VG Köln, Urteil vom 16.04.2008 - 4 K 6/07
Fundstelle
openJur 2011, 59664
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Tenor

Die Klage wird abgewiesen. Der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens.

Tatbestand

Der Kläger nahm im Sommer 2004 an der Abschlussprüfung im Ausbildungsberuf zum „Mediengestalter Bild und Ton" teil. Die Prüfung bestand aus einem schriftlichen und einem praktischen Teil. Im Rahmen des praktischen Teils der Prüfung fertigte der Kläger nach entsprechender Genehmigung seines Konzeptes ein Bild- und Tonprodukt mit dem Titel „Qualitätssicherung" als sog. Prüfungsstück und eine Arbeitsprobe an.

Mit Prüfungsbescheid vom 16. Juli 2004 teilte die Beklagte dem Kläger mit, er habe die Abschlussprüfung mit der Gesamtnote „befriedigend" (78 Punkte) bestanden. In der schriftlichen Prüfung hatte der Kläger die Note „sehr gut" und in der praktischen Prüfung die Note „ausreichend" (59 Punkten) erhalten. Dabei waren die Arbeitsprobe mit der Note „befriedigend" (29 Punkte) und das Prüfungsstück mit der Note „ausreichend" (30 Punkte) bewertet worden.

Mit bei der Beklagten am 23. August 2004 eingegangenem Schreiben erhob der Kläger gegen die Bewertung seines praktischen Prüfungsteils Widerspruch.

Der Prüfungsvorsitzende führte in einer Stellungnahme vom 27. August 2004 zum Prüfungsstück des Klägers u.a. stichpunktartig aus: Keine Kameraarbeit, kein Zoom, keine Kamerafahrten, keine Lichtgestaltung, alles nur feste Einstellungen, durch die Kameraarbeit werde keine Geschichte erzählt, die einzelnen Szenen wirkten aneinandergereiht, kein logischer Ablauf der Kameraarbeit, ohne Sprecher erklärten sich die Bilder nicht. Weiter war ausgeführt: Gestalterische Elemente seien in der Kameraarbeit kaum zu finden. Detailaufnahmen wirkten zufällig und meist bezugslos in ihrer dargestellten Anzahl und passten nur manchmal zu dem gesprochenen Text. Eine Umsetzung der Bilder zum Text des Berichts sei im Ganzen nicht erfüllt worden. Gestalterische Möglichkeiten seien nicht oder kaum zu sehen. Von einem Filmanfang könne man nicht wirklich sprechen.

Mit Schreiben vom 16. Mai 2005 begründete der Kläger seinen Widerspruch im Wesentlichen wie folgt: Die Kritikpunkte erschienen ihm zu ungenau und teilweise unverständlich. Er bat um Mitteilung des Bewertungsschlüssels. Zum Punkt „fehlende Lichtgestaltung" trug er vor, es sei in jeder Szene Licht gesetzt worden. Er habe darauf geachtet, dass die natürliche Lichtführung nicht gebrochen, sondern nur leicht unterstützt werde. Bei allen Interviews sei mit Lampen gearbeitet worden. Er habe zwar keinen Zoom und keine Kamerafahrt genutzt. Hierfür habe er sich jedoch - nachdem er erfahren habe, dass im Rahmen der Prüfungsarbeit keine bestimmten Punkte erfüllt werden müssten - bewusst entschlossen, weil er extra nur Bilder gefilmt habe, in denen die Bewegung im Bild selbst gewesen sei. Seiner Meinung nach erzähle die Kameraarbeit sehr wohl eine Geschichte, denn schließlich werde der Produktionsvorgang von der Planung bis zur Produktion gezeigt. Er stimme zu, dass man den Bericht ohne Sprecher nicht verstehen würde, sehe dies aber nicht als Kritikpunkt an, weil die redaktionelle Arbeit nicht zum Prüfungsinhalt gehöre und auf Anschluss gedreht worden sei.

Die Beklagte holte daraufhin eine Stellungnahme des Prüfungsausschusses ein, der telefonisch mitteilte, die Stellungnahme vom 27. August 2004 sage alles aus. Mit Widerspruchsbescheid vom 3. August 2005 wies die Beklagte den Widerspruch daraufhin zurück.

Am 5. September 2005 (einem Montag) hat der Kläger Klage erhoben.

Zur Begründung nimmt er Bezug auf seine Ausführungen im Widerspruchsverfahren. Ergänzend trägt er vor: Seine Kameratechnik sei stets einwandfrei gewesen. Alle Aufnahmen seien bewusst eingesetzt worden und unterstrichen den Sprechertext. Prüfungsschwerpunkt sei die Kameratechnik gewesen. Der Sprechertext sei erst im Schnitt perfektioniert worden. Wie bei einem Exposé üblich, habe es zur Drehzeit noch keinen geplanten Text gegeben. Es fänden sich sehr wohl die Haupteinstellungsgrößen und eine Schärfeverlagerung. Dass die Bilder keine neuen Informationen brächten, sei ihm nicht verständlich. Das erste Bild sei bewusst so gewählt worden.

Der Kläger beantragt,

die Beklagte unter Aufhebung ihres Bescheides vom 16. Juli 2004 und des Widerspruchsbescheides vom 3. August 2005 zu verpflichten, über das Ergebnis der Abschlussprüfung des Klägers im Ausbildungsberuf „Mediengestalter Bild und Ton" hinsichtlich der Bewertung des Prüfungsstücks im Rahmen des praktischen Prüfungsteils erneut unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts zu entscheiden.

Die Beklagte beantragt, die Klage abzuweisen.

Sie nimmt Bezug auf eine weitere Stellungnahme des Prüfungsausschusses vom 3. Oktober 2005 und führt ergänzend aus: Die Bewertung des Prüfungsstücks des Klägers sei korrekt. Dabei sei zu berücksichtigen, dass dem Prüfungsausschuss ein erheblicher Beurteilungsspielraum zustehe. Dieser sei vorliegend nicht überschritten worden. Im technischen Teil der praktischen Prüfung sei die Mazkarte und die Hülle des Bandes vom Kläger lediglich handschriftlich und unsauber ausgefüllt worden. Soweit der Kläger darauf hinweise, dass seine Kameratechnik „stets einwandfrei" gewesen sei, verkenne er, dass die Kameraarbeit nicht isoliert betrachtet werden dürfe und auch nicht Prüfungsschwerpunkt sei, sondern lediglich ein „Technisches Betriebsmittel" zur Erreichung der gestalterischen Arbeit darstelle. Die Arbeit insgesamt müsse sich dem Betrachter als dynamisch, rhythmisch und schlüssig darstellen. Im Vordergrund der Bewertung stehe dabei die gestalterische Arbeit.

In der mündlichen Verhandlung vom 16. April 2008 ist der Prüfungsfilm des Klägers in Augenschein genommen worden.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den sonstigen Inhalt der Gerichtsakte sowie der beigezogenen Verwaltungsvorgänge und den in Augenschein genommenen Prüfungsfilm des Klägers Bezug genommen.

Gründe

Die zulässige Klage ist unbegründet.

Der Bescheid der Beklagten vom 16. Juli 2004 und der Widerspruchsbescheid vom 3. August 2005 sind rechtmäßig und verletzen den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 5 VwGO). Der Kläger hat keinen Anspruch auf erneute Entscheidung über das Ergebnis seiner Abschlussprüfung im Ausbildungsberuf „Mediengestalter Bild und Ton" hinsichtlich der Bewertung des Prüfungsstücks im Rahmen des praktischen Prüfungsteils.

Die Bewertung der Abschlussprüfung des Klägers hinsichtlich des Prüfungsstücks „Qualitätssicherung" lässt keine Bewertungsfehler erkennen.

Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts,

Beschluss vom 17. April 1991 - 1 BvR 419/81 -, 213/83 -, NJW 1991, 2005 (2007),

der die Verwaltungsgerichte folgen,

vgl. BVerwG, Urteil vom 9. Dezember 1992 - 6 C 3/92 -, NVwZ 1993, 677 (678); OVG NRW, Urteil vom 24. Juni 1994 - 19 A 3286/92 - ,

verpflichtet das in Art. 19 Abs. 4 GG verankerte Recht auf effektiven Rechtsschutz die Gerichte, auch Prüfungsentscheidungen in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht grundsätzlich vollständig nachzuprüfen. Allerdings verbleibt der Prüfungsbehörde bei prüfungsspezifischen Bewertungen ein die gerichtliche Kontrolle einschränkender Beurteilungsspielraum, dessen Überprüfung u. a. darauf beschränkt ist, ob Verfahrensfehler oder Verstöße gegen anzuwendendes Recht vorliegen, ob die Prüfungsbehörde von einem unrichtigen Sachverhalt ausgegangen ist, gegen allgemeine Bewertungsgrundsätze verstoßen hat oder sich von sachfremden Erwägungen hat leiten lassen. Mit diesen Grundsätzen ist es nicht vereinbar, dass das Gericht eine Prüfungsleistung selbst bewertet und - als Folge dieser eigenen Bewertung - die Prüfungsbehörde verpflichtet, die Prüfung für bestanden zu erklären oder besser zu bewerten.

BVerwG, Urteil vom 9. Dezember 1992, a.a.O.; VGH Mannheim, Beschluss vom 30. Juni 1980 - 9 S 974/80 -.

Hierdurch würde nicht nur die gerichtlich zu respektierende Beurteilungsermächtigung der Prüfer, sondern auch der das Prüfungsrecht beherrschende Grundsatz der Chancengleichheit verletzt. Dieser verlangt, dass für vergleichbare Prüflinge soweit wie möglich vergleichbare Prüfungsbedingungen und Bewertungskriterien gelten und kein Prüfling die Chance einer vom Vergleichsrahmen unabhängigen Bewertung - etwa durch ein Verwaltungsgericht - erhält.

BVerfG, Beschluss vom 7. April 1991 a.a.O.; BVerwG, Urteil vom 24. Februar 1993 - 6 C 38/92 -, NVwZ 1993, 686 (688).

In Anwendung dieser Grundsätze sind Rechtsfehler bei der Bewertung des Prüfungsstücks des Klägers nicht ersichtlich.

Bedenken gegen das von der Beklagten bzw. dem Prüfungsausschuss zugrundegelegte Bewertungssystem, das von einer unterschiedlichen Gewichtung des technischen (40%) und des gestalterischen (60%) Teils ausgeht, bestehen - auch mit Blick auf die Ausführungen der Beklagten zur wesentlichen Bedeutung der gestalterischen Kameraarbeit im Rahmen der Abschlussprüfung zum „Mediengestalter Bild und Ton" - nicht und werden auch vom Kläger nicht erhoben.

Anhaltspunkte dafür, dass die Bewertung des Prüfungsstücks hinsichtlich seines technischen Teils rechtsfehlerhaft wäre, sind ebenfalls weder vorgetragen noch sonst ersichtlich. Vielmehr hat die Beklagte hierzu nachvollziehbar ausgeführt, der Punktabzug sei gerechtfertigt, weil die Mazkarte und die Hülle des Bandes vom Kläger lediglich handschriftlich und unsauber ausgefüllt worden seien und man von einem Mediengestalter mehr Kreativität erwarte. Der Kläger hat hiergegen keine substantiierten Einwände erhoben.

Die Einwände des Klägers richten sich vielmehr gegen die Bewertung des gestalterischen Teils des Prüfungsfilms. Aber auch diese Bewertung ist rechtlich nicht zu beanstanden. Die hierauf bezogenen Rügen des Klägers sind unsubstantiiert. Aufgrund der Mitwirkungspflichten eines Prüflings im Prüfungsverfahren obliegt es ihm, substantiierte Einwände gegen die Bewertung der Prüfungsleistungen geltend zu machen. Nur wenn konkret und nachvollziehbar ein Bewertungsfehler geltend gemacht wird, besteht eine Pflicht des Prüfers zum Überdenken und zur etwaigen Änderung der Bewertung.

Vgl. Niehues, Prüfungsrecht, 4. Auflage 2004, Rdn. 762.

Dem genügt das Vorbringen des Klägers nicht. Die Beklagte hat nachvollziehbar dargetan, dass in der Abschlussprüfung zum „Mediengestalter Bild und Ton" die gestalterische Kameraarbeit im Vordergrund steht und dass solche gestalterischen Elemente der Kameraarbeit, wie beispielsweise Einsatz von Zoom, Kamerafahrten, Lichtgestaltung und Schärfeverlagerungen, im Prüfungsfilm des Klägers fehlen. Der Kläger räumt weitestgehend ein, auf gestalterische Elemente der Kameraarbeit (mit Ausnahme e i n e r Schärfeverlagerung) verzichtet zu haben. Seine Begründung, er habe sich hierzu ganz bewusst entschieden, weil er extra nur Bilder gefilmt habe, in denen die Bewegung im Bild selbst gewesen sei und er bei der Lichtgestaltung die natürliche Lichtführung nicht habe brechen wollen, ist ein subjektives Element, das einen Verzicht auf die Einhaltung der o.g. objektiven Bewertungskriterien der Gestaltungsvielfalt nicht rechtfertigt. Die prüfungsrechtliche Bewertung der Beklagten, durch die Kameraarbeit werde keine Geschichte (mit zugehörigem Spannungsbogen) erzählt, ist - auch nach Ansehen des Films in der mündlichen Verhandlung - ebenfalls nicht zu beanstanden. Der Vortrag des Klägers, durch die Kameraarbeit werde sehr wohl eine Geschichte erzählt, denn schließlich werde der Produktionsvorgang von der Planung bis zur Produktion gezeigt, stellt seine persönliche Auffassung dar, die durch den objektiven Gehalt des Films nicht gedeckt ist. Die Beklagte hat insofern zu Recht bemängelt, dass die einzelnen Szenen bezugslos aneinander gereiht wirkten, wobei Text und Bild oftmals nicht zusammenpassten. Letzteres räumt der Kläger selbst ein, wenn er meint, dass der „manchmal unperfekte Text von seiner Kameratechnik ablenk(e)". Schließlich stimmt der Kläger auch zu, dass man den Bericht ohne Sprecher nicht verstehen würde. Seine hierzu gegebene Begründung, dass die redaktionelle Arbeit nicht zum Prüfungsinhalt gehöre und auf Anschluss gedreht worden sei, ist eine persönliche Auffassung, die prüfungsrechtlich nicht relevant ist.

Auch die übrigen Rügen des Klägers erschöpfen sich im Wesentlichen in subjektiven Erklärungen zu den von ihm gewählten Kameraeinstellungen (z.B. zum Filmanfang), vermögen aber eine fachliche Unrichtigkeit der Bewertung des Prüfungsstücks ersichtlich nicht zu begründen. Auch das recht pauschale Vorbringen des Klägers, die Kritikpunkte der Prüfer erschienen ihm teilweise zu ungenau und unverständlich, genügt nicht den Anforderungen an eine Substantiierung.

Der Umfang des vorgenommenen Punktabzuges ist Bestandteil des den Prüfern zustehenden Bewertungsspielraumes. Eine Verletzung dieses Spielraumes hat der Kläger nicht substantiiert vorgetragen und ist auch sonst nicht ersichtlich.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO.