LG Bonn, Urteil vom 19.05.2009 - 10 O 483/08
Fundstelle
openJur 2011, 62238
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Tenor

Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits werden dem Kläger auferlegt.

Dieses Urteil ist gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 120 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

Gründe

Die Klage ist unbegründet. Die Beklagte ist nicht verpflichtet, die für die Zeitschrift "G" und die EDV-Sachkostenpauschale vereinnahmten Beträge nach § 812 Abs. 1 Satz 1, 1. Alternative BGB zurückzuzahlen. Die Vereinnahmung der Beträge erfolgte nämlich nicht rechtsgrundlos, da die zugrundeliegenden Vertragsklauseln nicht wegen Verstoßes gegen § 86a Abs. 1 HGB gem. § 86a Abs. 3 HGB unwirksam sind. Denn § 86a HGB verlangt nicht, dass die hier streitgegenständlichen Leistungen einem Handelsvertreter kostenfrei vom Unternehmer zur Verfügung gestellt werden.

Nach § 86a Abs. 1 HGB hat der Unternehmer dem Handelsvertreter die zur Ausübung seiner Tätigkeit erforderlichen Unterlagen, wie u.a. Werbedrucksachen, zur Verfügung zu stellen.

1. Diese Voraussetzungen sind im Hinblick auf die Kundenzeitschrift "G" nicht erfüllt.

Zwar handelt es sich bei der Kundenzeitschrift um eine Werbedrucksache. Werbedrucksachen sind Druckwerke jeglicher Art, die der Werbung dienen sollen (OLG Köln, r+s 2009, 87, 88). Dies ist - trotz der Gestaltung als Zeitschrift - der Fall. Aus dem im Rahmen der mündlichen Verhandlung eingesehenen Exemplar der Kundenzeitschrift konnte die Kammer nämlich ersehen, dass zwar tatsächlich dem Anschein nach redaktionelle Artikel enthalten waren. Diese betrafen jedoch ausschließlich Themen, die praktisch unmittelbar mit Produkten zusammenhingen, die von der Beklagten vertrieben werden, und enthielten insofern auch immer einen abschließenden Verweis auf solche Produkte und Hinweise auf entsprechende Beratungsmöglichkeiten. Tatsächlich handelte es sich bei diesen Beiträgen also um Werbung im redaktionellen Gewand.

Die Kundenzeitschrift war jedoch nicht erforderlich im Sinne des § 86a Abs. 1 HGB.

In Abweichung zu der Entscheidung des OLG Köln (OLG Köln, r+s 2009, 87, 88), auf die sich der Kläger maßgeblich stützt, ist das Merkmal der Erforderlichkeit auch bei den im Gesetzestext aufgeführten Beispielen gesondert zu prüfen. Dies ergibt sich nach Auffassung der erkennenden Kammer aus einer Auslegung der Vorschrift nach den anerkannten Auslegungskriterien.

Zwar hilft der Wortlaut des § 86a HGB insofern nicht weiter. So ergibt sich aus dem Wortlaut der Norm nicht, ob die im Gesetzestext aufgeführten Beispiele exemplarisch für "erforderliche Unterlagen" im Sinne der Norm stehen sollen oder bloß Beispiele für "Unterlagen" sind.

Dass § 86a HGB den Unternehmer aber auch im Hinblick auf die beispielhaft genannten Unterlagen nur dann zur kostenfreien Bereitstellung verpflichten sollte, wenn diese "erforderlich" sind, folgt aber aus der gesetzgeberischen Motivation bei Schaffung der Norm. Zwar heißt es in der Einzelbegründung zu § 86a HGB, welcher mit der Handelsvertreternovelle 1953 in das HGB eingefügt wurde, am Ende:

"Da der Handelsvertreter verpflichtet ist, sich um die Vermittlung oder den Abschluss von Geschäften zu bemühen, hat er Anspruch darauf, dass der Unternehmer ihm die Unterlagen zur Verfügung stellt, die er zu seiner Tätigkeit benötigt. Dazu gehören insbesondere Muster, Zeichnungen, Preislisten, Werbedrucksachen und Geschäftsbedingungen."

Dies scheint die Auslegung des OLG Köln und der Kläger zu stützen, da die aufgeführten Unterlagen als konkrete Beispiele für solche Unterlagen aufgeführt wurden, die der Handelsvertreter "zu seiner Tätigkeit benötigt".

Etwas anderes ergibt sich jedoch, wenn man den ebenfalls aus der Gesetzesbegründung ersichtlichen Hintergrund der Vorschrift, vor allem den mit der Vorschrift verfolgten Sinn und Zweck betrachtet. Die Verpflichtung zur Unterstützung des Handelsvertreters und damit zur Bereitstellung der benötigten Unterlagen wird nämlich damit begründet, dass dies nach Sinn und Zweck des Vertragsverhältnisses aus Treu und Glauben folge. Wenn also, wie die Gesetzesbegründung ebenfalls eindeutig klarstellt, durch die normierte Vorschrift lediglich "die für den Unternehmer nach der gesetzlichen Regelung wesentlichen Pflichten besonders hervorgehoben werden" sollten, also praktisch nur die nach Treu und Glauben ohnehin bestehenden Pflichten klarstellend gesetzlich ausgesprochen werden sollten, so kann man nicht jegliche der aufgezählten Beispiele von vornherein als "erforderlich" ansehen. Eine aus Treu und Glauben folgende Pflicht zur Bereitstellung von Unterlagen kann sich nämlich entsprechend der allgemein anerkannten Anwendung des Grundsatzes von Treu und Glauben allein aus einer im jeweiligen Einzelfall anzustellenden Abwägung zwischen den Interessen aller an dem Rechtsverhältnis Beteiligten ergeben (vgl. MüKoBGB/Roth, 5. Auflage 2007, § 242 Rz. 46; Palandt/Heinrichs, 68. Auflage 2009, § 242 Rz. 5). Da § 86a HGB vom Gesetzgeber lediglich als Klarstellung dieses Prinzips gedacht war, ist der Rechtsanwender auch bei den beispielhaft aufgezählten Unterlagen nicht von einer Abwägung im Einzelfall entbunden. Hieran hat sich auch durch die spätere Einfügung des Abs. 3 in § 86a HGB nichts geändert.

Für eine gesonderte Prüfung des Merkmals "Erforderlichkeit" im jeweiligen Einzelfall spricht zudem, dass anderenfalls immer dann, wenn eine der aufgezählten Beispielsunterlagen des § 86a Abs. 1 HGB gegeben ist, der Unternehmer diese dem Handelsvertreter unentgeltlich überlassen müsste, auch wenn der Handelsvertreter im Einzelfall für seine Tätigkeit objektiv überhaupt nicht auf diese Unterlagen angewiesen ist. Ohne eine jeweilige Einzelfallbetrachtung würde das Merkmal "Erforderlichkeit" sehr weitgehend ausgelegt in der Gestalt, dass nicht nur "notwendige" und "sachgerechte" Unterlagen, sondern auch "hilfreiche" und "nicht schädliche" Unterlagen von der Vorschrift des § 86a Abs. 1 HGB erfasst würden. Letztlich wird die vorliegende Auslegung der Vorschrift des § 86a Abs. 1 HGB auch durch die Tatsache unterstützt, dass anderenfalls die Pflicht des Unternehmers zur Bereitstellung der erforderlichen Unterlagen, dessen Erfüllung der HV einklagen kann (Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn, Handelsgesetzbuch, 2. Auflage 2008, § 86a Rz. 16; Emde, in: Staub, HGB, § 86a Rn. 69), ausufern würde. Denn der Handelsvertreter hätte im Ergebnis gegen den Unternehmer einen einklagbaren Anspruch auf die Herstellung und Überlassung von jeglichen hilfreichen Unterlagen.

Die vorzunehmende Einzelfallbetrachtung führt dazu, dass die Kundenzeitschrift "G" nicht als erforderlich zur Ausübung der Tätigkeit des Handelsvertreters im Sinne des § 86a HGB anzusehen ist. Ausschlaggebend ist, was im Einzelfall objektiv aus der Sicht eines verständigen Handelsvertreters der jeweiligen Branche für die sachgerechte und erfolgreiche Erledigung seiner Tätigkeit, nämlich des Bemühens um die Vermittlung und den Abschluss von Geschäften (§ 86 HGB), hier: den Absatz der von der Beklagten vertriebenen Finanzprodukte, benötigt wird (vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn, Handelsgesetzbuch, 2. Auflage 2008, § 86a Rz. 16). Für den Absatz der von der Beklagten vertriebenen Finanzprodukte wird die Kundenzeitschrift jedoch nicht benötigt. Vielmehr dient die Kundenzeitschrift in erster Linie - unstreitig - der Bestandspflege der vorhandenen Kunden, bei denen also die Tätigkeit des Handelsvertreters bereits erfolgreich war. Aufwendungen für die Bestandspflege sind jedoch nach § 87d HGB in der Regel von dem Handelsvertreter selbst zu tragen (vgl. Baumbach/Hopt, Handelsgesetzbuch, 33. Auflage 2008, § 87d Rz. 4), und zwar unabhängig davon, ob er entsprechende Mittel von Dritten oder - wie hier - von seinem Auftraggeber selbst bezieht.

Selbst wenn man darüber hinaus auch die weitergehende Behauptung des Klägers, dass die Kundenzeitschrift auf Vorgaben der Beklagten hin auch an Interessenten versandt worden sei und insofern ein gezieltes Neukunden-Marketing betrieben worden sei, als wahr unterstellt, ist nicht ersichtlich, inwiefern die Kundenzeitschrift hierzu tatsächlich erforderlich gewesen sein soll. Aus der klägerischen Behauptung, dass in der Zeitschrift allein Produkte der Produktpartner der Beklagten beworben wurden und auch der Vertrieb mit der Zeitschrift geschult worden sei, ergibt sich dies nach Auffassung der erkennenden Kammer jedenfalls nicht. Selbst wenn man dies als wahr unterstellt, ist diese Behauptung für die Beurteilung der Frage, ob ein verständiger Handelsvertreter in der Finanzbranche sich ohne die Kundenzeitschrift nicht sachgerecht und erfolgreich um den Absatz von Finanzprodukten eines Allfinanzunternehmens bemühen könnte, ohne Relevanz. Im Ergebnis wird die Vermittlung der Finanzprodukte durch den Kläger auf Grundlage des Verkaufsgesprächs und der jeweiligen Produktbroschüren zustande kommen. Dass der Kläger bei der Beratung bzw. der Vermittlung der Produkte auf die Kundenzeitschrift als notwendiges Verkaufsinstrument angewiesen ist, erscheint nicht wirklich nahe liegend.

2. Auch die sog. EDV-Sachkostenpauschale unterfällt für die hiervon erfassten Einzelpositionen nicht dem Regelungsbereich des § 86a Abs. 1 HGB. Dies wäre allenfalls dann möglich, wenn von der Pauschale unter anderem Vertriebssoftware betroffen wäre, da eine solche Software kostenfrei zur Verfügung zu stellen wäre (vgl. OLG Köln, r+s 2009, 87, 88). Dies ist jedoch nicht der Fall. Denn die EDV-Sachkostenpauschale betrifft allein EDV-Dienstleistungen, die sich auf Hardware und solche Software beziehen, die nicht konkret dem Vertrieb einzelner Produkte zugeordnet ist. Aktualisierungssoftware zu Vertriebsprodukten sei hingegen seitens der Beklagten jederzeit kostenfrei zur Verfügung gestellt worden. Von dieser beklagtenseits behaupteten Unterscheidung muss auch die erkennende Kammer ausgehen. Abgesehen davon, dass diese Unterscheidung so auch explizit in dem der EDV-Sachkostenpauschale zugrundeliegenden Vertragswerk getroffen wird, welches die streitgegenständlichen EDV-Unterstützungsleistungen unter dem Titel "Hardware" (1.) in der Klausel 1.1. (5) regelt, wohingegen die Vertriebssoftware erst unter dem Titel "Vertriebssoftware" (2.) in der Klausel 2.1. (1) ["BF und deren Produktpartner überlassen dem Handelsvertreter kostenfrei die jeweils aktuelle Angebotssoftware"] geregelt wird, ist der Kläger den Darlegungen der Beklagten, insbesondere dem Vorbringen, dass vertriebsbezogene CD-Roms kostenfrei zur Verfügung gestellt worden seien, auch nicht ausreichend entgegengetreten.

Soweit das OLG Köln die Vertriebsrelevanz der EDV-Sachkostenpauschale in dem o.g. Parallelverfahren noch anders beurteilt hatte, liegt dies offenbar daran, dass aus Gründen des Tatsachenvortrags in dem damaligen Verfahren von einer anderen Tatsachengrundlage auszugehen war. So war dort wohl nach dem eigenen Vortrag der dortigen (und hiesigen) Beklagten von der EDV-Sachkostenpauschale u.a. die Kostendeckung für Aktualisierungs-CDs zu Tarifsystemen von Produktpartnern der Beklagten erfasst und damit die konkrete Vertriebssoftware der Beklagten betroffen. Nach dem hiesigen - zu berücksichtigenden - Tatsachenvortrag, wie er oben gewürdigt wurde, ist hiervon in diesem Verfahren nicht auszugehen.

Mangels Hauptanspruchs scheidet auch der weiterhin geltend gemachte Zinsanspruch aus.

Die Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 91 Abs. 1 Satz 1, 709 Satz 1, 2 ZPO.

Streitwert: bis 17.04.2009 5.211,38 Euro, ab 18.04.2009 2.359,88 Euro