinik veranlasst werden, da sonst eine Schädigung des Zentralnervensystems drohe. Nachvollziehbar hat der Sachverständige bemängelt, dass das Übergeben eines Merkblatts zu Aspekten der Flüssigkeitszufuhr an die Mutter unzureichend sei. Bei der nervlichen Belastung mit einem kranken Säugling seien Mütter nicht ausreichend aufnahmefähig für noch anzulesende Informationen. Die Mutter hätte mit klaren Worten zur Flüssigkeitstherapie und zur Klinikeinweisung hingeleitet werden müssen. Aus Sicht der Kammer hat das Unterlassen dieser Untersuchungen und der gebotenen Sicherungsaufklärung der Zeugin T2 die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, dass der weitere Fortgang der Behandlung unzureichend und gesundheitsgefährdend wurde. Denn der Beginn der osmotischen Flüssigkeitsverlagerung wurde nicht erkannt, es konnte später kein Vergleichsgewicht ermittelt werden und die ZeuginT2 hat die Patientin an den Tagen 22.-24.4.2003 nicht ins Krankenhaus gebracht, weil sie nicht entsprechend klar und eindeutig informiert worden ist.

Nach den weiteren Beweisergebnissen dieses Verfahrens liegt ein weiterer Teil der Verursachungsbeiträge des Versicherungsnehmers der Klägerin in seiner grob fehlerhaften Praxisorganisation am 24.04.2002, als die Zeuginnen T2 und T3 vergeblich versuchten, die Patientin bei ihm vorzustellen, aber von seiner Sprechstundenhilfe, die unstreitig Angaben der Zeuginnen zum Gesundheitszustand der Patientin abfragte und in den Behandlungsunterlagen notierte, nicht vorgelassen sondern eigenmächtig weggeschickt wurden, so dass keine ärztliche Untersuchung und Behandlung durch ihn erfolgte. Übereinstimmend und glaubhaft haben beide Zeuginnen ausgesagt, dass sie am 24.04.2002 die Praxis des Versicherungsnehmers der Klägerin mit der kranken Patientin aufgesucht und der Helferin gesagt haben, dass es der Patientin nicht besser gehe, dass das was sie trank "unten gleich wieder raus" kam, dass aber die Helferin sie abgewiesen habe mit der Begründung, dass die Medikamente Zeit bräuchten, Wirkung zu zeigen. Seit ihrer ersten Befragung dazu am 08.10.2008 (Bl. 371 ff. der Beiakte) bis zur letzten im Termin am 18.02.2020 (Bl. 250 ff. GA) haben die Zeuginnen diesen Vorgang im Wesentlichen unverändert geschildert. Es ist auch vom Versicherungsnehmer der Klägerin bei seiner eigenen Befragung durch den Senat eingeräumt worden, dass die Notizen in den Behandlungsunterlagen an jenem Tag durch die Helferin eingetragen wurden und nicht durch ihn. Hätten die Zeuginnen T2 und T3 jedoch gar keine Vorstellung beim Arzt gewünscht, wäre unerklärlich, warum sie am selben Tag jedenfalls noch die Praxis der Beklagten aufsuchten, nach ihrer Schilderung sogar noch eine weitere geschlossene Praxis eines weiteren Kinderarztes. Daraus folgt, dass sie die Patientin aus Sorge einem Kinderarzt vorstellen wollten. Es ist daher glaubhaft, dass sie in der Praxis des Versicherungsnehmers der Klägerin verlangten, zu ihm ins Sprechzimmer zu dürfen. Dass die Zeuginnen teils ein zweimaliges Aufsuchen der Praxis des Versicherungsnehmers der Klägerin am 24.04.2003 geschildert haben, teils dazu keine Angabe gemacht haben, wie oft sie an jenem Tag da waren, sondern sich nur auf den Vorgang des Weggeschickt werden in ihrer Schilderung konzentriert haben, teils insoweit ausgesagt haben, dass wenn sie früher von einem zweimaligen Aufsuchen an jenem Tag gesprochen hätten, dann stimme das, auch wenn sie es jetzt nicht mehr genau wüssten, beeinträchtigt die Glaubhaftigkeit aus Sicht der Kammer nicht. Denn nachvollziehbar ist das "Krank weggeschickt werden" der wesentliche Kern des Geschehens, der im Gedächtnis bleibt. Zudem haben beide Zeuginnen übereinstimmend ausgesagt, dass sie zwischen dem Aufsuchen der Praxis des Versicherungsnehmers der Klägerin und der der Beklagten noch bei einem dritten Arzt an jenem Tag waren, einem Dr. N1 oder Dr. N2, um Hilfe zu bekommen, dessen Praxis aber geschlossen war. In der Zusammenschau der Tage 21.-25.04.2003 haben die Zeuginnen T3 und T2 fast zahllose Versuche an diversen verschiedenen Stellen unternommen, um ärztliche Hilfe für die Patientin zu erhalten, so dass es daher die Glaubwürdigkeit nicht beeinträchtigt, wenn sie nach so vielen Jahren genaue Zahlen nicht mehr erinnern. Schließlich haben auch der Zeuge T4 in seiner Vernehmung am 08.10.2008 vor der Kammer (Bl. 371 ff. der Beiakte) und die Beklagte in ihrer Anhörung am 18.02.2020 (Bl. 250 ff. GA) erinnert, am 24.04.2003 von T2 oder T3 mitgeteilt bekommen zu haben, dass sie nicht zum Versicherungsnehmer der Klägerin vorgelassen worden waren. Die Kammer zweifelt daher nicht daran, dass der Versicherungsnehmer der Klägerin am 24.04.2003 unterließ, die Patientin zu untersuchen und zu behandeln. Die für den 22.04.2003 durch den Sachverständigen festgestellten Fehler des Unterlassens von Untersuchungen und Therapie gelten am 24.04.2003 erst recht. Der Sachverständige hat das Wegschicken daher nachvollziehbar als unverzeihlich bezeichnet. Es ist eine grob fehlerhafte Praxisorganisation festzustellen. Die Patientin hätte untersucht werden müssen, die kapilläre Füllungszeit, ihre Wachheit und ihre Reaktionsfähigkeit sowie die Blutgase und -elektrolyte hätten überprüft werden müssen und es hätte als reaktionspflichtiges Ergebnis eine Flüssigkeitszufuhr per Sonde oder intravenös begonnen werden müssen. Damit hätte der Schadenseintritt nach den Feststellungen des Sachverständigen noch am 24.04.2003 abgewendet werden können. Aus Sicht der Kammer hat das Unterlassen dieser Untersuchungen und der gebotenen Behandlung die Wahrscheinlichkeit maßgeblich dafür erhöht, dass der weitere Verlauf gesundheitsschädigend wurde. Denn der erhebliche Flüssigkeitsverlust wurde nicht erkannt und die Zeugin T2 hat die Patientin am 24.4.2003 nicht ins Krankenhaus gebracht, weil sie nicht entsprechend klar und eindeutig dazu aufgefordert worden ist. Weiterhin war die Ablehnung in der Praxis des Versicherungsnehmers der Klägerin am 24.04.2003 die alleinige Ursache für das Aufsuchen der Praxis der Beklagten, wo die Zeuginnen annahmen, die Mutter der Beklagten, die eine ihnen bekannte und erfahrene Kinderärztin war, anzutreffen. Stattdessen trafen sie auf die Beklagte, die damals noch unerfahren war und die ihrerseits, was noch auszuführen ist, ebenfalls nicht den richtigen Rat gab. Zu diesem Verursachungsbeitrag wäre es gar nicht gekommen, wenn sich der Versicherungsnehmer der Klägerin in der gebotenen Weise um die Patientin gekümmert hätte. Der Versicherungsnehmer der Klägerin hat daher die Wahrscheinlichkeit für den Schadenseintritt maßgeblich erhöht durch sein Tun und Unterlassen am 22. und am 24.04.2003.

Demgegenüber tritt der Verursachungsbeitrag der Beklagten am 24.04.2003 in seinem Gewicht zurück. Immerhin hat sie eine ordnungsgemäße klinische Untersuchung der Patientin vorgenommen, die nicht fehlerhaft war, so der Sachverständige Prof. Dr. C unter Beachtung des von der Beklagten gegebenen Hinweises, um diese Uhrzeit am späten Nachmittag hätte sie Blutgase und -elektrolyte nicht mehr in ihrer Praxis untersuchen können. Indes hat die Beklagte nach der Überzeugung der Kammer daraus nicht die notwendigen Rückschlüsse gezogen, dass dies im Krankenhaus untersucht werden und dort eine effektive Flüssigkeitszufuhr erfolgen musste. Sie hätte erkennen müssen, dass die von ihr aufgegebene Trinkmenge von 700-1000ml vom späten Nachmittag bis zum Abend nicht realistisch war, so der Sachverständige. Es sei zudem nicht richtig gewesen, so der Sachverständige, dass die Beklagte nicht unmissverständlich und klar darauf hingewiesen habe, dass reiner Tee unresorbiert durch den Darm hinauslaufen würde und Milch wegen des starken Salzgehalts die Hypernatriämie noch verschlimmern würde und deshalb keine Milch (oder Heilnahrung, die wie Milch nur ohne Allergene sei) gegeben werden dürfe. Darauf hätten die Zeuginnen T2 und T3 durch die Beklagte hingewiesen werden müssen, denn Milch, so der Sachverständige, sei bei einer noch unausgereiften Nierenfunktion ein bekannter Auslöser für eine hypertone Dehydration, bei der der Verlust an Wasser größer ist als der Verlust an Salz, indem Flüssigkeit durch Erbrechen und/oder Durchfall verloren geht und Salz im Körper retiniert wird, wodurch es in der Folge zu einer osmotischen Diffusion kommt, bei der das Wasser aus den Zellen durch das Salz herausgezogen wird in den intravasalen Raum (der Raum in den Blutgefäßen bzw. Lymphgefäßen). Die Beklagte hätte aufgrund dieser Zusammenhänge erkennen müssen, dass die orale Flüssigkeitszufuhr an ihre Grenze gestoßen war und dringend eine Flüssigkeitszufuhr per Sonde oder intravenös in einer Klinik begonnen werden musste und dies hätte sie der Mutter der Klägerin eindringlich und unmissverständlich klarmachen müssen. Das hat sie bereits nach ihrer eigenen Schilderung nicht getan, da sie ihnen eine - oral zu verfütternde - selbst anzurührende Glukose-Elektrolyt-Tee-Mischung als Alternative zur wenig schmackhaften Elektrolytlösung in einer konkreten Menge (700-1000ml) empfahl. Die Zeuginnen T2 und T3 haben demgegenüber zudem erinnert, dass die Beklagte auf ihre Nachfrage nach dem Erfordernis, ins Krankenhaus zu gehen, dies als unnötig abgetan habe. Die Kammer hält auch diese Angaben der Zeuginnen für glaubhaft. Denn es widerspricht sich, dass die Beklagte einerseits das Krankenhaus empfohlen haben will, andererseits aber Vorgaben für Inhalt und Menge der weiteren häuslichen Therapie durch Mutter und Großmutter gemacht hat. Zumindest hat sie also sowohl das eine als auch das andere Vorgehen dargestellt. Dies entspricht nicht dem Erfordernis einer glasklaren Aufforderung, ins Krankenhaus zu gehen und die weitere häusliche orale Flüssigkeitszufuhr als nicht mehr möglich darzustellen. Demgegenüber hatten die Zeuginnen in ihrer Sorge seit Tagen mehrere Arztbesuche mit der Patientin auf sich genommen und es gibt in ihrem Verhalten keine Hinweise darauf, warum sie einer Krankenhauseinweisung am 24.04.2003 - oder früher - nicht Folge geleistet hätten. Schließlich haben sie aus eigenem Antrieb am 21.04.2003 die Uniklinik mit der Patientin aufgesucht und sind erneut am 25.04.2003 mit der Patientin in die Uniklinik gefahren. Zwar ist streitig, ob sie dies aus eigenem Antrieb oder auf telefonische Aufforderung durch die Beklagte taten - so oder so zeigt es jedoch ihre Bereitschaft, ein Krankenhaus aufzusuchen und ggf. zudem ihre Bereitschaft, einer ärztlichen Aufforderung Folge zu leisten. Dieses Verhalten spricht daher dagegen, dass die Beklagte ihnen am 24.04.2003 empfahl, ins Krankenhaus zu gehen. Auch aus anderen Gründen ist die Kammer nicht davon überzeugt, dass die Beklagte dies empfahl, jedenfalls nicht in der gebotenen Verständlichkeit. Nach ihrem eigenen Bekunden im Vorverfahren will sie die Zeuginnen mit der Formulierung, sonst drohe eine "Verschiebung der Salze" und dies sei "mit dem Leben nicht vereinbar" auf die Gefährlichkeit der Situation hingewiesen haben. Diese umständliche und interpretationsbedürftige Aussage gegenüber Menschen mit erkennbar nicht ausgeprägtem Bildungshintergrund zu tätigen, und dennoch anzunehmen, dass man sie damit verständlich vor einer Lebensgefahr gewarnt habe, passt nicht zusammen. Die Kammer hat sich in ihrer Befragung der Zeuginnen einen eigenen Eindruck von ihren Verständnismöglichkeiten gemacht und dabei fiel auf, dass es der Zeugin T2 - all ihre Fürsorge für ihre schwerstbehinderte Tochter und ihre mithin im praktischen Leben bewiesene Tatkraft nicht in Abrede gestellt - schwer fiel, im Zahlenraum bis 10 spontan und fehlerfrei zu addieren und zu subtrahieren. Sie hat auf Befragen nämlich auch bei mehreren Versuchen nicht (auch nicht in etwa) ausrechnen können, in welchem Jahr ihre 2002 geborene Tochter wohl eingeschult wurde. Die Kammer kann sich daher nicht vorstellen, dass man ihr gegenüber die Formulierung verwendet, wenn sie nicht mit ihrem Kind ins Krankenhaus gehe, "drohe eine Verschiebung der Salze und dies sei mit dem Leben nicht vereinbar". Diese Formulierung könnte von ihrer Genese her eher zu einer Befragung in einem Gerichtssaal in Gegenwart eines Sachverständigen passen, der die bei der Hypernatriämie sich abspielende osmotische Diffusion geschildert hat, also eine Verlagerung der Restflüssigkeit aufgrund eines relativen Anstiegs des Salzgehalts im Körper, wenn man danach gefragt wird, wie man denn den Patienten darüber informiert habe, als zu der angeblich geschilderten Kommunikation in einem Behandlungszimmer mit den Zeuginnen T23 und T3. Die Kammer geht daher davon aus, dass es keine Warnung über die Lebensgefahr gab und mithin auch die Beklagte durch ihren unterlassenen Rat, ins Krankenhaus zu gehen, zum Schadenseintritt beigetragen hat. Dazu passt auch, dass die Beklagte die Patientin als bei Wohlbefinden beschrieben hat. Sie hat die Möglichkeit einer hypernatriämischen Dehydratation nicht erkannt.

Dieser Verursachungsbeitrag der Beklagten erreicht dabei nicht das Gewicht wie die Beiträge des Versicherungsnehmers der Klägerin, der das Behandlungsgeschehen initial bereits nicht auf das richtige Gleis gesetzt hat, wie ausgeführt, und der am 24.04.2003 durch die durch seine Helferin vermittelte Weigerung, die Patientin überhaupt als so krank anzusehen, dass sie von ihm untersucht werden müsste, ganz entscheidend mitverhindert hat, dass die Notwendigkeit einer Krankenhausbehandlung erkannt wird. Dies hat die Beklagte dann nur noch bestätigt und damit die bereits in Gang gesetzte Kausalkette nur nicht unterbrochen.

Die Kammer sieht daher das Maß an Wahrscheinlichkeit für die Verursachung des Schadenseintritts durch irreversible Hirnschäden zu zwei Dritteln beim Versicherungsnehmer der Klägerin und zu einem Drittel bei der Beklagten. Dies steht auch in Einklang mit dem sekundär zu berücksichtigenden Verschulden, da dem Versicherungsnehmer der Klägerin zwei grobe Fehler und der Beklagten ein Fehler - der allerdings vom Zeitpunkt und seiner Nähe zum Schadenseintritt her von nicht geringer Bedeutung war - vorzuwerfen sind.

Die Zinsforderung ist begründet gemäß §§ 286, 288 BGB.

Die prozessualen Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 92, 709 ZPO.

Der Streitwert wird auf 41.384,00 EUR festgesetzt.