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LG Düsseldorf · Urteil vom 16. April 2009 · Az. 31 O 9/08

Informationen zum Urteil

  • Gericht:

    LG Düsseldorf

  • Datum:

    16. April 2009

  • Aktenzeichen:

    31 O 9/08

  • Typ:

    Urteil

  • Fundstelle:

    openJur 2011, 64303

  • Verfahrensgang:

    I-18 U 104/09 folgend

Tenor

1. Die Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin 7000,-- € nebst Zinsen in Höhe von

5 % -Punkten über dem Basiszins seit dem 25.3.2008 zu zahlen.

Die weitergehende Klage wird abgewiesen

2. Die Beklagte hat die Kosten des Rechtsstreits zu tragen.

3. Das Urteil ist gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 120 % des beizutreibenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

Tatbestand

Die Klägerin macht als Transportversicherer der Firma xx GmbH & Co. KG in Essen aus abgetretenem und übergegangenem Recht Schadensersatzansprüche wegen eines Transportschadensfalles geltend. Im Einzelnen geht es um eine Sendung vom 26.2.2007 an die Firma vv GmbH in München. Der Wert der Sendung wurde mit 7500,-- € angegeben.

Die Klägerin trägt vor, aufgrund der von ihr an ihre Versicherungsnehmerin geleisteten Zahlungen und der von dieser erfolgten Abtretung an sie ergebe sich ihre Aktivlegitimation. Die Beklagte habe für den durch den Paketverlust entstandenen Schaden in voller Höhe einzustehen. Aus dem Umstand, dass die Beklagte nicht in der Lage sei, den Verbleib der Sendung aufzuklären, folge, dass die Beklagte mangelhaft organisiert sei. Aus diesem Grund könne sie sich auf Haftungsbeschränkungen nicht berufen. Der ihr insgesamt durch den Verlust des Pakets, in dem sich die von ihr angegebenen Uhr mit dem angegebenen Wert befunden habe, entstandene Schaden belaufe sich auf 7500,-- €.

Die Klägerin beantragt,

die Beklagte zu verurteilen, an sie 7500,-- € nebst Zinsen in Höhe von 5 % -Punkten über dem Basiszins seit Zustellung der Klage zu zahlen.

Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Sie bestreitet die Aktivlegitimation der Klägerin. Ihre Betriebsorganisation sei ausreichend, so dass aus diesem Grund die Klägerin von ihr keine unbeschränkte Haftung verlangen könne. Ein Organisationsverschulden könne die Klägerin ihr nicht vorwerfen. Schließlich müsse sich die Versenderin ein haftungsausschließendes Mitverschulden anrechnen lassen, weil sie die Sendung in Kenntnis fehlender Schnittstellenkontrollen übergeben habe.

Die Kammer hat gemäß Beweisbeschluss vom 24.7.2008 Beweis erhoben. Auf das Ergebnis der Beweisaufnahme wird Bezug genommen.

Zur weiteren Darstellung des Sach- und Streitstandes wird auf die zwischen den Parteien gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen verwiesen.

Gründe

Die Klage ist, worauf im Termin zur mündlichen Verhandlung im Rahmen der Erörterung der Sach- und Rechtslage hingewiesen wurde, überwiegend begründet. Die Beklagte hat für den Verlustschaden gemäß §§ 425 Abs. 1, 435 HGB einzustehen.

Die Klägerin ist berechtigt, den hier streitigen Schaden geltend zu machen. Ihre Aktivlegitimation besteht jedenfalls aufgrund einer stillschweigenden Abtretung. Denn die Überlassung der Schadensunterlagen an den Versicherer zum Zwecke der Prozessführung, der letztlich für den Ausgleich des Schadens gegenüber dem Geschädigten verantwortlich ist, hat allein den Sinn, diesen in den Stand zu setzen, die Ansprüche erfolgreich geltend zu machen. Dazu gehört nach der Vorstellung und dem Willen wirtschaftlich denkender Parteien erfahrungsgemäß auch, dass dem Versicherer alle Ansprüche abgetreten werden. Einer ausdrücklichen Erklärung bedarf es hierzu nicht. Es ist vielmehr von einem konkludenten rechtsgeschäftlichen Verhalten auszugehen (vgl. BGH NJW 1997, 729).

Soweit die Beklagte Vortrag zur Bevollmächtigung des Übersenders der Schadensunterlagen vermisst, ist dies wegen der anwendbaren Grundsätze der Anscheinsvollmacht nicht schädlich. Welche Unterlagen der Klägerin übersandt wurden, ergibt sich aus den von der Klägerin überreichten Anlagen; wann diese der Klägerin überlassen wurden, ist unerheblich.

Aufgrund der durchgeführten Beweisaufnahme ist die Kammer davon überzeugt, dass die streitgegenständliche Sendung den von der Klägerin behaupteten Inhalt und Wert hatten. Die Zeugin Ladewig, an deren Glaubwürdigkeit zu Zweifeln die Kammer keine Veranlassung hat, hat bestätigt, die streitgegenständliche Sendung mit dem von der Klägerin behaupteten Inhalt selbst verpackt und an den Fahrer der Beklagten übergeben zu haben.

Die Höhe des entstandenen Schadens schätzt die Kammer gemäß § 287 ZPO auf 7000,-- €. Grundlage der Schätzung ist zum einen die schriftliche Aussage des Zeugen Y, der die von der Klägerin behauptete Reparaturbedürftigkeit der Uhr bestätigte und ausgeführt hat, dass eine Reparatur der streitgegenständlichen Uhr bei der Versicherungsnehmerin der Klägerin nicht ausgeführt werden konnte. Mithin ist von einem Wert der Uhr von ca. 7400,-- € abzüglich Reparaturkosten in Höhe von ca. 400,-- € auszugehen, wie der Zeugin Z nach deren Aussage von der Firma vv mitgeteilt wurde. Der sich ergebende Wert von 7000,-- € ist im Übrigen durch das überzeugende Gutachten des der Kammer aus anderen Verfahren bekannten zuverlässigen Sachverständigen aa vom 14.11.2008 bestätigt worden. Denn bei dem Betrag von 7000,-- € handelt es sich um den Mittelwert der vom Sachverständigen aa angegebenen Wertspanne. Dass von diesem Wert kein Abzug mehr wegen der Reparaturbedürftigkeit der Uhr vorzunehmen ist, ergibt sich schon daraus, dass der Sachverständige ausweislich des Beschlusses vom 23.10.2008 (Bl. 81 d.A.) die Reparaturbedürftigkeit der Uhr bei der von ihm vorgenommenen Wertermittlung zu berücksichtigten hatte.

Die Beklagte kann sich gegenüber dem Anspruch der Klägerin nicht mit Erfolg auf zu ihren Gunsten bestehende Haftungsbeschränkungen berufen. Die Beklagte hat den vollen Schaden zu ersetzen, da zu unterstellen ist, dass die Verluste durch qualifiziertes Verschulden ihrer Leute eingetreten sind. Zwar hat die Klägerin nicht, was grundsätzlich ihr obliegen würde, die Umstände, die auf Vorsatz oder Leichtfertigkeit der Beklagten schließen lassen, dargelegt und unter Beweis gestellt. Dies gereicht ihr aber nicht zum Nachteil. Wenn auch grundsätzlich der Anspruchsteller derartige Umstände vorzutragen hat, so trifft andererseits nach dem auch im Prozessrecht anzuwendenden Grundsatz von Treu und Glauben den Prozessgegner eine Einlassungsobliegenheit für solche Umstände, die gänzlich außerhalb der Wahrnehmungssphäre der darlegungs- und beweisbelasteten Partei liegen, dann, wenn ihr die Darlegung möglich und zumutbar ist. Insbesondere konstatiert die Rechtsprechung im Transportrecht eine Pflicht des Frachtführers oder Spediteurs, zu seiner Organisation allgemein und zu deren Befolgung im konkreten Schadensfall vorzutragen, soweit - wie üblich - der Versender mangels Überblick hierzu nicht in der Lage ist. Soweit der Transportführer dieser Einlassungsobliegenheit nicht nachkommt, sei es, weil er Einzelheiten nicht offen legen will oder in Unkenntnis der Umstände nicht kann, spricht eine widerlegbare Vermutung für qualifiziertes Verschulden (vgl. OLG Düsseldorf, Urteil vom 20. Juni 2001, 18 U 235/00).

An einem entsprechenden Vortrag der Beklagten fehlt es vorliegend. Hiervon ist sie auch nicht deshalb entbunden, weil nach den Beförderungsbedingungen Schnittstellenkontrollen als nicht vereinbart gelten. Denn diese Klausel ist bereits wegen eines Verstoßes gegen § 449 Abs. 2 HGB unwirksam (vgl. OLG Düsseldorf, Urteil vom 10.10.2007, Az.: 18 U 69/07).

Die Ansprüche der Klägerin sind auch nicht aufgrund eines ihr gemäß § 425 Abs. 2 HGB in Verbindung mit § 254 Abs. 1 BGB zurechenbaren Mitverschuldens der Versenderin eingeschränkt, weil die Versenderin die Beklagte beauftragte, obwohl sie zumindest hätte wissen müssen, dass die Beklagte keine durchgehenden Schnittstellenkontrollen durchführt. Denn die bloße Kenntnis und Billigung der Transportorganisation der Beklagten für sich allein reicht nicht zur Begründung eines Mitverschuldens aus (vgl. BGH, Urteil vom 11.9.2008, Az.: I ZR 118/06, OLG Düsseldorf, Urteil vom 12.11.2008, Az.: 18 U 91/08).

Der Klägerin ist entgegen der Auffassung der Beklagten auch keine Obliegenheitsverletzung im Sinne des § 254 Abs. 2 BGB vorzuwerfen, weil sie den über 5000,-- € liegenden Sendungswert nicht angab. Denn die Versicherungsnehmerin der Klägerin hat den Sendungswert unstreitig mit 7500,-- € deklariert. Aus dieser Wertangabe ergibt sich zugleich, dass die Klägerin keine Obliegenheitsverletzung wegen der Übergabe von gemäß Ziff. 3.1 ii der Beförderungsbedingungen der Beklagten ausgeschlossenen Waren trifft. Denn gemäß Ziff 9.4 Satz 1 der Beförderungsbedingungen wird für den Fall der Wertdeklaration die Haftung der Beklagten auf diesen Wert erhöht. Soweit in Ziff. 9.4 Satz 2 der Beförderungsbedingungen wieder auf die Höchstgrenzen in Ziff 3.1 ii verwiesen wird, ist dies überraschend und gemäß § 305 c BGB unwirksam.

Der Zinsanspruch der Klägerin ergibt sich aus §§ 288, 291 BGB.

Die Nebenentscheidungen folgen aus §§ 92 Abs. 2, 709 ZPO.

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