OLG Düsseldorf, Urteil vom 17.05.2018 - 16 U 68/17
Fundstelle
openJur 2020, 1392
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Verfahrensgang
Tenor

Auf die Berufung des Beklagten wird das am 20.04.2017 verkündete Urteil der 2. Zivilkammer des Landgerichts Wuppertal teilweise geändert und insgesamt wie folgt neu gefasst:

Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Klägerin.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Die Revision wird nicht zugelassen.

Gründe

I.

Die Klägerin nimmt den Beklagten auf Unterlassen in Anspruch, weil dieser nach ihrer Einschätzung ihr Persönlichkeitsrecht durch ein am 22.11.2015 veröffentlichtes und auf der Homepage des Beklagten weiterhin abrufbares Schreiben verletzt.

Die Klägerin ist im Raum Gießen als Psychologin und systemische Therapeutin tätig, ihre Qualifikationen hat sie an indischen Universitäten erworben. Der Beklage ist ein rechtsfähiger Verein, der gemäß seiner Satzung die beruflichen Interessen seiner Mitglieder einschließlich ihres wettbewerbsrechtlichen Schutzes vertritt und sich die Förderung der wissenschaftlichen Psychologie in Theorie und Praxis zur Aufgabe macht. Am 04.11.2015 strahlte das von der ARD produzierte Wirtschaftsmagazin Plusminus einen Beitrag mit dem Titel "Wie Gerichtsgutachter Familien zerstören" aus. In diesem Beitrag kam die Klägerin zu Wort, die als Rechtspsychologin und Psychotherapeutin bezeichnet wurde. Im Anschluss an diese Sendung wandte sich die Beklagte mit einem Schreiben an die Redaktion von Plusminus und stellte dieses Schreiben auf ihrer Webseite zum Fachbereich Rechtspsychologie seit dem 20.11.2015 online. Das Schreiben lautet wie folgt:

Die Klägerin beanstandet aus diesem Schreiben - soweit in der Berufungsinstanz noch anhängig - aus dem folgenden Absatz die unterstrichene Ausführung:

"Sie lassen J. als "Expertin" zu Wort kommen. Frau J. Einschätzungen sind in Fachkreisen hoch umstritten. Sie nennen sie "Rechtspsychologin", anscheinend ohne sich näher über ihre Qualifikation und die Voraussetzungen dieser Berufsbezeichnung informiert zu haben. Über die spezifische, rechtspsychologische Weiterbildung verfügt Frau J. nicht. Ferner ist auch zweifelhaft, ob sie Psychotherapeutin ist; zumindest ist ihr Name in der Psychotherapeutensuche der hessischen Psychotherapeutenkammer nicht zu finden."

Das Landgericht hat die Beklagte verurteilt,

die Behauptung zur Person der Klägerin zu unterlassen,

a) sie werde "Rechtspsychologin" genannt, anscheinend ohne dass die Redaktion sich näher über ihre Qualifikation und die Voraussetzung dieser Berufsbezeichnung informiert habe;

b) über die spezifische, rechtspsychologische Weiterbildung verfüge sie nicht.

Die Äußerungen betreffen nach Auffassung des Landgerichts die Klägerin in ihrer Sozialsphäre und seien eine Abwertung ihrer beruflichen Qualifikation. Der Eingriff sei rechtswidrig, es handele sich um Tatsachenbehauptungen zur fehlenden Qualifikation der Klägerin. Die Äußerungen seien unwahr, es gebe keinen geschützten Begriff der Rechtspsychologin. Dass die Klägerin über keine ausreichende universitäre Ausbildung verfüge, habe der Beklagte nicht bewiesen. Sie habe auch nicht ausreichend zu ihren Recherchen hinsichtlich der Ausbildung der Klägerin vorgetragen.

Wegen der weiteren Einzelheiten des erstinstanzlichen Vortrages der Parteien und der Entscheidung des Landgerichts wird gemäß § 540 Abs. 1 ZPO auf die tatsächlichen Feststellungen in dem angefochtenen Urteil Bezug genommen.

Gegen die Entscheidung des Landgerichts richtet sich die Berufung des Beklagten. Er trägt vor, bei seiner Äußerung gemäß a) des Urteilstenors handele es sich um eine Meinungsäußerung. Entscheidend sei der Sinngehalt der Äußerung. Mit der Äußerung "sie werde "Rechtspsychologin" genannt, anscheinend ohne dass die Redaktion sich näher über ihre Qualifikation und die Voraussetzung dieser Berufsbezeichnung informiert habe", vermittele er seine Auffassung, die Plusminus-Redaktion habe nicht ausreichend journalistisch recherchiert. Unbestritten nenne die Redaktion von Plusminus die Klägerin als "Rechtspsychologin"; der zweite Teil des Satzes beinhalte demgegenüber seine durch das Wort "anscheinend" eindeutig als solche gekennzeichnete Mutmaßung hinsichtlich der Recherchebemühungen der Plusminus-Redaktion. Entscheidend sei bei der Ermittlung des Sinngehaltes der Aussage insbesondere auch deren Gesamtkontext; der Gesamtkontext sei vorliegend ein kritischer offener Brief an die Plusminus-Redaktion. Eingeleitet werde der Abschnitt über die Klägerin mit der Aussage, dass die Einschätzungen der Klägerin in Fachkreisen hoch umstritten seien. Diese Einleitung relativiere das Folgende und verdeutliche, dass er insbesondere die Ausgewogenheit der Recherche des Beitrags in Frage stelle. Selbst wenn man zugunsten der Klägerin annehmen wolle, dass der Äußerung a) einen Tatsachenkern des Inhalts habe, die Klägerin sei nicht qualifiziert und erfülle nicht die Voraussetzungen, um sich "Rechtspsychologin" nennen zu dürfen, liege dem eine wahre Tatsache zugrunde. Die Klägerin erfülle nicht die Voraussetzungen, sich "Rechtspsychologin" nennen zu dürfen. Bei der Äußerung b) des Urteilstenors handele es sich um eine wahre Tatsachenbehauptung. Nach seiner gründlichen Recherche habe er nicht feststellen können, dass die Klägerin über eine spezifische rechtspsychologische Weiterbildung verfüge. Für die Qualifikation einer in Deutschland tätigen Rechtspsychologin seien Kenntnisse des deutschen Rechtssystems dringend notwendig. Doch selbst wenn man annehmen wollte, dass er von der Qualifikation der Klägerin keine genauen Umstände vortragen könnte, da es sich um negative Tatsachen aus der Sphäre der Klägerin handele, habe er die fraglichen Äußerungen tätigen dürfen. Er habe vorher sorgfältig recherchiert; es sei um eine die Öffentlichkeit wesentlich berührende Angelegenheit gegangen und eine schnelle Reaktion sei geboten gewesen. In einer Gesamtschau dieser Erwägungen müsse eine umfassende Abwägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts der Klägerin und seiner Meinungsfreiheit jedenfalls zu seinen Gunsten ausfallen. Hier stünden sich ein allenfalls vergleichsweise geringfügiger Eingriff in die Sozial- und Berufssphäre der Klägerin und seine Meinungsfreiheit gegenüber. Die Klägerin habe sich bewusst selber im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit in die Öffentlichkeit begeben und sei in dem von der ARD produzierten Wirtschaftsmagazin Plusminus, welches am 04. November 2015 ausgestrahlt worden sei, aufgetreten. In diesem Zusammenhang habe sie sich deutlich kritisch über fehlerhafte rechtspsychologische Sachverständigengutachten in familiengerichtlichen Verfahren geäußert. Angesichts dieser Umstände müsse sie es hinnehmen, dass er sich mit ihrer Qualifikation auch kritisch auseinandersetzen könne.

Der Beklagte beantragt,

unter teilweiser Abänderung des am 20. April 2017 verkündeten Urteils des Landgerichts Wuppertal - 2 O 210/16 -, die Klage abzuweisen.

Die Klägerin beantragt,

die Berufung zurückzuweisen.

Die Klägerin wiederholt und vertieft ihr erstinstanzliches Vorbringen. Sie legt insbesondere dar, dass der Beklagte sie mit dem Schreiben diffamieren wolle; das Schreiben enthalte eine Reihe unwahrer Tatsachenbehauptungen und sei als Beleidigung und Verleumdung nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Vortrages der Beklagten und der Klägerin zu tatsächlichen und rechtlichen Fragen wird auf die zwischen den Parteien gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen sowie den Akteninhalt im Übrigen Bezug genommen.

II.

Die Berufung des Beklagten ist zulässig und in der Sache begründet. Die Entscheidung des Landgerichts beruht, soweit der Klage stattgegeben wurde, auf einer Rechtsverletzung im Sinne des § 546 ZPO. Die gemäß § 529 ZPO zugrunde zu legenden Tatsachen rechtfertigen eine andere Entscheidung, § 513 ZPO. Die Klage ist insgesamt abzuweisen, denn der Klägerin steht kein Unterlassungsanspruch gegen den Beklagten wegen der streitgegenständlichen Äußerung aus §§ 1004 Abs. 1, 823 Abs. 1 BGB in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1, 2 Abs. 1 GG, § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit §§ 185, 186, 187 StGB zu.

A.

Ein Unterlassungsanspruch wegen der Äußerung in dem Schreiben an die Redaktion:

"Sie nennen sie (die Klägerin) "Rechtspsychologin", anscheinend ohne sich näher über ihre Qualifikation und die Voraussetzungen dieser Berufsbezeichnung informiert zu haben."

scheidet aus, weil das Persönlichkeitsrecht der Klägerin hierdurch nicht verletzt ist. Es handelt sich um eine zulässige Kritik des Beklagten gegenüber der Redaktion des Fernsehsenders, nicht um einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht der Klägerin. Entgegen der Auffassung der Klägerin sind weder der Tatbestand des § 186 StGB noch der des § 187 StGB berührt.

Ob und wenn ja, in welcher Hinsicht und mit welchem Gewicht eine Äußerung in den Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts eingreift, bemisst sich nach dem Inhalt der gerügten Äußerung (BVerfG, Beschluss vom 25.01.2012, 1 BvR 2499/09, 1 BvR 2503/09, AfP 2012, 143 Rn. 34). Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts werden Bedeutung und Tragweite der in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG gewährleisteten Meinungsfreiheit verkannt, wenn der Inhalt einer Äußerung unzutreffend erfasst wird (BVerfG, Beschluss vom 28.03.2017, 1 BvR 1384/16, NJW-RR 2017, 1001; BVerfG Beschluss vom 29.06.2016, 1 BvR 2732/15, AfP 2016, 433; BVerfG, Beschluss vom 04.8.2016, 1 BvR 2619/13). Maßgeblich für die Deutung der Aussage ist weder die subjektive Absicht des sich Äußernden noch das subjektive Verständnis der von der Äußerung Betroffenen, sondern der Sinn, den sie nach dem Verständnis eines unvoreingenommenen und verständigen Durchschnittspublikums hat (BVerfG, Beschluss vom 07.12.2011, 1 BvR 2678/10, NJW 2012, 1643; BVerfG Beschluss vom 25.10.2012, 1 BvR 901/11, NJW 2013, 217; BGH, Urteil vom 04.04.2017, VI ZR 123/16, AfP 2017, 316; BGH, Urteil vom 16.1.2018, VI ZR 498/16). Dabei ist stets vom Wortlaut der Äußerung auszugehen. Dieser legt ihren Sinn aber nicht abschließend fest. Er wird vielmehr auch von dem sprachlichen Kontext, in dem die umstrittene Äußerung steht und von den erkennbaren Begleitumständen, unter denen sie fällt, bestimmt. Die isolierte Betrachtung eines umstrittenen Äußerungsteils wird den Anforderungen an eine tragfähige Sinnermittlung regelmäßig nicht gerecht (BVerfG Beschluss vom 25.10.2012, 1 BvR 901/11, NJW 2013, 217 m.w.N.; BGH Urteil vom 18.11.2014, VI ZR 76/14, GRUR 2015, 96; BGH, Urteil vom 10.01.2017, VI ZR 561/15, AfP 2017, 157).

Das Schreiben der Beklagten befasst sich mit der Darstellung des Fernsehbeitrages "Wie Gerichtsgutachter Familien zerstören" der Redaktion PlusMinus vom 04.11.2015 und setzt sich in ihrem gesamten Kontext mit der journalistischen Qualität des Beitrages auseinander. Es geht um die Grundlagen der Recherche und die Notwendigkeit, kein Zerrbild der tatsächlichen Verhältnisse widerzuspiegeln. Entgegen der Ansicht der Klägerin belegt die Darstellung des Schreibens keine Diffamierung ihrer Person. In dem Schreiben, in dem die Klägerin lediglich in einem Absatz namentlich erwähnt ist, stellt der Beklagte grundsätzliche Überlegungen zur Qualität von Gerichtsgutachten an und zur Notwendigkeit einer Fernsehredaktion, sich umfassend und an den aus Sicht des Beklagten richtigen Stellen zu informieren. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Äußerungen der Klägerin ist nicht Gegenstand des Beitrages. Ihre Qualifikationen und Äußerungen mögen für den Beklagten der Anlass zu dem Schreiben gewesen sein. In dem Schreiben selbst wird sie aber weder an den Pranger gestellt, noch in sonstiger Weise diffamiert. Es kommt insoweit nicht darauf an, dass sich die Klägerin sich wegen der bereits lange schwelenden Auseinandersetzung mit dem Beklagten verletzt fühlt. Für das unvoreingenommene Durchschnittspublikum handelt es sich bei dem Schreiben um einen Beitrag, der nicht die Klägerin und ihre berufliche Tätigkeit zum Gegenstand hat, sondern Kritik an der Qualität des Sendebeitrages übt.

Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass der beanstandete Satz keinen Anlass für einen Unterlassungsanspruch der Klägerin geben kann, selbst wenn man davon ausgehen wollte, dass die Klägerin in ihrem Persönlichkeitsrecht - Sozialsphäre - betroffen wäre. Denn es handelt sich in jedem Fall um berechtigte Äußerungen, nicht um einen rechtwidrigen Eingriff in die Rechtsposition der Klägerin. Der erste Teil des Satzes bezieht sich darauf, dass die Klägerin in dem Beitrag der Sendung Plusminus als Rechtspsychologin bezeichnet wurde; der zweite Teil gibt die Ansicht (Meinung) der Beklagten wieder, dass es an einer ausreichenden Recherche der Fernsehredaktion über Qualifikation und Voraussetzung der Berufsbezeichnung fehlte. Der erste Teil ist unstreitig zutreffend, weil die Klägerin in dem Fernsehbeitrag so bezeichnet wurde. Wahre Tatsachenbehauptungen können selbst dann nicht untersagt werden, wenn die Sozialsphäre des Persönlichkeitsrechts eines anderes verletzt wird. Der zweite Teil des Satzes gibt eine Meinung zur Qualität der Recherchearbeit des Fernsehteams hinsichtlich der beruflichen Anforderungen an eine Rechtspsychologin wieder. Diese Meinungsäußerung kann dem Beklagten nicht untersagt werden, auch wenn dieser Teil impliziert, dass bei einer sorgfältigen Recherche die Klägerin seitens des Fernsehsenders anders beurteilt worden wäre. Die Klägerin hat keinen Anspruch darauf, dass sie von Dritten so gesehen wird, wie sie sich selbst sieht.

B.

Ein Anspruch der Klägerin gegenüber dem Beklagten auf Unterlassen besteht entgegen der Ansicht der Klägerin auch nicht hinsichtlich der Äußerung

"Über die spezifische, rechtspsychologische Weiterbildung verfügt Frau J. nicht."

1.

Das Persönlichkeitsrecht der Klägerin ist durch diese Äußerung nicht verletzt. Geäußerte Zweifel an der beruflichen Qualifikation und/oder der beruflichen Geeignetheit zur Abgabe einer Stellungnahme in bestimmten berufsspezifischen Fragen, können den Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts in seinen Ausprägungen der Berufsehre und der sozialen Anerkennung betreffen. Denn mögliche, von Berufskollegen öffentlich geäußerte Zweifel an der fachlichen Eignung sind geeignet, sich auf das berufliche Ansehen und den geschäftlichen Erfolg der Klägerin abträglich auszuwirken (vgl. dazu BGH, Urteil vom 23.09.2016, VI ZR 250/13, NJW 2017, 482ff; BGH, Urteil vom 13.01.2015, VI ZR 386/13, VersR 2015, 336). Allerdings wird das Persönlichkeitsrecht nicht tangiert, wenn wahre Angaben zu der beruflichen Qualifikation einer Person gemacht werden, ohne dass die Person in ihrer beruflichen Wirkung herabgesetzt wird. So verhält es sich hier.

Wie bereits ausgeführt, ist die Äußerung in ihrem Sinngehalt zu erfassen, wie sie von einem unvoreingenommenen und verständigen Durchschnittsleser des veröffentlichen Briefes verstanden wird. Es verbietet sich dabei auf den einzelnen Satz alleine abzustellen. Auch insoweit ist vielmehr aufgrund des Kontextes zunächst darauf abzustellen, dass sich der Beklagte mit diesem an die Redaktion gerichteten Schreiben kritisch mit dem Beitrag und nicht mit der Klägerin auseinandersetzt. Hinzu kommt, dass dieser Satz nicht isoliert gelesen werden darf, sondern im Zusammenhang mit dem darauf folgenden Absatz des Schreibens zu verstehen ist. Denn im Anschluss an die Feststellung, dass die Klägerin nicht über die spezifische, rechtspsychologische Weiterbildung verfügt, erläutert der Beklagte diese Weiterbildung und führt aus:

"Die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen steht für höchste Qualität bei der Erstellung von Gerichtsgutachten. Um PsychologInnen auf die besonderen Anforderungen der Gutachtertätigkeiten vorzubereiten, hat die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen die zertifizierte Weiterbildung zur Fachpsychologin bzw. zum Fachpsychologen für Rechtspsychologie etabliert. Die Weiterbildung vermittelt PsychologInnen eine wissenschaftlich fundierte Zusatzqualifikation für psychologische Tätigkeiten im Rechtswesen und qualifiziert insbesondere für rechtspsychologische Sachverständigentätigkeit..."

Aus dem Zusammenhang der Darstellung wird deutlich, dass die von dem Beklagten monierte fehlende Weiterbildung sich darauf bezieht, dass es der Klägerin an dieser Art der Weiterbildung fehlt. Man mag, wie die Klägerin, bezweifeln, ob diese Art der Weiterbildung qualitätsfördernd ist und die Ansicht vertreten, dass auf anderem Wege erworbene Kenntnisse dieser Art der Weiterbildung mindestens entsprechend oder gar zu einer besseren Qualität von Gutachten führen. In seinem Zusammenhang spricht die beanstandete Äußerung des Beklagten aber lediglich zutreffend die fehlende Weiterbildung nach den zertifizierten Weiterbildungsmaßnahmen der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen aus, eine Darstellung, die die Klägerin nicht beruflich herabsetzt.

2.

Aber auch, wenn man davon ausgeht, dass die Kritik an der Recherchesorgfalt der Redaktion in dem Schreiben inkludiert, dass die Klägerin eine für die behandelten Fragen weniger geeignete Psychologin, und durch die Kritik an ihrer Qualifizierung das Persönlichkeitsrecht der Klägerin tangiert ist, scheidet der geltend gemachte Unterlassungsanspruch aus, weil der Beklagte nicht rechtswidrig handelte.

Wegen der Eigenart des Persönlichkeitsrechts als eines Rahmenrechts liegt seine Reichweite nicht absolut fest, sondern muss erst durch eine Abwägung der widerstreitenden grundrechtlich geschützten Belange bestimmt werden, bei der die besonderen Umstände des Einzelfalls sowie die betroffenen Grundrechte und Gewährleistungen der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) interpretationsleitend zu berücksichtigen sind. Der Eingriff in das Persönlichkeitsrecht ist nur dann rechtswidrig, wenn das Schutzinteresse des Betroffenen die schutzwürdigen Belange der anderen Seite überwiegt (ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vgl. nur BGH Urteil vom 13.01. 2015, VI ZR 386/13, VersR 2015 Rn. 13; BGH, Urteil vom 30.09.2014, VI ZR 490/12, AfP 2014, 534, 536 mwN). Abzuwägen sind vorliegend durch Art. 2 Abs. 1, Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 GG gewährleistete Interesse der Klägerin am Schutz ihrer sozialen Anerkennung und ihrer Berufsehre mit dem in Art. 5 Abs. 1 GG und Art. 10 EMRK verankerten Recht der Beklagten auf Meinungsfreiheit. Das Ergebnis dieser Abwägung ist die Zulässigkeit der Äußerung der Beklagten.

a)

Versteht man den Inhalt des Schreibens entsprechend dem Verständnis der Klägerin dahin, dass Kritik an ihrer beruflichen Qualifikation, ihrem Sachverstand geäußert wurde, handelt es sich um eine Meinungsäußerung des Beklagten. Ob jemand für eine Stellungnahme zu dem Beitragsthema "Wie Gerichtsgutachter Familien zerstören" fachlich geeignet ist oder nicht, ist eine Frage der Wertung. Dies gilt insbesondere unter dem Aspekt, dass es ein Berufsbild des Gerichtsgutachters ebenso wenig gibt, wie das eines Rechtspsychologen. Dies gilt gerade auch wegen einer fehlenden, allgemein gültigen und anerkannten Qualifikation als Rechtspsychologe. Es besteht kein annähernd einheitliches Bild dazu, was ein hier in dem Sendebeitrag so bezeichneter Rechtspsychologe macht. Man kann darunter verstehen, dass es sich um einen Psychologen handelt, der Betroffene im Verfahren - etwa Kläger, Beklagter und/oder Zeugen im Zivilprozess, Angeklagte, Verletzte, Angehörige und/oder Zeugen im Strafverfahren, Betroffene und Angehörige im Betreuungsverfahren, Kinder und Eltern im Familienrechtsstreit - unterstützt. Denkbar ist auch, dass man (nur) denjenigen als Rechtspsychologen ansieht, der im Auftrag des Gerichts oder im Parteiprozess zur Vorlage bei Gericht psychologische Gutachten erstellt. Da es schon offensichtlich an jeglichem konkreten Bild eines Rechtspsychologen fehlt und auch die Öffentlichkeit kein konkretes Bild vom Inhalt einer solchen Tätigkeit hat, d.h. die Bezeichnung nicht mit einem bestimmten Berufsbild assoziiert, ist die Bemerkung der Beklagten zur fehlenden spezifischen Weiterbildung im Bereich Rechtspsychologie keine eigenständige Tatsachenbehauptung im Rahmen der Meinungsäußerung. Aus der Sicht des Durchschnittslesers teilt der Beklagte seine Wertung mit.

Selbst wenn man das Schreiben dahin versteht, dass nicht nur die Weiterbildungsanforderungen der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen seitens der Klägerin nicht erfüllt wurden, sondern auch keine vergleichbaren anderen Weiterbildungsstandards und die Klägerin deshalb weniger geeignet zu der Stellungnahme in dem Fernsehbericht war, handelt es sich um eine Meinungsäußerung des Beklagten. Denn mit der Frage, welche Qualifizierungsmöglichkeiten es gibt, befasst sich das Schreiben gerade nicht. Der tatsächliche Gehalt der Äußerung bleibt völlig substanzarm, so dass er gegenüber der subjektiven Wertung - schlechte Recherche der Redaktion, die keinen im Rechtswesen weitergebildeten Psychologen befragte - ganz zurücktritt (vgl. hierzu auch BGH, Urteil vom 27.09.2016, VI ZR 250/16, NJW 2017, 482; BGH Urteil vom 21.06.1966, VI ZR 261/64, BGHZ 45, 296, 304; BGH, Urteil vom 11.03.2008, VI ZR 189/06, NJW-RR 2008, 913, 914).

b)

Auf Seiten des Persönlichkeitsrechtschutzes ist von Bedeutung, dass die beanstandete Äußerung als Werturteil lediglich die Sozialsphäre der Klägerin tangiert. Sie betrifft ihre berufliche Tätigkeit, also einen Bereich, in dem sich die persönliche Entfaltung von vornherein im Kontakt mit der Umwelt vollzieht. Äußerungen im Rahmen der Sozialsphäre dürfen nur in Fällen schwerwiegender Auswirkungen auf das Persönlichkeitsrecht mit negativen Sanktionen verknüpft werden, so etwa dann, wenn eine Stigmatisierung, soziale Ausgrenzung oder eine Prangerwirkung zu besorgen sind (vgl. BGH, Urteil vom 20.12.2011, VI ZR 262/10, ZUM-RD 2012, 253; BGH Urteil vom 23.06.2009, VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328; BGH, Urteil vom 17.11.2009, VI ZR 226/08, NJW 2010, 760). Dafür fehlen im Streitfall jegliche Anhaltspunkte. Kritische Stellungnahmen muss die Klägerin hinnehmen, zumal sie mit ihrer Kritik an den Gutachtern in familienrechtlichen Verfahren nach außen in die (Fernseh-) Öffentlichkeit getreten ist und schon wegen der Wirkungen des Mediums Fernsehen, damit rechnen musste, dass sich die Gutachter bzw. der Verband, dem diese Psychologen angehören, mit einer eigenen Darstellung zur Wehr setzen. Vom grundrechtlichen Schutz der Meinungsfreiheit umfasst sind grundsätzlich auch scharfe und übersteigerte Äußerungen (BVerfG Beschl. v. 22.6.1982, 1 BvR 1476/79, BVerfGE 61, 1, Beschl. v. 17.09.2012, 1 BvR 2979/10, AfP 2012, 549; BGH Urt. v. 16.6.1998, VI ZR 205/97, BGHZ 139, 95; BGH Urt. v. 16.12.2014, VI ZR 39/14). Es geht entgegen der Auffassung der Klägerin (Ss. v. 22.04.2018) nicht um die Frage, ob die Klägerin einen ausreichenden Sachverstand als Rechtspsychologin hat oder nicht; entscheidend ist vielmehr, ob diesbezüglich kritische Äußerungen möglich sind oder nicht. Im Rahmen einer Gesamtabwägung muss man im Streitfall der kritischen Berichterstattung der Beklagten Vorrang vor dem Persönlichkeitsrecht der Klägerin zubilligen.

C.

Die Auffassung der Klägerin, dass die Ausführungen des Beklagten in dem Schreiben den Tatbestand der üblen Nachrede gemäß § 186 StGB oder den der Verleumdung gemäß § 187 StGB erfüllen, ist danach unzutreffend.

D.

Der Senat hat sich mit den Überlegungen der Klägerin in dem nachgereichten Schriftsatz vom 22.04.2018 befasst und bei der Urteilsfassung berücksichtigt. Eine abweichende Entscheidung ist danach nicht gerechtfertigt, die Voraussetzungen für eine Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung liegen nicht vor.

III.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 ZPO; die Entscheidung zur vorläufigen Vollstreckbarkeit folgt aus §§ 708 Nr. 10, 711, 713 ZPO.

Ein Grund zur Zulassung der Revision besteht nicht, § 543 Abs. 2 ZPO.

Streitwert des Berufungsverfahrens: 12.500 Euro