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OLG Karlsruhe · Beschluss vom 4. August 2010 · Az. 2 Ws 227/10

Informationen zum Urteil

  • Gericht:

    OLG Karlsruhe

  • Datum:

    4. August 2010

  • Aktenzeichen:

    2 Ws 227/10

  • Typ:

    Beschluss

  • Fundstelle:

    openJur 2010, 853

  • Verfahrensgang:

Tenor

Auf die sofortige Beschwerde des Untergebrachten wird der Beschluss des Landgerichts - Strafvollstreckungskammer - ... vom 9. Juni 2010 aufgehoben.

Die Sicherungsverwahrung ist erledigt.

Es tritt Führungsaufsicht ein, deren Dauer auf fünf Jahre festgesetzt wird.

Der Untergebrachte wird der Bewährungshilfe unterstellt.

Er hat sich unmittelbar - spätestens nach seiner Entlassung bei der örtlich zuständigen Bewährungshilfe zu melden.

Die nähere Ausgestaltung der Führungsaufsicht wird der Strafvollstreckungskammer F... übertragen.

Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die dem Untergebrachten insoweit entstandenen notwendigen Auslagen fallen der Staatskasse zur Last.

Gründe

Mit Urteil des Landgerichts F... vom 4.2.1986 wurde der Untergebrachte wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit sexueller Nötigung und mit schwerem Raub sowie wegen schwerer räuberischer Erpressung in Tateinheit mit versuchter Vergewaltigung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Gleichzeitig wurde die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung verhängt. Nach Anordnung des Vollzugs der Sicherungsverwahrung durch Beschluss des Landgerichts Stuttgart vom 11.1.1994 wird diese seit dem 31.3.1994 - unterbrochen durch den Vollzug einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, die das Landgericht Y... am 2.5.1995 wegen einer im Freigang begangenen versuchten Vergewaltigung verhängt hatte, und einem Aufenthalt im Zentrum für Psychiatrie Y., wohin ihn die Strafvollstreckungskammer mit am 17.5.2001 wieder aufgehobenem Beschluss vom 26.5.2000 nach § 67a Abs. 1 StGB überwiesen hatte - zur Zeit in der Justizvollzugsanstalt F... vollstreckt. Zehn Jahre der Sicherungsverwahrung waren am 30.9.2005 verbüßt. Mit Beschlüssen vom 16.12.2005, 24.4.2008 und zuletzt dem angefochtenen Beschluss hat das Landgericht F. die Fortdauer der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung angeordnet.

Die sofortige Beschwerde des Untergebrachten hat den aus dem Tenor ersichtlichen Erfolg. Die der Prüfung einer fortbestehenden Gefahr weiterer erheblicher Straftaten nach § 67 d Abs. 3 StGB vorausgehende Überprüfung auf Vollstreckungshindernisse hat ergeben, dass die Sicherungsverwahrung erledigt ist.

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom 17.12.2009 (Az. 19359/04, StV 2010, 181) ist die mit Gesetz vom 26.1.1998 zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten vorgenommene Änderung des § 67d StGB, mit der die Befristung der ersten angeordneten Sicherungsverwahrung nach § 67d Abs. 1 StGB a.F. auf zehn Jahre entfallen ist, und die in Verbindung mit § 2 Abs. 6 StGB auch diejenigen Sicherungsverwahrten erfasst, für die die Befristung zum Zeitpunkt ihrer Verurteilung noch bestand, mit dem Freiheitsrecht des Art. 5 EMRK und dem Rückwirkungsverbot des Art. 7 EMRK nicht vereinbar. Die Anordnung der Fortdauer der zum Tat- und Verurteilungszeitpunkt auf 10 Jahre begrenzten Sicherungsverwahrung über diesen Zeitraum hinaus stelle keine Freiheitsentziehung nach einer Verurteilung durch ein zuständiges Gericht (Art. 5 Abs. 1 S. 2 Buchst. a EMRK) dar, da kein hinreichender Kausalzusammenhang zwischen dem Urteil des erkennenden Gerichts und der Fortdauer der Freiheitsentziehung nach Ablauf von 10 Jahren in der Sicherungsverwahrung mehr bestehe. Darüber hinaus sei die Maßregel der Sicherungsverwahrung in ihrer konkreten Ausgestaltung in der autonomen Auslegung durch den Gerichtshof als Strafe zu werten, so dass das Rückwirkungsverbot des Art. 7 EMRK eingreife. Nachdem eine mit fünf Richtern besetzte Kammer am 10.5.2010 entschieden hat, den Antrag der Bundesregierung auf Entscheidung der Großen Kammer des EGMR nicht anzunehmen, ist die Entscheidung des EGMR vom 17.12.2009 rechtskräftig geworden.

Diese Rechtsprechung gilt auch für die gegen den Untergebrachten verhängte Sicherungsverwahrung, da bei Tatbegehung und Aburteilung die zehnjährige Befristung des § 67d Abs. 1 StGB a.F. galt.

Die Entscheidungen des EGMR binden nach Art. 46 EMRK zwar zunächst nur die Parteien in der konkret entschiedenen Sache. Doch kommt den Urteilen des EGMR bei der Auslegung der EMRK, die im innerstaatlichen Recht zwar keinen Verfassungsrang, in der Folge des Ratifikationsgesetzes des Bundestages aber den Rang eines einfachen Gesetzes besitzt und damit am Vorrang des Gesetzes teilnimmt (Art. 20 Abs. 3 GG), eine sog. Orientierungsfunktion zu (SK-Paeffgen, EMRK, Einleitung Rn 383; vgl. auch LR-Gollwitzer, MRK Verfahren, Rn 77b; Meyer-Ladewig/Petzold NJW 2005, 15, 18f.; Esser StV 2005, 348, 349, 354), da sie den aktuellen Entwicklungsstand der Konvention widerspiegeln (BVerfG NJW 2004, 3407, 3408; BGH, 4 StR 577/09, Beschluss vom 12.5.2010, bei JURIS). Gleichzeitig verpflichtet die Völkerrechtsfreundlichkeit der grundgesetzlichen Ordnung die Gerichte, das nationale Recht möglichst in Einklang mit dem Völkerrecht, zu dem auch die EMRK in ihrer Auslegung durch den EGMR zählt, auszulegen (vgl. BVerfG NJW 2004, 3407, 3410). Die EMRK ist mithin in ihrer Auslegung durch den Gerichtshof im Range eines förmlichen Bundesgesetzes in den Vorrang des Gesetzes nach Art. 20 Abs. 3 GG einbezogen und muss von der Rechtsprechung sowohl bei der Auslegung der Konventionsvorschriften als auch des innerstaatlichen Rechts beachtet werden (BVerfG NJW 2004, 3407, 3410; im Ergebnis auch OLG Stuttgart, 1 Ws 57/10, Beschluss vom 1.6.2010, bei JURIS; OLG Frankfurt, 3 Ws 539/10, Beschluss vom 1.7.2010, bei JURIS; OLG Hamm, 4 Ws 157/10, Beschluss vom 6.7.2010, S. 5; OLG Schleswig, 1 Ws 267/10, Beschluss vom 15.7.2010, S. 7). Allerdings setzt die Gesetzesbindung der Umsetzung der Entscheidungen des Gerichtshofs auch Grenzen, weil die Gerichte sich nicht unter Berufung auf eine Entscheidung des EGMR von der rechtsstaatlichen Kompetenzordnung und der Bindung an Gesetz und Recht (Art. 20 Abs. 3 GG) lösen können. Deshalb kann sowohl die fehlende Auseinandersetzung mit einer Entscheidung des EGMR als auch deren gegen vorrangiges Recht verstoßende schematische Umsetzung verfassungsrechtliche Vorgaben verletzen (BVerfG NJW 2004, 3407, 3410). Die Entscheidungen des EGMR können deshalb nur im Rahmen einer methodisch vertretbaren Auslegung Beachtung finden. Wenn eine solche völkerrechtskonforme Auslegung eines Gesetzes nicht möglich ist, muss der Gesetzgeber tätig werden (NJW 2004, 3407, 3410).

Damit scheidet vorliegend eine konventionskonforme Auslegung der eindeutigen Regelung des § 67d Abs. 3 StGB, wonach die Sicherungsverwahrung bis zu ihrer Erledigung dauert, die nach dieser Vorschrift erst ausgesprochen werden darf, wenn die in der Tat zum Ausdruck gekommene Gefährlichkeit nicht mehr besteht, aus. Dagegen ist die Vorschrift des § 2 Abs. 6 StGB, nach der - soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist - über Maßregeln der Sicherung und Besserung nach dem Gesetz zu entscheiden ist, das zum Zeitpunkt der Entscheidung gilt, einer Auslegung zugänglich. Denn Art. 7 EMRK ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH, 4 StR 577/09, Beschluss vom 12.5.2010, bei JURIS) als andere gesetzliche Regelung im Sinne dieser Vorschrift zu werten, die in ihrer Auslegung durch den Gerichtshof als Ausnahme vom Grundsatz des § 2 Abs. 6 StGB, bei Entscheidungen über Maßregeln das Gesetz anzuwenden, das zum Zeitpunkt der Entscheidung gilt, für die Sicherungsverwahrung ein Rückwirkungsverbot begründet (so auch OLG Frankfurt, 3 Ws 485/10, Beschluss vom 24.6.2010, bei JURIS; OLG Hamm, 4 Ws 157/10, Beschluss vom 6.7.2010, S. 6 ff.; OLG Schleswig, 1 Ws 267/10, Beschluss vom 15.7.2010, S. 7; Rechtsgutachten Prof. Gr., S. 40 ff.). Diese Auslegung des § 2 Abs. 6 StGB ist mit dem Wortlaut der Vorschrift ohne weiteres zu vereinbaren. Soweit das Oberlandesgericht Koblenz (1 Ws 108/10; Beschluss vom 7.6.2010, bei JURIS) argumentiert, der EGMR sehe in der Sicherungsverwahrung eine Strafe und keine Maßregel, so dass unter Berücksichtigung dieser Auffassung § 2 Abs. 6 StGB nicht einschlägig und folglich auch nicht auszulegen sei, übersieht es - abgesehen davon, dass dann ohne weiteres das Rückwirkungsverbot des § 2 Abs. 1 StGB eingriffe -, dass der Gerichtshof den Begriff der Strafe in Art. 7 EMRK autonom, d.h. unabhängig von seiner Bedeutung im nationalen Recht, auslegt (vgl. Nr. 120 der Entscheidung), so dass die Definition der Sicherungsverwahrung als Maßregel in § 61 Nr. 3 StGB davon unberührt bleibt. Ebenso steht der Zweck der Vorschrift einer solchen Auslegung des § 2 Abs. 6 StGB nicht entgegen, der Sonderregelungen für bestimmte Maßregeln - auch für die der Sicherungsverwahrung (vgl. Rechtsgutachten Prof. Gr., S. 43) - ermöglichen will. Allerdings wollte der historische Gesetzgeber § 67d Abs. 3 StGB dezidiert uneingeschränkt rückwirkend in Kraft zu setzen (BT-Drucks. 13/9062, S. 12; OLG Celle, 2 Ws 169-170/10, Beschluss vom 25.5.2010 bei JURIS; OLG Stuttgart, 1 Ws 57/10, Beschluss vom 1.6.2010, bei JURIS; vgl. auch OLG Koblenz, 1 Ws 108/10, Beschluss vom 7.6.2010, bei JURIS). Die mit dem Gesetz vom 26.1.1998 zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten eingeführte Vorschrift des Art. 1 a EGStGB sah in Abs. 3 gerade für die Vorschrift des § 67d Abs. 3 StGB eine uneingeschränkte Rückwirkung vor. Doch muss die historische Auslegung vorliegend hinter einer völkerrechtskonformen Auslegung zurückstehen, da die Gerichte in Fällen wie dem vorliegenden verpflichtet sind, das nationale Recht möglichst im Einklang mit dem Völkerrecht auszulegen (BVerfG NJW 2004, 3407, 3410). Dies gilt umso mehr, als der historische Gesetzgeber, der sich im Zusammenhang mit dem nachträglichen Entfallen der 10-Jahresfrist ausdrücklich mit dem Rückwirkungsverbot bzw. - weil er dieses bei Maßregeln nicht für anwendbar hielt - dem Vertrauensgrundsatz befasst hat, sich dem Rückwirkungsschutz im Bereich des § 67d Abs. 3 StGB verfassungsrechtlich nur deshalb nicht allzu hoch verpflichtet glaubte, weil es nicht um die Anordnung, sondern nur um die Dauer der Sicherungsverwahrung gehe. Dass der der EMRK in der Auslegung durch den EGMR ebenfalls verpflichtete Gesetzgeber eine Rückwirkung in Kenntnis ihrer Menschenrechtswidrigkeit unter Missachtung völkerrechtlichen Vorgaben angeordnet hätte, kann den Motiven des historischen Gesetzgebers damit gerade nicht entnommen werden (so auch OLG Frankfurt, 3 Ws 485/10, Beschluss vom 24.6.2010, bei JURIS; OLG Schleswig, 1 Ws 267/10, Beschluss vom 15.7.2010, S. 8). Auch die eindeutige Vorschrift des Art. 1 a EGStGB steht nach ihrer Streichung einer konventionskonformen Auslegung des § 2 Abs. 6 StGB nicht mehr entgegen.

Ebenso verbietet die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 5.2.2004 (NJW 2004, 739ff.), dass der rückwirkende Wegfall der Befristung der ersten Sicherungsverwahrung verfassungsrechtlich unbedenklich ist, eine solche Auslegung nicht, da diese Entscheidung nach § 31 BVerfGG nur insoweit bindet, als das Bundesverfassungsgericht die Regelung als verfassungsmäßig angesehen hat. Eine über die grundgesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehende einfachgesetzliche Regelung - keine Ausnahme vom Rückwirkungsverbot bei der Maßregel der Sicherungsverwahrung - schließt die verfassungsgerichtliche Entscheidung nicht aus (vgl. auch BGH, 4 StR 577/09, Beschluss vom 12.5.2010, bei JURIS; OLG Frankfurt, 3 Ws 485/10, Beschluss vom 24.6.2010, bei JURIS).

Da das Rückwirkungsverbot des Art. 7 EMRK absolut gilt (zu Art. 103 Abs. 2 GG vgl. BVerfG NJW 2004, 739, 744f.; MDH-Schmidt-Assmann zu Art. 103 Rn 167, 238), bleibt für eine Abwägung mit dem Schutz der Allgemeinheit im vorliegenden Zusammenhang kein Raum (OLG Frankfurt, 3 Ws 485/10, Beschluss vom 24.6.2010, bei JURIS). Ein sog. mehrpoliges Grundrechtsverhältnis, das einer konventionskonformen Auslegung Grenzen setzen könnte, ist vorliegend nicht gegeben (a. A. OLG Celle, Beschluss vom 25.5.2010, 2 Ws 169-170/10 bei JURIS). Hiervon wäre nämlich nur dann auszugehen, wenn bei der vorliegenden Entscheidung die subjektiven Rechtspositionen mehrerer Grundrechtsinhaber in Einklang gebracht werden müssten, von denen nur einer einen günstigen Urteilsspruch des EGMR ins Feld führen könnte, so dass der andere, der vom EGMR nicht gehört wurde, möglicherweise als Verfahrenssubjekt nicht mehr in Erscheinung träte (BVerfG NJW 2004, 3407, 3410). Davon kann hier nicht die Rede sein. Der Schutz der Allgemeinheit ist Aufgabe des Staates, der am Verfahren vor dem EGMR beteiligt war und dort seine Position einbringen konnte (OLG Frankfurt, 3 Ws 485/10, Beschluss vom 24.6.2010, bei JURIS). Ebenso wenig verbietet die Verpflichtung, bei der Umsetzung der Entscheidungen des EGMR die Auswirkungen auf ausbalancierte Teilsysteme der nationalen Rechtsordnung, die verschiedene Grundrechtspositionen miteinander zum Ausgleich bringen, zu berücksichtigen (BVerfG NJW 2004, 4407, 3410), die Annahme eines Rückwirkungsverbotes. Denn wenn auch der staatliche Schutzauftrag für die Rechtsgüter des Einzelnen und der Allgemeinheit eine Einschränkung des Freiheitsgrundrechtes erlaubt, so ist doch nicht ersichtlich, dass die Aufhebung der Zehnjahresfrist zum Schutze der Grundrechte potentieller Opfer (vgl. BGH NJW 2010, 1539 f.; OLG Celle, Beschluss vom 25.5.2010, 2 Ws 169-170/10 bei JURIS) verfassungsrechtlich geboten war (BVerfG, Entscheidung vom 5.2.2004 - NJW 2004, 739ff. -, Rn 189, zitiert nach JURIS; vgl. OLG Stuttgart, Beschluss vom 1.6.2010, 1 Ws 57/10, bei JURIS; OLG Nürnberg, Beschluss vom 24.6.2010, 1 Ws 315/10, Ls bei JURIS).

Da die konventionskonforme Auslegung des § 2 Abs. 6 StGB damit zu dem Ergebnis führt, dass bei der Vollstreckung der Maßregel der Sicherungsverwahrung das Rückwirkungsverbot des Art. 7 EMRK eingreift, gilt insoweit die bei Tatbegehung gültige Fassung des § 67d StGB, wonach nach Abs. 1 die erste Unterbringung in der Sicherungsverwahrung zehn Jahre nicht übersteigen darf. Damit ist die Maßregel erledigt. Eine Entscheidung nach § 67 d Abs. 3 StGB in der aktuellen Fassung kommt deshalb nicht mehr in Betracht. Das aus der von Gesetzes wegen eingetretenen Erledigung (OLG Frankfurt, 3 Ws 539/10, Entscheidung vom 1.7.2010, bei JURIS) folgende Vollstreckungshindernis (SK-Paeffgen zu § 458 Rn 8) ist von der Vollstreckungsbehörde zu beachten, die deshalb die Freilassung veranlassen muss.

Für den Senat besteht auch keine Pflicht, die Sache nach der seit dem 30.7.2010 geltenden Fassung des § 121 Abs. 2 GVG dem Bundesgerichtshof vorzulegen, da eine solche Vorlage nicht zulässig wäre.

Nach dieser Vorschrift hat ein Oberlandesgericht eine Sache beim Bundesgerichtshof vorzulegen, wenn es mit der Entscheidung über die Erledigung der Maßregel der Sicherungsverwahrung von einer nach dem 1.1.2010 ergangenen Entscheidung eines anderen Oberlandesgerichts oder des Bundesgerichtshofs abweichen will. Vorliegend weicht der Senat mit seiner Auffassung, dass Art. 7 EMRK in seiner Auslegung durch das Urteil des EGMR eine andere gesetzliche Regelung im Sinne des § 2 Abs. 6 StGB darstellt, die für die Maßregel der Sicherungsverwahrung ein Rückwirkungsverbot begründet, von der Rechtsprechung der Oberlandesgerichte Celle (2 Ws 169-170/10, Beschluss vom 25.5.2010 bei JURIS), Stuttgart (1 Ws 57/10, Beschluss vom 1.6.2010, bei JURIS), Koblenz

(1 Ws 108/10, Beschluss vom 7.6.2010, bei JURIS) und Nürnberg (Beschluss vom 24.6.2010, 1 Ws 315/10, bei JURIS) ab. Doch besteht grundsätzlich keine Vorlagepflicht, wenn der Bundesgerichtshof dieselbe Rechtsfrage bereits entschieden hat und das Oberlandesgericht ebenso entscheiden will. In einem solchen Fall sind nur die Oberlandesgerichte, die ihrerseits von der Entscheidung des Bundesgerichtshofs abweichen wollen, zur Vorlage angehalten (BGHSt 34, 79, 81 f.; 43, 241, 244f.; bei Herlan GA 59, 336, 338). Der Senat sieht sich indes mit seiner genannten Rechtsmeinung im Einklang mit der Entscheidung des 4. Strafsenats des Bundesgerichtshofs (4 StR 577/09, Beschluss vom 12.5.2010, bei JURIS), der er sich in der Auslegung der Vorschrift des § 2 Abs. 6 StGB angeschlossen hat. In diesem Beschluss wird ausdrücklich ausgeführt, dass Art. 7 EMRK bei Entscheidungen über die Sicherungsverwahrung eine andere gesetzliche Regelung im Sinne des § 2 Abs. 6 StGB darstellt, so dass das Tatzeitrecht maßgeblich ist. Damit hat der Bundesgerichtshof dieselbe Rechtsfrage bereits entschieden. Dies gilt auch unter Berücksichtigung des Umstandes, dass der Bundesgerichtshof über die Anordnung einer nachträglichen Sicherungsverwahrung zu entscheiden hatte, während dem Senat die Frage eines Rückwirkungsverbots im Zusammenhang mit dem nachträglichen Entfallen der 10-Jahresfrist des § 67d Abs. 1 StGB in der bis zum 30.1.1998 geltenden Fassung vorliegt. Zwar kann es an der Identität der Rechtsfrage dann fehlen, wenn der Sachverhalt in dem bereits entschiedenen Fall im Tatsächlichen wesentlich anders gelagert ist (BGHSt 28, 165, 166; 38, 106, 108; 40, 395, 396; NStZ 1995, 38, 39; KK-Hannich zu § 121 GVG Rn 34). Doch gilt dies nicht, wenn eine Bewertung des Gewichts der tatsächlichen Unterschiede in einer Zusammenschau mit der Art der Rechtsfrage (BGHSt 28, 165, 166 f.; 38, 106, 108 f.) ergibt, dass eine Entscheidung wegen der Gleichheit der Rechtsfrage trotz unterschiedlicher Fallgestaltungen nur einheitlich ergehen kann (vgl. BGHSt 45, 197, 200; vgl. auch BGHSt 40, 395, 396). So liegt es aber hier. Sowohl in dem vom Bundesgerichtshof entschiedenen wie auch in dem dem Senat vorliegenden Fall geht es um die Frage, ob die Sicherungsverwahrung in ihrer konkreten Ausgestaltung in der autonomen Auslegung durch den EGMR als Strafe zu werten ist und deshalb Art. 7 EMRK mit der Folge zur Anwendung kommt, dass für diese Maßregel abweichend vom Grundsatz des § 2 Abs. 6 StPO das Rückwirkungsverbot gilt. Diese Rechtsfrage kann angesichts der Ähnlichkeit der Fallgestaltungen nur einheitlich beantwortet werden. Dies gilt umso mehr, als der Bundesgerichtshofs die Rechtsfrage aufgrund einer Entscheidung des EGMR entschieden hat, die exakt die dem Senat vorliegende Sachverhaltskonstellation betraf (so auch OLG Hamm, 4 Ws 180/10, Beschluss vom 22.7.2010, S. 6f.). Eine Vorlagepflicht ergibt sich auch nicht daraus, dass mehrere divergierende Entscheidungen verschiedener Senate des Bundesgerichtshofs vorlägen (vgl. KK-Hannich zu § 121 GVG Rn 26). Denn die für den Senat entscheidende Rechtsfrage wurde noch von keinem anderen Senat des Bundesgerichtshofs entschieden. Soweit der erste Senat des Bundesgerichtshof in seinem Urteil vom 9.3.2010 (NJW 2010, 1539 ff.) sich mit möglichen Auswirkungen der zum Entscheidungszeitpunkt noch nicht rechtskräftigen Entscheidung des EGMR befasst, hat er ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Entscheidung des Gerichtshofs ein anderer Sachverhalt zugrunde lag und der Erziehungsgedanke des Jugendstrafrechts hinsichtlich einer möglichen Verletzung von Art. 7 EGMR eine abweichende Meinung rechtfertige. Mit der Frage der Auslegung des § 2 Abs. 6 StPO setzt sich der 1. Strafsenat - und noch weniger die von der Generalstaatsanwaltschaft zitierte Entscheidung des 2. Strafsenats in seinem Beschluss vom 12.5.2010 (2 StR 171/10, bei JURIS) - in der seine Entscheidung tragenden Gründen nicht auseinander (vgl. BGH 4 StR 577/09, Beschluss vom 12.5.2010, bei JURIS). Eine Vorlage an den Bundesgerichtshof wäre damit nicht zulässig.

Es tritt nach § 67d Abs. 4 S. 3 StGB Führungsaufsicht ein. Der Wortlaut dieser Vorschrift erlaubt ihre Anwendung auf die durch konventionskonforme Auslegung gewonnene Erledigung der Sicherungsverwahrung. Im Übrigen sah auch § 67d StGB a.F. in Absatz 4 Führungsaufsicht bei Entlassung nach dem Ablauf der zehnjährigen Höchstdauer der Sicherungsverwahrung vor, so dass unter dem Aspekt der Meistbegünstigung die Führungsaufsicht ebenfalls nicht entfiele. Die Ausgestaltung der Führungsaufsicht hat der Senat wegen der Sachnähe der Strafvollstreckungskammer übertragen, zumal bisher lediglich unzureichende Informationen über die Entlassungssituation vorliegen. Der Senat hat zwar in den letzten Wochen versucht, im Zusammenwirken mit der Justizvollzugsanstalt F... eine auch für die Sicherheit der Allgemeinheit bedeutsame Entlassung des Untergebrachten in einen geordneten sozialen Empfangsraum zu ermöglichen. Nachdem dies - möglicherweise aufgrund vorzeitiger Pressereaktionen - gescheitert ist, sieht der Senat im Hinblick auf den Freiheitsanspruch des Untergebrachten, der seit der Rechtskraft der Entscheidung des EGMR einen Anspruch auf seine Entlassung hat und seinen entsprechenden Antrag aufrechterhält, keine Möglichkeit, mit seiner Entscheidung länger zuzuwarten. Er weist hinsichtlich der Ausgestaltung der Führungsaufsicht allerdings darauf hin, dass insoweit nach § 2 Abs. 6 StGB die aktuelle Gesetzeslage gilt, da die Erwägungen, mit denen der EGMR die Sicherungsverwahrung unter den Begriff der Strafe im Sinne des Art. 7 EMRK subsumiert hat, auf die Maßregel der Führungsaufsicht nicht zutreffen. Damit sind auch die Regelungen zur forensischen Ambulanz anwendbar.

Die Kostenentscheidung folgt aus einer entsprechenden Anwendung des § 467 Abs. 1 StPO.

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