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OLG Hamm · Urteil vom 8. Oktober 2012 · Az. I-3 U 46/12

Informationen zum Urteil

  • Gericht:

    OLG Hamm

  • Datum:

    8. Oktober 2012

  • Aktenzeichen:

    I-3 U 46/12

  • Typ:

    Urteil

  • Fundstelle:

    openJur 2013, 5788

  • Verfahrensgang:

Tenor

Die Berufung der Klägerinnen gegen das am 26.01.2012 verkündete Urteil der

11. Zivilkammer des Landgerichts Münster wird zurückgewiesen.

Die Klägerinnen tragen die Kosten des Berufungsverfahrens.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Den Klägerinnen wird gestattet, die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 120 % des zu vollstreckenden Betrages abzuwenden, wenn nicht die Beklagte zuvor in gleicher Höhe Sicherheit leistet.

Die Revision wird nicht zugelassen.

Gründe

I.

Die Klägerinnen machen als gesetzliche Kranken- bzw. Pflegekasse Schadens­ersatzansprüche aus gemäß § 116 SGB X übergegangenem Recht wegen von ihr für das Kind M C gemachter Aufwendungen gegen die Beklagte aufgrund

einer fehlerhaften präpartalen Schwangerschaftsbetreuung der Kindesmutter C (heute N) geltend. Die Klägerinnen haben erstinstanzlich von der Beklagten bezifferten materiellen Schadensersatz von insgesamt 61.568,04 Euro hinsichtlich der Klägerin zu 1) bzw. 57.244,73 Euro hinsichtlich der Klägerin zu 2) sowie die Feststellung der Verpflichtung des Ersatzes sämtlicher weiterer materieller Schäden begehrt.

Die Zeugin N (zum damaligen Zeitpunkt C; im Folgenden: Kindesmutter) stellte sich erstmals am 31.01.2002 in der Praxis der Beklagten vor. Hierbei wurde bei der Kindesmutter die erste Schwangerschaft in der 9. + 0 SSW festgestellt sowie ein Entbindungstermin für den 05.09.2002 berechnet. In der Folgezeit führte die Beklagte mehrfache Untersuchungen durch, wobei die Fehlerhaftigkeit bestimmter Untersuchungen erstinstanzlich zwischen den Parteien streitig war. Vom 14.06.2002 bis zum 17.06.2002 befand sich die Kindesmutter im Josephs-Hospital X wegen starker Schmerzen im Rücken und in der Flanke. Sonographisch wurde u.a. ein Nierenstau II. Grades festgestellt. Die dort durchgeführte Ultraschalluntersuchung ergab keine Besonderheiten hinsichtlich des Feten. Am 19.07.2002 wurde die Kindesmutter vom Urlaubsvertreter der Beklagten, Herrn Dr. H, untersucht, der ebenfalls keine Auffälligkeiten feststellte.

Die in der Berufungsinstanz noch streitgegenständliche Untersuchung und Behandlung bei der Beklagten fand am 02.08.2002 statt. Hierbei führte die Beklagte bei der Kindesmutter verschiedene Untersuchungen, u.a. eine CTG-Untersuchung, eine Sonographie sowie eine Doppleruntersuchung durch. Die durchgeführte CTG-Untersuchung ergab ein pathologisches Bild mit einem silenten Oszilationsmuster. In der Doppler­untersuchung zeigte sich in der arteria umbilicalis ein reverser enddiastolischer Fluss. Die Beklagte wies die Kindesmutter daraufhin zur weiteren Behandlung in das St. Franziskus-Hospital in B ein, wobei zwischen den Parteien streitig ist, mit welcher Dringlichkeit die Beklagte die Kindesmutter auf diese Einweisung hingewie­sen hat. Unstreitig zwischen den Parteien ist, dass die Kindesmutter und ihr Lebens­gefährte die Praxis der Beklagten gegen ca. 12.00 Uhr am 02.08.2002 verließen.

Nachdem die Kindesmutter und der Zeuge N3 zunächst nach Hause gefahren, dort noch eine Mahlzeit eingenommen und sodann Gegenstände für einen Kranken­hausaufenthalt eingepackt hatten, trafen sie gegen 14.30 Uhr im Franziskus-Hospital in B ein. Nach diversen Untersuchungen fand gegen 16.31 Uhr die Kaiser­schnittentbindung des Kindes M C statt. Das Kind wog zum Zeitpunkt der Geburt 1.394 g, war 38 cm groß, hatte einen Kopfumfang von 27,5 cm; der Nabel­schnurarterienph-Wert betrug 7,02, der Base-Exces minus 17,3. Nach zunächst durchgeführter Maskenbeatmung betrug der Apgar-Wert nach 1,5 bzw. 10 Minuten 5/8/8. Zum Abschluss wurde das Kind M auf die neonatologische Intensiv­station verlegt. Neben Ohranhängseln wurde bei ihm ein großer Ventrikelseptumdefekt festgestellt. Ein am 07.05.2004 eingeholtes humangenetisches Gutachten der Universitätsklinik N2 ergab einen Hinweis auf einen sehr kleinen Stückverlust im Bereich des langen Arms des Chromosoms 22.

Die Klägerinnen haben der Beklagten erstinstanzlich als fehlerhaft vorgeworfen, dass sie keine vorschriftsmäßige Dokumentation der Ultraschalluntersuchungen erstellt habe und zudem auch hinsichtlich des Schwangerschaftsalters im Mutterpass und in der Behandlungsdokumentation fehlerhafte Eintragungen und Berechnungen aufgeführt seien. Deshalb sei nicht rechtzeitig eine schwere Plazentainsuffizienz und eine Wachstumsretardierung des Kindes erkannt worden. Zudem seien auch gebotene Ultraschall- und Fruchtwasseruntersuchungen unterlassen worden.

Am 02.08.2002 sei die Kindesmutter angesichts des silenten CTG - wobei die Befundung der Beklagten mit "eingeengte Oszillation" ebenfalls fehlerhaft gewesen sei - nicht mit der gebotenen Dringlichkeit auf eine sofortige Krankenhausbehand­lung hingewiesen worden. Vielmehr sei ihr seitens der Beklagten gesagt worden, dass keine Eile bestehe, man ruhig noch nach Hause fahren, Sachen packen und essen könne und sich bis 16.00 Uhr im Krankenhaus vorstellen solle. Deshalb sei eine weitere gebotene Diagnostik sowie letztendlich auch die Entbindung des Kindes M verzögert worden.

Als Folge dieser Behandlungsfehler leide das Kind M unter erheblichen Beein­trächtigungen, nämlich einer infantilen Cerebralparese, einer zentralen Koordina­tionsstörung, einer Entwicklungsretardierung, einer periventrikulären Leukomalazie, erweiterten Seitenventrikeln, einer patiellen Balkenhypoplasie, einer Schwer­hörigkeit, einer universellen Dyslalie, verbalen Dyspraxie, einer inoperablen beid­seitigen Hüftdysplasie sowie unter Spastiken. Gehen und Stehen sei nicht frei mög­lich. Ferner liege ein Grad der Behinderung von 100 mit den Merkzeichen G, aG, H und B vor.

Durch diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen seien der Klägerin zu 1) zwischen dem 02.08.2002 und dem 14.01.2008 Behandlungskosten in Höhe von 61.568,04 Euro und der Klägerin zu 2) Pflegekosten in der Zeit vom 02.08.2002 bis zum 31.07.2008 in Höhe von mindestens 57.244,73 Euro entstanden.

Die Klägerinnen haben beantragt,

1.

die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin zu 1) wegen der fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung der Frau C (jetzt N) im Jahre 2002 einen Betrag in Höhe von 61.568,04 Euro zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 18.12.2007 zu zahlen,

2.

die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin zu 2) wegen der fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung der Frau C im Jahre 2002 einen Be­trag in Höhe von 57.244,73 Euro zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 18.12.2007 zu zahlen,

3.

festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet ist, den Klägerinnen alle materiel­len Schäden zu ersetzen, die diesen aus der fehlerhaften Schwangerschafts­betreuung der Frau C im Jahre 2002 entstanden sind und in Zukunft noch entstehen werden, soweit nicht bereits durch die Klageanträge zu 1) und zu 2) erfasst.

Die Beklagte hat beantragt,

die Klage abzuweisen

Sie ist dem Haftungsbegehren dem Grund und der Höhe nach entgegengetreten. Hierzu hat sie behauptet dass bis zum 02.08.2002 hinreichende Untersuchungen durchgeführt worden seien, die jeweils unauffällige Befunde erbracht hätten. Am 02.08.2002 habe die Beklagte nach einem pathologischen CTG den dringenden Rat erteilt, dass die Kindesmutter unverzüglich das Krankenhaus aufsuchen solle. Ferner sei der festgestellte Zustand des Kindes auf eine genetische Ursache, nämlich ein sog. Di George-Syndrom zurückzuführen.

Wegen der weiteren Einzelheiten wird auf die tatsächlichen Feststellungen im ange­fochtenen Urteil gemäß § 540 Abs. 1 Nr. 1 ZPO Bezug genommen.

Mit diesem Urteil hat das Landgericht nach Einholung eines gynäkologischen Gut­achtens des Sachverständigen Prof. Dr. y sowie nach Befragung der Be­klagten und Vernehmung der Zeugen N und N3 die Klage abgewiesen.

Zur Begründung hat es ausgeführt, dass die Behandlung der Beklagten zwar teil­weise fehlerhaft gewesen sei. So sei der Geburtstermin am 28.02.2002 fehlerhaft errechnet und auch das Schwangerschaftsalter im weiteren Verlauf fehlerhaft be­stimmt worden. Ferner sei die Nackentransparenz am 08.03.2002 fehlerhaft ge­messen und am 03.05.2002 eine zweite Kopfmessung unterlassen worden. Schließ­lich sei es auch fehlerhaft gewesen, dass eine bildliche Dokumentation der Ultra­schalluntersuchungen vom 03.05.2002, 04.07.2002 und 02.08.2002 teilweise unter­blieben sei. Diese Fehler der Beklagten seien aber ohne Folgen geblieben, da eine Wachstumsrestriktion und eine Unterversorgung seitens der Beklagten nicht früher hätten erkannt werden können. Insoweit ergäben die in die Dokumentation eingetragenen Werte keine großen Diskrepanzen zu den für das jeweilige Schwangerschaftsalter normalen Mittelwerten. Auch die CTG-Aufzeichnungen bis zum 02.08.2002 seien völlig unauffällig.

Hinsichtlich des 02.08.2002 hat das Landgericht nach ausführlicher Beweiswürdi­gung, auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, es nicht seitens der Klägerinnen als bewiesen angesehen, dass die Beklagte an diesem Tag nicht mit der notwendigen Dringlichkeit auf eine sofortige Krankenhausbehandlung hingewie­sen habe.

Mit der Berufung verfolgen die Klägerinnen ihre erstinstanzlich gestellten Anträge vollumfänglich weiter.

Die Klägerinnen greifen ausschließlich die Beweiswürdigung des Landgerichts zu der streitigen Behauptung, dass der Kindesmutter am 02.08.2002 nicht dringlich zur sofortigen Einweisung in das Krankenhaus geraten wurde, an. Die Feststellungen des Landgerichts zu den sonstigen erstinstanzlich geltend gemachten Behand­lungsfehlern bzw. insbesondere hinsichtlich der Kausalität solcher Fehler für die bei dem Kind eingetretenen Folgen greifen die Klägerinnen nicht mehr an.

Die Klägerinnen rügen insoweit im Einzelnen folgende Punkte, die Zweifel an der Richtigkeit und der Vollständigkeit der landgerichtlichen Feststellungen begründen sollen:

Das Landgericht habe eine fehlerhafte Beweisregel angewandt. Insofern hätten die Klägerinnen nicht, wie das Landgericht gemeint habe, das Gegenteil der Behauptungen der Beklagten beweisen müssen, sondern den Hauptbeweis zu er­bringen gehabt. Die Aussage der Beklagten sei vom Landgericht wie eine Zeugenaussage bewertet worden, obwohl sie nur Partei sei. Die Beklagte habe keine konkrete Erinnerung mehr an das Gespräch vom 02.08.2002, sondern habe nur das übliche Vorgehen dargestellt. Demgegenüber ständen auf Klägerseite zwei Zeugen mit einer genauen Erinnerung. Das Landgericht habe ausgeführt, dass es dem gesunden Menschenverstand wider­spreche, wenn eine Schwangere dem dringenden Rat zum sofortigen Aufsuchen des Krankenhauses nicht nachkomme. Dieses Argument habe das Landgericht nicht damit relativieren dürfen, dass der Nikotinabusus der Kindesmutter gegen ausdrück­lichen ärztlichen Rat während der gesamten Schwangerschaft nicht für eine unein­geschränkte Kooperationsbereitschaft spreche. Zum einen sei

kein ausdrücklicher ärztlicher Rat festgestellt worden. Zum anderen habe die Kindesmutter lediglich zwei bis vier Zigaretten täglich der leichtesten Sorte "R1 minimal" jeweils bis zur Mitte ge­raucht.

Aus dem von der Kindesmutter geschilderten Ablauf ergebe sich gerade, dass krampfhaft versucht worden sei, keine Eile an den Tag zu legen, sondern nur zu ver­suchen, das Krankenhaus vor 16.00 Uhr zu erreichen. Für eine uneingeschränkte Bereitschaft der Kindesmutter spreche auch, dass sie keine Vorsorgeuntersuchung versäumt habe. Der Vortrag der Klägerin werde nicht dadurch erschüttert, dass die Beklagte das Krankenhaus angerufen habe. Insoweit sei möglich, dass die Beklagte im Nachhinein erkannt habe, dass ein dringender Rat hätte gegeben werden müssen und die Dring­lichkeit nur dem Krankenhaus mitgeteilt habe. Der Eintrag in der Schwangerschaftsdokumentation "notfallmäßige Einweisung" sei kein Indiz für den Vortrag der Beklagten. So sei es unklar, wann der Eintrag gemacht worden sei und mit welchem Dringlichkeitsappell dieser tatsächlich verbunden gewesen sei. Gegen die Glaubhaftigkeit der Dokumentation der Beklagten spreche, das die hand­schriftliche Dokumentation erst nach dem Verfahren vor der Gutachterkommission aufgetaucht sei. Mit Schreiben vom 31.03.2005 sei vorgetragen worden, die Beklagte führe nur eine elektronische Patientenkartei. Auch der Klageerwiderung vom 28.10.2008 habe offenbar die handschriftliche Dokumentation nicht vorgelegen, während seitens der Klägerin immer konsistent vorgetragen worden sei. Zudem ent­halte die dem Landgericht vorgelegte Dokumentation den handschriftlichen Zusatz, dass die Praxis der Beklagten zwischen dem 04.07. und dem 02.08.2002 geschlos­sen gewesen sein solle, was nicht stimme. Darüber hinaus müsse der Zusatz erst vor Übersendung an das Landgericht eingetragen worden sein, weil ein Exemplar existiere, das diesen Zusatz nicht enthalte.

Hinsichtlich des Eintrags der notfallmäßigen Einweisung habe die Beklagte nicht, wie sonst, ihr übliches Vorgehen geschildert. Dem sei das Landgericht nicht weiter nach­gegangen. Schließlich habe der Hinweis auf eine sofortige Vorstellung im Kranken­haus dokumentiert werden müssen. Die unterbliebene Dokumentation führe zugunsten der Klägerin zu einer Beweiserleichterung.

Die Klägerinnen beantragen,

unter Abänderung des Urteils des Landgerichts Münster vom 26.01.2012,

1.

die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin zu 1) wegen der fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung der Frau N im Jahre 2002 einen Betrag in Höhe von 61.568,04 Euro zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozent­punkten über dem Basiszinssatz seit dem 18.12.2002 zu zahlen,

2.

die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin zu 2) wegen der fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung der Frau N im Jahre 2002 einen Betrag in Höhe von 57.244,73 Euro zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozent­punkten über dem Basiszinssatz seit dem 18.12.2007 zu zahlen,

3.

festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet ist, den Klägerinnen alle materiel­len Schäden zu ersetzen, die diesen aus der fehlerhaften Schwangerschafts­betreuung der Frau N im Jahre 2002 entstanden sind und in Zu­kunft noch entstehen werden, soweit nicht bereits durch die Klageanträge zu 1) und zu 2) erfasst.

Die Beklagte beantragt,

die Berufung der Klägerin zurückzuweisen.

Sie verteidigt das angefochtene Urteil unter Wiederholung und Vertiefung ihres erst­instanzlichen Vorbringens. Das Landgericht habe die Angaben der Beklagten im Rahmen der freien Beweiswürdigung zugrundelegen dürfen. Aus der Dokumentation gehe hervor, dass die Beklagte die Situation als dringlich abklärungsbedürftig einge­stuft habe. Das ergebe sich auch daraus, dass sie im Krankenhaus angerufen und man die Kindesmutter dort erwartet habe. Zudem spreche für die Behauptungen der Beklagten, dass sie die Kindesmutter nicht in ein einfaches Krankenhaus, sondern in ein solches mit Frühgeborenenabteilung eingewiesen habe. Letztlich gehe die Beru­fungsbegründung auch nicht darauf ein, dass die Beeinträchtigungen des Kindes auf einer chromosomalen Anomalie (Di George-Syndrom) beruhen könnten.

Der Senat hat erneut die Beklagte persönlich angehört und die Kindesmutter N sowie deren damaligen Lebensgefährten A N3 als Zeu­gen vernommen. Wegen des Ergebnisses der Anhörung und der Beweisaufnahme wird auf den Vermerk des Berichterstatters zum Senatstermin vom 08.10.2012 Be­zug genommen.

Der Senat hat ferner eine ergänzende schriftliche gutachtliche Stellungnahme des Sachverständigen Prof. Dr. y der Frage eingeholt, inwieweit aus medizinischer Sicht der Rat zum unmittelbaren Aufsuchen eines Krankenhauses dokumentationspflichtig ist. Insoweit wird auf die schriftliche Stellungnahme des Sachverständigen Prof. Dr. y vom 19.07.2012 (Bl. 504 f. d.A.) verwiesen.

II.

Die zulässige Berufung der Klägerinnen bleibt in der Sache ohne Erfolg.

Die Klägerinnen haben auch nach dem Ergebnis der nochmals vom Senat durch­geführten Beweisaufnahme nicht mit dem für eine Verurteilung erforderlichen Grad von Gewissheit, der vernünftigen Zweifeln Schweigen gebietet, beweisen können, dass die Beklagte am 02.08.2002 der Kindesmutter nicht mit der gebotenen Dring­lichkeit geraten hat, sich sofort in stationäre Krankenhausbehandlung zu begeben.

Die umfangreiche und widerspruchsfreie Beweiswürdigung des Landgerichts zu diesem einzig in der Berufungsinstanz verbliebenen Streitpunkt begegnet keinen durchgreifenden Bedenken, so dass insoweit zunächst auf die diesbezüglichen Aus­führungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden kann. Zu den einzelnen Beru­fungsangriffen der Klägerinnen ist ergänzend Folgendes auszuführen:

1.

Das Landgericht hat in zutreffender Weise im Ergebnis die Beweislast dafür, dass die Beklagte der Kindesmutter keinen hinreichend eindringlichen Hinweis auf eine sofor­tige Krankenhauseinweisung erteilt hat, der Klägerseite auferlegt, da es sich hierbei um eine Frage der therapeutischen Aufklärung bzw. der Sicherungsaufklärung und damit letztendlich um die Frage eines behandlungsfehlerhaften Vorgehens handelt.

Selbst wenn auf Seite 20 des angefochtenen Urteils (= Bl. 433 d.A.) von dem Beweis des Gegenteils die Rede ist, so ergibt sich jedoch aus dem einleitenden Satz dieses Abschnittes (S. 19 des Urteils = Bl. 432 d.A.), dass das Landgericht den Klägerinnen die Beweislast insoweit auferlegt hat. Letztlich macht es aber auch der Sache nach keinen Unterschied, ob die Klägerinnen den Beweis für ihre Behauptungen zu er­bringen oder das Gegenteil der Behauptungen der Beklagten zu beweisen haben.

2.

Entgegen den Ausführungen der Berufungsbegründung ist aus den Entscheidungs­gründen des angefochtenen Urteils nicht ersichtlich, dass das Landgericht die An­gaben der Beklagten wie diejenigen einer Zeugin bewertet hat. Das Landgericht hat diesbezüglich lediglich den Angaben der Zeugen N und N3 nicht mehr Glauben geschenkt als den Angaben der Beklagten. In rechtlicher Hinsicht ist eine solche Beweiswürdigung nicht zu beanstanden, da die Zeugen nicht schon kraft ihrer prozessualen Stellung glaubwürdiger sind als die Beklagte. Denn da die Kindes­mutter, also die Zeugin N, einen derzeit wegen des vorliegenden Verfahrens ruhenden Parallelrechtsstreit vor dem Landgericht Münster, in dem Schadens­ersatzansprüche des Kindes M sowie eigene Schadensersatzansprüche der Zeugin N gegen die Beklagte geltend gemacht werden, führt, hat jedenfalls die Zeu­gin N ein ebenso großes Interesse am Ausgang des vorliegenden Rechts­streits wie die Beklagte.

3.

Dass die Beklagte sich nicht mehr an alle Einzelheiten des Geschehens vom 02.08.2002 erinnert, sondern lediglich die übliche Vorgehensweise geschildert hat, und dies auch teilweise so vor dem Senat angegen hat, steht dem Wert ihrer Angaben nicht entgegen. Es ist in jeder Hinsicht nachvollziehbar und plausibel, dass sich ein Arzt, der tagtäglich ähnliche oder gleichartige Untersuchungen vornimmt und für den deshalb auch solche Vorgänge wie der hier zu beurteilende zur arbeitsmäßigen Routine gehören, nicht mehr an jedes Detail einer Behandlung erinnern kann, so wie dies ein Patient kann, für den eine solche Behandlung in der Regel ein singuläres

Ereignis ist. Insoweit entspricht es ständiger Rechtsprechung auch des Senats, dass Angaben der Behandlungsseite zu üblichen und standardmäßigen Abläufen ein gewisser Beweiswert zukommt. Das ist beispielsweise häufig in Fällen so, in denen ein ärztlicher Behandler lediglich die übliche Aufklärungspraxis schildern kann, weil er sich nicht mehr an Einzelheiten eines konkreten Aufklärungsgespräches erinnern kann.

4.

Es widerspricht auch nicht anerkannten Beweisregeln oder sonstigen Denk- oder Erfahrungssätzen, dass das Landgericht bei der Frage der Compliance der Kindes­mutter zu Lasten der Klägerinnen berücksichtigt hat, dass die Kindesmutter während der Schwangerschaft entgegen des Rates der Beklagten täglich ca. zehn Zigaretten geraucht habe bzw. während der Schwangerschaft stark geraucht habe. Soweit die Klägerinnen erstmals in der Berufungsbegründung behauptet haben, dass die Kin­desmutter nur 2 bis 4 ganz leichte Zigaretten jeweils bis zur Mitte geraucht habe, hat der Prozessbevollmächtigte der Klägerinnen im Senatstermin - nach Hinweis des Senats auf die entgegenstehenden Ausführungen in der Klageschrift bzw. des un­streitigen Vortrags in der Klageerwiderung sowie auf die Krankenunterlagen des St. Franziskus-Hospitals B, aus den sich Hinweise für das Rauchverhalten der Kin­desmutter ergeben - , erklärt, dass er diesen Vortrag nicht mehr aufrechterhalte. Im Ergebnis hat daher das Land­gericht rechtsfehlerfrei das starke Rauchen der Kindesmutter und die diesbezüg­lichen eindringlichen Hinweise der Beklagten als unstreitig behandelt und als Argu­ment gegen die bedingungslose Kooperationsbereitschaft der Kindesmutter gewer­tet.

5.

Zutreffend ist der Einwand der Berufungsbegründung, dass das Landgericht nicht zugunsten der Glaubhaftigkeit der Zeugen N und N3 verwertet habe, dass die Kindesmutter alle empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen bzw. Kontrolltermine wahrgenommen habe, was ein Arguemnt für die fortwährend bestehende Compliance der Kindesmutter sei. Selbst wenn der Senat diesen Aspekt in die Gesamtwürdi-

gung einbezieht, ergibt sich aber gerade unter Berücksichtigung der oben gemachten Ausfüh­rungen zum Nikotinabusus der Kindesmutter gerade nicht, dass sie uneingeschränkt unter Hintanstellung eigener Bedürfnisse bereit war, sämtlichen Anweisungen der Beklagten unmittelbar Folge zu leisten.

6.

Entgegen der in der Berufungsbegründung geäußerten Auffassung misst der Senat wie das Landgericht der Tatsache, dass die Beklagte am 02.08.2002 jedenfalls er­hebliche Zeit vor Eintreffen der Kindesmutter im St. Franziskus-Hospital B ange­rufen und die Dringlichkeit weiterer Untersuchungen mitgeteilt hat, erhebliche Be­deutung im Rahmen der Beweiswürdigung zu. In tatsächlicher Hinsicht haben der Zeuge N3 und insbesondere die Zeugin N im Senatstermin nochmals klargestellt, dass die im St. Franziskus-Hospital B gegen 14.30 Uhr die Kindesmutter aufnehmen­den Ärzte dieser gegenüber erklärt haben, dass sie schon seit Stunden auf sie warteten. Da der Zeitraum zwischen dem Verlassen der Praxis der Beklagten durch die Kindesmutter und deren damaligen Lebensgefährten und der stationären Aufnahme im St. Franziskus-Hospital B lediglich ca. 2,5 Stunden be­trug (Verlassen der Praxis ca. gegen 12.00 Uhr und Eintreffen im St. Franziskus-Hospital B ca. 14.30 Uhr), lässt dies nur den Rückschluss zu, dass die Beklagte jedenfalls spätestens kurz nach Verlassen ihrer Praxisräumlichkeiten durch die Kin­desmutter im Krankenhaus angerufen haben muss. Zutreffend und rechtlich nicht zu beanstanden durfte das Landgericht diese Tatsache jedenfalls als Indiz gegen die Behauptung der Klägerinnen, die Beklagte habe keinen dringlichen Rat zum Auf­suchen eines Krankenhauses erteilt, werten. Der Vortrag der Klägerin in der Berufungsbegründung, dass es möglich sei, dass die Beklagte im Nachhinein er­kannt habe, dass ein dringender Rat hätte gegeben werden müssen und die Dring­lichkeit nur dem Krankenhaus, nicht aber der Kindesmutter, mitgeteilt habe, ist dem­gegenüber nach der praktischen Lebenserfahrung eher fernliegend. Jedenfalls stellt der Anruf der Beklagten im Krankenhaus ein gewichtiges Indiz für ein bei der Be­klagten bestehendes Problembewusstsein dar.

7.

Schließlich sind auch die Ausführungen des angefochtenen Urteils zur Frage der Indizwirkung der Behandlungsdokumentation der Beklagten rechtlich nicht zu bean­standen. Der Senat kann hierbei die Beantwortung der Frage, ob die Erteilung eines entsprechend dringlichen Rates zum sofortigen Aufsuchen eines Krankenhauses aus medizinischen Gründen überhaupt dokumentationspflichtig ist (vgl. hierzu OLG Oldenburg, MedR 2012 179, das ohne Einholung eines Sachverständigengutachtens einen solchen Hinweis nicht für dokumentationspflichtig hält) und die Klägerseite hieraus ggf. entsprechende Beweiserleichterungen herleiten könnte, ausdrücklich dahingestellt sein lassen. Denn ausweislich des Originals der von der Beklagten ge­führten Schwangerschafts-Dokumentation ist ein solcher Hinweis tatsächlich von der Beklagten dokumentiert worden. Dass aus medizinischen Gesichtspunkten eine sol­che Dokumentation hinreichend ist, ist vom Sachverständigen Prof. Dr. y in seinem ergänzenden Kurzgutachten vom 19.07.2012, welches von keiner der Parteien inhaltlich beanstandet worden ist, bestätigt worden. Aus Sicht des Senats besteht auch kei­nerlei Anlass, diese Dokumentation nicht zu verwerten, weil keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sie nicht zeitnah erstellt worden oder auf andere Art und Weise manipuliert worden ist. Die Beklagte selber hat im Senatstermin klarstellend angege­ben, sie habe den Eintrag der notfallmäßigen Einweisung in das St. Franziskus-Hospital am gleichen Tag, also am 02.08.2008, aber jedenfalls zeitnah, gefertigt. Aus dem entsprechenden Original des Karteikartenblattes ergeben sich kei­nerlei gewichtige Anhaltspunkte, die diese Angabe der Beklagten widerlegen oder in Zweifel ziehen könnten. So befinden sich auf der Karteikarte mehrfache Eintragungen, an denen für gleiche Behandlungstage Kugelschreiber mit unterschiedlichen Farben benutzt wurden, so dass aus dem Benutzen des anderen Kugelschreibers für die Eintragung der notfallmäßigen Einweisung im Vergleich zu den sonstigen für diesen Tag gemachten Eintragungen keine Rückschlüsse auf eine Manipulation gezogen werden können. Ebensowenig ergeben sich Anhaltspunkte für solche nicht zeitnah vorgenommenen Eintragungen oder Änderungen aus den sonstigen unter dem Datum des 02.08.2002 gemachten Eintragungen. So ist die Eintragung "Doppler: reversed flow!!" unter der eigentlichen Datumszeile des 02.08.2002 ohne Weiteres

damit erklärbar, dass diese Anmerkung räumlich nicht mehr in die entsprechende Zeile passte. So hat die Beklagte beispielsweise auch für den 03.05.2002 in der Spalte "Sonstiges" Eintragungen unterhalb der eigentlich für dieses Datum vorge­sehenen Zeile vorgenommen. Soweit es um die Eintragung "Not-Sectio 1400 G" geht, hat die Beklagte eingeräumt, dass sie diese Eintragung erst später vorgenom­men hat. Das ist ebenfalls ohne Weiteres verständlich und spricht nicht gegen den Wert der Behandlungsdokumentation, weil die Beklagte diese Information erst zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich durch das St. Franziskus-Hospital B, bekommen haben kann. Soweit die Klägerinnen vorgetragen haben, die handschriftliche Doku­mentation der Beklagten sei erst nach dem Verfahren vor der Gutachterkommission aufgetaucht, muss durch den Senat nicht weiter aufgeklärt werden, wann diese tat­sächlich von der Beklagten vorgelegt worden ist. Denn allein der Zeitpunkt der Vor­lage der Originalbehandlungsunterlagen lässt nicht den Rückschluss auf eventuell nach­träglich vorgenommene Veränderungen zu. Soweit die Klägerinnen schließlich im Hinblick auf die Dokumentation darauf abgestellt haben, dass sich auf Fotokopien der Schwangerschaftsdokumentation zusätzliche Einträge befinden - so wie etwa ein Hinweis auf die urlaubsbedingte Schließung der Praxis der Beklagten und der damit verbundenen Behandlung der Kindesmutter bei dem Frauenarzt Dr. H (Bl. 489 d.A.) -, die auf dem Originalexemplar der entsprechenden Karteikarte nicht enthalten sind, kann dies ebenfalls nicht dazu führen, auf den Beweiswert oder jedenfalls Indizwert der Behandlungsdokumentation zu entkräften. Denn es ist ohne Weiteres erklärbar, dass auf später angefertigten Kopien zusätzliche Vermerke, von wem auch immer, angebracht worden sind. So befindet sich beispielsweise auf einer weiteren von den Klägerinnen vorgelegten Kopie der Schangerschaftsdokumentation (Bl. 490 d.A.) im oberen Bereich ein Vermerk "Mutterpass der Ärztin", der weder in der Originalkarte noch auf der eben genannten Kopie mit Vermerk über die urlaubs­bedingte Schließung der Praxis der Beklagten enthalten ist. Dies belegt vielmehr, dass ganz offfenbar mehrfach Kopien der Originalschwangerschaftsdokumentation gefertigt worden sind, auf denen jeweils handschriftliche Ergänzungen vorgenommen worden sind. Dies ändert aber, wie bereits ausgeführt, nichts daran, dass die vorlie­gende Originaldokumentation unverdächtig ist bzw. keinen Anhalt bietet, einen ent­sprechenden Verdacht nachträglicher Veränderung im Hinblick auf einen drohenden Rechsstreit zu erheben.

8.

Im Ergebnis bleiben daher dem Senat ebenso wie dem Landgericht - auch wenn es nach dem von den Klägerinnen angeführten Gesichtspunkt des gesunden Men­schenverstandes nahegelegen hätte, dass die Kindesmutter sich bei einem entspre­chend eindringlich erteilten Rat der Beklagten zum sofortigen Aufsuchen eines Kran­kenhauses unverzüglich in ein solches begeben hätte - nicht zu beseitigende Zweifel daran, dass die Beklagte einen solchen Rat nicht erteilt hat. Das gilt zusammenfassend insbesondere deshalb, weil nach der Behandlungsdokumentation der Beklagten, die nach Auffassung des Senats keinen Anhalt für nachträgliche Veränderungen bietet, eine solche notfallmäßige Einweisung ausgesprochen worden ist, weil die Beklagte unstreitig ein Krankenhaus mit einer hiermit verbundenen Kinderklinik empfohlen hat, woraus sich ein entsprechen­des Problembewusstsein der Beklagten ergibt und weil die Beklagte zeitnah im Zu­sammenhang mit der Behandlung der Kindesmutter am 02.08.2002 das aufneh­mende St. Franziskus-Hospital in B telefonisch über die vorliegende Problematik informiert hat, woraus sich ebenfalls wiederum das entsprechende Problembewusst­sein der Beklagten ergibt.

III.

Die Nebenentscheidungen beruhen auf den §§ 977 Abs. 1, 708 Nr. 10, 711 ZPO.

Die Revision war nicht zuzulassen, da die Voraussetzungen des § 543 Abs. 2 ZPO nicht vorliegen.

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