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OLG Bamberg · Urteil vom 24. September 2014 · Az. 3 Ss 94/14

Informationen zum Urteil

  • Gericht:

    OLG Bamberg

  • Datum:

    24. September 2014

  • Aktenzeichen:

    3 Ss 94/14

  • Typ:

    Urteil

  • Fundstelle:

    openJur 2014, 23213

  • Verfahrensgang:

Eine Geldstrafe in Höhe von nur 30 Tagessätzen löst sich auch bei einer Verurteilung wegen Beleidigung dann nach unten von ihrer Bestimmung, gerechter Schuldausgleich zu sein, wenn der Angeklagte bereits vielfach und gewichtig vorbestraft ist und die Tat während einer Inhaftierung begangen hat. In einem solchen Fall liegt wegen besonderer in der Persönlichkeit des Täters liegender Umstände vielmehr die Notwendigkeit der Verhängung einer (kurzen) Freiheitsstrafe im Sinne des § 47 Abs. 1 StGB nahe.

Tenor

I. Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts vom 14.04.2014 wird als unbegründet verworfen.

II. Der Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

III. Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Landgerichts vom 14.04.2014 im Rechtsfolgenausspruch mit den zugehörigen Feststellungen samt der Kostenentscheidung aufgehoben.

IV. Die Sache wird im Umfang der Aufhebung zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Revision, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

I.

Das Amtsgericht hat den Angeklagten am 21.03.2013 wegen Beleidigung zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten verurteilt, deren Vollstreckung nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde. Auf die gegen das Urteil des Amtsgerichts eingelegte Berufung des Angeklagten hat das Landgericht am 14.04.2014 das Urteil des Amtsgerichts dahin abgeändert, dass es ihn wegen Beleidigung zur Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 5 € verurteilt hat. Gegen diese auf die Berufung des Angeklagten getroffene Entscheidung des Landgerichts haben sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt. Während der Angeklagte das Urteil des Landgerichts mit der Sachrüge umfassend angreift, hat die Staatsanwaltschaft ihr ebenfalls mit der Sachrüge begründetes Rechtsmittel auf den Rechtsfolgenausspruch beschränkt.

II.

Das Landgericht hat folgende Feststellungen und Wertungen getroffen: Der vielfach (auch) zu langjährigen Freiheitsstrafen vorbestrafte Angeklagte richtete, nachdem er aufgrund eines Haftbefehls zur Vollstreckung einer Freiheitsstrafe festgenommen und inhaftiert worden war, an die zuständige Vollstreckungsrechtspflegerin der Staatsanwaltschaft am 22.08.2012 ein dort am 24.08.2012 eingegangenes Schreiben, in welchem er sich über seine Festnahme und Inhaftierung mokierte. Das Schreiben schloss mit den Worten: „Im Übrigen wollte ich noch mitteilen, dass bei uns im Moment die DUSCHLampe kaputt ist, aber ich gehe von einer baldigen Reparatur aus...“.

Das Landgericht hat die Äußerung dahingehend gewertet, dass der Angeklagte die

Rechtspflegerin als „Du Schlampe“ titulieren wollte.

III.

Die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revision des Angeklagten hat keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben. Der rechtsfehlerfrei getroffene Schuldspruch wird von den tatsächlichen Feststellungen im angefochtenen Urteil getragen. Der Angeklagte kann sich auch nicht darauf berufen, dass seine Tat in Ausübung der Meinungsfreiheit gerechtfertigt sei. Bei der inkriminierten Äußerung handelt es sich um eine reine Schmähung in Form einer Formalbeleidigung, bei der die Meinungsfreiheit von vornherein zurückzutreten hat (vgl. nur BVerfGE 99, 185 = NJW 1999, 1322 m.w.N.). Auch der Rechtsfolgenausspruch weist keinen den Angeklagten beschwerenden Rechtsfehler auf.

IV.

Dagegen ist die wirksam auf den Rechtsfolgenausspruch beschränkte Revision der Staatsanwaltschaft auf die Sachrüge hin begründet. Die Festsetzung der Strafe weist durchgreifende Rechtsfehler auf.

1. Die Strafzumessung ist zwar grundsätzlich Sache des Tatrichters. Es ist seine Aufgabe, auf der Grundlage des umfassenden Eindrucks, den er in der Hauptverhandlung von der Tat und der Persönlichkeit des Täters gewonnen hat, die wesentlichen entlastenden und belastenden Umstände festzustellen, sie zu bewerten und hierbei gegeneinander abzuwägen. Ein Eingriff des Revisionsgerichts in diese Einzelakte der Strafzumessung ist in der Regel nur möglich, wenn die Zumessungserwägungen in sich fehlerhaft sind, wenn das Tatgericht gegen rechtlich anerkannte Strafzwecke verstößt oder wenn sich die verhängte Strafe nach oben oder unten von ihrer Bestimmung löst, gerechter Schuldausgleich zu sein. Nur in diesem Rahmen kann eine „Verletzung des Gesetzes“ i.S.d. § 337 StPO vorliegen. Dagegen ist eine ins Einzelne gehende Richtigkeitskontrolle ausgeschlossen (vgl. grundlegend BGHSt 34, 345 = NJW 1987, 3014 = wistra 1987, 287 = StV 1987, 337).

2. Auch unter Berücksichtigung der aus den genannten Gründen nur eingeschränkten revisionsgerichtlichen Überprüfung kann der Strafausspruch keinen Bestand haben.

a) Zum einen zieht die Berufungskammer bei der Strafzumessung zugunsten des Angeklagten Umstände heran, denen keine für die Schuld des Angeklagten maßgebliche Bedeutung zukommt.

aa) So ist es bereits rechtsfehlerhaft, soweit das Landgericht zugunsten des Angeklagten berücksichtigt, dass er sich bei der Verletzten mit Schreiben vom 23.08.2012 entschuldigt habe. Zwar kann eine Entschuldigung beim Tatopfer durchaus für die Strafzumessung von Bedeutung sein. Im vorliegenden Fall war es nach den Feststellungen im angefochtenen Urteil jedoch so, dass der Angeklagte mit weiterem Schreiben vom 06.10.2012 gegenüber der Verletzten geäußert hat, dass „sich sein Entschuldigungsschreiben lediglich auf das 'Sehr geehrte' bezogen“ habe. Damit hat der Angeklagte seine ursprüngliche Entschuldigung nicht nur vollends zurückgenommen, was das Landgericht zu Unrecht als bloße Relativierung einstuft, sondern obendrein einen erneuten Angriff auf den Achtungsanspruch der Verletzten unternommen. Eine strafmildernde Bedeutung kann damit der ursprünglichen, vom Angeklagten selbst wieder zurückgenommenen „Entschuldigung“ nicht mehr beigemessen werden.

bb) Ferner hat das Landgericht eine „nachvollziehbare Verärgerung“ des Angeklagten angenommen und zu seinen Gunsten bei der Strafzumessung berücksichtigt, dass er sich „ungerecht behandelt gefühlt“ habe. Auch diesem Gesichtspunkt hätte schon deshalb keine relevante Bedeutung beigemessen werden dürfen, weil ein Zusammenhang mit der Person der Verletzten nicht bestand, zumal nach den Urteilsgründen gerade nicht davon ausgegangen werden kann, dass diese einen „nachvollziehbaren Anlass“ für die Verärgerung des Angeklagten gegeben hatte.

cc) Ebenfalls nicht plausibel sind die Strafzumessungserwägungen im angefochtenen Urteil, soweit dort der Umstand, dass der Angeklagte im vorliegenden Verfahren „mehr als 100 Tage“ im Hinblick auf die Verschubung „nach den Bedingungen eines Untersuchungshäftlings und nicht nach denen eines Strafgefangenen untergebracht war“, zu seinen Gunsten berücksichtigt wurde. Es ist weder dargetan noch ersichtlich, inwiefern dies eine besondere, den Angeklagten belastende Tatsache darstellen sollte, die im Rahmen der Strafzumessung für ihn sprechen könnte.

b) Zum anderen ist - unabhängig von den genannten, zu Unrecht für den Angeklagten gewerteten Strafmilderungsgründen - die verhängte Geldstrafe aber auch deswegen rechtsfehlerhaft, weil es sich dabei um eine unvertretbar milde Strafe handelt, die ihre Bestimmung, gerechter Schuldausgleich zu sein, nicht erfüllt. Es handelt sich vielmehr um eine derart milde Strafe, die bei zutreffender Gewichtung der im vorliegenden Fall zu berücksichtigenden gravierenden Strafverschärfungsgründe unter keinen Umständen mehr vertretbar ist. Sie steht in keinem angemessenen Verhältnis zum Unrechtsgehalt und zum Grad der persönlichen Schuld des Angeklagten und unterschreitet somit den dem Tatrichter bei der Strafzumessung eingeräumten Spielraum (vgl. hierzu nur BGHSt 24, 132; NJW 1977, 1247). Die von der Strafkammer verhängte Geldstrafe von 30 Tagessätzen orientiert sich innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens des § 185 StGB am unteren Ende und damit in einem Bereich, der an sich für einen nicht oder nur geringfügig vorbestraften Täter, der Schuldeinsicht und Reue erkennen lässt, als angemessen erscheint. Zwar hat das Landgericht im Zusammenhang mit den gegen den Angeklagten sprechenden Gesichtspunkten dessen Vorleben, insbesondere seine zahlreichen Vorstrafen, erwähnt. Die Strafkammer hat aber keine entsprechende Gewichtung vorgenommen und aus dem Vorleben nicht die gebotenen Schlüsse gezogen. Denn andernfalls ist es nicht zu erklären, weshalb das Landgericht von der Verhängung einer Freiheitsstrafe abgesehen und stattdessen nur eine - überdies - außerordentlich milde Geldstrafe ausgesprochen hat. Der Angeklagte musste seit dem Jahr 1989, und zwar schon als Jugendlicher, immer wieder wegen der Begehung verschiedenster Straftaten strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden. Bewährungschancen hat er häufig nicht genutzt, vielmehr kam es in einer großen Anzahl von Fällen zum Bewährungswiderruf. Weder Geldstrafen noch die Verhängung von Freiheitsstrafen konnten ihn auf den rechten Weg führen. Selbst (zusammengerechnet) langjähriger Strafvollzug hatte keinen läuternden Einfluss auf ihn. Die verfahrensgegenständliche Tat wurde überdies aus der Haft heraus begangen. Bei dieser Situation ist ersichtlich, dass das Landgericht nicht nur eine unvertretbar milde Strafe verhängt, sondern zudem fehlerhaft die Voraussetzungen des § 47 Abs. 1 StGB verneint hat. Denn bei Berücksichtigung der genannten Umstände, insbesondere der Tatsache, dass der Angeklagte sich bislang durch die Vorstrafen völlig unbeeindruckt gezeigt hat, ist die Annahme des Landgerichts, es lägen keine besonderen Umstände in der Tat oder der Persönlichkeit des Angeklagten vor, welche die Verhängung einer kurzfristigen Freiheitsstrafe zur Einwirkung auf diesen oder zur Verteidigung der Rechtsordnung unerlässlich machen, schlechterdings nicht mehr verständlich. Gerade unter spezialpräventiven Gesichtspunkten ist die Annahme, der Angeklagte könnte nunmehr durch eine (geringfügig bemessende) Geldstrafe auf den rechten Weg geführt werden, unter keinen Umständen berechtigt.

IV.

Aufgrund der aufgezeigten sachlich-rechtlichen Mängel war das angefochtene Urteil auf die Revision der Staatsanwaltschaft mitsamt den Feststellungen im Rechtsfolgenausspruch aufzuheben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten der Revision - an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückzuverweisen (§ 354 Abs. 2 StPO).

V.

Die Kostenentscheidung hinsichtlich der erfolglosen Revision des Angeklagten beruht auf § 473 Abs. 1 Satz 1 StPO.

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